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Ralph Giordano ist tot

Der bekannte jüdische Publizist starb mit 91 Jahren…

Ralph Giordano am 12. Januar 1956 auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongress zu Berlin, (c) Bundesarchiv, Bild 183-35505-0015 / Krueger / CC-BY-SA
Ralph Giordano am 12. Januar 1956 auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongress zu Berlin, (c) Bundesarchiv, Bild 183-35505-0015 / Krueger / CC-BY-SA

„Deutschland ist ein Land, das sich um seine Täter sorgt.“ Diese Erkenntnis prägte das lange Leben von Ralph Giordano. Der 1923 in Hamburg geborene Sohn einer jüdischen Mutter und eines italienischen Vaters überlebte die nationalsozialistische Barbarei nur knapp. Als seine Mutter im Frühjahr 1945 deportiert werden sollte, versteckten sich die Giordanos in einem Kellerloch. Mehr tot als lebendig wurde die Familie im Mai 1945 von der britischen Armee befreit.

Der Kampf gegen Antisemitismus und Faschismus war das Lebensthema des streitbaren Journalisten und Buchautors: Er galt als eine der moralischen Instanzen der Bundesrepublik. Nach 1945 trat er der Kommunistischen Partei bei und kämpfte gegen Restauration und Schlussstrichmentalität. Mitte der 1950er Jahre verließ er völlig desillusioniert die KPD und veröffentlichte mit seinem Buch „Die Partei hat immer Recht“ eine schonungslose Abrechnung mit dem Stalinismus.

Fortan berichtete Ralph Giordano für die „Jüdische Allgemeine“ und drehte ab Anfang der 1960er Jahre Dokumentarfilme für den NDR und WDR. Bis zu seiner Pensionierung 1988 entstanden so rund einhundert TV-Filme und Features zu den Themen Nationalsozialismus, Kolonialismus und Rechtsradikalismus.

International berühmt wurde Giordano 1982 mit seinem Buch „Die Bertinis“, in dem er auf 800 Seiten die „Über“-Lebensgeschichte seiner Familie schilderte. Die spätere Verfilmung des biografischen Romans sorgte in Deutschland, wie auch in Israel für hohe Einschaltquoten.

Obwohl Ralph Giordano sich für ein Leben in Deutschland entschieden hatte, war für ihn der jüdische Staat sein „Mutterland“. Verständnisvoll und mit kritischer Solidarität kommentierte er in seinem Buch „Israel um Himmels willen, Israel“ die politischen Entwicklungen in „der einzigen Demokratie“ des Nahen Ostens und verteidigte den Zufluchtsort aller Juden gegen die als Antizionismus verbrämte antisemitische Schmähkritik von links und rechts.

Der engagierte Kämpfer gegen Judenhass und Menschenverachtung schrieb über 20 viel beachtete Bücher wie etwa „Die zweite Schuld oder von der Last, Deutscher zu sein“ oder seine Autobiografie „Erinnerungen eines Davongekommenen“, in denen er sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte. Doch der Mahner Ralph Giordano war auch nicht unumstritten. Seine Warnungen vor der vermeintlichen schleichenden Islamisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft lösten auch bei Weggefährten Irritationen und sogar Entrüstung aus, die ihn tief verletzten: „Ob Christ oder Moslem, links oder rechts, Gläubiger oder Atheist, wer die Demokratie beschädigt, der kriegt es mit mir zu tun. Das ist mein politisches Testament“, rief er daher seinen Kritikern in einer Rede anlässlich seines 90. Geburtstages zu.

Am Mittwoch, dem 10. Dezember 2014 hat das Herz eines großen Humanisten aufgehört zu schlagen. Mit Ralph Giordano hat Deutschland eine wichtige Stimme verloren, die sich mit Empathie für die Schwachen der Gesellschaft einsetzte und beharrlich gegen die Unmenschlichkeit kämpfte. Sein scharfer analytischer Verstand wird uns fehlen. (lf)