Mehr als eine Entschädigung

Noch gibt es sie, Menschen, die den Holocaust überlebt haben. Aller Aufmerksamkeit zum Trotz, leben jedoch nicht wenige vereinsamt und in schwierigen Verhältnissen – sogar in Israel. Ein staatliches Hilfsprogramm versucht, nicht nur gegen die Armut vorzugehen…

Von Christa Roth

„Transnistrien war unser Auschwitz“, sagt Michael Ron fast wie beiläufig und lächelt daraufhin milde. Dann reicht er den Teller mit den Keksen, die Dorina, seine Frau, besorgt hat. Yigal, ein großer, hagerer junger Mann bedient sich schon zum dritten Mal. Der Tisch ist sorgsam gedeckt. Dorina hat ihr bestes Geschirr aus dem Schrank geholt. Yigal möchte nicht unhöflich erscheinen und greift zu. Immerhin kaufen Michael und Dorina das koschere, teure Gebäck extra für ihn, den orthodoxen Juden. „Aber manchmal“, sagt Yigal und streicht sich lachend über den Bauch „meinen sie es auch zu gut mit einem“.

Die Klimaanlage surrt im Hintergrund. Es ist Mai. Das Thermometer zeigt bereits 27 Grad an. Für Tel Aviv nichts Ungewöhnliches. Doch Michael Ron musste sich erst an das feuchtwarme Klima gewöhnen. 1985 kamen der damals 59-Jährige und seine Frau Dorina aus Rumänien nach Israel, in das Gelobte Land. Hinter ihnen lagen Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft, die erst mit dem Tod Ceausescus 1989 endete. Da war aus Mendel Aharonovitz längst Michael Ron geworden, ein unauffälliger, israelischer Staatsbürger. Ein stolzer, aber säkularer Jude. Einer, der sich zu erkennen geben wollte.

Juni 1941, Dorohoi im Nordosten Rumäniens, an der Grenze zur Ukraine. Der Bürgermeister des knapp 30.000 Einwohner großen Städtchens verfügt von einem Tag auf den anderen: „Juden raus!“ Mendel Aharonovitz muss sein Heimatdorf mit samt seiner Familie verlassen. Mitnehmen dürfen sie nichts. Genauso wenig wie die anderen beiden jüdischen Familien im Ort. „Die Russen bombardieren ohnehin alles“, sagt der Bürgermeister. Es klingt fast nach einer Rechtfertigung. Fast.

Eine Brücke zwischen den Generationen

Nur ein paar Wertgegenstände hat Ahronovitz bei sich, als er sich auf den Weg nach Nirgendwo macht. Kurze Zeit später wird die Kolonne von der Polizei abgefangen. Sie nimmt ihm das Wenige ab, was er bei sich trägt. Er kommt ins Lager Târgu Jiu im Vorland der Südkarparten. Die Polizisten zwingen ihn, in umliegenden Dörfern zu arbeiten. Erst vier Monate später, im Oktober sieht er seine Heimatstadt Host Dorohoi wieder. Doch in sein Haus kann er nicht mehr: Darin wohnen andere. Also schlafen er und seine Familie in der Synagoge. Kurz darauf werden seine Schwester, die drei Brüder, seine Mutter und er nach Transnistrien verschleppt. Der Vater des damals 15-Jährigen muss weiter Zwangsarbeit verrichten und bleibt allein zurück.

Der 24-jährige Yigal lauscht Michael Rons Erzählung geduldig. Vor fünf Jahren zog der Schweizer zum Studieren nach Israel, wo Geschichten wie die von Ron immer präsent zu sein scheinen. „Der Holocaust ist Teil eines jeden Juden“, erklärt Yigal und rückt sich seine Kippa zurecht. Der Auseinandersetzung mit der Shoah, wie der Holocaust in Israel genannt wird, kann keiner entgehen. Sich jedoch auf einer Studienfahrt nach Polen ein oder zwei Gedenkstätten anschauen, kam für  Yigal trotzdem nicht in Frage. Um das unvorstellbare Leid zu erfassen, das seinem Volk widerfahren ist, musste er in direkten Kontakt mit den Überlebenden kommen. „Solange sie noch da sind.“

Schoah-Überlebende in Israel

Wie Yigal besucht eine Vielzahl von Studenten im ganzen Land Holocaust-Überlebende, um mit ihnen ihren Leidensweg nachzuvollziehen. Die meisten tun das wie Yigal aus Mitgefühl. Sie sollen helfen, Formulare auszufüllen, die den Überlebenden einen Anspruch auf eine kleine Opfer-Rente sichern, und dabei die zu Tage geförderten Geschichten aufzeichnen. So dient das sogenannte „Nationalprojekt“ am Ende auch dazu, eine Brücke zwischen den Generationen zu schlagen: Den Überlebenden soll signalisiert werden, dass sie der Staat nicht vergessen hat, dass Israel sich kümmert.

Leidensgeschichten dokumentieren

Ein Jahr lang hat Yigal so insgesamt schon eine Handvoll Rentner in seiner Nachbarschaft betreut. Rund 30 stehen in der Regel auf einer Liste. Für ihr Engagement erhalten Studenten wie Yigal die Wertschätzung alter Mitbürger – und ein Stipendium. Seit vier Jahren existiert das nationale Projekt, umgerechnet 60.000 Euro sind dafür aufgewendet worden. Gut über Hundert Studenten sind bereits involviert. Bald sollen es doppelt soviele sein. Wer innerhalb von zwei Semestern mindestens 120 Betreuungsstunden vorweisen kann, erhält etwa Tausend Euro. „Aber niemand macht das in erster Linie wegen des Geldes“, erklärt Einav Livne von der nationalen Studentengewerkschaft, die das Projekt koordiniert. „Die Studenten müssen überzeugt sein von dem, was sie da tun.“

Dass das Ministerium für Senioren ausgerechnet Yigal für sein Programm gewinnen konnte, ist nicht selbstverständlich. Aus Deutschland über Jugoslawien und Italien bis in die Schweiz konnte sich seine Großmutter vor den Nationalsozialisten flüchten. Sie hat im Krieg einen Großteil ihrer Familie verloren und lange Zeit kaum darüber gesprochen. Ob sie weiß, was Yigal in Israel macht, kann er selbst nicht beantworten. Erzählt hat er ihr davon noch nicht. Er traut sich nicht. Seine Eltern, die anfangs skeptisch waren, unterstützen ihren Sohn mittlerweile voll und ganz.

Umgerechnet rund 1.700 Euro und gratis Medikamente hat ein anderes, von Yigal betreutes Ehepaar vom israelischen Staat bekommen. Die Gelder dafür kommen auch aus Deutschland. Bis 2017 sollen 772 Millionen Euro für die Pflege von 56.000 Holocaust-Überlebenden in 66 Staaten gezahlt werden. Dazu hat sich das deutsche Finanzministerium 2013 in Verhandlungen mit der Jewish Claims Conference bereit erklärt. Nach Vertreibung und Zwangslager sollen die Überlebenden wenigstens nicht noch in Armut sterben.

In Würde altern

Was hält Leute am Judentum, die soviel Leid durchstehen mussten? Als religiöser Mensch hat sich Yigal diese Frage selbst oft gestellt. Michael Ron weiß darauf nicht wirklich zu antworten. „Ich wusste gar nicht, dass ich Jude war. Meine Eltern haben das nie zum Thema gemacht“, sagt er. Sicher, Schabbat habe man gefeiert, Jom Kippur und Pessach. Aber sonst hat Religion nicht viel Platz in seinem Leben eingenommen. Umso mehr belastete ihn das ihm auferlegte Außenseitertum. „Uns wurde das Gefühl gegeben, dass wir keine richtigen Rumänen waren. Geht doch nach Palästina!, hieß es. Dabei wusste ich damals gar nicht, wo das genau war!“

Doch in dieses gelobte Land gelangt der Junge mit den freundlichen braunen Augen beinahe nicht. Nach den Pogromen in ein Lager gesteckt, entkommt er nur knapp dem Tod. Einen Bruder und seine Schwester begräbt er im Schnee. „Es gab nichts zu essen“, erzählt Ron. „Also wurde getauscht und gestohlen. Obwohl die Ukrainer selbst nichts hatten und jedem deshalb Erschießung drohte, der mit Juden Handel trieb“ Wer nicht durch Hunger umkam, den zermarterte die eisige Kälte oder den raffte Typhus dahin. Wer nur Läuse bekam, konnte sich glücklich schätzen: Von 3000 Juden überlebten nur 300.

Jahre vergingen, wurden zu Jahrzehnten. Den Krieg und Transnistrien hinter sich gelassen, kehrt Ron nach Rumänien zurück, lebt ein unauffälliges Leben. Doch in der Nachbarschaft der Täter hält ihn nichts mehr. Zwei Jahre nach Stellen des Ausreiseantrags können er und seine Frau Dorina 1985 zu ihrer Tochter nach Israel. Mit 59 Jahren muss Ron, der studierte Ingenieur, als Reinigungskraft in einer Plastikfabrik seinen Lebensunterhalt verdienen. Eine reguläre Rente steht ihm, dem heute 89-Jährigen, nicht zu – sein Arbeitgeber hat nicht für ihn in die Sozialsysteme gezahlt. Aber das macht nichts. Ron weiß sich auch so zu helfen. Er und Dorina haben spartanisch gelebt und Geld zur Seite getan, um sich zur Ruhe setzen zu können. Endlich zur Ruhe.