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Wiener Mosaik

Kurz berichtet…

Von Peter Stiegnitz

Indoktrination und Instruktion

Sozial- und Naturwissenschaftler sind selten einer Meinung. So auch nicht in der Frage des „Rassismus“. Ist die Ablehnung eines Menschen wegen seiner Abstammung ein Teil der menschlichen Psyche, oder ist sie nur das Produkt einer unmenschlichen Politik?  Die Neigung zur negativen Generalisierung wird sicherlich durch äußere Umstände und innerliche Schwäche verstärkt; und dabei hilft eine ethische Erziehung genauso wenig wie positive Erfahrungen. Das haben europäische Juden zwischen dem Ende des Ersten und Zweiten Weltkrieges am eigenen Leib erfahren müssen.

Mit diesen Fragen haben sich in jüngster Zeit unter anderem auch die Psychologen Nico Voigtländer (Los Angeles) und  Hans-Joachim Voth (Zürich) eingehend auseinander gesetzt. Die beiden haben auf Grund von Befragungen der deutschen „Allgemeinen Bevölkerungsumfragen (Allbus)“ festgestellt, dass vier Prozent der Deutschen als „harte Antisemiten“ und 24 Prozent als „weiche Antisemiten“ bezeichnet werden können. Ähnliche österreichische Befragungen ergeben sowohl bei den „harten“ als auch bei den „weichen“ Judenhasser einen um rund zehn Prozent höheren Wert. Dass die Islamophobie diese Werte sowohl in Deutschland als auch in Österreich weit übersteigt, das sollte für uns kein Trost sein.

Der immer noch grassierende Antisemitismus in beiden Ländern ist vor allem eine Frage der Biographie. Die Jahrgänge der 1930-er Jahre wurden in der Schule und vor allem in den NS-Organisationen indoktriniert (beeinflusst). Die damaligen Instruktionen der NS-Lehrer und Jugendführer vielen auf fruchtbaren Boden. Interessant dabei ist die relative Wirkungslosigkeit der „Goebbel`schen Wunderwaffen“ im Kino und im Radio, die ziemlich ohne Echo verpufften. Ähnlich war die Situation des indoktrinierten Antisemitismus in Österreich, vor allem in Wien. So ist es verständlich, wenn der Wiener Musiker und Kabarettist Georg Kreisler (1922-2011) in seinem Buch „Doch gefunden hat man mich nicht“ (Atrium Verlag) über die schrecklichen Ereignisse in „Damals in Wien“, die er am eigenen Leib erfahren musste, berichtet. Der „Judenbengel“, wie er beschimpft wurde, musste die fürchterlichsten Erniedrigungen der straßenwaschenden Juden miterleben. Schlimmer als in den meisten deutschen Großstädten wurden in Wien die Juden nach dem „Anschluss“ gedemütigt; und das nicht nur von den NS-Behörden, sondern noch mehr von den „lieben“ Nachbarn, die von heute auf morgen zu wüsten Antisemiten wurden. Wenn Juden überhaupt eine Straßenbahn benützen durften, dann „nur die Außenplattformen, wo man eventuell kurzfristig stehen konnte, denn man hätte nicht gewagt, einen Sitzplatz zu beanspruchen.“ (Kreisler).

Sie überlebten

Drei Mädchen, ein Junge und fünfzehn andere Kinder, alle Juden,  überlebten in Wien den Holocaust. Noch dazu in einem jüdischen Kinderheim. Die anderen Kinder wurden verschleppt und in verschiedenen Konzentrationslagern ermordet. Auf die Spuren dieser Kinder, vor allem die der Überlebenden, machte sich die Medienexpertin Elisabeth Fraller. Sie  und ihr Kollege George Lagnans fanden mehrere Tagebücher aus der Zeit 1938-1945. Aus den aufgefundenen Unterlagen entstand von beiden  Autoren ein Bildband. Mehrere dieser Fotos wurden jetzt im Wiener psychosozialen Zentrum „Esra“ unter dem Titel „Die Kinder der Tempelgasse. Das jüdische Kinderheim Wien in der NS-Zeit“ ausgestellt. In diesem Kinderheim überlebte das letzte Kriegsjahr auch der spätere Schriftsteller Robert Schindel

Tora-Studientage

Wichtiger als die eventuelle Diskussion, ob man „Thora“ oder „Tora“ schreibt ist die Tatsache, dass der „Wiener Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ alle zwei Jahre zum „Tora-Studium“ nach Westungarn in das Städtchen Köszeg, auf Deutsch Güns, einladet. Jedes Mal werden unter rabbinischer Führung einzelne Kapitel aus dem Pentateuch studiert. Vor zwei Jahren kamen 40 ausschließlich christliche Lernwillige, meist aus den ehemaligen kommunistischen Ländern, wo die Religion zur gefährlichen „Privatsache“ degradiert wurde, nach Köszeg.  Abgesehen vom reinen Studium ist der „Brückenschlag“ zwischen beiden Religionen wichtig, da in Köszeg „die jüdische Sicht des christlichen Alten Testaments“, so der Geschäftsführer des Koordinierungsauschusses, Markus Himmelbauer, behandelt wird. Ergänzend zum Studium werden auch die wichtigsten jüdischen Kulturdenkmäler in diesem westungarisch-pannonischen Raum, wie Synagogen und Friedhöfe, besucht. „Das Judentum als Quelle und Fundament für christliche Identität wahrzunehmen, ist ein gänzlich neuer Aspekt der Geschichte, der so erst in den letzten Jahrzehnten des christlich-jüdischen Dialogs aufgebrochen ist.“ (Markus Himmelbauer).

Vandalenakt

In einem Wiener Außenbezirk, in Aspern, steht der „Campus der Religionen“. Hier stand auch ein Fahnenmast mit einer, wenn auch nur symbolischen Fahne mit einem Davidstern. Jetzt wurde die Flagge von antisemitischen Vandalen umgeworfen und die Fahne mit einem Hakenkreuz beschmiert. Nicht nur die Kultusgemeinde, sondern auch die Erzdiözese Wien zeigte sich empört. Auch diesmal fand Kardinal Schönborn die richtigen Worte: „Es macht mich nachdenklich, dass in unserer Stadt, die so viele Menschen willkommen heißt und die für so viele Menschen mit unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen Heimat geworden ist, ein solcher Akt möglich ist.“