Zum 30. Todestag Marc Chagalls

Ein Rückblick auf einen individualistischen Kosmopoliten…

„Wenn man in einem Bild ein Symbol entdeckt, so habe ich das nicht gewollt.
Es ist ein Ergebnis, das ich nicht gesucht habe. Es ist etwas, was sich hinterher findet
und was man nach seinem Geschmack deuten kann.“[1]

Marc Chagall, 1941, (c) Carl van VechtenVon Michael Lausberg

Marc Chagall wurde am 7. Juli 1887 in dem Dorf Liosno nahe der weißrussischen Stadt Witebsk als Sohn russisch-jüdischer Eltern geboren. Sein ursprünglicher russischer Name war Moische Chazkelewitsch Schagalow. Vor allem die mystische biblische Welt seiner Kindheit bildete die Grundlage seiner frühen Arbeiten. Im Jahre 1908 begann Chagall ein Studium an der kaiserlichen Kunstakademie „Gesellschaft zum Schutze der Künste“. Leon Bask, einer seiner damaligen Lehrer, brachte ihm französische Maler wie Paul Cezanne, Paul Gauguin oder Vincent van Gogh näher.[2]

Im Laufe der Zeit fand Chagall seinen eigenen Stil und entwickelte sich als Künstler derart weiter, so dass im Jahre 1914 seine erste Einzelausstellung mit 40 Gemälden und 120 Zeichnungen in der Berliner Galerie „Sturm“ stattfand. Die russische Revolution betrachtete er wie viele andere auch als Chance für eine neue Welt und eine neue Gesellschaft, wo es keine Klassenunterschiede mehr geben sollte.

Es zog ihn im Laufe der Zeit nach ins damalige weltweite Zentrum der Künste und so wurde er Mitglied der ersten Schule von Paris.[3] Dies gilt als Sammelbegriff für vorrangig ausländische Künstler, die nach 1900 bis zum Anfang des 2. Weltkrieges nach Paris kamen, um von der französischen Kunst zu lernen und an den Akademien zu studieren oder ihre Kunst zu verkaufen. Neben Chagall sind noch in diesem Zusammenhang die russischen Künstler Natalia Gontscharowa und Michail Larionow oder der Rumäne Constantin Brancusi zu erwähnen.

Er begegnete den Malern Robert Delaunay, Albert Gleizes, Fernand Lèger, Henri Matisse und den Dichtern Guillaume Apollinaire, Max Jacob und Blaise Cendrars. Mit Apollinaire, Cendrars, Delaunay, Matisse und Léger verband ihn bald eine besondere Freundschaft und es zum künstlerischen Austausch. 1937 wurde Chagall französischer Staatsbürger.

Er lernte auch in Paris den Kurator und Verleger Ambroise Vollard kennen, der ihm 1930 den Vorschlag unterbreitete, Illustrationen zur Bibel anzufertigen. Aus diesem Grund reiste Chagall  1931 nach Palästina, um sich dort mit der Umgebung und den Landschaften der biblischen Welt vertraut zu machen. Chagall arbeitete immer mal wieder von 1931 bis 1939 und zwischen 1952 bis 1956 an den Bibelmotiven.

Im Nationalsozialismus wurden 57 seiner Arbeiten aus verschiedenen Sammlungen entfernt; ein paar von ihnen wurden 1937 in der Ausstellung über „entartete Kunst“ ausgestellt. Die Agitation gegen die avantgardistische Kunst wurde von Joseoph Goebbels, Reichsminister für „Volksaufklärung und Propaganda, am 30.6.1937 mit der Verordnung „zur Aussonderung deutscher Verfallskunst zum Zwecke der Ausstellung“ begonnen. Die Ausstellung für „entartete Kunst“ zeige einen „bewussten Angriff auf die Ideale der germanischen Rasse“.[4] Künstler wie Chagall, Oskar Kokoschka, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und Otto Dix wurden damit von den Nationalsozialisten an den Pranger gestellt. In der Folgezeit wurden von der Gestapo ca. 16.000 Werke von „entarteten Künstlern“ in Museen beschlagnahmt. Diese Werke wurden dann ins Propagandaministerium gebracht und später zum Teil als „unverwertbarer Bestand“ verbrannt.

Chagalls Bild „Die weiße Kreuzigung“ drückte seine Furcht vor der im nationalsozialistischen Deutschland praktizierten Judenverfolgung aus, die in Teilen auch auf Frankreich übergriff. Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges zog Chagall mit seiner Familie aus Angst vor einer möglichen Verhaftung und Deportation nach Südfrankreich über. Als sich Chagall in Marseille aufhielt, wurde er von der Polizei verhaftet. Nur dank einer Intervention der USA konnte eine Auslieferung an deutsche Behörden verhindert werden. Dann nahm er eine Einladung des Museums of Modern Art in New York an und siedelte in die USA über.

Der 2. Weltkrieg und die Judenverfolgung ließ ihn innerlich nicht los, was seine in dieser Zeit entstandenen Bilder wie „Der Krieg“ oder „Die Kreuzigung in Gelb“ zeigten.[5] Außerdem widmete er sich in seiner Kunst Motiven seiner Heimatstadt Witebsk. Nebenbei arbeitete er als Bühnenbildner für die Aufführungen von Tschaikowskys Ballett „Aleko“ und Strawinskis Werk „Der Feuervogel“. Im Jahre 1946 wurde im Museum of Modern Art in New York eine Ausstellung über Chagall mit dem Schwerpunkt der Arbeiten aus den letzten vier Jahren eröffnet. Eine Anschlussausstellung fand in Chicago statt. Ein Jahr später gab eine retrospektivische Ausstellung im Musee d’Art moderne in Paris; dieselbe Ausstellung ging 1948 nach zunächst nach Amsterdam und dann in die Tate Gallery nach London. Dies festigte seine Stellung in Europa und den USA als einer der führenden Künstler der Avantgarde.

Auf der 25. Biennale von Venedig 1948 erhielt er den ersten Preis für Graphik. Im Auftrag von Vollard illustrierte er „Die toten Seelen“ von Nikolai Gogol.[6] Chagall entwarf 1956 für das Ballett „Daphne und Chloe“ Kostüme und Dekorationen. Er stellte für die Aufführung von Mozarts Zauberflöte im Jahre 1965 Dekorationen und Kostüme her. Zudem illustrierte er Glasfenster für die Kathedrale von Metz und im Gebäude der Vereinten Nationen, entwarf ein Deckengemälde für die Pariser Oper und kreierte eine Mosaikwand für das israelische Parlamentsgebäude in Jerusalem. Er gestaltete auch die Decke der Pariser Oper, Wandbilder in der New Yorker Oper und Dekorationen im Vatikan. Chagall illustrierte insgesamt neun Kirchenfenster der Pfarrkirche St. Stephan in Mainz, um zu einer friedlichen christlich-jüdischen Koexistenz beizutragen.[7] Neben seinen künstlerischen Tätigkeiten war Chagall auch als Publizist tätig. In diesem Zusammenhang ist vor allem seine Biographie „Ma Vie“ zu nennen. Weiterhin schrieb er Texte, Gedichte und Essays über Kunst und Literatur in jiddischer Sprache und illustrierte jiddische Bücher.

Als Chagall der französischen Regierung 17 Bilder seiner „Biblischen Botschaft“ schenkte, beschloss diese den Bau des Musée National Message Biblique Marc Chagall in Nizza, das 1973 eröffnet wurde. Ab 1982 fanden Retrospektivausstellungen von Chagalls Werken in ganz Europa statt. Am 28. März 1985 starb Marc Chagall im Alter von 97 Jahren in Saint-Paul-de-Vence, wo er auch beigesetzt wurde.

Marc Chagall hinterließ der Menschheit ein riesiges Gesamtwerk. Er gilt als spezifischer Künstler, der sich nur schwer in idealtypischer Weise einem bestimmten Kunststil zuordnen lässt. Von verschiedener Seite wird er oft dem Expressionismus zugeordnet. In Paris wurde Chagall durch die Farbenpracht des Fauvismus[8] und die abstrakt scheinende Malweise des Kubismus[9] geprägt. Neben diesen Kunstrichtungen gilt die jüdische Mythologie als weiteres Merkmal seines Stils. Die Werke „Der Jude in Grün“, „Der Jude in Rot“ und „Der Jude in Schwarz-Weiß“ sind dafür treffende Beispiele.[10] Sein persönliches Umfeld, seine Heimatstadt Witebsk, Motive aus der Bibel sowie aus dem Zirkus sind Hauptthemen seines künstlerischen Schaffens. Sowohl in seinen Bildern als auch in den Mosaiken, Fenstern und Theaterkulissen tauchen diese Symbole regelmäßig auf. Seine Werke drehen sich um große Ereignisse im Leben eines einzelnen Menschen; Geburt, Trauer, Liebe, Heirat und Tod finden sich in allen von Chagalls verschiedenen Schaffensphasen.

Marc Chagall, Über Witebsk, o. J. Bleistift, indische Tinte, Gouache, Wasserfarbe, Graphit und Kreide auf Karton, 51,5 x 64,3 cm Israel Museum, Jerusalem, © VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Marc Chagall, Über Witebsk, o. J.; Bleistift, indische Tinte, Gouache, Wasserfarbe, Graphit und Kreide auf Karton, 51,5 x 64,3 cm
Israel Museum, Jerusalem, © VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Ausstellung Lebenslinien

„Dieser gewaltige Träumer dem sich die Wirklichkeit ständig ins Märchenhafte verflüchtigte“[11], verwendete meist einfache Formen; die Farben in seinen Bildern wirken dabei außerordentlich intensiv.[12] Chagall trug die Farben – entweder Ölfarbe oder Kolorit – direkt auf die Leinwand auf. Seine Farbenauswahl bewirkte, dass sich der Betrachter wie in einen Traum hineingezogen fühlt: „Die ganze Kunst Chagalls ist in der Zauberkraft seiner Farbe enthalten; durch sie bewirkt er das Wunder, gleichzeitig Andeutung uns Bestätigung zu sein, und er vermittelt dem Betrachter den Eindruck, in einen Traum hineingezogen zu werden, in dem er sich sehr frei glaubt, aber in dem ihm der Künstler dennoch seine persönliche Vision mit einer Autorität aufzwingt, gegen die er nicht ankam.“[13] Cogniat stellte mit Recht fest, dass Chagall als individueller Künstler begriffen werden muss: „(…) die Kunst Chagalls in einem Licht zu sehen, das nur ihm persönlich eigen ist, und nichts von all den ästhetischen Systemen offenbart, in die man ihn so oft sperren wollte. Dank dieser Fakten nimmt sein Werk eine autonome Stellung in der zeitgenössischen Kunst ein und erhält eine innere Logik, die weit über jene Ordnung hinausgeht, welche die meisten Kunsthistoriker dem Maler aufzwingen möchten. (…) stellt auf seinen Bildern vor allem seine ureigenen Geschichten dar, und der Betrachter glaubt die Bedeutung des Dargebotenen ganz nach eigenem Ermessen auslegen zu können. (…) Chagall ist tatsächlich mehr Individualist als alle großen Künstler unserer Zeit, mehr als jeder andere hat er seine eigene Handschrift erfunden, und sei es nur in der scheinbaren Naivität und Leichtigkeit seiner Arbeiten.“[14]

[1] Walther, I. F./Metzger, R.: Marc Chagall 1887–1985. Malerei als Poesie; München 1994, S. 78

[2] Sorlier, C.: Marc Chagall, Traum, Vision und Wirklichkeit, München 1995, S. 16ff

[3] Neumann, K.: Kulturmetropole Paris, München 1992, S. 87

[4] Zuschlag, C.: Entartete Kunst. Ausstellungsstrategien im Nazi-Deutschland, Worms 1995, S. 46

[5] Höpler, B.: Chagall. Das Leben ist ein Traum.  München 1998, S. 36

[6] Ebd., S. 38

[7] www.kettererkunst.de/bio/MarcChagall-1887-1985.php

[8] In einer Besprechung von 1905 bezeichnete der Kritiker Louis Vauxcelles die Bilder von Henri Matisse und anderen als „fauve“ („wilde Bestien“). Andere Kritiker verglichen die Werke mit kindlichen Schmierereien. Typisch sind die zweidimensionale Raumauffassung und die leuchtenden Farben mit einer tiefen Wirkung. Elemente des „Primitivismus“, Symbolismus und Expressionismus erscheinen in ihnen; es geht um das Wesen eines Motivs, nicht um die genaue Wiedergabe. Vgl. dazu Sotriffer, K..: Expressionismus und Fauvismus. Wien 1971, S. 10ff

[9] Protagonisten des Kubismus waren Pablo Picasso und Georges Braques. Dort erscheinen Rechtecke und Kreisformen, die die Objekte trotz verzerrter Perspektive im Gleichgewicht halten. Der Standpunkt des Betrachters scheint gleichzeitig über den Objekten, parallel zu ihnen und unterhalb von ihnen zu liegen. Picasso war für seine geometrische Gestaltung mit facettenartigen gebrochenen Flächen bekannt. Der Begriff Kubismus selbst geht auf den Kritiker Louis Vauxcelles zurück. 1908 schrieb er anlässlich einer Ausstellung von Braques von „kleinen Kuben“ auf den Bildern. Vgl. dazu Ormiston, R.: Moderne Kunst. Die 50 wichtigsten Stilrichtungen, München/London/New York 2014, S. 44

[10] www.kunst-zeiten.de/Marc_Chagall-Werk

[11] www.zeit.de/1956/51/chagalls-bibel-ein-naturereignis

[12] www.kunst-zeiten.de/Marc_Chagall-Werk

[13] Cogniat, R.: Marc Chagall, München o.J., S. 63

[14] Ebd., S. 24