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Am haSefer – das Volk des Buches

Hebräische und Jiddische Schriften in der Bayerischen Staatsbibliothek…

Von Jim G. Tobias

Das Judentum definiert sich wesentlich durch die Thora und die rabbinische Literatur, deshalb ist das „Volk des Buches“ dem geschriebenen Wort bis auf den heutigen Tag eng verbunden. Die Bayerische Staatsbibliothek zeigt seit Langem Interesse an hebräischen und jiddischen Schriften und würdigt so die jüdischen „Nationalhelden der Feder“. Neben seltenen Schätzen aus vier Jahrhunderten, die u. a. in bayerischen Druckereien in Sulzbach, Wilhermsdorf und Fürth hergestellt wurden, erstand die Bibliothek insbesondere in den letzten fünf Dekaden bemerkenswerte Stücke der jüngeren Vergangenheit. Einblick in diese Sammlung geben die Ausstellung und der Katalog „Von Sulzbach bis Tel Aviv – Hebräische Neuerwerbungen aus 50 Jahren“.

Jeckisch-Iwrit: Das Wörterbuch „Ben-Jehuda-Straße“, Foto: Bayerische Staatsbibliothek
Jeckisch-Iwrit: Das Wörterbuch „Ben-Jehuda-Straße“, Foto: Bayerische Staatsbibliothek

Anlass für diese Schau und die Publikation ist der 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. In vier Abteilungen werden hebräische Handschriften, alte Drucke, Publikationen der Displaced Persons und Literatur aus Israel präsentiert. Der hebräische Buchdruck in Erez Israel geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Wurden zunächst hauptsächlich religiöse Bücher produziert, änderte sich das zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Zionistische Organisationen druckten verstärkt ihre politischen, aber auch literarischen Schriften. Nach der Proklamation des Staates Israel entwickelte sich die Buchproduktion zu einem nicht unwesentlichen Wirtschaftszweig. Mit mehr als 8.000 Neuerscheinungen pro Jahr werden in Israel – im Verhältnis zur Einwohnerzahl – mehr Bücher gedruckt als in Deutschland. Darunter beispielsweise das „Wörterbuch Ben-Jehuda-Straße“, in dem Ausdrücke und Redewendungen der Jeckes, der deutschen Einwanderer, den Sabres verständlich gemacht werden. Die Rechow Ben Jehuda war jahrzehntelang fest in der Hand deutschstämmiger Einwanderer, die zäh an ihrer Muttersprache festhielten und sich nur schwer ans Hebräische gewöhnen konnten.

Die erste Abteilung widmet sich hingegen den wertvollen Handschriften, wie etwa einer Haggada aus Marokko. Diese Handlungsanweisung für das Pessachfest stammt aus dem 17. Jahrhundert und enthält auch Passagen in arabischer Sprache. Nach Meinung des Begründers der hebräischen Buchwissenschaft, Moritz Steinschneider (1816–1907), konnten sich die Münchner Bestände schon 1875 mit den „größeren Sammlungen in Oxford, Paris, Parma, London und dem Vatikan“ messen. Spannend sind auch die frühen Drucke aus Italien, der Schweiz und natürlich Deutschland. Eines der Zentren des jüdischen Buchdruckes bestand vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in der oberpfälzischen Stadt Sulzbach (heute Sulzbach-Rosenberg). Davon zeugt etwa der „Sulzbacher Chumesch“, die fünf Bücher Moses, eine Thora-Ausgabe für den alltäglichen Gebrauch in der Familie. Ein im nicht weniger bedeutsamen Druckort Fürth verlegtes sehenswertes Kleinod ist das nur 7 x 5 Zentimeter große Miniaturgebetbuch; es richtete sich insbesondere an „Reisende, Überseefahrer und Emigranten“, die auf dem Weg nach Amerika waren.

Titelseite des Talmud-Nachdrucks von 1949,  Foto: Bayerische Staatsbibliothek
Titelseite des Talmud-Nachdrucks von 1949, Foto: Bayerische Staatsbibliothek

Einen Höhepunkt stellen sicherlich die erst in den letzten Jahren gesammelten Schriften der jüdischen Displaced Persons dar. Die rund 200.000 Überlebenden der Shoa, die nach 1945 für einige Jahre in Auffanglagern – mitten im Land der Täter – auf eine Ausreise nach Erez Israel sowie in die klassischen Emigrationsländer USA, Kanada oder Australien warteten, entwickelten eine ungeahnte Publikationstätigkeit. Über hundert jiddischsprachige Zeitungen und Zeitschriften wurden verlegt, zahlreiche literarische Werke erschienen und eine Fülle von Schulbüchern, berufskundlichen Ratgebern und religiösen Schriften wurden auf den Druckmaschinen deutscher Druckereien hergestellt. Nahezu unglaublich erscheint die Tatsache, dass es sogar gelang einen 19-bändigen Nachdruck des Talmud aufzulegen: ein Beispiel für den standhaften jüdischen Überlebenswillen und die richtige Antwort auf die Vernichtung von Menschen und Kultur. Es vergingen über zwei Jahre, bis das nötige Papier vorrätig war, die Vorlagen fertiggestellt und schließlich die großformatigen, umfangreichen Bücher gedruckt und gebunden wurden. Im Jahre 1949 standen die ersten Exemplare des sogenannten Survivors Talmud für die jüdischen DPs bereit. Die Titelseite zierte eine Zeichnung der ersehnten neuen Heimat Erez Israel. Als Kontrast dazu: eine mit Stacheldraht umrahmte Szene aus einem Arbeitslager mit dem Haggada-Zitat: „Aus Sklaverei in die Erlösung, aus Dunkelheit in großes Licht“.

Eine reizvolle, erhellende Ausstellung mit einem interessanten, aber leider nur kleinformatigen Katalog. Schade: denn dadurch verlieren die abgebildeten Exponate viel von ihrer Ausdruckskraft und Einzigartigkeit.

Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Juli 2015 montags bis freitags von 10 – 18 Uhr in der Bayerischen Staatsbibliothek, Ludwigstraße 16, 80539 München zu besichtigen. Der reich bebilderte kleine Katalog (hebräisch/deutsch) kostet 12 €. Bayerische Staatsbibliothek (Hg.), Von Sulzbach bis Tel Aviv, München 2015, 108 Seiten, ISBN 978-3-88008-009-6.

Tipp: Digitalisate einiger Ausstellungsstücke sind online zugänglich:
http://www.digitale-sammlungen.de/index.html?c=highlight&projekt=16&l=de