„Menschen, Menschen san ma alle“?

Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, dass es in Österreich Menschen gibt, die den Terror mit allerlei an den Haaren herbeigezogenen „Argumenten“ versuchen weg zu erklären beziehungsweise in gewissen Fällen zu rechtfertigen…

 

Von Karl Pfeifer

Es kann aber keine wie immer geartete Rechtfertigung dafür geben, in eine Redaktion oder in einen Supermarkt zu stürmen und Menschen, wegen ihrer Tätigkeit oder weil sie Juden sind, zu ermorden. Täuschen wir uns nicht, trotz aller Erklärungen man sei Charlie Hebdo, schüchtert Terror ein und führt bei vielen Medien und Politikern zur Selbstzensur.

Man muss schon Mut haben, in Österreich an einem Tag in einer Zeitung mehrere Artikel zu veröffentlichen, die mit dem hier gelebten Islam zu tun haben. „Die Presse“ ist mutig, denn sie hat das in ihrer Samstagsausgabe getan.

Hätte ich es nicht selbst erlebt, würde ich es nicht glauben. Ein Freund äußerte Besorgnis weil Otto Brusatti in meiner Heimatstadt Baden bei Wien kommentarlos aus dem Koran vorlesen wollte. Und weil die kleine jüdische Gemeinde diesen Vortrag angekündigt hatte, war die Aufregung groß.
Einerseits eine ständige Aufgeregtheit, weil wir doch den Koran nicht kennen und zu wenig über den Islam wissen. Andererseits eine vorauseilende Befürchtung, solch eine Vorlesung könnte doch die Muslime beleidigen. Nun hat Otto Brusatti in der Presse den Ablauf der Ereignisse geschildert. Auf Grund des ausgeübten Druckes konnte er die angekündigte Vorlesung nicht halten. „Die Vorlesung in Baden wurde still abgesagt“. ((http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/4640585/Nicht-noch-einmal-Denn-Sonst?_vl_backlink=/home/spectrum/index.do))

Der emeritierte Universitätsprofessor Maximilian Gottschlich fordert: „Der Islam muss beginnen, sich neu zu deuten“. Wie wir aus dem Text von Otto Brusatti lernen, müssen wir in Österreich beginnen die garantierten Menschenrechte wie Meinungsfreiheit und das Recht auf Information neu zu deuten.
Im Gegensatz zu meinem Freund, bin ich besorgt, wenn ein namhafter österreichischer Intellektueller gehindert wird aus einem allgemein zugänglichen Buch vorzulesen. ((http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/4640546/Der-Islam-muss-beginnen-sich-neu-zu-deuten))

Warum hat die österreichische Regierung in ihrer ersten Erklärung zum Terror in Paris nicht darauf hingewiesen, dass einige der Opfer nur ermordet wurden weil sie Juden waren?
Warum glaubte diese Regierung alles mit „Menschen, Menschen san ma alle“ lösen zu können, wo es doch offensichtlich ist, dass die Islamisten die Juden also jeden Juden und jede Jüdin als Feind betrachten?

Die vier Terroropfer im jüdischen Supermarkt starben nicht wie in der Regierungserklärung erwähnt „als Angehörige verschiedener Religionen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren“, sondern weil sie am Freitagmittag für den kommenden Sabbat Einkäufe tätigten. Sie starben weil sie Juden waren!

Erst nach dem Oskar Deutsch, Präsident der IKG einen offenen Brief veröffentlichte und auf die Mängel in der Regierungserklärung hinwies, hat Bundeskanzler Werner Faymann im Nationalrat auch die jüdischen Opfer erwähnt.

Judenfeindlichkeit kann sich auch hinter einer antirassistischen Maske verstecken. In der Regel steckt dahinter die Bestrebung, zu verdrängen, im Namen welcher Religion gemordet wurde. Warum drängen sich die Juden – so der perverse Gedanke – wieder einmal nach vorne und sind nicht zufrieden, wenn man ihnen, nach ihrem Tod versteht sich, die absolute Gleichheit anbietet.

Der Standard veröffentlichte Samstag einen bemerkenswerten Brief von Susanna Kufner, in dem ich u.a. folgende Zeilen fand: „Nimmt ein Angehöriger einer Religion für sich in Anspruch „bemerkenswerter“ sein zu dürfen als andere Menschen, läuft er letztendlich Gefahr, auf dem gleichen Punkt wie der Attentäter zu stehen.“

Wenn der islamistische Mörder in einen nichtjüdischen Supermarkt gegangen wäre, um wahllos Franzosen zu morden und unter den 10 Opfern auch vier jüdische gewesen wären, dann hätte die IKG nicht protestiert, denn dann hätte die Erklärung der Bundesregierung gestimmt. Doch der Mörder – der leider nicht vom hehren Gedanken des „Menschen, Menschen san ma alle“ beeinflusst war – hat entsprechend der islamistischen Ideologie gehandelt und ist, wie er ja auch selbst zugab, mit voller Absicht in ein jüdisches Geschäft gegangen, um Juden zu morden bzw. Geiseln zu nehmen. Daher gebietet es der minimale Anstand, dass man die Opfer benennt, so wie man ja auch Journalisten und Polizisten genannt hatte.

Wenn in Wien Christen und Muslime durch ähnliche Sicherheitskontrollen gehen müssen, um in ihr Gotteshaus oder in ihre Schulen zu gelangen, wie es Juden tun müssen, oder wenn utopische Zeiten anbrechen und Juden nicht mehr befürchten müssen, von Islamisten oder arabischen Nationalisten vor der Synagoge ermordet zu werden, wie das ja 1981 tatsächlich geschehen ist, dann werden die Wiener Juden samt allen anderen Wienern zusammen begeistert ausrufen: „Menschen, Menschen san ma alle“.

© Karl Pfeifer