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Die Albaner, die Ehre und die Juden

In der Schweiz machte Yad Vashems Ausstellung „Besa“ die Runde. Darin wird gezeigt, wie jüdische Familien von Albanern vor dem Holocaust gerettet werden. Die Bergler Nordalbaniens sind durch Ehrenkodex und Ehrenwort – Kanun und Besa – verpflichtet, Gäste zu schützen, als ob sie Teil der eigenen Familie wären. Die Ausstellung zeigt das Schicksal der Flüchtlinge und der Albanern, die Gerechte unter den Völkern sind…

Henrique Schneider

Die Ausstellung „Besa“ weist auf Unbekanntes und zugleich Erbauendes hin: Die Rettung von Juden vor dem Holocaust durch Albaner. Die unbekannten, oft mysteriösen und überwiegend muslimischen Albaner – die man in der Schweiz nicht selten mit Gewalt assoziiert – retten Juden vor der allergrössten Gewalt. Dank ihrem Ehrenkodex. Doch so korrekt das auch ist, es ist nicht das ganze Bild.

Das Verhältnis von Albanern und Juden, korrekter, die Geschichte der Juden im albanischen Raum, ist viel komplexer. Ja, Albanerinnen und Albaner haben Juden vor dem Holocaust geschützt; aber es gab auch eine albanische Abteilung der Waffen SS. Und Juden sind vom Kosovo vertrieben worden. Darüber schweigt die Ausstellung.

Freilich: Yad Vashems Ausstellung stellt dies nicht in Frage. Sie möchte lediglich einen wichtigen Zusammenhang beleuchten. Was ihr auch gelingt. Doch zur Geschichte gehört schon das ganze Bild. Dieses soll hier nun skizziert werden.

Nordalbanien und der Kanun

Gemeinhin werden Albaner in zwei Gruppen eingeteilt. Die Tosken leben eher im Süden Albaniens. Und die Gegen bewohnen das nördliche Bergland und das Kosovo. In den Bergen leben die Gegen in patrilinearen Abstammungsgesellschaften fis (Stamm); in den Niederungen des Kosovo behalten sie zwar das Zugehörigkeitsgefühl, doch ihre Lebenswelt sind eher Dörfer und Quartiere. Ob in den Bergen oder in den Niederungen, komplex strukturierte Haushaltungen (Grossfamilien) sind die primäre Lebensgemeinschaft der Gegen.

Allgemeingültig ist das tradierte Recht, der Kanun. Die Ehre als abstrakter Begriff, aber vor allem die spezifische Ehre des Stammes und der komplex strukturierten Haushaltungen, ist eines der höchsten Werte. Godart (1922) bezeichnete sogar das Ehrenwort – Besa – als die eigentliche Religion der Albaner. Im gleichen Atemzug nannte er die Gasfreundschaft – Mikpritja – als die höchste Form von Besa.

Nun war aber Godart einer unter vielen Balkanreisenden. Sie alle teilten eine Faszination für diese Gastfreundschaft der albanischen Bergler. Das hat vermutlich vier Gründe: Die Gastfreundschaft ist mehr als ein Willkommen sein, sondern hat darüber hinaus rituelle Elemente; mehr als reine Etikette muss der Gastgeber fast schon sakrale Rollen erfüllen. Dann ist die Gastfreundschaft universell, sie wird sogar auf Feinde ausgedehnt. Auch entfachtet sie eine starke Bindung im Alltag, weil sie nicht als gesellschaftliches Arrangement angesehen wird, sondern als moralischer Grundstein. Wichtig: Sie trotz materieller Not unbedingt und ohne Kompromisse aufrechterhalten. Edith Durham (1909), auch eine Balkanreisende, sagte: „Er gibt dir sein Brot, sein Salz und sein Herz.“ Es ist diese Gastfreundschaft – ein moralisches Imperativ -, die in der Ausstellung „Besa“ thematisiert wird.

Doch gerade um die 1940er Jahre leben die Gegen nicht vom Kanun alleine. Sie kämpfen auch in eigener Sache. Das eigentliche nationale Projekt ist, mit Abstrichen, in Albanien seit 1913 verwirklicht. Es galt aber noch, die Serben aus dem Kosovo wegzugrängen und das Kosovo mit Albanien zusammenzubringen. Das gelang ihnen im Jahr 1941

Grossalbanien und Kosovo

Nach der Eroberung Jugoslawiens durch das faschistische Italien und Deutschland wurden Albanien, Westmazedonien und Südkosovo in einen grossalbanischen Staat von Italiens Ganden vereinigt. Die Deutsche Wehrmacht besetzte das Nordkosovo. Ab 1943 war dann das ganze Gebiet unter deutscher Besatzung.

So war die Lage der Juden im Kosovo viel schwieriger als in Albanien. Deshalb versuchte der grösste Teil der Juden aus dem Nordkosovo zu entkommen. Viele erhielten von den albanischen Grenzbehörden albanische Pässe mit fiktiven albanischen Namen.

Grossalbanien hatte nämlich bis zuletzt keine antisemitischen Gesetze. Ein wenig wurden zwar die Einreisebestimmungen verschärft, was aber in der albanischen Behörden- und Rechtspraxis sowie auch vom Volk selbst kaum ernstgenommen. Nicht nur die Juden, die damals in Albanien lebten, sondern auch viele aus den anderen europäischen Staaten fanden in Albanien Zuflucht. Die es bis nach Albanien geschafft haben, waren gerettet, weil kein einziger Juden an die deutschen Behörden oder Militäreinheiten ausgeliefert wurde. Interessant ist auch, dass die Juden, die sich in dieser Zeit in Albanien aufhielten, Papst Pius XII. erfolgreich um Unterstützung gebeten haben; so trugen zur Rettung der Juden in Albanien Angehörige beider Religionsgemeinschaften bei: Moslems und Christen.

Doch es kam auch zu Verfolgungen; und zwar im gegischen Kosovo. Die 21. Gebirgs-Division der Waffen-SS „Skanderbeg“ war im März 1944 aufgestellt worden. Bis dahin waren kosovo-albanische Nationalisten in Kollaboration mit den Nazis tätig. Unter Führung des Kosovo-Albaners Bedri Pejani, eines bekannten Antisemiten, richteten sich die Aktivitäten der Division „Skanderbeg“ (mit bis zu 9000 Personen) besonders gegen Juden und Serben.

Pejani und seine Leute waren für die Deportation der Juden aus dem Kosovo in die Konzentrationslager verantwortlich. Im Nordkosovo wurden zuerst serbischsprachige Juden an die Nazis ausgeliefert. Danach kamen die Gemeinden in Prishtina (serbischsprachig) und Gjakova (albanischsprachig) dran. Innerhalb weniger Tage im Jahr 1944 sind wohl um 500 Juden verhaftet, von denen die meisten umgekommen sein dürften. Wie viele Juden aus dem Kosovo sonst noch von der Division „Skanderbeg“ an die Deutschen ausgeliefert worden sind, ist strittig. Historiker gehen von 200 bis 400 aus.

Während die Mehrheit der Albaner also unter faschistischer italienischer und deutscher Herrschaft 1941-1945 ein grossalbanisches Staatswesen realisieren konnten, fand sich eine grosse Zahl von Serben in den Lagern der Besatzer – zusammen mit den Juden! Wie die Juden den Stern, so mussten die Serben dort ein kyrillisches „P“ für pravoslavnij (orthodox) tragen.

(Kein) Vergessen

Diese Vergangenheit blieb nicht vergessen. Deshalb war es für viele Juden und für den israelischen Staat so schwer, im Kosovo Krieg 1999 Position zu beziehen. Natan Sznaider, Professor der Soziologie in Tel Aviv, beschreibt diese Verunsicherung folgendermassen: „[Im Kosovo Krieg] hat der ‚Westen‘ definiert, wer gut und wer böse sei, wer Licht und Dunkel, Zivilisation und Barbarei verkörpere: Die Bösen sind die Serben. Für die meisten Juden waren aber gerade die Serben die Guten in den Zeiten des Holocausts. Sie waren es, die Juden vor Kroaten und Albanern retteten. Und haben nicht tapfere Partisanen in Serbien den Deutschen hartnäckig Widerstand geleistet? Wurde Belgrad nicht schon von den Nazis bombardiert? (SdZ, 29.4.99, 17)“

In Albanien spricht man gerne über die Rettung der Juden im zweiten Weltkrieg. Im Kosovo nicht. Albaner und Serben schieben sich gegenseitig die Verantwortung für die Deportationen zu. Über diese Thematik schweigen sich albanische Historiker erst recht aus. Und das ist das Problem komplexer Geschichtsbilder. Sie lassen sich nicht so einfach auf „gut“ und „böse“ reduzieren. Sie sind mehrschichtig. Und mehrschichtig sollte man sie auch begegnen. Immerhin erzählen kosovo-Albaner heute mit einem gewissen Stolz: „Nach dem Krieg 1999 war das erste Hilfsflugzeug, das hier landete, aus Israel.“