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Ruinen als Filmkulisse

Der prämierte US-Kinofilm „The Search“ wurde 1947 im zerstörten Nürnberg gedreht, mit Montgomery Clift und jüdischen Waisenkindern als Hauptdarsteller…

Von Jim G. Tobias

US-Militärlaster und ein Rotkreuz-Kastenwagen fahren in Kolonne über den Nürnberger Hauptmarkt. Im Hintergrund der Ruinenlandschaft sind die Frauenkirche und der Schöne Brunnen zu erkennen. Die Kamera fokussiert das Ambulanzfahrzeug und gewährt dem Zuschauer einen Blick in den Innenraum. Aufgrund des defekten Auspuffs dringen Abgase in den Wagen, in dem sich etwa ein Dutzend Kinder befinden. In den Gesichtern der Jungen und Mädchen ist ungläubiges Entsetzen zu lesen. Sie befürchten, dass es sich bei dem Transporter um einen der berüchtigten NS-Gaswagen handelt, in denen Hunderttausende von Juden ermordet wurden. Die Kinder geraten in Panik, brechen die Türen auf und flüchten Hals über Kopf durch die zerstörte ehemalige Stadt der Reichsparteitage. Doch es gelingt den Betreuern, ihre Schützlinge wieder einzufangen; bis auf Karel, einem tschechischen Jungen, der durch einen beherzten Sprung in die Pegnitz schwimmend entkommen kann.

Filmsequenz aus „The Search“
In panischer Angst verlassen die Kinder den Krankenwagen und suchen Zuflucht in den Ruinen Nürnbergs.
Filmsequenz aus „The Search“ © Praesens-Film, Zürich

Die geschilderten Szenen stammen zwar aus einem amerikanischen Spielfilm, wobei diese Sequenzen jedoch nicht in einem Hollywood-Studio nachgestellt, sondern im Herzen des zerstörten Nürnbergs gedreht wurden. Neben dem bekannten Filmschauspieler Montgomery Clift spielten auch einige Hundert jüdische Waisenkinder als Statisten in diesem halb-dokumentarischen Streifen mit. Diese Jungen und Mädchen warteten in verschiedenen jüdischen Kinderlagern wie etwa in Indersdorf (LK Dachau), Rosenheim und Ansbach-Strüth auf ihre Ausreise nach Palästina. Darunter auch der damals 13-jährige Joel; er hatte wie durch ein Wunder mehrere Zwangsarbeiter- und Konzentrationslager überlebt. Nach der Befreiung fand er Zuflucht in einem der vielen Auffanglager für jüdische Jungen und Mädchen. Joel sowie weitere 300 elternlose jüdische Kinder lebten rund zwei Jahre in der zum Waisenhaus umgebauten ehemaligen Lungenheilanstalt im Ansbacher Vorort Strüth. Anfang des Jahres 1948 immigrierten er und viele seiner Kameraden nach Erez Israel.

Jüdische Waisenkinder im Children’s Center Ansbach-Strüth. Repro: nurinst-archiv
Jüdische Waisenkinder (Joel, rechts liegend) im Children’s Center Ansbach-Strüth. Repro: nurinst-archiv

Solche Lebensgeschichten wollte der in Wien aufgewachsene US-Regisseur Fred Zinnemann, der sich bereits in seinem Vorgänger-Film „Das siebte Kreuz“ mit dem NS-Regime und den Folgen auseinandergesetzt hatte, filmisch bearbeiten. Anhand der Odyssee des kleinen Karel thematisiert er das schwere Schicksal der über 30.000 elternlosen Kinder unter 14 Jahren, deren Väter und Mütter von den Nazis deportiert und ermordet worden waren.

Karel Malik und seine Mutter wurden von den Nazis nach Auschwitz verschleppt. Dort verlieren sich die beiden aus den Augen. Nach der Befreiung wird der Junge von den Alliierten in ein Auffanglager für Kinder überstellt. In der eingangs geschilderten Filmszene gelingt ihm die Flucht und er findet Zuflucht bei dem US-Soldaten Ralph Stevenson, der von Montgomery Clift gespielt wird. Karel weiß nicht, dass auch seine Mutter das Konzentrationslager überlebt hat und ihn verzweifelt sucht. Frau Malik irrt durch das zerstörte Deutschland, besucht zahlreiche sogenannte Children’s Centers, stellt Anfragen bei den Militärbehörden und hofft darauf, eine Spur ihres Sohnes zu finden. Doch schon bald bekommt sie eine schreckliche Nachricht: Karel sei in der Pegnitz ertrunken – damit will sie sich aber nicht abfinden. Frau Malik entscheidet sich, als Betreuerin in einem Waisenhaus zu arbeiten. Sie kümmert sich um jüdische Kinder, die kurz vor ihrer Auswanderung nach Palästina stehen. Als der Amerikaner Stevenson in die Staaten zurückversetzt werden soll, bringt er Karel in dieses Camp, mit der Absicht, seinen Schützling später nachzuholen. Damit erfüllen sich Frau Maliks Hoffnungen: Mutter und Sohn sind wieder vereint.

Neben dem Schauplatz Nürnberg dienten weitere deutsche Städte als authentische Kulisse für diesen eindrucksvollen dokumentarischen Spielfilm. Mit der Figur des kleinen Karel gelingt es Zinnemann, das Schicksal der unzähligen an Leib und Seele verletzten Waisenkinder nüchtern und eindrucksvoll zu erzählen. Glaubhaft sind auch die Darsteller: Allen voran Montgomery Clift als GI Stevenson, der 1948 dafür eine Oskar-Nominierung erhielt, sowie der Kinderdarsteller Ivan Jandl, der mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde. Die Drehbuchautoren durften sogar einen regulären Oskar entgegennehmen.

In Deutschland kam der Film unter dem Titel „Die Gezeichneten“ in die Kinos. Ein Video für den privaten Gebrauch ist bei der Produktionsfirma Praesens-Film in Zürich erhältlich.