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Jüdische Verpflichtung für die Flüchtlinge

Historische Aspekte, die schon mit der Tora beginnen, zwingen uns als jüdische Gemeinde zum Handeln…

Von Rabbiner Dr. Tom Kučera
Schacharit Rosch haSchana 5776 / 2015

Ich habe mir schon am letzten Rosch haSchana vorgenommen, dass ich von der Tora-Lesung über der Bindung Jizchaks in den kommenden Jahren nicht mehr sprechen möchte. Jedoch wie auf Jiddisch gesagt wird: der mentsch tracht und Gott lacht. Denn ich habe nach dem Unionstreffen in Spandau Anfang Juli das Jüdische Museum in Berlin und die Ausstellung besucht, die noch bis Dezember läuft. Dann kam der wunderschöne Sommer mit den unschönen Nachrichten und so sehe ich mich heute verpflichtet, auf meine aktuelle Wahrnehmung der Bindung Jizchaks einzugehen.

Die Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin trug den Namen „Gehorsam“. Es war eine Installation in 15 Räumen, wo nicht nur viel zu lesen, sondern auch zu sehen, sogar zu spüren war, wenn man den Boden aus Kieselsteinen betrat, die den Besucher aus den Tritt brachten. Oder wenn man die Kälte des dunkeln Raumes spürte, in dem das Wasser tropfte, das an die Tränen erinnern sollte, die bei der Bindung Jizchaks geflossen sind, auch von der nicht anwesenden Mutter. Begonnen hat die ganze Ausstellung mit dem Kurzfilm, auf dem eine Familie (Vater, Mutter, Kind), gekleidet in den weißen, bäuerlichen Kleidern der alten Zeiten, miteinander spielen. Sie haben eine gute Zeit miteinander, und beim Anschauen dieses Kurzfilms spürte man zufriedene Harmonie.

Schon beim Betreten des zweiten Raumes wurden wirnachdenklicher: Videoklips mit vielen Kindern und Jugendlichen wurden gezeigt, mit Mädchen und Jungen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Hautfarbe und Gesichtsausdrücke, die einen von den zwei Sätzen sagten: “I am Isaak”, oder “I am Ishmael”. Mit diesen zwei Kurzsätzen wurden auch die Wände des Ausstellungsraumes von der Decke bis zum Boden in allen Sprachen der Welt beschrieben. Beide Söhne Awrahams werden erwähnt, sowohl der Erstgeborene Jischmael von Hagar, als auch der spätere Haupterbe und Hauptfigur der heutigen Tora-Lesung, Jizchak von Sara. Beide Söhne standen offenbar stellvertretend für alle Kinder und Jugendlichen, die heute überall in der Welt wegen der missverstandenen Religion leiden. Oder wegen des unkritischen subjektiven Vorgehens, das von den anderen als Fanatismus wahrgenommen wird. Dies vertiefte ein Ausstellungsraum mit unterschiedlichen Waffen, besonders der letzte Raum mit den Videoclips aus vielen Orten dieser Erde, die die Tränen und die Traumata der bedrückten Familien zeigten. Ich bin mir nicht sicher, ob die Kuratoren wussten, wie aktuell viele Ansätze der Ausstellung in Bezug auf das überwältigende Flüchtlingsproblem werden.

Den ganzen August haben unsere angenehme Sommerstimmung, mit den ungewöhnlich heißen Tagen, tagtägliche Nachrichten über das Flüchtlingschaos gestört. Man konnte es auch sehen. Im August auf dem Münchener Bahnhof sah ich selbst einen Kreis Polizisten, die eine Gruppe schwarzer Jugendlicher umzingelten. Es war schon bedrückend, wenn ich mir die verzweifelte Situation auf beiden Seiten vorstellte. Letzte Woche herrschte auf dem Münchener Hauptbahnhof eine andere Stimmung, als viele Flüchtlinge sogar mit Hände-Klatschen begrüßt worden sind. Zum Erstaunen brachten uns sehr positive Reaktionen der Zuschauer, von denen viele aus den anderen Städten nach München nur zu diesem Ereignis gekommen waren. Aber die Situation bleibt nach wie vor ernsthaft: Seit dem 1. September sind in München 63.000 Flüchtlinge angekommen. Es sind zwei Fragen, die mich umtreiben: Wie konnte dazu kommen? Und: Was soll geschehen, was soll ich und wir alle tun?

Die erste Frage braucht eher eine politisch-soziologische Analyse, die immer diskussionsbedürftig ist. Trotzdem möchte ich nur eine Stimme erwähnen. Rolland Nolles gehört zu der Chefredaktion von Spiegel online. Wie im Sinne der Hohen Feiertage, die uns zum kritischen Nachdenken über unser Tun oder Nichttun einladen, schreibt er: „Wir suchen nach den Schuldigen, erstens die EU, die Regierung und die Politiker, zweitens die anderen europäischen Länder, drittens die kriminellen Schleuser. Eine Gruppe fehlt: die große Mehrheit der Wähler. Wir haben Mitschuld, weil wir uns am liebsten aus allen Problemen dieser Welt heraushalten.” Ich erwähne nur zwei seiner Beispiele. Für Syrien besteht keine Strategie gegen den dortigen Diktator und das militärische Vorgehen der Amerikaner in Syrien wurde gar nicht unterstützt. Und Libyen wurde sich selbst überlassen. Die Diplomatie arbeitet zwar intensiv, obwohl allen klar wird, dass sie zu keiner Lösung führen wird. Der Autor weiß, dass wir nicht für die Kriege in den Krisengebieten verantwortlich sind, aber dafür, dass dagegen so wenig unternommen wird. Auch der Publizist Bernhard-Henri Lévy schrieb kürzlich, Europa zahle jetzt den Preis für seine Gleichgültigkeit.

Diese kritischen Sätze bringen uns schon zu der zweiten Frage, die nicht nach den Ursachen, sondern nach einer Lösung gestellt wird. In Deutschland sind 800 000 Flüchtlinge, das ist 40 % in der EU. Viele sprechen sogar von einer Million Flüchtlinge in Deutschland. Es ist enorm. Der Bundestagspräsident Lammert ermutigte das ganze Land, wenn er sagte: “Ja, wir schaffen es. Die Bürger müssen dies als gemeinsame humanitäre Verpflichtung begreifen.” Ich habe darüber nachgedacht, wo wir in den jüdischen schriftlichen Quellen einen Hinweis auf die humanitäre Verpflichtung finden?

Gleich am Anfang der Tora, wo der berühmte Ausdruck bezelem Elohim steht, im Abbild Gottes, wurde der Mensch geschaffen. Oder wie eine gesprühte Inschrift nicht weit von meiner Wohnung sagt: Kein Mensch ist illegal. Ich muss aber hinzufügen: wenn er in seinem Land nicht lebensbedroht ist und sich nicht in seinem neuen Land als demokratischer Mensch verhalten möchte, verhält er sich ilegal. Oft hören wir, dass unter den Flüchtlingen Terroristen oder muslimische Antisemiten sind. Auch wenn es vorkommen könnte, dürfte es die Lösung des Flüchtlingsproblems nicht beeinträchtigen.

Im Lateinischen gibt es das berühmte Zitat von Cicero: abusus non tollit usum. Der Missbrauch hebt den Gebrauch nicht auf. Der Staat Israel schickt nach jeder großen Naturkatastrophe ein Feldhospital mit 260 Personen, auch wenn das Land nicht Israelfreundlich ist, wie es in Nepal geschah. Dennoch müssen die Vorbehalte, dass sich viele Flüchtlinge später gegen die Juden wenden können, offen angesprochen werden.

Jischmael ist Avrahams Erstgeborener, von dem genealogisch die Araber enstanden sind. Jischmael wird in die Wüste geschickt und stirbt vor Durst. Und Gott hört seine Stimme in der Tora (Gn 21:17). Aber im Midrasch, einer jüdischen Geschichte, fragen die Malachim, Himmelsboten: „Ribbono schel olam, seine Nachkommen werden deinen Kindern Leiden zufügen, und du willst für ihn einen Brunnen in der Wüste aufsteigen lassen?“ Gott antwortete: „Lefi ma´assim schehu osse achschaw hu nadun welo lefi ma schehu atid la´assot. Nach den Handlungen, die er jetzt tut, wird er gerichtet, und nicht nach dem, was er tun wird.“ (BerR 16:2).

Im zweiten Buch Mosche, bald nach dem Dekalog, den Zehn Worten, die als Zehn Gebote bekannt sind, wird von dem Fremden gesprochen, der im Hebräischen der Tora als ger übersetzt wird: ger lo tone, den Fremden darfst du nicht unterdrücken (Ex 22:20). Als Begründung kommt der immer zitierte Vers: “atem jedatem nefesch hager ki gerim hejitem be´erez mizrajim, denn ihr kennt das Leben eines Fremden, denn ihr selbst wart Fremde in Ägypten.” Dieser Satz ist die Aufforderung zur Empathie, die die eigenen schlimmen Erfahrungen der Vergangenheit in die positive Reaktion transformieren soll. Dabei wird nicht nur an die uralten Ereignisse der Tora gedacht, sondern auch an die moderne Geschichte, schon im 19. Jahrhundert.

Ich habe im Sommer Konstanz und dort im Kulturzenrum die Ausstellung „Das jüdische Konstanz” besucht, die bis Dezember geöffnet ist. Nach dem Konstanzer Konzil wurden die Juden im 15. Jahrhundert gezwungen, die Stadt für 400 Jahre zu verlassen. Erst 1862 wurden sie von dem badischen Fürsten mit anderen Bürgern gleichgestellt. Diese politische Entscheidung wurde jedoch von der Bevölkerung erst mal nicht positiv aufgenommen und heftig diskutiert, weil die jüdische Minderheit mit der Anpassungsunfähigkeit, religiösem Fanatismus und Integrationsunwilligkeit verbunden wurde. Es fällt auf, wie diese Argumente der jetzigen Immigrationsdiskussion nahe kommen. “Wie kann ein Jude ein deutscher Bürger werden”, schrieb die Konstanzer Zeitung im August 1846. Am Ende haben sich fünf jüdische Familien in Konstanz niedergelassen, 20 Jahre später waren es 20 000, die wesentlich zu der Weiterentwicklung der Stadt beitrugen. Dann kam jedoch das 20. Jahrhundert. Als die jüdische Bevölkerung vor Nazis floh, wurde sie von vielen asiatischen Ländern aufgenommen, obwohl sie ganz anders aussah und andere Kultur und Bräuche hatte. Michael Blumenthal, der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin und frühere US-Finanzminister erlebte als Berliner Kind die Reichspogromnacht und schrieb im April dieses Jahres, wie er sich in den Flüchtlingen wieder erkennt: „An einem düsteren Abend im April 1939, buchstäblich in letzter Sekunde, gelang meinen Eltern und mir per Schiff die Flucht nach Schanghai. Die Stadt am Ostchinesischen Meer bedeutete unsere Rettung. Ich ließ mein altes Leben hinter mir und begann in Asien ein neues – wenn auch sehr schweres Leben. Dankbar jedoch, dort aufgenommen worden zu sein.”

Diese historischen Aspekte, die schon mit der Tora beginnen, zwingen uns als jüdische Gemeinde zum Handeln. Weiterhin bleibt es für uns schmerzhaft, dass das Tora-Gebot „ger lo tone, du darfst den Fremden nicht unterdrücken, ihm gegenüber nicht gewalttätig sein”, für viele Bürger Deutschlands kein universelles ethisches Gebot ist. Über 200 Angriffe gab es gegen die Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland, dazu noch die unzähligen oder demütigenden Angriffe gegen die Asylanten, sogar gegen die Polizisten, die die Asylheime schützen mussten. Woher kommt dieser enorme Hass?

Wenn wir die statistische Verteilung dieser Angriffe anschauen, stellen wir fest, dass sie häufiger in Ostdeutschland stattfanden, besonders in Sachsen. Neben Ostdeutschland liegt Tschechien, wo es zwar nicht zu den physischen Angriffen gegen die Flüchtlingsunterkünfte gekommen ist, dennoch zu den brutalen verbalen Angriffen. Die Abneigung gegen die Flüchtlinge in Tschechien genauso wie in Ostdeutschland sehe ich eindeutig als eine unsägliche Folge von 48 Jahren Kommunismus, der in der Nachkriegszeit und damit nach der Schoa eine homogene Gesellschaft darstellte. Es gab keine Erfahrung mit Immigration, und die nationale Isolation erlaubte keine kulturellen Unterschiede. Was die jetzige Zeit betrifft, stimme ich dem tschechischen Psychologen Martin Špok zu, dass sich die Leute vorstellen, als ob die Geschichte vorbei wäre und nichts Überwältigendes mehr kommen könnte. Aber ob wir wollen oder nicht, die Änderungen werden sich einstellen.

Wenn wir evolutionär denken, müssen wir zugestehen, dass uns die Xenophobie, Angst von Fremden, eigen ist. Es ist einfach so, dass wir alle das Bekannte vorziehen, weil es weniger riskant ist. Dadurch wurde evolutionsbiologisch der Selbstschutz sichergestellt. Aber gerade hier setzt die Kultur, auch die Religion an, die die biologischen Instinkte reflektieren und bearbeiten müssen. Je mehr wir kulturell sind, desto mehr überwinden wir natürliche Impulse, auch die Xenophobie, Angst vor Fremden, die wir alle haben.

Der Kampf des Geistes gegen die Biologie ist dem Judentum nicht unbekannt. Das ganze System der Mizwot pflegt unsere Natur, unseren jezer hara, den bösen Trieb, der nach der rabbinischen Tradition in uns bleiben muss, damit wir Impulse für unsere Taten behalten. Diese Impulse müssen jedoch kontrolliert werden. Darum sagen wir jeden Morgen beim Schacharit nach den Birchot haSchachar, den Morgensegensprüchen: we´al taschlet banu jezer hara, möge uns der böse Trieb nicht beherrschen.” Es wird nicht gesagt, dass er zerstört werden soll. Die jüdisch-säkulare Version wären die Worte von Sigmund Freud, der schrieb, dass die Kultur jede mögliche Verstärkung holen muss, um die Schranken gegen unsere aggressiven Instinkte aufzubauen, deren Manifestation gezügelt werden muss.

Die kulturelle Entwicklung bändigt unsere evolutionären Triebe, die nie vernichtet, nur gepflegt werden können. Wenn wir schon von der Evolution des Menschen sprechen, soll betont werden, dass die ganze Menschheit nur dadurch entstanden ist, dass die Menschenart Homo sapiens den afrikanischen Kontinent vor 50.000 Jahren verlassen hat und sich in der ganzen Welt verbreitete. Afrika verdanken wir, dass es uns in Europa gibt. Es ist schon absurd, dass die meisten Flüchtlinge aus Afrika gekommen sind, auch wenn sich dies in den letzten Monaten auf die östliche Mittelmeerroute verschob.

Wir haben viele Nachrichten gehört und gelesen, dabei sicher ein schweres Gefühl gehabt, dass auch viele der Mitarbeiter und Politiker ratlos oder überfordert waren. Dazu kommt noch der Streit der Kommunen, Länder und des Bundes um die Kosten, die sich auf 10 Milliarden belaufen mögen. Diese ganze Mühe wird noch mit den erwähnten rechtsextremistischen Angriffen gestört. Um so mehr wirken auf uns ermutigende Beispiele des ehrenamtlichen Einsatzes für Fremde in Deutschland. Die größte Helfer-Gruppe (über 40 Prozent) sind die Erwerbstätigen, gefolgt von den Studenten (23 Prozent). Erstaunt haben uns auch die 12.000 Einwohner von Island, die per Facebook bekundeten, Hilfe, Heime und Flugscheine zu besorgen (12.000 Isländer
von 323.000 Gesamtbevölkerung). Auch in Beth Shalom habe ich von uneigennützigem und aktivem Einsatz einzelner Mitglieder gehört, auch vom großen Interesse, sich im neuen jüdischen Jahr auf diesem Gebiet zu engagieren. Vor Rosch haSchana habe ich auf das Konto der LH München hingewiesen, um die Zedakka der Hohen Feiertage auszuüben. Dennoch soll es nicht nur bei dieser Art Hilfe bleiben.

Darum kommt übernächste Woche zu der Vorstandssitzung ein Vertreter der Stadt, der uns ein für unsere Gemeinde passendes Projekt anbieten wird, das wir bei den Flüchtlingsfamilien
mit den Kindern sehen. Anfangen wollen wir spätestens zum schon angekündigten Mitzvah Day (15.11.) Damit es aber nicht bei dieser einmaligen Aktion bleibt, wollen wir versuchen, dieses Engagement periodisch zu wiederholen, vielleicht alle zwei Monate.

Wir werden sehen, wie es uns gelingt und was sich davon in diesem neuen jüdischen Jahr entwickelt. Denn wie der erwähnte Michael Blumenthal schreibt. „Wir haben eine unausweichliche moralische Verpflichtung, diesen Menschen zu helfen – auch und gerade, weil wir von der Überlegenheit unserer westlichen Werte überzeugt sind.“