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Die unbekannte Nichte

Die in Vergessenheit geratene Kinderbuchautorin Tom Seidmann-Freud…

Von Judith Kessler

Ihr Onkel Sigmund hat als „Dompteur des Unterbewussten“ für alle Zeiten einen Platz im Gedächtnis der Menschen gefunden. Sie selbst ist – weitgehend – vergessen: Tom Seidmann-Freud, Kinderbuchautorin, Illustratorin, Möbel-, Spielzeug-, Mode-Gestalterin.

Tom Seidmann-Freud - FischreiseGeboren wurde das Multitalent 1892 in Wien als Tochter von Maurice und Mitzi (Marie) Freud, der Schwester des Psychoanalyse-Begründers. Man nannte das Mädchen Martha Gertrud, sie aber legte sich mit 15 Jahren den Namen Tom zu. Zu dieser Zeit lebte die Familie Freud bereits einige Jahre in Berlin, erst in der Bamberger Straße 5, dann in der Ansbacher Straße 6. Hier wurden auch Toms Brüder geboren: Georg starb bereits am Tag der Geburt, sein Zwillingsbruder Theodor, den Tom sehr liebte, ertrank mit 17 beim Baden. Ihm widmete sie später ihr kubistisch angehauchtes Kinderbuch „Die Fischreise“, das vom kleinen Jungen Peregrin handelt, der von seinem Goldfisch Nickeling in ein neues Land getragen wird.

Zuvor jedoch hatte sie die Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg besucht und 1914 ihr erstes Buch – „Das Babyliederbuch“ – veröffentlicht sowie äußerst erfolgreiche Märchennachmittage mit ihrer Schwester Lilly veranstaltet. 1918 ging sie nach München und gehörte in Schwabing zu dem jüdischen Intellektuellenkreis um Schmuel Agnon und Gershom Scholem. Der bezeichnete die „sozusagen von Zigaretten lebende“, bubiköpfige Tom als „authentische Bohemienne“ von „fast pittoresker Hässlichkeit“ und als eine „ans Geniale grenzende Illustratorin“.

Tatsächlich stehen ihre Arbeiten vom „Buch der Hasengeschichten“ bis zu „Hurra, wir rechnen!“ in einer Reihe mit den Kinderbüchern von Grosz, Brecht, Schwitters,Morgenstern oder Ringelnatz. Wie diese brach auch Tom Freud die verkrusteten Formen des Kinderbuches auf, und bewies dabei große Wandlungsfähigkeit, anfänglich noch vom filigran- sanften Jugendstil beeinflusst, später vom Bauhaus und der neuen Sachlichkeit, mal verspielt, ornamental daherkommend, mal abstrakt oder in raffinierter Schablonentechnik.

1920, in dem Jahr, in dem auch ihr Vater in Berlin starb (die Mutter Mitzi wurde in Treblinka ermordet), musste sie nach Berlin zurück. Bayern hatte begonnen, Ausländer auszuweisen und Tom Freud besaß die rumänische Staatsbürgerschaft. 1921 heiratete sie hier den aus Polen stammenden Lektor Jakob (Jankew) Seidman. Das Paar zog in die Schillerstraße 12-13 in Charlottenburg, wo 1922 Tochter Awiwa (Angela) geboren wurde.

Jakob Seidman gründete den Peregrin-Verlag, in dem Übersetzungen jüdischer Religionsphilosophen erschienen, aber unter anderem 1923 auch Toms „Fischreise“. Chaim Nachman Bialik übersetzte das Buch ins Hebräische. Sie illustrierte dafür eines seiner Bücher, ein Band mit hebräischen Kindergedichten: „Das Buch der Dinge“, das bald darauf dank Bialik und dem russischen Emigrantenkreis auch auf Russisch verlegt wurde. Tom Seidmann Freud hat bis 1930 zahlreiche Bücher und Sammlungen von Spiel-, Lese-, Schreibund Denkaufgaben in reformpädagogischer Tradition fertiggestellt, so die Spielfibeln „Hurra, wir lesen!“ und „Hurra, wir schreiben!“, deren Gestaltung Walter Benjamin als „seltene Vereinigung gründlichsten Geistes mit der leichtesten Hand“ lobt, das dem Kind „Selbstvertrauen und Sicherheit“ schenke. Das lag vor allem daran, dass Freud die Idee der Verwandlungs- und Kulissenbücher des 19. Jahrhunderts mit ihren beweglichen Zieh- und Drehbildern neu aufgegriffen und weiterentwickelt hat. In und mit diesen Büchern bekamen die Kinder eine aktive Rolle, mussten mitarbeiten und mitdenken.

Tom Freud war sehr beeindruckt und beeinflusst von ihrem „Onkel Sigmund“ und seinen Theorien. Sehr wahrscheinlich ist auch das „Buch der erfüllten Wünsche“ mit seiner psychoanalytisch motivierten Darstellung der kindlichen Entwicklung vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenen in der Auseinandersetzung mit ihm entstanden, ähnlich wie ihre Cousine Anna Freud – allerdings auf andere Weise – von Sigmund Freud inspiriert wurde. In dem Jahr, als die „Erfüllten Wünsche“ erschienen (und als einziges ihrer Bücher ein totaler „Verkaufs- Flop“ wurden), 1929, der berühmte Wiener Onkel war gerade zu Besuch in Berlin – beging Jakob Seidmann Selbstmord. Sein Verlag war Bankrott gegangen.

Tom Freud kam über den Freitod ihres Mannes nicht hinweg. Nach einer schweren Depression starb, wenige Monate später auch sie, nur 37 Jahre alt. Ein halbes Jahr nach dem Tod Tom Freuds im Februar 1930 wurden zwei ihrer Bücher – die „Spielfibel Nr. 1“ und „Das Zauberboot“ – unter die 50 schönsten in Deutschland erschienenen Bücher gewählt. Mit dem Machtantritt der Nazis gelangten die Bücher auf den Index. Zwar wurde das „Das Zauberboot“ mehr als ein halbes Jahrhundert später – nun Neudeutsch als „Pop-up-Buch“ deklariert – noch einmal aufgelegt (1986 in München), Tom Seidmann-Freud ist jedoch so gut wie vergessen.

Ihr Grab, für dessen Instandsetzung die Psychotherapeutin Barbara Murken dankenswerter Weise gesorgt hat, befindet sich neben dem ihres Mannes Jakob auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee (Feld H 6, Reihe 6). Am 7. Februar jährt sich ihr Todestag.