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„Hauptstadt der Verdrängung“

Zur Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums München…

Von Anna Zanco-Prestel

Mit einem Festakt im Amerika Haus am Karolinenplatz ist am 30. April das NS-Dokumentationszentrum München eröffnet worden. An einem für die Landeshauptstadt schicksalhaften Datum, nämlich am Tag, an dem GIs der Rainbow-Division vor exakt 70 Jahren München beinah kampflos eroberten. Mit gemischten Gefühlen wurden sie von der Bevölkerung empfangen, die sie teils als Besatzer, teils als Befreier empfand. Ein speziell angefertigter Kunststoffpfad führte – aus diesem besonderen Anlass –  die zahlreichen prominenten Gäste darunter den Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, die Bundesministerin für Kultur und Medien Frau Prof. Monika Gütters, die Präsidentin der IKG München und Oberbayern Frau Dr. h.c. Charlotte Knobloch und den Vorsitzenden des Zentralrats der  Sinti und Roma Romani Rose vom Amerika Haus über die Briennerstrasse direkt zum NS-Dokuzentrum, um die zwischen „Befreiern“ und „Befreiten“ entstandene Verbindung zu untermauern.

Ein Foto in der Dauerausstellung, die sich entlang von 33 Leitbildern und in vier Hauptabschnitten auf mehreren Stockwerken erstreckt, erinnert an jenem Tag. Es zeigt Soldaten in US-Uniform beim Abtragen eines Ortsschildes mit der Schrift „Hauptstadt der Bewegung“, die Bezeichnung, die Hitler selbst für die Stadt gewählt hatte, in der sein unaufhaltsamer Aufstieg begann und Anhänger und Förderer fand. „Hauptstadt der Verdrängung“ nennt sie Prof. Winfried Nerdinger, der seit 2012 Gründungsdirektor des Dokumentationszentrums ist und seit Jahren mit anderen engagierten Bürgern für dessen Entstehen kämpft.

Ein Kubus aus weißem Beton glänzt nun mit seinen klaren Linien und asymmetrischen Formen inmitten von Ludwigs I. neo-klassizistischen Bauwerken aus Naturstein rund um den Königsplatz. An einem historischen Ort, von dem beinah nur Eingeweihte wussten, dass sich dort während der gesamten 12jährigen NS-Diktatur der Sitz der NSDAP befand.  Auf dem Grundstück Ecke Brienner-Arcisstrasse stand nämlich das bei Kriegsende ausgebombte Braune Haus, von dem aus etwa 6000 Beamten und Funktionäre die Geschicke Deutschlands und Europas lenkten. Just davor erinnert ein bis vor kurzem bis zur Unkenntlichkeit mit Gras bedecktes Basement an den NS-Ehrentempel, das nach 1945 in die Luft gesprengt wurde. Daneben in der Arcisstraße 12, heutigem Sitz der Hochschule für Musik und Theater, stand der „Führerbau“, weltberühmt weil dort das verheerende Münchner Abkommen  unterzeichnet wurde. Auf der anderen Straßenseite erhebt sich noch der Nazi-Zwilligsbau an der  ehemaligen  Hans-Meiser-Straße und vor kurzem unbenannten Katharina-von -Bora Strasse, wo sich jetzt das  Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke München befindet. Beide Nazi-Bauten wurden auf Grundstücken vom 1933 enteigneten jüdischen Kunst- und Musikmäzen Alfred Pringsheim errichtet, dem Schwiegervater von Thomas Mann. Nicht unweit am Karolinenplatz empfing Frau Bruckmann die Besucher ihres Salons, zu denen auch Hitler gehörte, der dort – wie Nerdinger in seiner Ansprache erinnerte – „in die feine Gesellschaft eingeführt wurde, rassistische Reden hielt und Geld von Münchner Bürgern und Industriellen einsammelte“. In der Nähe das so genannte „Schwarze Haus“ – die Nunziatur – , wo das „Konkordat mit der Katholischen Kirche angebahnt„ und „Landesbischof Hans Meiser seine Getreuen mit dem Hitlergruß“ aufnahm.

Das NS-Dokumentationzentrum München, Foto: Jens Weber
Das NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Jens Weber

Groß sind die Erwartungen, die mit der Errichtung des Zentrums verknüpft sind, auch und gerade weil es so lange auf sich warten ließ. Der Besucherstrom in den ersten Tagen scheint den Befürwortern des Projekts, das  zur kritischen Reflexion über die bis in den 70/80er Jahren verschwiegene NS-Vergangenheit Münchens hinführen soll, recht zu geben.  Der Bau wurde nach einem Entwurf der Berliner Architekten Bettina Georg, Tobias Scheel und Simon Wetzel realisiert. Die Kosten in Höhe von 28, 2 Millionen EUR wurden je zu einem Drittel von der Landehauptstadt München, dem Freistaat  Bayern und der Bundesregierung getragen. Im Fokus des Interesses steht München, dessen Geschichte mit Bildern und Filmprojektionen auf großen Leinwänden, Monitoren, Medienstationen von der Zeit ab Ende des I.Welktriegs über das  kurze Intermezzo der Räterepublik bis hin zum vereitelten Hitler-Putsch von 1923 und über die gesamte Dauer des so genannten Drittes Reiches bis heute aufgerollt wird. Ein ganzes Stockwerk ist speziell der Nachkriegszeit gewidmet, in der die Aufarbeitung von Münchens NS-Geschichte nur ganz langsam in Gang kam, langsamer gewiss als in anderen Städten. „Geschichte“ – betonte Nerdinger „ lässt sich aber nicht verdrängen, sie ist Teil unserer Identität und unser Umgang mit der Vergangenheit kennzeichnet somit uns selbst“. „Bauten und Steine“ seien „authentische Zeugen, die allerdings nur zu dem sprechen, der ihre Geschichte kennt“.  Anspruch des NS-Dokumentationszentrums, das nun „einen authentischen Ort des NS-Regimes demokratisch besetzt“, sei gezielt die „Vermittlung dieses Wissens, um aufzuklären“.

Es geht um Themenkomplexe wie „Verheißung und Konsequenzen der ‚Volksgemeinschaft’“, aber auch um „Verweigerung, Opposition und Widerstand“, um „Ausgrenzung  und Verfolgung“ von Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Andersdenkende, wie auch um „Wegschauen, Zuschauen, Mitmachen“ im Alltag einer Stadt,  die sich in wenigen Jahren ihrer langjährigen Tradition als weltoffener und kulturell – auch dank jüdischer Präsenz –  auf blühender  Metropole  widersetzt  und sich  zum Machtzentrum eines barbarischen Regimes mit einer auf Hochtouren arbeitenden Rüstungsindustrie und massenhaften Zwangsarbeit  verwandelt.  „Wie kam es, – fragt sich Nerdinger weiter mit Lion Feuchtwangers Worten – „dass …alles was faul und schlecht war im Reich, und sich anderswo nicht halten konnte, magisch angezogen nach München kam?“ Aus der Geschichte sollen Lehren für die Zukunft gezogen werden. Geschichte soll mahnen, mehr denn je in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs.  Eingegangen wird deshalb auf das Wiedererwachen des NS-Gedankenguts, auf die zögernd-abwartende Haltung der Justiz in der Handhabung von NS-Verbrechen, gleichzeitig aber auch auf die vielen Initiativen gegen das Vergessen, die sich auch unserer Tage oft durch reines Bürgerengagement vermehren.

Geschaffen wurde auch ein Lernforum im I. Untergeschoss mit Seminarräumen, einem Auditorium, Recherchestationen und Medientischen, das zur weiteren historischen Wissensvermittlung für Einzelpersonen und Gruppen dienen soll. Eine Auswahl von Werken „Verbrannter Autoren“ jeder Herkunft ergänzt in der Bibliothek das reichhaltige mediale und gedruckte Angebot. Es erinnert daran, dass es auch ein „Anderes Deutschland“ gab: Schriftsteller, Künstler, Denker und Musiker, die den Weg  ins freiwillige Exil folgten, weil ihnen in Hitler-Deutschland die Luft zum Atmen fehlte. Als einziges Original-Exponat  ist dort das Manuskript der „Mohabiter Sonette“ ausgestellt, das die Familie des Widerstandskämpfers Albrecht Haushofer dem Zentrum gestiftet hat.

Zur Eröffnung ist ein Katalog des NS-Dokumentationszentrum München im C.H. Beck Verlag erschienen. Das Band umfasst 624 Seiten mit sämtliche Texten der Dauerausstellung sowie 850 teils farbigen Abbildungen. Begleitend dazu 23 Aufsätze renommierter Experten, die den aktuellen Stand der NS-Forschung wiedergeben. Herausgegeben wurde es von Winfried Nerdinger in Verbindung mit Hans-Günther Hockerts,  Marita Krauss und Peter Longerich.  Der Architekt und Kunsthistoriker ist emeritierter Professor für Geschichte der Architektur und Baukonstruktion an der TU München. Von 1989 bis 2012 leitete er das Architekturmuseum der TU München sowie das Architekturmuseum Schwaben. Für seine besonderen wissenschaftlichen Leistungen – darunter ca. 150 Ausstellungen und ca. 300 Publikationen – ist er zum TUM Emeritus of Excellence ernannt worden.