„Frankreich ohne Juden wäre nicht mehr Frankreich“

Regierungschef Valls improvisierte eine besonders starke Rede auf der Trauerkundgebung für die vier Juden, die in einem koscheren Supermarkt erschossen wurden…

Von Danny Leder, Paris

Erst kamen Hunderte zur Trauer-Kundgebung am Samstag-Abend vor dem koscheren Supermarkt an der Pariser Stadtgrenze, in dem am Freitag ein dschihadistischer Geiselnehmer vier Kunden erschossen hatte. Die Kundgebung war auf Initiative der Union der jüdischen Studenten Frankeichs in aller Eile nach Ende des Schabats einberufen worden. Schließlich wuchs die Menge auf mehrere tausend Teilnehmer an, darunter Angehörige anderer Konfessionen, auch Muslime und natürlich auch religiös ungebundene Pariser.

In der Mitte eines furchteinflößenden Gedränge, auf engstem Rahmen eingepfercht, standen Innenminister Bernard Cazeneuve, Justizministerin Christiane Taubira und weitere  Mitglieder der sozialistischen Regierung, Spitzen der bürgerlichen Opposition sowie die jeweiligen Präsidenten der beiden Parlamentskammern Frankreichs und die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo.

Schließlich erschien – unvorhergesehen – auch Premierminister Manuel Valls. Umringt von der immer dichteren Menge hielt der sozialistische Regierungschef eine improvisierte Rede: “Gestern gab es nach dem Ende der beiden Polizeiaktionen gegen die Terroristen eine Art Erleichterung. Aber wir dürfen darüber nicht vergessen, dass vier Menschen getötet wurden, weil sie Juden waren. Das ist unerträglich. Indem man die Juden angreift, greift man das grundlegendste (Element) in Frankreich an, das “Vivre ensemble” (Sinngemäß: das einvernehmliche Zusammenleben von Gruppen verschiedenster Konfession und Abstammung). Ich weiß, dass die Juden schon seit längerem in unserem Land sich fürchten. Es gibt Juden, die genug davon haben, dass man sie beschimpft, dass man mit Steinen auf sie wirft, weil sie eine Kippa tragen. Frankreich ohne Juden wäre nicht mehr Frankreich. Die Republik ohne den Juden wäre nicht die Republik. Wir dürfen nicht Angst haben, Journalisten, Bürger, Juden oder Polizisten zu sein. Wir sind alle Journalisten, Bürger, Polizisten, französische Juden. Was Frankreichs Juden in Toulouse angetan wurde, ist unerträglich. Wir werden die Juden beschützen, weil sie die “Sève” (wörtlich: Kraft, Schwung, Leben…) Frankreichs sind. Wir können es nicht hinnehmen, dass ein gewisser Komiker (Dieudonné) den Holocaust leugnet. Dass Jugendliche in Schulen und nicht weit von hier das Victory-Zeichen machen, nachdem was passiert ist. Vor wenige Wochen wurde eine jüdische Familie überfallen (im Pariser Vorort Creteil). Es gab eine Vergewaltigung. Damals war die Reaktion (in der Bevölkerung) nicht auf der Höhe des Ereignis, auch nicht nach (den Morden von Mohamed Merah in der jüdischen Schule und an Soldaten in) Toulouse und Montauban. Vielleicht sind die Dinge jetzt dabei, sich zu ändern. Aber das darf sich nicht nur auf drei Tage beschränken (die Empörung),…”

„Bravo Monsieur Valls für ihren Mut“

Umstehende reagierten mit den Rufen: “Bravo Monsieur Valls, Bravo für ihren Mut” und “Wir wollen in Frankreich bleiben”.  Ein junger Familienvater sagte zu Valls: “Jeden Morgen haben wir Angst um unsere Kinder”. Valls drehte sich zu ihm um und sagte: “Man darf nicht Angst haben”.

Nach der Rede von Valls wurde die Namen der Toten verlesen und eine Schweigeminute abgehalten. Dann verlas der Vorsitzende der jüdischen Studenten das in Frankreichs Synagogen übliche Gebet „für die französische Republik und das französische Volk“. Valls stimmte schließlich selber die Marseilleise an, die Umstehenden schlossen sich dem Gesang der Nationalhymne in ein wenig unharmonischen aber dafür umso ergreifenderen Ton an.