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Pioneer Fighter

Am Gedenktag für die Opfer und Helden des Holocaust 2010 hat Yehuda Maimon, geborener Leopold Wassermann, bei der Zeremonie im Kibbuz Yad Mordechai (benannt nach Mordechai Anilevitz) die Fackel entzündet…

Von Oliver Vrankovic

Yehuda Maimon und seine Frau Aviva bewohnen im Elternheim, in dem ich arbeite, eine Wohnung mit Blick auf die Skyline von Tel Aviv. Yehuda gehört zum Bewohnerrat des Hauses. Der 91jährige kommt jeden Mittag auf seinen Spazierstock gestützt in der Lobby des Heims mit anderen Bewohnern bei Kaffee und Kuchen zusammen.

Yehuda Maimon

Yehuda stammt aus Krakau. Bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges war er ein 15jähriger Gymnasiast, überzeugter Zionist und Mitglied der religiösen zionistischen Bewegung Akiba. In Krakau, so erzählt er, lebten zu der Zeit 65.000 Juden. Für 20.000 wurde in der Stadt ein Ghetto errichtet.

Yehudas Familie entschloss sich, in Krakau zu bleiben und bezog, wie viele andere Familien auch, ein Zimmer in einer Drei-Zimmer Wohnung im Ghetto. Obwohl es im Ghetto sehr eng gewesen sei, hätte sich seine Familie entschlossen, die Stadt nicht zu verlassen. Sein Vater dachte, er könne sein Geschäft weiterführen.

Betätigungsmöglichkeiten und die Bewegungsfreiheit der Bewohner des Ghettos wurden aber immer weiter eingeschränkt. Es sei ein perfide ausgeklügelter Psychoterror gewesen, erinnert sich Yehuda. Einerseits sei die Not der Juden immer weiter verschärft worden, andererseits wurde ihnen aber immer ein kleiner Hoffnungsschimmer gelassen.

Die Bewohner der Ghettos konnten sich nicht vorstellen wie weit die Grausamkeit der Nazis gehen würde. Dann erreichten erste Nachrichten vom Massenmord an den Juden die Bewohner des Ghetto. Eine Botin des HaShomer HaTzair aus Wilna machte im Ghetto Krakau die Massenerschießungen in Ponar bekannt. Die älteren Bewohner des Ghettos hätten die Berichte erst nicht geglaubt. Krakau, so sagt er, sei Teil des Österreichisch-Ungarischen Reiches gewesen, und wie seine Eltern, hätten viele Juden der Stadt perfekt Deutsch gesprochen und die deutsche Kultur geliebt. Sie hätten schlicht nicht glauben können, dass die Deutschen, diese Kulturnation, die so viele Schriftsteller und Philosophen und Komponisten hervorgebracht hatten, fähig seien, einen Massenmord an den Juden zu begehen.

Yehuda und andere junge Zionisten verstanden dagegen, dass sie wie „Lämmer zur Schlachtbank“ geführt würden, wenn sie nicht anfingen, sich zu wehren. Weil sie nicht sterben wollten, ohne sich widersetzt zu haben, gründeten Yehuda und andere junge Zionisten die erste Widerstandsbewegung auf polnischem Boden. Die Gruppe nannte sich
“החלוץ הלוחם”
“HaHalutz HaLochem”
“Pioneer Fighter”
“Der Kämpfende Pionier”.

Anfang 1942 formierte sich im Ghetto Krakau eine Widerstandsgruppe der sozialistischen zionistischen Bewegung HaShomer HaTzair. Verschiedene Widerstandsgruppen im Ghetto Krakau schlossen sich später zum ZOB nach Warschauer Vorbild zusammen.

Er habe nicht die Illusion gehabt, dass die Deutschen besiegt werden könnten. Ihre Armee hatte ganz Europa erobert. Er sei sich sicher gewesen, die Nazis nicht zu überleben. Sein Antrieb zum Kampf sei gewesen, mit der Waffe in der Hand zu sterben. Er und seine Kameraden seien überzeugte Zionisten gewesen, die eigentlich nach Palästina auswandern wollten. Sie wollten sich der Vernichtung durch die Nazis nicht wehrlos ergeben. Er habe für die jüdische Ehre zur Waffe gegriffen, sagt er.

Der Botin aus Wilna folgten weitere Botinnen mit Berichten, die den begonnenen Massenmord an den Juden außer Frage stellten. Als 1942 die Deportationen in Krakau begannen, war im Ghetto allen Bewohnern klar, dass diese der Vernichtung galten. Yehuda und andere Widerstandskämpfer griffen nach Kräften die deutsche Infrastruktur an. Sie verübten Anschläge auf Fabriken und Bahnlinien.

Am 22. Dezember rüsteten sie sich für ihren grösste Aktion. Ein koordinierter Angriff auf Treffpunkte der deutschen Besatzer. Zwei Tage vor Weihnachten konnten die Widerstandskämpfer sicher sein, dass die Orte, die sie angriffen, gut besucht sein würden und sich viele SS Generäle und Gestapo Befehlshaber dort aufhalten würden. Ihre Waffen waren Molotovcocktails, in deren Herstellung die Widerstandskämpfer von seinem früheren Physiklehrer unterwiesen wurden.

„Unser Ziel war nicht, die Deutschen zu besiegen. Es ging darum zu zeigen, dass wir unsere Ehre bewahren. Sie mögen uns umbringen. Aber mit der Waffe in der Hand […] Ich war 18, da hat man Mut. Ich war in einer guten Gruppe. Wir hatten großartige Befehlshaber, die uns Kampfgeist eingeimpft haben. Ich war Pionier, der davon geträumt hat, nach Erez Israel auszuwandern. Ein Idealist […] In einer Gruppe von Idealisten. Diejenigen, die uns anleiteten und führten waren sehr charismatisch. Da möchtest du etwas tun. Da bist du vom richtigen Weg überzeugt […] Ich wusste, das dies das Ende ist. Aber in einer kämpfenden Gruppe zu sein hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Wenigstens wusste ich, dass ich nicht einfach so sterbe.“

Die Meisten seiner Mitstreiter, einschließlich dem Befehlshaber, seien in den Tagen, die den Anschlägen vom 22. 12. 1942 folgten, gefangen oder getötet worden, sagt Yehuda, der selbst unentdeckt bleiben konnte. Sich zu verstecken sei fast unmöglich gewesen, erzählt er. Das Ghetto sei schon deutlich verkleinert worden und hätte keinen Unterschlupf mehr für die Widerstandskämpfer geboten. Polnische Familien, die Juden versteckten, so erzählt Yehuda, seien mit dem Tod betraft worden.

Ihm selbst gelang es, als Christ getarnt, ein Zimmer zu mieten und so der Verhaftungs- und Tötungswelle zu entgehen. Von den 80 Kameraden, die er hatte, blieben 30 übrig. Sie machten als Partisanen weiter.

Yehuda wurde mit der Geldbeschaffung beauftragt. Bei einem geplanten Raub wurde er im März 1943 verraten und verhaftet und in eines der berüchtigsten Gefängnisse der SS gesteckt. Nach einer Woche Verhör kam er in den Todestrakt. Von dort aber kam er als politischer Häftling per Gerichtsbeschluss mit einer Gruppe von 7 Männern und 3 Frauen nach Auschwitz. Warum er nicht, wie andere Insassen, ermordet wurde, weiß er bis heute nicht. Es müssen irgendwelche bürokratischen Gründe gewesen sein, die man vielleicht einmal in den Dokumenten nachsehen müsste.

In Auschwitz, so erzählt er, sei es im Grunde nicht möglich gewesen, mehr als vier oder fünf Monate zu überleben. Die Zwangsarbeit hätte alle Kräfte aufgezehrt und ein Stück Brot, ein Nichts an Margarine und verwässerte Suppe hätten den Substanzverlust nicht ausgleichen können. Die nicht mehr Arbeitsfähigen seinen regelmäßig ausselektiert und in die Krematorien geschickt worden. Die Selektion erfolgte anhand einer Inspektion der nackten Körper.

Yehuda selbst kam nach einem Monat Gefängnis bereits geschwächt in Auschwitz an. Nach wenigen Wochen Zwangsarbeit wurde er krank.

Im Krankenhaus, das es in Auschwitz gab, durfte ein Patient nicht länger als 14 Tage sein. Wer nach zwei Wochen nicht gesund war, wurde ins Krematorium geschickt. Yehuda erkrankte schwer und hatte am 13. Tag 40 Fieber. Er sollte am nächsten Tag in den Tod geschickt werden. Vor seinem Tod wollte er unbedingt noch die Geschichte vom jüdischen Widerstand in Krakau weitergeben. Er erzählte sie einem Pfleger, von dem er nicht wusste, aus welchem Grund er in Auschwitz war, da die Pfleger und Schwestern nicht gekennzeichnet waren.

Es stellte sich heraus, dass es ein Jude war, 10 Jahre älter als Yehuda und Apotheker, weswegen er als Pfleger angestellt war. Es stellte sich weiter heraus, das er ebenfalls Mitglied von Akiba war. Und es stellte sich weiter heraus, dass er zum Untergrund in Auschwitz gehörte. Nachdem sich der Pfleger an seinen Vorgesetzten aus dem Untergrund gewendet hatte, wurde Yehuda verlegt und als Neuzugang ausgewiesen. Er wurde für den Untergrund rekrutiert. Es sei eine kommunistische Widerstandsbewegung gewesen, erzählt er. Er habe darauf bestanden, als Zionist aufgenommen zu werden. Denn Kommunist sei er nie gewesen.

Das Ziel des Untergrunds in Auschwitz sei es gewesen, bei der bereits zu erwartenden Auflösung des Lagers loszuschlagen. Die Annahme war, dass die Deutschen alle Insassen umbringen würden, wenn sie das Lager liquidieren. Yehuda überlebte 22 Monate in Auschwitz. Am 18. Januar begann die Räumung des Lagers. Sie sollte als Todesmarsch in die Geschichtsbücher eingehen.

Yehuda gelang es, nach drei Tagen mit einer Handvoll Kameraden zu entkommen. Eine kleine Gruppe aus acht Mann hatte sich beim Abmarsch in Auschwitz fest vorgenommen zu fliehen. Der Fluchtversuch von drei von ihnen misslang. Sie wurden erschlossen.

Yehuda und vier anderen gelang es im Lager Gleiwitz zu entkommen.

In dem Lager wurden, in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar, Inhaftierte aus verschiedenen Konzentrationslagern zusammengeführt. Das Lager, nahe der Front gelegen, sei stockdunkel gewesen, erinnert sich Yehuda. Da er und seine Kameraden für die frühen Morgenstunden ihre Flucht geplant hatten, wollten sie unbedingt ein bißchen Schlaf bekommen. Auf der Suche nach einem Schlafplatz in dem völlig überfüllten Lager sei er auf seinen Bruder gestoßen, den er mehr als zwei Jahre nicht gesehen hatte. Vergeblich versuchte er ihn zu überreden, mit ihm zu flüchten. Sein Bruder sah keine große Chance in Häftlingskleidern zu überleben. Sie würden verraten und umgebracht werden, war er sich sicher.

Doch Yehuda blieb entschlossen zu fliehen. Er und seine Kameraden gelangten in den Morgenstunden auf die Balken unterhalb des Giebels des Lagers, wo sie in Eiseskälte ausharrten. Als das Lager geräumt wurde – Yehuda kann sich noch genau an die Rufe „Alle raus! Alle raus!“ erinnern – blieben sie unentdeckt. Einige Zeit später aber kamen SS Uniformierte mit Hunden zurück und spürten im Lager Einige auf, die sich versteckt hielten. Yehuda und seine vier Kameraden waren sich sicher, dass ihr Ende gekommen war. Doch sie blieben unentdeckt. Nach Stunden, als sie bereits zu erfrieren drohten, stiegen sie ins Lager herunter. Das Lager lag verlassen und die Fünf machten sich auf den Weg in die nächstgelegene Stadt.

Auf dem Weg bekamen sie mitgeteilt, das sich SS in der Stadt aufhalte. Vorsichtig gingen sie von Haus zu Haus und klopften an die Fenster. Sie hätten sich keine großen Hoffnungen gemacht, sagt Yehuda. Immerhin sei die Front in hörbarer Nähe gewesen und wer öffne da Nachts sein Haus. Doch tatsächlich öffnete eine junge Frau, die mit ihrer Mutter zusammenlebte, die Tür. Yehuda erklärte ihr auf polnisch, dass sie polnische Gefangene auf der Flucht seien. Dass sie Juden waren, verschwiegen sie und beim Hände waschen achteten sie darauf, ihre Nummern nicht zu entblößen. Sie fanden im Kartoffelkeller des Hauses ein Versteck. Nach weiteren sieben Tagen wurde die Stadt von der Roten Armee befreit. Sie hätten gewusst, dass sie den Deutschen endgültig entkommen seien, beschreibt Yehuda sein Gefühl, als er aus dem Keller stieg. Was zunächst blieb war die Sorge vor den Russen, die sich aber (in ihrem Fall) als unbegründet erwies.

Nach der Befreiung Polens kehrte Yehuda in seine Geburtsstadt Krakau zurück. Es seien die tragischsten Eindrücke seines Lebens gewesen, erzählt er, die geliebte Stadt seiner Kindheit in Trümmern zu sehen. Es sei der schlimmste Tag seines Lebens gewesen.

In Auschwitz, so sagt er, habe man nicht nachgedacht. Man sei zu schwach und geschunden gewesen, um zu denken. Man habe nur von Augenblick zu Augenblick denken können. Nicht ans Morgen. Man sei nur auf das Leben und Sterben fokussiert gewesen. Erst als er nach Krakau kam begriff er wirklich, welche unbeschreibliche Katastrophe sich zugetragen hatte. Das Ausmass der Judenvernichtung sei ihm plötzlich klar geworden. Seine Eltern und der grösste Teil seiner Familie wurden von den Deutschen während der Shoa ermordet.

Das Mädchen, das er über alles geliebt habe, war von Deutschen ermordet worden.

Für sich selbst, so erzählt Yehuda, habe er nur noch einen Sinn im Leben gesehen: Nach Erez Israel zu gehen und dort die Geschichte vom Widerstand in Krakau weiterzugeben, um sie aufzuheben und vor dem Vergessen zu bewahren. Im April 1945 gelangte er auf seinem Weg Richtung Palästina nach Bukarest, wo er auf Aba Kovner traf, den legendären jüdischen Widerstandskämpfer. Er rekrutierte sich für einen Rachetrupp unter der Führung von Aba Kovner, der aus 60 Leuten bestand, alle Widerstandskämpfer und Partisanen des Krieges.

Es sei für ihn die Fortsetzung des Krieges gewesen. Teil des Kampfes gegen die Deutschen. Auch nach dem offiziellen Kriegsende, das er selbst nicht als solches akzeptieren konnte. Die Deutschen, die Hunderte Juden in Synagogen gesteckt hatten, um sie lebendig zu verbrennen. Die Deutschen, die Müttern ihre Kinder entrissen hatten, um sie vor deren Augen zu töten. Yehuda erzählt, das sterbende Juden überall mit ihrem Blut vor ihrem Tod “Nekama” geschrieben hatten, “Rache”. Für ihn sei der Krieg nicht einfach zu Ende gewesen. Die Deutschen hätten mit dem Mord an sechs Millionen Juden nicht einfach ungestraft davonkommen dürfen.

Im April 46 gelang es der Gruppe, Aktivisten in die Bäckerei eines Gefangenenlagers für SS-Soldaten in Nürnberg zu schleusen, die das Brot der Gefangenen vergiftet haben.

Danach machte sich Yehuda auf den Weg nach Palästina. Auf dem Weg zu einem der Schiffe, die jüdische Flüchtlinge illegal nach Palästina brachten, lernte er in den dolomitischen Alpen Aviva kennen, die zu der Zeit noch Frede hieß.

Sie war im oberschlesischen Sosnowiec, als Mitglied des HaShomer HaZair, im zionistischen Untergrund aktiv. Zionistischen Jugendorganisationen gelang es einer Anzahl von Juden aus Sosnowiec zu helfen, in Deutschland und Ungarn unter falscher Identität unterzutauchen. Der Etablierung eines Ghettos und der Zwangsarbeit folgte in Sosnowiec die Liquidierung und die Deportationen nach Auschwitz. 1943 wurde ein bewaffneter Aufstand der Juden von den Deutschen niedergeschlagen. Aviva selbst überlebte die Kämpfe und auch den Holocaust. In den Nachkriegswirren entschloss auch sie sich zur Auswanderung nach Palästina.

Yehuda und Aviva lernten sich während der Alpenüberquerung kennen und trafen sich später in Italien wieder, wo sie das gleiche Vorbereitungscamp für die Ausreise nach Palästina durchgemacht haben. Nachdem sie illegal nach Eretz Israel gelangt waren, heirateten sie noch im August 46.

Die Widerstandskämpfer Yehuda und Aviva Maimon sind inzwischen seit mehr als 65 Jahren verheiratet.

Für ihn persönlich habe der Krieg nie aufgehört sagt er. Auschwitz würde ihn unaufhörlich verfolgen. Wann immer er abends mit anderen Holocaust-Überlebenden zusammengesessen sei, konnte getrunken und getanzt werden. Am Ende wurde über Auschwitz geredet.

Trotzdem hat er heute eine andere Einstellung als nach dem Krieg, als er auf Rache aus war. Die Kämpfe und das Töten seien vorbei.

Für ihn sei der Kampf gegen Deutschland vorbei gewesen, als es zur Aufnahme von Beziehungen zwischen Israel und Deutschland kam. Man könne nicht diplomatische Beziehungen mit Deutschland unterhalten, die Israel helfen, und gleichzeitig Deutschland hassen. Und in den Deutschen von heute sehe er keine Feinde. Sondern Verbündete. Allerdings dürfe es auf keinen Fall passieren, das vergessen wird, was passiert ist.

Yehuda Maimon und Oliver Vrankovic
Yehuda und der Autor (Bild: F.Krauss)