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Warten auf die Anerkennung

In Köln wurde an den 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern erinnert…

Von Roland Kaufhold
Jungle World v. 30.April 2015

»Heute ist der 24. April. Ich sitze in unserer Küche in Eriwan und schaue aus dem Fenster. Seit heute Nacht weint der Himmel ununterbrochen«, schreibt die junge armenische Pianistin Nare Karoyan, die in Köln lebt. Anlässlich des 100. Jahrestags des türkischen Genozids an den Armeniern gibt sie einige Konzerte in Eriwan. Stücke, die ihre traumatische armenische Familiengeschichte musikalisch nacherzählen. Ihre türkische Kollegin Zeynep Gedizlioglu hat für sie, als symbolisches Geschenk, das Stück »Denge« komponiert.

Gerne wäre Nare zwei Tage später auf der Kölner Gedenkveranstaltung gewesen. 300 Menschen haben sich auf dem Domplatz versammelt. Das Bild prägen zahlreiche junge, aber auch viele ältere Armenier. Einige tragen Plakate. Auf der Bühne mit den zwei Lautsprechern ist ein riesiges Transparent angebracht: »Wir gedenken der Opfer des Völkermordes an den Armeniern. 24. April 1915«. Einige Ältere weinen. Eine junge Frau trägt ein Schild: »Adolf Hitler sagte 1939: Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier«. Optisch dominierend sind etwa 70 Fotos von ermordeten armenischen Intellektuellen. Es waren die ersten Opfer dieses staatlich organisierten Völkermords. Die Namen der Ermordeten werden von Kölner Prominenten verlesen, beteiligt sind der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanli, Beriwan Aymaz (Grüne), Peter Finkelgruen, Jürgen Becker, einige armenische Jugendliche sowie Vertreter der christlichen Kirchen. Die Atmosphäre ist würdevoll. Die Reden und Augenzeugenberichte, von Ilias Uyar, Fatih Cevikkollu und Günter Wallraff vorgetragen, sind eingebunden in einen musikalischen Rahmen.

Wallraff erhält viel Beifall für seine Rede. Er attackiert Recep Tayyip Erdoğans jüngste Äußerungen, in denen er den Völkermord weiterhin leugnet: »Wer so redet, der macht sich mitschuldig, dass weitere Untaten geschehen. Heute.« Und er vermisse die Anwesenheit von Mitgliedern der Kölner Moscheegemeinde: »Heute hätten sie ihre Bereitschaft zum Dialog zeigen können.« Cevikkollu trägt einen Bericht des damaligen deutschen Botschafters Max Erwin von Scheubner-Richter an den Reichskanzler vor. Über die Ausmaße des Genozids an den Armeniern waren die deutschen Behörden bestens informiert – und unternahmen nichts: »Die in meinem Bericht aus Erzurum ausgesprochene Befürchtung, dass die Aussiedelung der Armenier ihrer Vernichtung gleichkommen werde, hat sich leider bewahrheitet. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man ausspricht, dass die türkischen Armenier so gut wie ausgerottet sind.«

Den politischsten Text trägt der Organisator Uyar vor – ein Rechtsanwalt, der 2010 auch der Anwalt von Doğan Akhanli bei dessen Verhaftung in der Türkei war. »Heute geht unser Blick zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit. Wir gedenken heute der unzähligen Männer, die ihren Familien entrissen und an entlegenen Orten zusammengeschossen wurden.« Uyar schlägt eine Brücke zu den wenigen Zeitzeugen und Chronisten dieses Völkermords: »Johannes Lepsius, Armin T. Wegner, Karen Jeppen und andere mutige Frauen und Männer. Sie haben ihre Stimmen erhoben und unter Einsatz ihres Lebens viele Kinder gerettet.« Uyar versteht die Erfahrung des Völkermords als universelle moralische und politische Mahnung für die Gegenwart: »Wir dürfen es nicht akzeptieren, dass verfolgte, schutzlose Menschen zu Hunderten in Booten und Kähnen zusammengekauert im Mittelmeer qualvoll ertrinken und wir Europäer Zuschauer dieses Flüchtlingsdramas bleiben. Es kann nicht hingenommen werden, dass Menschen, die vor Ver­folgung Schutz bei uns in Deutschland suchen, wieder Angst vor Hetze und Übergriffen haben müssen. Die Lehre des Völkermords an den Armeniern sollte heute sein: Wir alle stehen für ungeteilte Solidarität mit Menschen, die vertrieben, zur Flucht gezwungen werden.«

Nicht Schuld, sondern historische Verantwortung sei sein Interesse. Er bietet immer wieder einen Dialog mit der Türkei, mit den Kölner Türken an. Voraussetzung hierfür sei jedoch die bedingungslose, aufrichtige Anerkennung des türkischen Völkermords an den Armeniern.