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Die neue Mode „Haaretz“-Bashing

Es mag ja niemand so recht daran glauben, aber es könnte ja sein, dass dies die letzten freien Wahlen in Israel sein werden. Das schrieb neulich ein Kolumnist von, ja, «Haaretz». Und er erklärte warum: Falls die Rechte und Ultrarechte zusammen mit den ultraorthodoxen Parteien eine Koalition bilden könnten ohne Zuhilfenahme von ein bis zwei Zentrumsparteien (geschweige denn Linken), dann könnten einige antidemokratische Gesetzesvorlagen «endlich» durchgebracht werden, die in den vergangenen Jahren immer wieder gescheitert sind…

Richard C. Schneider, tachles – Das jüdische Wochenmagazin, 12. Dezember 2014

Doch darüber will ich gar nicht schreiben, sondern über ein ganz anderes Phänomen, das man selbst in der Diaspora immer häufiger findet: Das «Haaretz»-Bashing! Die letzte journalistisch wirklich herausragende (und linksliberale) Tageszeitung des Staates Israel ist in den vergangenen Jahren immer häufiger Ziel verbaler Angriffe geworden. Dass sie «anti-zionistisch» sei, ist noch geradezu harmlos. Sie wird von vielen gehasst, verachtet, geächtet, beschimpft. Journalisten wie Gideon Levy und Amira Hass, die eindeutig «propalästinensisch» sind, aber auch andere Journalisten, die sich extrem kritisch mit der israelischen Regierung auseinandersetzen, egal ob sie Barak Ravid, Anshel Pfeffer, Avi Shavit oder Chemi Shalev heissen, sie alle sind zur Zielscheibe vieler geworden, die völlig vergessen haben, was Journalismus eigentlich sein muss: kritische Auseinandersetzung mit den politischen Entwicklungen eines Staates und dessen Regierung. Wenn eine Zeitung das nicht leistet, sondern im Extremfall wie «Israel Hayom» zum Sprachrohr des Premierministers wird, dann ist das kein Journalismus mehr, sondern lediglich das zusammensammeln von Buchstaben, um Papier zu füllen.

Das «Haaretz»-Bashing ist die Folge einer bedenklichen Entwicklung in Israel. Die Rechte hat es verstanden, alles, was sich kritisch mit nationalistischen Ideen auseinandersetzt, alles, was dem Friedensprozess mit den Palästinensern eine echte Chance geben möchte, beinahe schon als Vaterlandsverrat abzutun, auf alle Fälle als «anti-zionistisch». Die wahren Hüter der zionistischen Idee sind die Rechten. Zumindest glauben sie das und haben es geschafft, im öffentlichen Diskurs Israels all jene, die ihnen nicht als Claqueure dienen, zu desavouieren. Diese Entwicklung ist gefährlich. Wer in einer Demokratie die Kontrollinstanzen ausser Kraft setzen will – nicht nur die Medien, es gab auch direkte Versuche, das Oberste Gericht in seinen Befugnissen zu beschneiden –, der untergräbt, was in einer Demokratie das höchste Gut ist: die Meinungsfreiheit. Und damit letztlich auch die Freiheit des Individuums.

Muss man also «Haaretz» lieben? Nein. Muss man nicht. Muss man mit allem einverstanden sein, was die Kollegen dort schreiben, glauben, meinen? Nein, natürlich auch nicht. Aber man sollte ihnen dankbar sein, dass sie – auf zumeist hohem intellektuellem Niveau – Flagge zeigen, eine Meinung haben, mit der man sich auseinandersetzen, an der man sich reiben kann. Wer «Haaretz» nicht mag, muss das bessere Gegenargument haben. Und nicht die Zeitung verunglimpfen. Doch immer mehr Menschen in Israel – und in der Diaspora – scheinen das nicht mehr für nötig zu halten.

Richard C. Schneider, geboren 1957 als Kind ungarischer Holocaust-Überlebender, ist seit 2006 Studioleiter und Chefkorrespondent der ARD in Tel Aviv, verantwortlich für Israel, die palästinensischen Autonomiegebiete und Zypern.

(c) tachles – Das jüdische Wochenmagazin