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Lektion aus dem Supermarkt: „Freiheit für unsere Kinder und Enkelkinder erhalten“

Wie ich von einem franko-marokkanischen Leiter einer Supermarkfiliale in meiner Nachbarschaft eine grandiose Lektion in Sachen Freiheit, Rechtsstaat,  EU und Brüderlichkeit erhielt…

Von Danny Leder, Paris

Es gibt Situationen, in denen man die Menschen, die man in seiner Umgebung fast täglich wahrnimmt, plötzlich kennenlernt. Und gestern, Sonntag, war so ein Tag. Ich lebe seit Jahren in dem selben volkstümlichen Pariser Viertel, sehe die Leute, die den Kopiershop betreiben, den mürrischen Besitzer des Stehkaffees, das auch als Wettbüro dient, die tätowierten Verkäufer der Aquarienhandlung.

Gestern ging eine feine Unterscheidungslinie durch diesen gewohnten Dekor: einige Läden hatten den Aufruf zu Demonstration gegen den dschihadistischen Terror plakatiert, andere nicht – und da gab es Überraschungen. Das Intellektuellen-Beisl hatte nicht seine Meinung ausgesteckt, es war wohl auch nicht nötig, der Kopiershop schon: Der Besitzer, ein Franko-Algerier, hatte eigens Plakate kopieren lassen mit dem Slogan: „Ich bin Jude – Muslim – Christ – Charlie. Ich bin Frankreich“. Das fiel mir auf, weil mir der Mann, vor Jahren, als „Charlie-Hebdo“ bereits mit Mohamed-Karikaturen für Dispute gesorgt hatte, zu mir gemeint hatte: „Diese Religionsverulkung ist übertrieben, das ist verletzend“. Das denkt er noch immer, aber: „Dafür erschießt man doch keine Menschen. Jetzt geht es um unsere Demokratie und da fallen unsere Befindlichkeiten nicht mehr ins Gewicht.“

Die beeindruckendeste Lektion in Sachen Demokratie, Republik, Freiheit und EU sollte mir allerdings noch bevorstehen, und zwar ausgerechnet im Supermarkt um die Ecke. Es gibt mehrere Supermärkte in meinem Viertel, aber in diesem Geschäft finden sich als Kunden und Angestellte eher Bewohner der umliegenden Sozialbauten, darunter viele Muslime. Und dieser Supermarkt war mit Plakaten „Je suis Charlie“ (in fünf Sprachen) zugepflastert. Die Geschäftssperre war auf 13 Uhr vorverlegt (der Laden hat auch am Sonntag offen), um allen Mitarbeitern die Beteiligung an der Demo zu ermöglichen.

Ich tippte auf eine Anweisung der übergeordneten Führung der Supermarktkette. Aber der örtliche Geschäftsführer, ein zupackender und stets freundlicher Mann belehrte mich: „Hier bin ich der Boss. Das ist meine alleinige Entscheidung. Und ich werde ihnen auch sagen warum: Ich stamme aus Marokko. Als ich zehn war, übersiedelten meine Eltern mit mir nach Paris. Ich habeals Kind den Jugendaufstand von 1968 erlebt und damals kaum etwas verstanden. Aber ein paar Jahre später merkte ich den Unterschied in meiner Umgebung: auf Kiosken hingen, na sie wissen schon, freizügige Magazine und auch die Vorläufer-Zeitschrift von Charlie, die hieß damals Harakiri. Da habe ich gemerkt, was 1968 uns gebracht hatte, diesen Geist der Freiheit und Toleranz, den es zuvor, als die konservativen Politiker alles verriegelt hatten, nicht gab. Im Sommer fuhren wir nach Marokko zur Familie heim. Das mussten wir in Spanien Straßen benützten, die gar keine waren. Da gab es schrecklich viel Unfallopfer. Heute sind dort Autobahnen und andere bessere Infrastrukturen. Das verdanken wir der EU, die hat zahllosen Autofahrern das Leben gerettet. Wenn wir nach Marokko fuhren, nahmen wir kiloweise Tee, Kaffee, Zucker und andere Waren mit, für unsere Familien. Aber an fast jeder Straße kassierte ein marokkanischer Polizist einen Teil dieser Güter, sonst hätte er uns nicht weiterfahren lassen. Da habe ich den Unterschied erfasst zwischen einem Rechtsstaat wie Frankreich und diktatorisch regierten Ländern, wie dem Iran, Saudi-Arabien oder damals Marokko. In diesen Staaten können arrogante Uniformträger mit einem machen, was ihnen gerade einfällt. Unsere Freiheit ist mir daher viel wert. Die will ich für meine Kinder und Enkelkinder erhalten. Außerdem: die Kassiererinnen, die sie her sehen, sind Musliminnen, eine Jüdin, auch paar echte Franzosen, wie gewisse Leute sagen würden. Aber genau diese Gemeinschaft ist Frankreich. Sagen Sie das ihren Lesern.“ Hiermit geschehen.