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„9. November. Ich war dabei!“

Der 9. November 2014 ist vorbei. Ich gönne allen ihre Jubelfeiern. Ganz wohl ist mir trotzdem nicht. Ich vermisse die Erinnerung an die „anderen“ 9. November der deutschen Geschichte. Andererseits: Es fällt auch mir schwer, Daten mit denen ich nichts unmittelbar zu tun habe, zu würdigen…

Aviva Selig

Der 9. November 1848 – die Erschießung von Robert Blum als Anfang vom Ende der Märzrevolution kenne ich nur als Berliner Ausspruch: „Erschossen wie Robert Blum“, was soviel bedeutet wie völlig kaputt zu sein. Der 9. November 1918 – die Abdankung des deutschen Kaisers und die Ausrufung der Republik – kam in unserem Geschichtsunterricht nicht vor, eben so wenig die Hitler-Ludendorffsche Feldhallen-Putscherei vom 9. November 1923. Der 9. November 1938 – die Pogromnacht der deutschen Nationalsozialisten tangierte meine Familie zwar durch die weiteren Folgen des Dammbruchs. 1943 werden meine Großeltern nicht mehr leben und meine Mutter wird zwei Jahre in einem Kellerversteckt sitzen. Aber 1938 war in Lodz und Galizien, wo meine Leute herkommen, die Welt noch halbwegs im Lot. Also der 9. November 1989, den habe ich natürlich, wie alle anderen, die sich heute freuen, bewußt miterlebt; bei mir ging er so:

Es ist circa 22.30 Uhr, in Berlin-Schöneberg. Ich war am frühen Abend bei der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im Jüdischen Gemeindehaus und sitze nun an der Endkorrektur eines Buches, das „Deutsch-deutsches Lesebuch“ heißen würde und das anhand der damals bekannten Fernsehsendung „Kennzeichen D“ die BRD-DDR-Nachkriegsgeschichte mit all ihren Spielarten des kalten (Medien)Kriegs bis in die Gegenwart behandelte. (Das Buch erschien zwar noch, konnte aber nach diesem Abend eigentlich eingestampft werden.)

Wie gesagt, abends halb Elf. Mein Telefon klingelt. Meine Freundin Lusja ist dran, aufgeregt und stammelt: »Du, du, ick gloobe, die Mauer is’ uff!« Ich blaffe zurück: »Mensch, Lusja, lass mich in Ruhe mit dem Quatsch. Ich hab grad überhaupt keine Zeit für Späßchen.« Und lege wieder auf.

Eine Stunde später klingelt das Telefon wieder Sturm, noch mal Lusja: »Wirklich, los, komm, es stimmt! Die haben das im Fernsehen gesagt. Wir müssen da hin.“

Also gut, ich reiße mich los, und wir treffen uns gleich um die Ecke an der Potsdamer Straße. Wir schnappen uns ein Taxi, der Weg durch das Niemandsland zum Grenzübergang Invalidenstraße ist stockduster. Dann aber die typische Grenzbeleuchtung und plötzlich „Himmel und Menschen“. Walter Momper, damals Berliner Bürgermeister, steht mit seinem roten Schal direkt vor meiner Nase und gibt ein Interview. Auf der Mauer stehen regungslose Vopos mit hängenden Armen, die hilflos in die Menge starren und gar nichts machen. Plötzlich kommen und uns stinkende knatternden Trabis und massenweise kreischender Ostberliner mit ausgewaschenen Jeansjacken und grünen Parkern.

Wir stehen da, mit offenem Maul, können nicht glauben, was wir sehen, sind verwirrt und unschlüssig. Lusja zerrt an mir: „Los, wir gehen da jetzt rüber“. Wir haben beide Einreiseverbot in der DDR. Sie als Russin und ich als Polin, und beide als so genannte Republikflüchtlinge, in Abwesenheit verurteilt.

Ich habe Angst, verhaftet zu werden. Aber der Sog ist stärker. Berlin-Ost war 15 Jahre lang meine Heimat, meine besten Freunde leben dort, meine Mutter liegt dort begraben. Wir greifen uns an den Händen und beginnen, erst zögerlich, dann immer schneller, gegen den Strom zu laufen. Wir haben das Gefühl, dass wir die Einzigen an diesem Abends sind, die Richtung Osten über die Grenze gehen.

Dann sind wir plötzlich „drüben“, niemand hält uns auf. Wir laufen die Invalidenstraße lang. Alles menschenleer. Nur vor dem Naturkundemuseum steht eine weinende Frau und erklärt uns schluchzend, sie hätten gerade noch eine Sitzung gehabt und alle wären abgehauen, und was nun werden soll….

Wir wissen es auch nicht. Für uns ist ein irres, euphorisches Gefühl, da zu sein, wo wir nicht hätten sein dürfen. Wir laufen durch die dunklen, altbekannten Straßen, es hat sich nicht viel verändert. Nostalgie und Wehmut und Trauer befällt mich. Es ist dunkel, es riecht nach Braunkohle, nirgends ein Mensch zu sehen… Wir laufen zu einer Freundin im Prenzlauer Berg. Die macht verschlafen die Tür auf, erstarrt und zischt: Bist Du wahnsinnig, was machst du hier? Die verhaften Dich. Ich sage, Quatsch, zieh Dich an, wir fahren jetzt auf den Kudamm.

Morgens um Drei sind wir zurück im Westen, wieder unkontrolliert. Der Kudamm ist schwarz vor Menschen, Westberliner in Cabriolets fahren irgendwelche kreischende Ossis im Kreis herum. Ecke Joachimstaler Straße an der Currywurstbude gegenüber vom Café Kranzler sehen wir plötzlich riesige Deutschland-Fahnen und ein Menschenchor brüllt über den Kudamm: »Deutschland! Deutschland! Deutschland!«. Ohrenbetäubend. Beängstigend.

Im selben Moment ist die Euphorie weg, als hätte man einen Lichtschalter umlegt, und mir wird kalt.

DAS will ich alles nicht…

Schon am nächsten Tag, heute vor 25 Jahren, bieten Straßenverkäufer T-Shirts mit der Aufschrift: »9. November. Ich war dabei!« an. 9. November. Ich war dabei! 9. November. Ich war dabei! Es rattert in meinem Schädel.

Die Scham, das miese Gefühl, das mich ergreift, die Angst vor einem neuen Großdeutschland, eine Lähmung und der Gedanke „Was, in aller Welt, mache ich hier?“, den ich eingedenk meiner neuen Freiheit so vorher nie hatte, verlässt mich nicht mehr, monatelang.

In der Folgezeit werden im Osten Heinrich-Heine-Straßen umbenannt, Ausländerheime angezündet und Asylbewerber erschlagen und meine Stasiakte offenbart mir eine völlig ungeahnte Anzahl von „Freunden“, auch und vor allem jüdischen, die ich aus meinem Adressbuch streiche und aus meinem Gedächtnis zu löschen versuche…

Meine Horrorvision eines omnipotenten Deutschlands mit fiesen Bewohnern hat sich in den folgenden Jahren verflüchtigt. Wenn ich von meinem persönlichen Erlebnishorizont ausgehe, also die Existenz in Polen, der DDR und Israel mit dem Leben im Nachwende-Deutschland vergleiche und mit anderen europäischen Ländern, so steht für mich bei allen Defiziten und aller notwendigen Kritik, fest, dass Deutschland und seine Bewohner dazu gelernt haben, und ich auch. Ich kann partizipieren und mich einbringen, wie nie in meiner Zeit hinter dem Eisernen Vorhang. Ich lebe gern in Berlin, vor allem seit hier so viele Israelis leben und sich ein so breites Spektrum an jüdischem Leben außerhalb der engen Gemeindestrukturen entwickelt hat. Ich habe die Koffer ausgepackt. Denke ich.

Wenngleich: Die Ereignisse der letzten Monate, der geifernde offene Judenhass auf deutschen Straßen, der sich hinter einem Gaza-Konflikt versteckt, lässt mich zum ersten Mal in meiner deutschen Geschichte wieder wanken. Noch nie in meinem Leben, nicht in der antisemitischsten polnischen Provinz, habe ich mich dermaßen gedemütigt, hilflos, verletzt und verraten gefühlt. Weder unter dem Druck von Schulparteisekretären noch Stasioffizieren habe ich meinen Magen David oder meine Meinung oder meine Herkunft versteckt. Jetzt – je nach Gegenüber – tue ich es. Das beschämt mich. Doch selbst wenn ich den Koffer vom Schrank hole. Wohin sollte ich?

Die weißen Ballons, die hier gestern in den Himmel aufgestiegen sind, waren nett, aber sie sind jetzt weg. Das andere bleibt – auch die Flüchtlinge, die unser Paradies nicht betreten dürfen, auch ein Biermann, der angegiftet wird, weil er nicht vergessen kann, und ein jüdischer Alltag, hinter dem 25 Jahre „danach“ – und 76 Jahre nach der Pogromnacht –, wieder viele Fragezeichen stehen.