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„Nasenjoseph“

Am 12. Februar jährt sich der Todestag Jacques Josephs, des vor 150 Jahren geborenen Begründers der Nasenchirurgie…

Von Judith Kessler

Was in der heutigen Chirurgie gang und gäbe ist – Nase kleiner, Busen größer, Schenkel schlanker, Lippen voller – haben wir zu einem guten Teil dem Berliner Arzt Jacques Joseph zu verdanken.

"Nasenjoseph" - Jacques JosephJoseph, 1865 als drittes Kind des Rabbiners Israel Joseph und seiner Frau Sara in Königsberg geboren, studierte in Berlin, promovierte in Leipzig und ließ sich anschließend als praktischer Arzt nieder. 1892 wurde er Assistent an der angesehenen orthopädischen Poliklinik von Julius Wolff („Knochenwolff“) in Berlin. Als er vier Jahre später eigenmächtig einem Jungen operativ die Segelohren anlegte, entließ ihn Wolff, weil der Junge ja schließlich keinen organischen Schaden hatte.

Joseph, der längst verstanden hatte, dass es auch seelische Qualen gibt, die chirurgisch behebbar waren, eröffnete wieder eine eigene Praxis. Hier führte er 1898 die erste Nasenverkleinerung durch, noch über einen äußeren Zugang, der natürlich Narben hinterließ. Sein Patient, ein junger Jude, der viel Spott wegen seiner sehr großen Nase hatte erleiden müssen, war dennoch überglücklich. Jacques Joseph begründete den Eingriff vor der Berliner Medizinischen Gesellschaft damit, dass die „psychologische Wirkung des Eingriffs von äußerster Bedeutung“ gewesen und die depressive Einstellung des Patienten „gänzlich abgeklungen“ sei. Diese Operation gilt als die erste moderne Nasenoperation.
Joseph verfeinerte seine Methode und die Instrumente weiter und 1904, vor nunmehr über 110 Jahren, gelang ihm an der Berliner Charité die erste Nasenkorrektur von innen, Knochen und Knorpel wurden so abgetragen, dass keine sichtbaren Narben zurückblieben.

So wie Joseph selbst seinen Vornamen von Jakob Lewin in Jacques geändert hatte, um zur Gesellschaft „dazuzugehören“ (in seiner Universitätszeit war er sogar aktives Mitglied einer schlagenden Verbindung), half er von nun an anderen Juden, „deutsch“ auszusehen (auch wenn das anerkannte Ideal sich eigentlich an der klassischen griechischen Skulptur orientierte), quasi „unsichtbar“ zu werden, um endgültig Akzeptanz zu erlangen.

Der Kulturhistoriker Sander Gilman erklärte einmal in einem Aufsatz, welch große Rolle dieses Unsichtbarwerden oder -sein spielt(e): Versuche einer ästhetischen Chirurgie gab es ja bereits vor über 2000 Jahren und verstärkt wieder seit dem 16. Jahrhundert, als mit der Ausbreitung der Syphilis der Wunsch entstand, die offensichtlichen Entstellungen, die die „Unmoral“ im Gesicht der Kranken hinterlassen hatte, „verschwinden“ zu lassen. Nachdem mit dem Aufkommen der Rassentheorien physiognomische Unterschiede als Beweise für eine bestimmte Rassenzugehörigkeit herangezogen wurden, bot die plastische Chirurgie nun den Ausweg, um damit verbundene vermeintliche Makel korrigieren zu lassen.

Ganze Generationen irischer Einwanderer in den USA haben sich ihre „zu kleinen Nasen“ und Juden ihre „zu großen” operieren lassen, und vietnamesische Migranten schenken ihren Töchtern noch heute (wie amerikanische Juden in den 50ern) zum 16. Geburtstag eine Nasen-OP, um ihre „zu kurzen“ asiatischen Nasen amerikanisieren zu lassen.

Bevor Joseph jedoch unzähligen deutschen Juden zur „optischen Assimilation“ verhalf, eröffnete sich ihm ein anderes, neues Betätigungsfeld. Der Erste Weltkrieg brachte „dank“ neuartiger Waffen zahllose schrecklich verunstaltete Soldaten in seine Praxis. Der Stabsarzt der Reserve wurde zum Pionier der plastischen Gesichtschirurgie. Er rekonstruierte nicht nur Nasen sondern auch andere, größere Teile des Gesichts seiner unglücklichen Patienten, die ihm zeitlebens dankbar verbunden blieben. Sogar Wilhelm II. wurde auf ihn aufmerksam und bot ihm eine Professur für plastische Chirurgie an, die Joseph jedoch ablehnte, weil er dafür zum Christentum hätte übertreten müssen. 1919 wurde er dennoch zum Professor ernannt, nachdem er bereits auch Leiter der 1916 eingerichteten Abteilung für Gesichtsplastik an der Charité geworden war. Joseph beschäftigte sich aber auch mit Mamma-Plastiken, entwickelte Operationsinstrumente und -verfahren weiter und publizierte seine Methoden in zahlreichen wegweisenden Lehrbüchern und Aufsätzen. Sein außergewöhnliches chirurgisches Können, gepaart mit einem sicheren künstlerischen Formgefühl und sorgfältigster OP-Planung gelten noch heute als vorbildhaft.

In den 20er Jahren, nun wieder in der eigenen Praxis, richtete Joseph Nasen vor allem aus ästhetischen Gründen. Egon Erwin Kisch setzte ihm und seinen schönheitssüchtigen Patienten/innen ein ironisches Denkmal, als er 1922 Nasenjosephs Praxisalltag beschrieb. Aus dieser Zeit großer Popularität stammt wohl auch sein Spitzname. Da es eine ganze Reihe Mediziner mit dem Nachnamen Joseph gab, unterschieden die Berliner sie in bekannt pragmatisch-rotziger Weise nach ihrem Fachgebiet: der Dermatologe Max J. wurde „Hautjoseph oder „Hoseph“ genannt, der Urologe Eugen J. „Blasenjoseph oder „Bloseph“, der Internist Gustav J. „Magenjoseph“ oder „Moseph“, der Gynäkologe Siegbert J. war der „Damenjoseph“, und Jacques Joseph hieß eben „Nasenjoseph“ oder „Noseph“.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurden all diese angesehenen und verdienten Ärzte fast über Nacht zu Unpersonen. Ein Joseph war „rechtzeitig“ gestorben, einer anderer beging Selbstmord, einer wurde ermordet, einer gilt als verschollen. Jacques Joseph – Begründer der modernen Nasenchirurgie, Träger des Eisernen Kreuzes – starb am 12. Februar 1934 auf dem Weg zur Arbeit an einem Herzinfarkt, möglicherweise im Zusammenhang mit Misshandlungen, die er bei Gestapo-Verhören erlitten hatte. (Andere Versionen seines Todes, so ein Selbstmord oder ein Infarkt, den er bekommen haben soll, als er erfuhr, dass sein Schwiegersohn bei einem versuchten Grenzübertritt erschossen worden sei, haben sich als unwahrscheinlich erwiesen.)

Josephs Grab auf dem Friedhof Weißensee, das – durch Bomben zerstört – als Kriegsverlust galt, wurde erst 2003 von Professor Walter Briedigkeit wieder ausfindig gemacht, der anhand der Bohrlöcher auch den Text der zerstörten Inschrift rekonstruieren konnte; sie beginnt: „Dir war den Menschen zu helfen beschieden. Ruh aus von der Arbeit auch du in Frieden“.

2004 erhielt Nasen-Joseph dank Spenden aus dem In- und Ausland auch wieder einen würdigen Grabstein auf dem Friedhof Weißensee. Und international halten seine Fachkollegen den großen Chirurgen in Ehren: Die Europäische Gesellschaft für Gesichtschirurgie trägt den Namen Joseph Society.