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Auf geht’s, Bibi!

Zuerst ein kleines Geständnis: Angesichts des Leidens, das die Führer der Hamas über ihr Volk gebracht haben, ist mir nicht nach Weinen zumute. Diese Bilder von zerstörten Häusern und Hunderttausenden von Obdachlosen, die mit Tränen in den Augen die Trümmer ihrer Häuser durchwühlen in der Hoffnung, Matratzen und persönliche Dinge zu finden, sind zwar wirklich hart. Aber es kann durchaus sein, dass diese Mieter ihre Wohnungen der Hamas zur Verfügung gestellt haben –entweder für Geld oder infolge sanfter körperlicher Gewalt−, damit diese hier Eingänge zu ihren Hunderten von Tunneln bauen konnte, die für einen Mega-Angriff auf die Zivilbevölkerung Israels gedacht waren. Vielleicht stellten die Mieter die Wohnungen auch einfach aus Angst vor den Schlägertypen der Hamas zur Verfügung…

Kommentar von Yoel Marcus, Haaretz, 08.08.2014
Übersetzung: Daniela Marcus

Doch das alles spielt keine Rolle. Die Welt sieht die Bilder und ist geschockt. Allerdings gäbe es diese Ruinen nicht, wenn die Hamas nicht begonnen hätte, Israel mit Raketen und Geschossen anzugreifen und zur gleichen Zeit das Tunnelsystem für einen Mega-Angriff im Herzen der israelischen Bevölkerungszentren vorbereitet hätte. (Es möge bitte niemand fragen, ob wir davon wussten oder nicht.) In Israel witzelten die Leute darüber und sagten: Hätten wir gewusst, dass die Hamas so gut ist im Tunnelbau, hätte sie ihren Haushalt mit dem Bau der U-Bahn in Tel Aviv sanieren können.

Zu unserem Glück konnten wir diesen Mega-Angriff durch die Operation „Schutzlinie“ vereiteln. Diese Operation „Schutzlinie“ ist eine der erfolgreichsten, die wir unter ähnlichen Umständen ausgeführt haben. „Einer der gerechtfertigsten Kriege Israels“ – wie Ariel Sharon 1998 über den Ersten Libanonkrieg sagte. Mit einem kleinen Unterschied: Dieses Mal war unsere Reaktion nicht nur gerechtfertigt sondern auch effektiv, sowohl im Hinblick auf die Verteidigung der Bevölkerung mit Mitteln wie dem Wunder namens „Eiserne Kuppel“, als auch im Hinblick auf die Luft- und Seeangriffe auf den Gazastreifen. Wir sind sehr gut, wenn es um Erfindungen in Sachen Verteidigung geht. Hierzu gehört auch das „Windbreaker“-System, das Raketenangriffe auf Panzer verhindert. Hier wurde abwechslungshalber einmal bewiesen, dass nicht nur unsere Muskeln funktionieren, sondern auch unser jüdischer Verstand.

Dieses Mal war es ein richtiger Krieg. Etwa 82.000 Reservisten wurden mobilisiert zusätzlich zur regulären Armee vom niedrigsten bis zum obersten Dienstgrad. Die Soldaten schienen aus einer neuen Sorte Stein gehauen zu sein: beharrlich im Hinblick auf das Ziel und sich freiwillig anbietend für schwierige Missionen. Viele von ihnen –vor allem die jüngeren− sahen wie die Verkörperung des Mannes aus Mofaz‘ Lexikon der hebräischen Sprache aus. Jeder, der dachte, dass die größte Bedrohung für Israel die iranische Atombombe ist und dass es keine konventionellen Kriege mehr gibt, hat wieder einmal festgestellt, dass wir auch in dieser Generation noch immer von Angesicht zu Angesicht für unser Existenzrecht kämpfen müssen. In den Kriegen, die wir führen müssen, gibt es keinen vollkommenen Sieg. Denn die andere Seite ist bereit zu leiden. Sie kann eine Opferzahl von 10.000 verkraften ohne mit der Wimper zu zucken. Wir können einen solchen Preis nicht bezahlen. In der Schlussfolgerung gibt es keine andere Alternative als nach einer politischen Lösung zu suchen.

Dieser Krieg kann vielleicht neue Optionen für den Friedensprozess öffnen. Wenn die Führer der Hamas in den Krieg zogen, um die Supermacht im zukünftigen Palästina zu werden, dann haben sie den Krieg verloren. Sie gehen geschwächt aus ihm hervor. Ägypten unter Präsident Abdel-Fattah al-Sisi verabscheut sie. Al-Sisi war der erste, der die Bedrohung durch die Tunnel erkannt hat und sie deshalb in Rafah geschlossen hat, sobald er das Präsidentenamt innehatte. Die Hamas hat dem eingefrorenen Frieden zwischen Ägypten und Israel neues Leben eingehaucht. Beide Länder haben ein Interesse daran, das Erstarken des radikalen Islam entlang ihrer Grenzen und im Landesinneren zu verhindern. Beiden Ländern ist daran gelegen, dass die Fatah den Gazastreifen regiert.

Seit der Zeit als die drei israelischen Teenager entführt und ermordet wurden, sieht der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas aus, als esse er häufig Spinat und strebe danach, der Repräsentant aller Palästinenser –auch derjenigen in Gaza− zu sein. Es muss zugegeben werden, dass der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu die Operation „Schutzlinie“ mit Bedacht geleitet hat. Mit Charakteren wie Außenminister Avigdor Lieberman oder Wirtschaftsminister Naftali Bennett, die sich in Fernsehinterviews über das zögerliche Verhalten von Netanyahu beschweren, ist es nicht leicht, eine Mission, bei der es um Leben oder Tod geht, durchzuführen. Aber die Klagen werden den beiden nicht helfen. Die Niederlage der Hamas stärkt Abbas als ernsthaften Partner und als Licht am Ende des Tunnels.

Diejenigen, die Premierminister Netanyahu Gutes wünschen, werden ihm den Rat geben, seinen Erfolg für die Wiederaufnahme der Friedensgespräche mit Abbas zu nutzen. Auf geht’s, Bibi!