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„Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben eine kleine Weile ob der Welt…“

Am 27./28. Februar 1943 wurden Tausende jüdische Zwangsarbeiter an ihren Arbeitsstätten verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Auch die Berliner Dichterin Gertrud Kolmar fiel dieser sogenannten »Fabrik-Aktion« zum Opfer…

Von Judith Kessler

Gertrud KolmarGertrud Kolmar gilt heute als „eine der größten Lyrikerinnen“ (Nelly Sachs) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1894 in Berlin als Tochter des Anwaltes und späteren Justizrates Ludwig Chodziesner und seiner Frau Elise geboren, wuchs sie wuchs mit ihren drei jüngeren Geschwistern im Berliner Westend auf und galt in der Familie schon früh als Außenseiterin (die „verrückte Trude“) .

Gertrud, die anders als ihre national orientierten kaisertreuen Eltern immer zu ihrem Judentum stand – besuchte die Höhere Mädchenschulen in Berlin und Leipzig, arbeitete in Kindergärten, lernte Russisch, Englisch und Französisch, später auch Hebräisch und besuchte ein Seminar für Sprachlehrerinnen.

Während des Ersten Weltkriegs war sie Dolmetscherin und Zensorin in einem Kriegsgefangenenlager in Döberitz und traf dort den Offizier Karl Jodel, ihre große Liebe – eine unglückliche Beziehung, der viele ihrer Gedichte gewidmet sind.

Ihr Cousin Walter Benjamin erleichterte ihr den „Einstieg“ in den Literaturbetrieb und 1917 erschien ihr erster Gedichtband unter dem Pseudonym „Gertrud Kolmar“ (Kolmar in der preußischen Provinz Posen, vor 1877 Chodziesen genannt, war der Herkunftsort ihrer Vorfahren).

Nach dem Krieg verdingte sich Gertrud als Erzieherin und Privatlehrerin (unter anderem behinderter Kinder) und legte 1927 legte die Übersetzerprüfung im Auswärtigen Amt ab.

Mit dem wilden Leben der 1920er-Jahre hat sie nichts zu schaffen. Ab 1928 arbeitete sie als Sekretärin ihres Vaters und wohnte wieder im Haus der Eltern, die inzwischen nach Falkensee bei Spandau in die Villenkolonie Finkenkrug umgezogen waren. Hier, in ihrem „Paradies“, schrieb die öffentlichkeitsscheue Kolmar viele ihrer naturverbundenen Gedichte, aber auch über Außenseiter, Leidende, Geächtet und Randfiguren – über  „Robespierre“, „Die Landstreicherin“ oder „Die Lumpensammlerin“.

Zugleich setzt sich Kolmar nun wortgewaltig und illusionslos mit ihrer jüdischen Identität auseinander, anders als ihre Eltern sucht sie nach den Wurzeln ihrer Herkunft und ist sich ihres Judentums wie des aufkommenden Antisemitismus‘ sehr bewusst. Ihr Gedicht „Die Jüdin“ beginnt: „Ich bin fremd. Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen, / Will ich mit Türmen gegürtet sein, / Die steile, steingraue Mützen tragen / In Wolken hinein.“ – Und „Wir Juden“ nimmt beinahe Bettelheims „Befreiung vom Ghettodenken“ vorweg:

Nur Nacht hört zu. Ich liebe dich, ich liebe dich, mein Volk,
Und will dich ganz mit Armen umschlingen heiß und fest,
So wie ein Weib den Gatten, der am Pranger steht, am Kolk
Die Mutter den geschmähten Sohn nicht einsam sinken lässt. 

Und wenn ein Knebel dir im Mund den blutenden Schrei verhält,
Wenn deine zitternden Arme nun grausam eingeschnürt,
So lass mich Ruf, der in den Schacht der Ewigkeiten fällt,
Die Hand mich sein, die aufgereckt an Gottes hohen Himmel rührt. 

(…)

Ich will den Arm nicht küssen, den ein strotzendes Zepter schwellt,
Nicht das erzene Knie, den tönernen Fuß des Abgotts harter Zeit;
O könnt ich wie lodernde Fackel in die finstere Wüste der Welt
Meine Stimme heben: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! 

Knöchel. Ihr schleppt doch Ketten, und gefangen klirrt mein Gehn.
Lippen. Ihr seid versiegelt, in glühendes Wachs gesperrt.
Seele. In Käfiggittern einer Schwalbe flatterndes Flehn.
Und ich fühle die Faust, die das weinende Haupt auf den Aschenhügeln mir zerrt. 

Nur Nacht hört zu. Ich liebe dich, mein Volk im Plunderkleid:
Wie der heidnischen Erde, Gäas Sohn entkräftet zur Mutter glitt,
So wirf dich zu dem Niederen hin, sei schwach, umarme das Leid,
Bis einst dein müder Wanderschuh auf den Nacken des Starken tritt!

In der Nazi-Zeit konnte Gertrud Kolmar beinahe nur noch im Umfeld des Jüdischen Kulturbundes auftreten, was sie ab 1936 regelmäßig tat. Hier lernt sie auch andere jüdische Künstler wie Jacob Picard und Nelly Sachs kennen (die widmete ihr das Gedicht „Die Hellsichtige“: „Du sahst die Gedanken kreisend gehen / Wie Bilder um ein Haupt. / Der Luft hast du geglaubt / Darin die Sterne auferstehn. // Und hattest nicht den Blindenstar / Der altgewordenen Zeit. / Wo für uns noch der Abend war, / Sahst Du schon Ewigkeit.“).

Kolmars dritter und letzter Gedichtband „Die Frau und die Tiere“, der noch im Sommer 1938 in einem jüdischen Verlag erschienen war, wurde nach der Pogromnacht eingestampft. Pläne nach Palästina auszuwandern verwirft sie wieder, sie will den alten Vater (die Mutter war 1930 gestorben) nicht allein zurücklassen. Im Zuge der weiteren Entrechtung der Juden müssen Vater und Tochter 1939 das Haus in Finkenkrug verlassen und in eines der überbelegten „Judenhäuser“ ziehen, in die Speyerer Straße 10 in Berlin-Schöneberg.

Gertrud hat Heimweh nach Finkenkrug, den Wiesen und Wäldern und schreibt im Mai 1939 an ihre Schwester Hilde (alle drei Geschwister konnten emigrieren) in die Schweiz: „Nun werden wir bald ein halbes Jahr hier sein, und ich bringe es einfach nicht fertig, zu dieser Gegend in ein Verhältnis – ein erträgliches oder unerträgliches – zu kommen; ich bin hier so fremd wie am ersten Tag“. Hier entsteht auch ihr Drama „Möblierte Dame (mit Küchenbenutzung) gegen Haushaltshilfe“ – eine Farce mit zwei Personen, die vom Alltag im „Judenhaus“ berichtet. Das Schreiben ist für Kolmar ein Weg, um mit ihrer Isolation und der Einsamkeit klarzukommen.

Ab Juli 1941 muss Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in einer Kartonagenfabrik für die Rüstungsindustrie leisten, erst in Lichtenberg, dann in Charlottenburg. Dennoch schreibt sie: „Ich bin lieber in der Fabrik als zu Hause“. Mit den Arbeitern dort kommt sie klar, im „Judenhaus“ hingegen lebt sie auf engstem Raum mit anderen zwangseingewiesenen Mietern, vor allem mit Frauen, mit denen sie nichts verbindet und deren Geschwätz sie als oberflächlich und töricht empfindet.

Im September 1942 wird ihr 80-jähriger Vater ins Ghetto Theresienstadt deportiert und stirbt dort im Februar 1943. Gertrud bleibt allein im Judenhaus zurück. „Soll ich bedauern, dass es nur noch Erinnerungen für mich gibt?“, schreibt sie im November 1942 an ihre Schwester, „Im Gegenteil, ich freue mich, sie zu haben; sind sie gleich nicht die Sommersonnenglut, so wärmen sie doch wie ein Herdfeuer, das an kalten Tagen wohl tut.“

Gertrud Kolmar wird am 27. Februar 1943 – wie mehr als 8000 andere jüdische Zwangsarbeiter in Berlin – von ihrem Arbeitsplatz weg in einer Großrazzia von bewaffneten SS-Angehörigen verhaftet und am 2. März 1943 mit dem 32. Osttransport in einem Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. 1951 wird sie amtsgerichtlich für tot erklärt.

Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben
Eine kleine Weile ob der Welt.
Wenn ich tot bin, mag es mich noch geben
irgendwo an Zäunen hinterm Feld.
Doch ich werde bald verlorengehn,
Wie das Wasser fließt aus narbigem Krug,
Wie geheim verwirkte Gabe
der Feen Und ein Wölkchen Rauch
am rasenden Zug. 

Wenn ich tot bin, sinken Herz und Lende,
Weicht, was mich gehalten und bewegt,
Und allein die offnen, stillen Hände
Sind, ein Fremdes, neben mich gelegt.
Und um meine Stirn wirds sein
Wie vor Tag, wenn ein Höhlenmund
Sterne fängt
Und aus des Lichtgewölbs Schattenstein
Graues Tuch die riesigen Falten hängt. 

Wenn ich sterbe, will ich einmal rasten,
Mein Gesicht nach innen drehn
Und es schließen wie den Bilderkasten,
Wenn das Kind zuviel gesehn,
Und dann schlafen gut und dicht,
Da ich zittrig noch hingestellt,
Was ich war: ein wächsernes Licht
Für das Wachen zur zweiten Welt

(aus: Gertrud Kolmar. Das lyrische Werk; Hg. Regina Nörtemann. Göttingen 2003)