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Der Dichter Bialik

Am 4. Juli 1934 verstarb Chaim Nachman Bialik, der große hebräische Nationaldichter. Der vorliegende Beitrag erschien im August 1934 in der von Julius Goldstein herausgegebenen Zeitschrift „Der Morgen“, die ein breites Themenspektrum aus aufgeklärt-orthodoxer Sicht bediente. Autor des Nachrufes ist Emanuel bin Gorion (1903-1987), Sohn des Schriftstellers Micha Josef Berdyczewski, der selbst als Rezensent und Herausgeber tätig war und nach seiner Emigration 1936 nach Tel Aviv eine städtische Bibliothek leitete…

Chaim Nachman Bialik, 1923Emanuel bin Gorion
Der Morgen, Heft 5, August 1934

Dem eben heimgegangenen Dichter Ch. N. Bialik ist ein Ausnahme-Schicksal beschieden gewesen; er genoß schon zu Lebzeiten das, was dem Auserwählten gemeinhin erst die Nachwelt verleihen muß: den verdienten Ruhm, geistiger Repräsentant eines Volkes, lebendiger und echter Ausdruck seiner Literatur zu sein.

Einen solchen, der in sich gleichsam alles verkörpert, was die Geistigen einer Zeit bedrängt, bewegt und beflügelt, braucht jede Gemeinschaft; und die Literatur- und Religionsgeschichte kennt Beispiele genug, daß man sich Männer dieser Art, wenn man sie nicht hat, erfindet. Bialik sah ganz anders aus, als man sich die Genies vorstellt, wenn man sehr jung ist: eine derbe, primitive Erscheinung von bäuerlich schlichtem Gehaben, weder mit dem Worte geizend noch mit dem Lächeln und dem Händedruck. Fast könnte man sagen: der unbekannte Soldat des neuhebräischen Schrifttums, so wenig von Pose, Manier und Allüre; nichts vom Propheten, nichts vom Olympier — ein Mensch!

Das südliche Rußland, dem er entstammte, hat seine Physiognomie bestimmt. Zu den Paten der neuhebräischen Literatur kann man mit einigem Recht auch einen Gogol und Turgenjew zählen; von allen Literaturen, mit denen man sie vergleichen kann, ist die neuhebräische der russischen am ehesten verwandt. Bialik war nicht nur Gorkis Freund, sondern ihm auch in vielem wesensähnlich. Allerdings, seine Domäne ist das Gedicht, und der Boden, aus dem er seine Kräfte gesogen hat, der nur scheinbar immaterielle Boden der Thora, Mischna und religiösen Spekulation gewesen: die unzerstörbare Welt des alten Judentums, die, von ihrer Ursprungsstätte verbannt, in jedem Lehrhause der Diaspora Urständ gefeiert hat und feiert. Der Dichter sah die Ährenfelder der fruchtbaren Ukraine wogen, die Schwalbe zwitscherte, das Heimchen zirpte am Herd; in seiner Seele lebte zugleich die Landschaft des fernen Kanaan mit den Weinstöcken und Feigenbäumen, wo Salomo noch von den Bäumen redete, mit der Libanonzeder angefangen bis zu dem Ysop, der aus der Wand sprießt. . . Mit der unmittelbar geschauten und täglich erneuerten Natur verwob sich ihm die seine Phantasie erfüllende, zeitlose, längst in Form gebrachte, geheiligte und von einer magischen Lebenskraft immer wieder glühende Natur der Bibel. Das kindliche Gemüt des Slaven, das auch ihm innewohnte, und das Erbe einer Überlieferung, die sich aus einer Zeit herschreibt, wo die ganze Menschheit Kind war — sie ergänzten sich gegenseitig in seltsam anmutiger Weise und ergaben diese Harmonie.

Die Lyrik des hebräischen Dichters ist von vornherein davor bewahrt, sich ins Leere zu verlieren. Der Weltschmerz ist ein Gefühl, das nicht ohne weiteres von jedem nachgelitten werden kann — den Judenschmerz kennt jeder Jude. Bei Bialik hat dieses Leid nichts von Wehleidigkeit an sich; es ist das Leid des Unbeugsamen, der ins Weltliche übersetzte Stolz, der aus der gläubigen Erkenntnis spricht: „Wen Gott lieb hat, den züchtigt er!“ Sein Schmerz ist zugleich sein Glück, denn er weiß, daß das Leiden den Blick schärft, die Seele weitet, das Herz öffnet, er weiß auch um die Gloriole des Märtyrers:

Verlangt es dich zu wissen: welches ist der Born,
Draus schöpften deine Ahnen, die hingeschlachteten,
In böser Stunde solchen Trotz und Mut der Seele —
Sie schritten lächelnd in den Tod, willig den Hals
Darbietend dem gezückten Messer, dem erhobenen Beil,
Bereit, den Scheiterhaufen zu besteigen, in die Glut zu springen
Und mit dem Ruf: „Der Herr ist Einer!“ heilgen Tod zu sterben . . .
. . .
Geplagter Bruder du! Ist es dir nicht bewußt,
Kehr‘ ein ins Bet Hamidrasch, ins alte, altersgraue,
Sei’s in des Tewet Nächten, den langen, schaurigen,
Sei’s in des Tammus Tagen, den glühenden, den heißen . . .

Und ins Antike zurückgreifend, beschwört der Dichter in einem anderen, in Hexametern abgefaßten Poem das verschollene Riesengeschlecht der Wüstenwanderungszeit, dessen tote Leiber, Denkmäler ewigen Heldentums, aus dem Sande ragen:

Hart sind ihre Stirnen und mächtig, drohend gen Himmel,
Graunvoll die Bögen der Augen, drin lauern die Schrecken und Ängste,
Lang und kraus der Bart wie ein Knäuel sich windender Schlangen,
Drunter die Brust sich wölbt, ein Block, aus der Felsschlucht gehauen,
Ragend metallnem Amboß gleich, der dem Hammer bestimmt ist:
Wie wenn von Anbeginn her, von der Keule der Zeiten getroffen,
Ungemessene Kraft hier erstarrt und verstummt sei für ewig.