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Schacharit Rosch haSchana 5775 (München 2014)

Am Anfang jedes Jahres machen wir neue Vorsätze. Oft müssen wir später feststellen, dass wir sie nicht so ganz erfüllt haben, wie wir uns gewünscht hätten. Sollen wir lieber darauf verzichten und das Jahr nehmen, wie es läuft? Ich denke eher, dass wir neue, auch kleine Ziele brauchen, weil sie uns helfen, den großen Zeitraum des neuen Jahres mit einem konkreten Inhalt und mit einer Motivation zu betreten…

Rabbiner Tom Kučera, Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München

Auch wenn wir nicht alle geplanten Ziele erreichen, dann sicher andere Ziele, die wir zwar nicht geplant haben, die wir aber gar nicht erreicht hätten, wenn wir überhaupt keine neuen Vorsätze gefasst hätten. Rosch haSchana ist die Zeit der neuen Vorsätze. Viele beziehen sich auf unser persönliches Leben. Wir können von einem Lebensstil sprechen. Es ist nicht unbedingt ein modernes Wort. Diesen Begriff prägte in seiner Individualpsychologie schon Alfred Adler, den ich gestern abend ausführlicher erwähnte. Er behauptete, dass wir den Lebensstil nicht erkennen, wenn wir in einer günstigen Situation leben, sondern wenn wir Schwierigkeiten ausgesetzt sind. Dann können wir unseren Lebensstil herausfinden, die Fehler in unserem Lebensstil einsehen und zu korrigieren versuchen. Adlers Beispiele der Korrektur sind, wenn man z.B. andere zu beherrschen versucht oder ständig Klage über Schwächen und Leiden führt.

Viele unserer Vorsätze sind persönlich, viele sollen die Gemeinde miteinbeziehen. Man erzählt die Geschichte von einem Rabbiner, der zu Rosch haSchana gute, gemeinderelevante Vorsätze wecken wollte. Er schaute sich um und erhob die Stimme: “Alle Mitglieder dieser Gemeinde werden sterben.” Da hörte er ein leises Lachen. Überrascht betonte er noch einmal: “Lasst uns neue, gute Vorsätze für das Gemeindeleben des nächsten Jahres machen, denn alle Mitglieder dieser Gemeinde werden sterben.“ Wieder das gleiche leise Lachen. Der Rabbiner hielt es nicht aus, ging auf die Person zu und fragte: „Wieso lachen Sie?“ Und die Person antwortete: “Ich bin kein Mitglied dieser Gemeinde.“

Auch ohne eine negative Vorstellung als Druckmittel ahnen wir, dass der Sinn von Rosch haSchana auch darin liegt, uns neue Energie, neue Vorhaben, neue Ideen zu geben. Im letzten Jahr war eines meiner Vorhaben, sich mit den Haftarot zu beschäftigen. Die Haftara, die Prophetenlesung, kommt nach der Tora-Lesung, die in der ganzen Länge so ermüdend ist, dass man in vielen Synagogen vor der Haftara den Tallit schnell ablegt und einen Ausgang findet, um frische Luft zu bekommen. Das wenig Beachtete soll manchmal betont werden. Deswegen haben wir uns im Laufe des ganzen letzten Jahres am Schacharit ausschließlich mit den Haftarot beschäftigt. Wenn ich heute am Rosch haSchana nach vielen, vielen Jahren nicht auf Awraham und Bindung Jizchaks eingehe, so ist es nicht deswegen, dass ich davon schon alles Mögliche erzählt habe, sondern dass es der Abschluss meines letzten Rosch haSchana-Vorsatzes ist.

Die Haftara, die wir jedes Jahr hören, ist der Anfang des ersten Buches Samuels. Die Richter waren eine Zwischenstufe zwischen dem Auszug aus Ägypten und der Monarchie. Samuel, Schmuel, gehörte zu den letzten Richtern, aber gleichzeitig zu den ersten Propheten. Durch die Salbung des ersten Königs führte er die Monarchie ein. Möglicherweise ist es gut, dass Schmuel der letzte Richter-Prophet war, weil diese Funktion die säkulare und religiöse Leitung zusammenführte, was auf eine längere Zeit ungesund, sogar gefährlich wird. Doch am Anfang unserer Haftara ist Schmuel noch gar nicht geboren, und wir hören zuerst von seinem Vater Elkana, der jedes Jahr zum Heiligtum hinaufging, interessanterweise nach Schilo, was damals eine Opferstelle war, weil in Jeruschalajim noch nicht so viel los war. Als später der Jerusalemer Tempel erbaut wurde, hat man die früheren Opferstellen, Schilo inklusive, gezwungenermaßen geschlossen. Dies führte zu den wesentlichen Problemen, von denen wir heute nicht sprechen wollen.

Elkana geht zu Schilo und nimmt seine Familie mit. Eine seiner beiden Frauen heißt Channa, die Heldin unserer Haftara. Sie kann keine Kinder bekommen. Obwohl es ihrem Mann nichts ausmacht, weil er Kinder von der anderen Frau hatte, sieht es Channa anders. Sie hat höhere Erwartungen, sie braucht ihre eigene Symmetrie. Daher war sie marat nefesch. Die Übersetzung für marat nefesch als betrübten Gemütes ist sehr vorsichtig. Es kann bedeuten: existenziell bitter, das heißt, wenn man im eigenen Leben eine Enttäuschung, Verzweiflung, Aussichtslosigkeit spürt. Wir alle erleben mehr oder weniger, in dieser oder anderen Situation, diese Gefühle oder ihre Schattierungen. Was machen wir damit? Was hat Channa damit gemacht?

Viele, die diese Geschichte ein wenig kennen, würden sagen, sie habe gebetet. Es stimmt nicht genau. Sie betet zwar später, aber zuerst legt sie ein Neder ab, ein Gelübde. “Gott, wenn du mir einen Sohn gibst, wird er dir das Leben lang in der Synagoge dienen und nie einen Schnaps trinken.” Jetzt stellen wir uns vor, wie ein Kind heutzutage auf dieses unabwendbare Schicksal reagieren würde. Ein Gelübde in der kritischen Situation auszusprechen, kann auch schief gehen, deswegen hat die spätere Tradition den alltäglichen Spruch “bli neder” eingeführt. “Ja, ich komme morgen, bli neder, ohne es zu versprechen.” Das Versprechen bindet. Oft können oder wollen wir uns aber nicht binden. Trotzdem kritisiere ich Channa nicht, ja, ich verstehe irgendwie ihre Motivation: Wenn ich um etwas Ungewöhnliches bitte, biete ich auch etwas Ungewöhnliches an.

Das symmetrische Denken war typisch für das rabbinische Denken, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne, z.B. der Spruch (und ein Lied) “Mizwa goreret Mizwa”, eine gute Tat zieht eine andere gute Tat nach sich, und “Awera goreret Awera”, eine böse Tat führt zu einer ähnlichen bösen Tat. Gute Taten werden belohnt, böse Taten werden bestraft, das ist eine klassische, talmudische, symmetrische Vorstellung, mit der man sich kritisch auseinadersetzen könnte. Dennoch läuft alles auf die Symmetrie hinaus, die dabei ziemlich individuell wahrgenommen wird. Elkana sah seine Symmetrie darin, dass er Kinder von der zweiten Frau bekam, die aber von Elkana weniger geliebt wurde als Channa, daher bewirkte Gott seine Symmetrie damit, dass Channa keine Kinder hatte. Channa sah dagegen ihre Symmetrie in der Teilnahme am Elternglück. Deswegen betet Channa, sie macht eine Tefilla, im Text wird das Verb “lehitpalel” benutzt. Hilft es ihr? Hilft es uns, wenn wir beten?

Ein Jude betet in einer Synagoge mit lauter, aufgeregten Stimme. Sein Nachbarn neigt sich zu ihm und bemerkt: “Mit Gewalt wirst du hier auch nichts ausrichten.” Ich weiß, was mit mir die Tefilla macht, die ich als eine Tageskonstante nehme, bei der man immer wieder die gleichen Worte wiederholt, die schon ziemlich automatisch ausgesprochen werden. Doch gerade durch diese Automatisierung haben sie eine beruhigende Wirkung. Wenn ich einen großen, steilen Berg besteige, ist vieles dabei genauso automatisiert und oft gedankenlos, aber darin liegt auch die Erholung, dass man vorübergehend nichts denken, analysieren oder entscheiden muss. Ähnlich ist es mit unserem Gebet. Ich sage nicht, dass es immer automatisch und gedankenlos ablaufen muss – auch die spontanen Bedeutungswahrnehmungen der automatischen Worte können inspirieren. Ich sage nur, dass das Gebet oft wie eine Bergwanderung ist, bei der wir auch nicht unbedingt ein Ziel erwarten, sondern der Weg das Ziel ist. Auch der Weg vom Gipfel zurück ins Tal gehört dazu, auch die Zeit nach der Bergwanderung, wie ein Gedicht von Georg Britting sagt: “Nicht droben, wo die Gipfel schweigen – hier unten, unter den Weidenzweigen – will sich die Veränderung zeigen.” Deswegen geht es im Gebet nicht darum, um etwas zu erreichen, sich etwas zu erbitten, sondern um die Zeitinvestition um einer Erfahrung willen.

Die rabbinische Tradition spricht vom Gebet als einer Mizwa, zu der wir verpflichtet sind. Eine Mutter kommt verzweifelt zum Rabbiner gelaufen. Ihr Kind hat einen unstillbaren Durchfall. “Sag Tehilim”, empfiehlt der Rabbiner. Die Mutter befolgt den Rat, sagt die Psalmen auf und das Kind wird tatsächlich gesund. Aber nach einigen Tagen ist sie wieder bei dem Rabbiner. Diesmal leidet das Kind an den genau entgegengesetzten Symptomen. Der Rabbiner meint: “Sag Tehilim.” Und die Mutter antwortet enttäuscht: „Ich dachte, die Tehillim sind für den Durchfall.“ Dieser Witz geht mit der Meinung von Saadja Gaon einher, der sich als jüdischer Philosoph schon im 10. Jh. n.d. Z., also einige Jahrhunderte nach dem Abschluss vom Talmud, nicht vorstellen konnte, dass Gott als der ursächliche Beweger da ist, um unsere Gebete unmittelbar zu erhören oder gar nicht zu erhören, sondern dass das Gebet für uns selbst gut ist, für unsere mentale Gesundheit. Das ist eine gewagte, postrabbinische Aussage, die heutzutage aktuell aufgegriffen wird, wenn viel von der Meditation und ihrer Auswirkung gesprochen wird.

Channa betet in unserer Haftara und sagt dazu später: „waeschpoch et nafschi lifnej Adoschem“, I have been pouring out my soul before the Eternal, ich habe meine Seele ausgeschüttet vor dem Ewigen. Ich muss dabei an ein Lied denken von der französischen Sängerin ZAZ, Jahrgang 1980, deren Gesicht wir von der Reklame in den Münchener U-Bahn-Stationen kennen. Ihr Lied “Déterre” (Grabe aus) beginnt im ruhigen Tempo mit dem Ratschlag, auszuspucken, was uns miserabel macht. Wenn die ruhige Melodie später in bewegender Weise nach oben geht, hört man die Worte: “Mach schon, gib auf, auch wenn du tonnenschwer beladen bist, wirst du nichts wiegen. Mach schon, stampfe mit deinen Füßen, damit unter ihnen die Erde mitschwingt.”

Und Channa sagte: “waeschpoch et nafschi lifnej Adoschem”, I have been pouring out my soul before the Eternal, ich habe meine Seele ausgeschüttet vor dem Ewigen. Hilft es, wenn wir auf diese Weise beten? Meine bejahende Antwort gebe ich mit einem persönlichen Beispiel aus unserer Gemeinde. Als David Gall, sichrono liwracha, seine letzten Monate durchlitten hat, hat er mithilfe seiner Frau Eva die Gebete gesagt, die in unserem Siddur zu besonderen Gelegenheiten vorhanden sind, auch das Gebet in sehr schwerer Krankheit, das von der Hoffnung und Heilung, aber auch von der Möglichkeit der Reise aus dieser Welt spricht. Das fast tägliche Aussprechen dieses Textes gab David mehr Ruhe. Zusätzlich mithilfe einer ganz besonderen Maly-Meditation, die er regelmäßig durchzuführen versuchte, verspürte er sogar den physischen positiven Einfluss auf seine angeschwollenen Beine. Ich habe es sehr bewundert, dass unser Reformsiddur unter diesen Umständen helfen kann. Trotzdem lebe ich weiterhin mit der offenen Frage, ob die Maly-Meditation auch zu einer Heilung führen kann, wie angeblich statistisch bei Bauchspeicheldrüsenkrebspatienten nachgewiesen wurde.

Trotz aller offenen Fragen ahne ich die heilende Möglichkeit der Meditation in dem Abschalten des Stirnhirns, der das Zentrum unseres Intellekts darstellt und unser Nachdenken, unsere Planungen und Entscheidungen steuert. Doch gerade diese Prozesse, ohne die wir in dieser Welt nicht leben können, sind ein Hindernis für die Meditation, die definiert wird als „ein nicht wertendes Wahrnehmen aller im Moment auftauchenden Gefühle und Gedanken“. Davon kommt auch das viel zitierte Verweilen in der Gegenwart, sich ganz im Augenblick aufgehen zu lassen, das wir mehr mit der östlichen Religionen verbinden, das aber auch in der jüdischen Tradition verankert ist – nicht nur in den Meditationen der Kabbala, sondern auch im Wahrnehmen der Worte unseres Siddurs, z.B. in der Amida, die am Anfang von der Geschichte der Urväter und Urmütter spricht, im zweiten Teil von den Zukunftshoffnungen und im dritten Teil mit dem dreimaligen Aussprechen von “kadosch, kadosch, kadosch” die zeitunabhängige Gegenwart betont. Dass wir uns dabei auf die Zehenspitzen erheben, wird traditionell als ein symbolisches Emporsteigen zu den höheren Sphären interpretiert. Ein Ausdruck dieser Symbolik ist auch die Bima, unsere neue Bima, für die wir der Familie Rid dankbar sind. Das symbolische sich Erheben bei “kadosch, kadosch, kadosch” kann auch spirituell als eine Suche nach dem Verweilen in der Gegenwart verstanden werden, als Versuch eines nicht wertenden Wahrnehmens, die Essenz jeder Meditation.

Es ist aber nicht einfach, nur in der Gegenwart zu verweilen und nichts zu denken. Es ist schon schwer genug, einen Gedanken zu denken. Aber ist es nicht noch schwieriger, einen Gedanken nicht zu denken? Oscar Wilde sagte: “Gar nichts zu tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung, und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.” Ich weiß nicht, ob es ihm persönlich gelungen ist. Ich weiß aber, dass es wissenschaftlich belegt wurde, dass wir in unserem Leben schon nach einigen Wochen deutliche Änderungen in Bezug auf unsere Konzentration, Gedächtnisleistung und innere Ausgeglichenheit erfahren, wenn wir eine kurze Zeit regelmäßig unseren Atem beobachten – nur dies und nichts mehr. Können wir wirklich etwas Ähnliches erfahren? 18 Minuten des täglichen bewussten Nichtdenkens als ein Weg zur Erhöhung unserer Lebensqualität? Der Weg zu einer tiefen Wahrheit führt oft durch eine oberflächliche Aussage. Wahrscheinlich ist die größte Herausforderung dabei die nötige Regelmäßigkeit. Ein Aphorismus von Kafka spricht vom Abbrechen des Methodischen als dem Anfang jedes Übels. Wie lange schaffen wir es, die 18 Minuten täglich zu investieren? Eine Woche, ein Monat, ein Jahr, das Leben lang?

Die Mizwa der Tefilla, die Pflicht zum Gebet, ist in der jüdischen Tradition nichts anderes als eine eine ausgezwungene Übung der Regelmäßigkeit, die uns geistig weiterbringen kann. Die Tefilla gehört zum Trio der Hohen Feiertage. Diesem Trio gehen die Worte vor: “Berosch haschana jikatewun”, am Rosch haSchana werden geschrieben, “uwjom zom kippur jechatemun”, am Jom Kippur-Fasten werden versiegelt. Gemeint sind dabei unsere Taten. Aber das Trio der Hohen Feiertage kann das Schicksal des Versiegelns ändern: Neben der Teschuwa und Zedaka ist es gerade die Tefilla, das Gebet, oder mit anderen Worten: Meditation, Yoga, Atembeobachtung, Reiki, Achtsamkeitsübungen und andere. Damit ist die Aufforderung, unser Schicksals zu ändern, keine Warnung vor den endgültigen Folgen für die kommende Welt, sondern eine Einladung zu den möglichen Folgen in dieser Welt. Damit könnte die Mizwa der Tefilla als unsere persönliche Verpflichtung zu der gedankenlosen Regelmäßigkeit verstanden werden.

Möglicherweise ist es auch dies die Süße des neuen Jahres, die wir uns gegenseitig wünschen, wenn wir sagen: „Schana towa umetuka.“