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Brief aus Budapest

Kurznachrichten aus Ungarn…

Von Peter Stiegnitz

István Szabó

Eigentlich begann alles im Jahr 1956. Im Budapester „Toldy“-Gymnasium haben unter anderem zwei Schicksalsgenossen mit Erfolg die Matura/Abitur geschaffen. Beide waren Juden, Überlebender des Holocaust, die das letzte Kriegsjahr nach Einmarsch der Deutschen und der Machtübernahme der „Pfeilkreuzler“ in Budapest versteckt als U-Boote die Befreiung erleben konnten. Der eine hieß István Szabó, der weltbekannte Film- und Theaterregisseur, der andere war der Chronist dieser Zeilen. Damals war es üblich, dass die Schüler entweder eine Zeitschrift oder einen Film produzieren. Meine Klasse hat sich für einen Film entschieden. Da ich das notwendige „Kapital“ von 50 Forint, für uns damals viel Geld ich von meinem Vater s.A. bekam, habe ich mich selber zum „Regisseur“ ernannt. Nach Abdrehen der ersten Filmmeter kam ein rothaariger Junge von der Parallelklasse und bot seine Hilfe an. „Davon verstehst du nichts …“ so meine eifersüchtige Abwehr. Der andere verließ uns grußlos – es war István Szabó.

Anlässlich seines Geburtstages erklärte der Oskar-Preisträger: „Ich glaube nicht, dass man Kunst und Politik trennen kann, weil Politik Leben ist, und trennt man Kunst und Politisches voneinander, heißt das, dass die Kunst nichts mit dem Leben zu tun hat.“ (wena).

Jüdischer „Rundertisch“

Jungen jüdischen Funktionären gelang es, in Budapest Vertreter der verschiedenen Richtungen zu einem „jüdisch-jüdischen“ Gespräch an einem „runden Tisch“ zu versammeln. Da trafen sich die Orthodoxen, die Konservativen, die Lubavitscher und die Progressiven und haben vor mehr als 200 Interessierten mit viel Erfolg gemeinsame jüdische Themen besprochen. Nach dem Prinzip des  „Feuer und nicht die Asche hüten wollen“ „verabschiedeten“ sich junge Orthodoxe von der eigenen Tradition der inneren Ablehnung weltlicher Probleme und sind davon überzeugt, dass der „ideale Rabbiner“ einen Universitätsabschluss benötigt. Die Rabbinerin Katalin Kelemen, Vertreterin der „Progressiven“, betonte die große, auch historische Bedeutung der jüdischen Reformen. Interessant war auch die Meinung von Slomó Köves (Lubawitscher/Chabad), der beklagte, dass zwar immer mehr, vor allem junge Juden die großen Figuren der ungarischen Literatur gut kennen, doch  die eigene religiöse Tradition nicht. Trotz aller Unterschiede merkte man an diesem Abend die Bereitschaft zu einer Art „jüdischer Einheit“.

IHRA-Vorsitz

Für das heurige Jahr übernahm Ungarn den Vorsitz im „International Holocaust Remembrance Alliance (Internationale Allianz für Holocaust-Gedenken)“. Dazu erklärte der für diese Agenden zuständige Staatssekretär in Budapest, Szabolcs Takács, in einem „wina“-Interview: „In unserer Region beobachten wir einen Anstieg des Antisemitismus. Wir müssen unsere Kräfte vereinen, um die Ursachen zu identifizieren und gleichzeitig dagegen anzukämpfen.“ Das Schwergewicht legt die Regierung auf den schulischen Unterricht und der Stsatssdekretär betonte, dass „die Lehr-Materialen unseres nationalen Geschichts- und Ethikunterrichts die Holocaust-Thematik enthalten.“

Friedhofsschändung

Mehrere jüdische Friedhöfe wurden in Ungarn geschändet. Eines der jüngsten Vorkommnisse judenfeindlicher Vandalen musste in der nordostungarischen Stadt Gyöngyös registriert werden; auf dem jüdischen Friedhof wurden wiederholt mehrere Grabsteine umgestoßen, die Gebeine ausgegraben und verstreut. Die Kultusgemeinde in Gyöngyös hat kaum 100 Mitglieder und ist daher nicht in der Lage, den Friedhof aus eigener Kraft in Ordnung zu bringen. So beschloss die Regierung, nach Möglichkeit für die Erhaltung beschädigter jüdischer Friedhöfe zu sorgen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass in dieser Region die Neo-Nazi Partei „Jobbik“ ursprünglich die stärkste politische Kraft war.

„Jobbik“ wächst

Die Neo-Nazi Partei „Jobbik“ wächst zusehends. Vor Jahren verlegte sie ihren Schwerpunkt auf den Nordosten des Landes, wo die Arbeitslosigkeit, bedingt durch das Ende der dort ansässigen Schwerindustrie, und der Bevölkerungsanteil der Zigeuner – in Ungarn nennen sie sich und ihre Selbstverwaltung  nur „Zigeuner“ – sehr hoch sind. Die doppelte Konzentration – die örtliche wie die politische Radikalität – scheint jetzt vorbei zu sein. Einerseits zeigen sie sich „moderater“, indem zwar die „Zigeunerfeindlichkeit“ bleibt, doch die antisemitischen Töne immer leiser werden, andererseits finden sie auch in anderen Teilen des Landes Zuspruch. Im Gegensatz zu den Linkstendenzen an den westeuropäischen Universtäten neigen die ungarischen Studenten zum Rechtskonservativismus. Diese Tatsache kann auch der Autor dieser Zeilen bestätigen: Vor dem Beitritt Ungarns in die EU war die größte Sorge seiner Studenten, ob das Land „sein Ungarntum“ behalten wird können.

Im heurigen Frühjahr gewann der „Jobbik“-Kandidat Lajos Rig in Kapolca (Westungarn) die notwendig gewordene Nachwahl für das Parlament. Die leichte und seichte politische Linienänderung der „Jobbik“ bestätigt auch das Budapester „Think-Tank Political Capital“: „Die Jobbik-Partei sei schlichtweg mit einer seit ein paar Jahren betriebenen soften Kampagne in die gesellschaftliche Mitte vorgedrungen. Jobbik sei nun die Adresse für alle die Ungarn, die unter Orbáns unpopulären Maßnahmen leiden“.

Einst Nazi, heute Jude

Zu Beginn der politischen Wandlung der „Jobbik“ erreichte die ungarischen und internationalen Medien die Nachricht von Csanád Szegedi. Er gehörte als „Jobbik“-Funktionär in gehobener Position – er vertrat die Partei als Abgeordneter im Europa-Parlament – zu den grauslichsten Antisemiten seiner Partei. Dann stellte sich heraus, dass mehrere Mitglieder seiner Familie in Auschwitz ermordet wurden und auch er selber Jude ist. Plötzlich wurde aus dem Freund ein Feind; höhnisch zitierten seine „Volksgenossen“ Szegedis Ausspruch: „Juden und Zigeuner sind der Fluch der ungarischen Nation. Szegedi trat aus seiner Partei aus und in die orthodoxe Gemeinde ein. Jetzt ist er ein frommer Jude, ernährt sich nur koscher und hält streng alle Feiertage ein. Auf Rat des vorhin zitierten Chabad-Rabbiners Slomó Köves gab er jedoch sein Europarat-Mandat nicht auf, um das Nachrücken seiner ehemaligen „Volksgenossen“ zu verhindern.