Die Stele ist weg, das Thema Agnes Miegel bleibt

Am 03. Februar 2015 wurde in Bad Nenndorf das Agnes Miegel Denkmal aus dem öffentlichen Kurpark nach einem gescheiterten Bürgerentschied  entfernt. Doch die Agnes Miegel Fans begreifen dies scheinbar als offene Rechnung…

Rainer Thiemann

Agnes Miegel ist noch immer Thema in Bad Nenndorf. Jetzt sorgt ein in einem öffentlichen Internet-Portal eingestelltes Video für Aufsehen, in dem der dem rechten politischen Milieu zuzuordnende Lars Seidensticker für die Dichterin Partei ergreift. Brisant: Ein Mitglied der Agnes-Miegel-Gesellschaft (AMG) steht ihm Rede und Antwort. Eine Stellungnahme der AMG dazu blieb bislang aus – nicht aber die Reaktion der Miegel-Kritiker. Der Vorsitzende des Bündnisses „Bad Nenndorf ist bunt“, Jürgen Uebel, entlarvt den Interviewer als Pegida-Unterstützer und wirft ihm Manipulation vor.

Die Jusos verurteilen die Zusammenarbeit der AMG mit Seidensticker, und DGB-Funktionär Steffen Holz ordnet die Episode ein in eine Reihe von Anknüpfungspunkten der AMG mit dem rechten Spektrum.

Wer ist Seidensticker? Im Gespräch mit dieser Zeitung betonte der Berliner, er sei kein Neonazi, und auch als rechtsradikal mag er nicht gelten. Gegen eine Einordnung am rechten Rand hat er indes nichts einzuwenden. Aus gutem Grund: Seidensticker ist Bundesgeschäftsführer der nationalistischen Bewegung „Pro Deutschland“ und Präsident des Vereins „Eigentum Ost“, der das Ziel hat, aus Osteuropa vertriebe Deutsche zu entschädigen.

Vor „Pro Deutschland“ war Seidensticker Vorstandsmitglied der DVU, eine frühere als rechtsextrem eingestufte Splitterpartei. Seidensticker bezeichnet die Ostgrenze als Unrecht, beteuert aber, seinem Verein gehe es lediglich um materielle, nicht um territoriale Entschädigung.

In Bad Nenndorf interviewte Seidensticker nach eigener Darstellung fünf Bürger, einer davon stammte allerdings aus Wunstorf. Eloquent und sachlich entlockte er drei Gesprächspartnern – darunter Inge Meyer vom Agnes-Miegel-Haus – schützende Worte zu Miegel. Mit der Objektivität nimmt es der Ex-DVUler offenbar nicht so genau: Zwei seiner Interviewpartner widersprachen ihm und wurden prompt aus dem Video herausgeschnitten. Seidensticker beteuert zwar, dass dies allein aus technischen Gründen geschehen sei – die Ehefrau eines Gesprächspartners sei ihm ins Bild gelaufen. Dieser bezweifelt das. Seidensticker habe mehrfach versucht, ihm „das Wort im Mund herumzudrehen“, betonte der Geschnittene gegenüber den SN. Und es habe nur eine Stelle in dem mehrminütigen Gespräch gegeben, in dem seine Frau versehentlich ins Bild gerückt war.

Für ihn liegt auf der Hand, dass seine Aussagen dem Miegel-Anhänger nicht ins Konzept passten und daher gekappt wurden. Sonst hätte Seidensticker die Sequenz nur etwas kürzen müssen – so, wie er es auch bei den übrigen Gesprächspartnern handhabte.

Die Jusos raten wegen des Mitwirkens der AMG in dem Video nun zu weiteren Schritten. Wenn sich die AMG mit Rechten zusammentue, während die Stadt jedes Jahr gegen Naziaufmärsche protestiere, müsse über Zuschüsse und die Finanzierung der Miegel-Grabpflege nachgedacht werden.

Holz unterstellt Meyer „wohlwollend“ Naivität oder zumindest Unvorsichtigkeit. Dennoch ergebe sich mittlerweile ein Muster, das nachdenklich stimme: Ein Auftritt der AMG-Vorsitzenden Marianne Kopp mit einer Holocaust-Leugnerin, Unkenntnis bei der AMG darüber, dass Stifter und Schöpfer der Miegel-Stele eine NS-Vergangenheit hatten, und nun ein Interview mit einem Ex-DVU-Mitglied.