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Wiener Mosaik

Kurznachrichte aus Österreichs Hauptstadt…

Von Peter Stiegnitz

Neue Botschafterin

Die bisherige Protokollchefin im israelischen Außenministerium, Taly Lador-Fresher, wird im Herbst ihr Land als neue Botschafterin in Wien und gleichzeitig wird sie Israel bei der UNIDO und bei der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit) vertreten. Die neue Botschafterin verfügt über ausreichende Auslandserfahrung in London, Berlin, New York und in Jamaika. Die in der Nähe  von Tel Aviv geborene Diplomatin ist Mutter von zwei Kindern und setzt die diplomatische Tradition ihres Vaters fort. Sie studierte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Ihr Ehemann ist Nationalökonom und Beamter im Finanzministerium.

Die BDS-Tarnung

Auf den ersten Augenblick scheint die Organisation „BDS“ – Boycott, Divestment und Sanctions“ (auf Deutsch: Boykott, Investitionsentzug und Sanktionen) harmlos zu sein. Erst bei näherem Blick merkt man, dass es sich hinter BDS um eine ausgesprochen israelfeindliche Gruppierung handelt. Selbst die „Galionsfigur wie die jüdische US-Philosophin Judith Butler“ (Alexia Weiss in „wina“ 7/2015) verharmlost die hinterlistige BDR-Tätigkeit gegen Israel keineswegs. Alles begann vor zehn Jahren als mehrere palästinensische Organisationen auf „Israel-Boykott“ ausgerufen haben. Hinter diesen Organisationen, das erwies sich bald, stand die Hamas. Das war der eigentliche Beginn der internationalen BDS-Aktivitäten; zunächst in den USA und dann in London, vorwiegend an Universitäten, wo linkslastige Lehrkräfte unterrichteten. So erinnert uns Alexia Weiss an das Londoner King`s College, „an dem sich die Studierenden mehrheitlich für einen Boykott Israels aussprachen.“ Die BDS-Lügen gehen so weit, dass Israel mit der Rassentrennung Südafrikas verglichen wird. Die BDS-Agitatoren sind auch in Wien aktiv. So erinnert Stefan Schaden von der Österreich-Israelischen Gesellschaft in der „wina“ an eine  ziemlich miese Inszenierung vor der Wiener Staatsoper, wo eine „Szene nachgestellt wurde, in der ein israelischer Soldat (mit einem Davidstern  auf seiner Armbinde) einem Kind eine Waffe an den Kopf hielt und damit andeutete, es zu erschießen. Solche Exekutionen gibt es (in Israel) natürlich überhaupt nicht.“

Gegen Israel und die Juden

Voriges Jahr, zur Zeit des so genannten „Gaza-Konflikts“, demonstrierten nicht nur die BDS-Agenten, sondern auch über 10.000 Türken, darunter zahlreiche österreichische Staatsbürger, unter türkischen Fahnen, gegen Israel. Aus allen Enden und Ecken hörte man auch wüste antisemitische Parolen. Genau daran und an die ähnlichen Protestkundgebungen in mehreren deutschen Großstädten erinnert uns Esther Shapira in ihrem Buch „Israel ist an allem Schuld“ (Eichborn, 2015), das gemeinsam mit Georg Hafner schrieb. Gleichfalls im Sommer 2014 brüllten, meist junge Muslime, in Berlin: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein …“  Als im „Golfkrieg“ Raketen aus dem Irak in Tel Aviv einschlugen, schufen viele deutsche „Friedensbewegte, Linke und Grüne gegen die Lieferung von Patriot-Abwehrraketen protestierten (…) für ein politisches Klima der Gefühlskälte.“ (Esther Shapira). Auch in ähnlichen österreichischen Kreisen vermischt man immer mehr, wenn auch etwas vorsichtiger als in Deutschland, Israelkritik mit einem immer offeneren Antisemitismus.

Jüdische Kultur

Im heurigen Herbst findet zum 18.mal der „Europäische Tag der jüdischen Kultur“, diesmal im Burgenland, statt. Dabei sollen, wie die Veranstalter versichern, Geschichte, Tradition und Bräuche des europäischen Judentums in Vergangenheit und Gegenwart vermittelt werden.“ Dieser „europäische Tag“ koordiniert und unterstützt die „European Association for he Preservation and Promition of Jewsih Culture und Heritage“. Am Zustandekommen dieser Aktivität nehmen auch das Jüdische Museum in Eisenstadt, das Landesmuseum Burgenland und die Burgenländischen Volkshochschulen teil. Die Veranstalter sehen dabei auch einen Tag des Gedenkens im Sinne einer zutiefst menschlichen Verpflichtung, die Opfer und ihr Leiden nicht zu vergessen.

Christlich-jüdischer Dialog

Verdient stolze Bilanz zieht der Geschäftsführer des „Koordinationsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, Prof. Markus Himmelbauer, anlässlich der 100. Ausgabe der Quartalsschrift „Dialog-DuSiach/christlich-jüdische Informationen“. Schwerpunkt des Jubiläumsheftes ist die Darstellung des Stellenwertes des Judentums in Forschung und Lehre an den Theologischen Fakultäten Österreichs. Dazu der Präsident des „Koordinierungssauschusses“, Professor Martin Jäggle: „Diese Bilanz ist notwendig und erfreulich, denn sie zeigt, wie die Erneuerung der Theologie seit dem Konzil in den Institutionen zuverlässig Fuß gefasst hat.“ Und führte weiter aus: Die Fakultäten haben von sich aus erkannt, dass das Judentum ein notwendiger Teil des christlichen Theologiestudiums heute sein muss.“ Seit 2000 ist Markus Himmelbauer Chefredakteur der Zeitschrift und betont unter anderem: „als einzige österreichische Zeitschrift mit diesem Profil ist sie ein greifbares Zeichen des Dialogs und der Erneuerung  besonders in Wien, in der Stadt, in der während der Schoa die drittgrößte jüdische Gemeinde vernichtet worden ist.“

Frischer Wind in der IKG

Die demographische Struktur des Wiener Judentums verschiebt sich zusehends von den Aschkenasim zu den Sephardim: Der Altersdurchschnitt der „deutschen Juden“ ist hoch, ihre Kinder und Kindeskinder leben lieber in Israel, in England, oder in den USA als in Österreich. Dieses Schicksal ist im Prinzip nichts Neues. Da nach der Befreiung nur wenige vertriebene österreichische Juden zurückkehrten, schrumpfte die Wiener IKG zusehends. Erst die großen (Aus-)Wanderungen aus Polen, Ungarn und der CSSR rettete die IKG vor dem „Aussterben“. Allerdings waren auch diese Juden ausschließlich Aschkenasim und keine Sephardim. Die Jahre und Jahrzehnte vergingen und auch die einstigen „Ostjuden“ wurden immer älter (so auch der Schreiber dieser Zeilen). Dann kam die nächste „Rettung“; seit Beginn der 80-er Jahre des vorigen Jahrhunderts kamen die ersten „russischen Juden“, die gut teils keine Russen waren, sondern Sephardim aus dem Kaukasus. Sie und ihre Kinder blieben in Österreich und so hat heute die Wiener Gemeinde zwei Vizepräsidenten aus diesen Ländern:  Dezoni Dawaraschwili, als Vertreter der georgischen Juden, und Chanan Babacsayv, der die bucharischen Juden in Wien vertritt. Babacsayv, ein junger, sehr aktiver IKG-Funktionär lehnt sich nicht bequem zurück, wie es vor einem halben Jahrhundert die aschkenasische Führung zu tun pflegte, sondern macht sich konkrete Gedanken für die Zukunft der Wiener Juden. In einem Interview mit der „Wiener Zeitung“ bezeichnete er unter anderem die Absolventen der „Lauder Business School“, es sind junge jüdische Studenten aus vielen Ländern der Welt, als „Potential für die jüdische Gemeinde“. Babacsayv wurde auch auf den „neuen Antisemitismus“ in Österreich angesprochen. Seine Antwort spiegelt auch hier die westeuropäische Situation wider: „Der Antisemitismus steigt, vor allem von muslimischer Seite …“ Gleichzeitig warnt er vor einer gewissen „Islamphobie“ und erwähnt in diesem Zusammenhang  das „gute Einvernehmen mit den Aleviten“. Dann aber kam auch noch eine realistische Einschränkung der jüdisch-muslimischen Annäherung: „Aber Abseits dessen (gemeint: die Aleviten) wird das Gespräch mit uns offenbar nicht gewünscht.“ Dazu muss man wissen, dass rund drei Viertel aller Muslime in Österreich Türken sind und nahezu alle gute Beziehungen zum Land Erdogans pflegen.

Erich Lessing im Museum

Es ist nicht leicht, wenn der Schreiber dieser Zeilen von einem Freund berichtet; leicht könnte man ihm „Freunderlwirtschaft“ vorwerfen und das vielleicht selbst dann, wenn von einer „Wiener Institution“ – von Erich Lessing – die Rede ist. Der 92-jährige Erich Lessing, einer der bedeutendsten Fotografen unserer Zeit, stellt seine Bilder im Wiener Jüdischen Museum (am Judenplatz) aus. Ein Großteil seiner Familie wurde in Auschwitz und Theresienstadt ermordet; ihm gelang die abenteuerliche Flucht in das damalige Palästina; hier in einem Kibbuz arbeitete er als Fischzüchter und später als Taxifahrer. Zu dieser begann er als Fotograf zu arbeiten und setzte das nach seiner Rückkehr nach Österreich 1947, fort und arbeitete bald für die wichtigsten Zeitungen der Welt.  Seine Bilder die 1956 während des ungarischen Aufstandes schoss, gehören genauso wie viele andere heute zu den wohl wichtigsten Zeitdokumenten der Nachkriegszeit. In dieser Ausstellung sieht man auch die Fotos  aus der „Biblischen Landschaft“ (Selbstbezeichnung), so unter anderem auch vom Golan, „wo er eigentlich gerne leben würde“, wie er das sagte. Hier, in der Ausstellung „begegnet“ man unter vielen anderen großen Persönlichkeiten der Politik auch Bruno Kreisky, Willy Brandt, Nikita Chruschtschow, aber auch Golda Meir. Diese Ausstellung ist eine Bereicherung für alle interessierten Menschen, auch für solche, die Erich Lessing nicht persönlich kennen und schätzen.