In Wien – wo alles anfing

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal, im Fernsehen häufen sich die historischen Dokumentationen und Filme über die ‚Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts’, es werden Bücher zum Thema publiziert, Museen und Bibliotheken nehmen den Jahrestag zum Anlaß für Ausstellungen, meist mit Katalogen oder Begleitbänden dazu…

Von Hans-Peter Laqueur

In Wien – wo alles anfing (zumindest politisch, mit den Reaktionen auf die Todesschüsse von Sarajewo) – wird der Saal zum Ersten Weltkrieg im Militärgeschichtlichen Museum renoviert und reorganisiert, pünktlich zum 100. Jahrestag des Attentats wird er am 28. Juni 2014 wieder eröffnet. Andere Ausstellungen zum Thema sind bereits zugänglich:

An meine Völker!Die Österreichische Nationalbibliothek – deren Vorgängerin, die Kaiserliche Hofbibliothek, bereits 1914 begann, systematisch Material über den Krieg zu sammeln – präsentiert noch bis zum 2. November 2014 Teile dieser Sammlung in einer Ausstellung „An meine Völker! Der Erste Weltkrieg 1914-1918“ in ihrem Prunksaal in der Hofburg (Josefsplatz 1). Das Spektrum der ausgestellten Dokumente belegt die Triumphstimmung des Kriegsausbruches mit den ersten Siegesmeldungen ebenso wie das Flüchtlingselend und die Mangelverwaltung (‚Sammelt Maikäfer als Hühner- und Schweinefutter’, ‚Aus Kaffeesatz kann Öl gewonnen werden’) der späteren Jahre des Krieges. – Zu dieser Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, darin sind nicht nur alle Exponate abgebildet (leider teilweise in einem Format, das zur Lektüre eine Lupe verlangt), sondern es findet sich auch ein sehr bemerkenswerter Anhang (S. 219-23)): „Gedächtnisort Erster Weltkrieg“. Hierzu wurden zwölf Autorinnen und Autoren – die meisten etwa 50 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges geboren – aus zwölf Nachfolgerstaaten der Habsburgermonarchie eingeladen, zu diesem Thema zu schreiben, weitere Vorgaben gab es nicht. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Anthologie von unterschiedlichsten Annäherungen an das Thema, teilweise nüchtern-sachlich, teilweise aber auch sehr persönlich und anrührend, lesenswert in jedem Falle.

Eine sehr andere Annäherung an dem Themenkreis bietet die Ausstellung „Weltuntergang. Jüdisches Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg“, die im Jüdischen Museum Wien in der Dorotheergasse 11 ist noch bis zum 14. September 2014 zu sehen ist. Zu ihr ist ein umfangreicher Begleitband erschienen. Nach einem Vorwort wird das Thema in großer Breite in 22 Aufsätzen behandelt. Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert, ‚Jüdische Soldaten ’ (S. 11-107) ‚Jerusalem’ (S. 109-131) und ‚Nachkrieg’ (S, 133-216).

Das Spektrum des ersten Kapitels reicht von dem „Aufstieg und Fall des Wienner Judentums“ (S. 34-44, Robert Wistrich) und „Die große Katastrophe: die österreichischen Juden und der Krieg“ (S. 12-25, David Rechter) über „Jüdische Soldaten in der k.u.K. Armee“ (S. 45-51, Erwin A. Schmidt), eine „Namensliste der Feldrabbiner in der österreichisch-ungarischen Armee während des Ersten Weltkriegs“ (S. 74-95, Peter Steiner) und eine Darstellung ihrer Aufgaben in „Feldrabbiner in der k.u.k. Armee während des Ersten Weltkriegs“ (S. 67-73, Dieter J. Hecht) bis hin zu „Muslimische Soldaten in der k.u.k. Armee“ (S. 97-103, Christoph Neumayer). Einblicke in die Strukturen der k.u.k. Streitkräfte im Ersten Weltkrieg bieten die Beiträge „Die organisatorische Dreiteilung der ’Bewaffneten Macht Österreich-Ungarns’“ (S. 61-66, Peter Steiner) ebenso wie „Auszeichnungen und patriotische Abzeichen im Ersten Weltkrieg“ (S. 104-107, Tristan Loidl). Dazu werden noch weitere Themen behandelt wie „’Krieg’ in der jüdischen Religion“ (S. 26-33, Gerhard Langer) und „Das antisemitische Bild vom jüdischen Soldaten von der Emanzipation bis zum Ersten Weltkrieg – am deutschen Beispiel“ (S. 52-60, Werner Bergmann).

WeltuntergangDas zweite Kapitel „Jerusalem“ beginnt mit dem Beitrag von Robert-Tarek Fischer „‚Die einzige Kolonie unserer Monarchie’ – das Schicksal der jüdischen Schutzgemeinde in Palästina“ (S. 110-118) und geht weiterhin ein sowohl auf „Die jüdischen Soldaten des Kaisers in Heiligen Land“ (S. 119-125, György Sajó, Robert-Tarek Fischer), als auch auf „Die jüdischen Soldaten in den britischen und osmanischen Streitkräften in Palästina und Syrien im Ersten Weltkrieg“ (S. 126-131, Yosef Charny).

Mit fast 80 Seiten ein erheblicher Teil des Bandes ist dem dritten Kapitel „Nachkrieg“ gewidmet, dessen Titel allerdings teilweise irreführend ist, beschäftigen sich doch vier seiner neun Aufsätze vorwiegend mit den Kriegsjahren und einer, „Aufbruch der Jugend: Wiener (jüdische) Jugendbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg“ (S, 168-177, Eleonore Lappin-Eppel) sogar mit der Zeit davor. – Am Anfang stehen zwei Beiträge über die kriegsbedingte Fluchtbewegung aus den östlichen Teilen der Monarchie nach Wien und über ihre Folgen, „Zufluchtsort Wien: jüdische Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina“ (S. 134-142, Albert Lichtblau) und „’Shtedt un shtedtlakh, tsushmert, ferbrent, obgeribene fun der erd …’ Die Zerstörung von Synagogen und jüdischem Kulturgut in Galizien und in der Bukowina“ (S. 143-148, Gabriele Kohlbauer-Fritz). Ebenfalls von den Kriegsjahren handelt „Jüdische Frauen im Krieg“ (S. 159-167, Michaela Raggam-Blesch) ; der Beitrag „Organisiert die Welt! Österreichische Pazifisten und der Erste Weltkrieg“ (S. 190-199, Marcus G. Patka) führt in seinem Schlußabschnitt in die Zwischenkriegszeit. Ebenfalls sowohl die Kriegs- als auch die Nachkriegsjahre sind Gegenstand von „Die israelitische Kultusgemeinde und der jüdische Nationalrat “ (S. 149-158, Evelyn Adunka). Das Kriegsende und seine Folgen steht im Mittelpunkt von „1918 – Ein Ende ohne Anfang? Räterepublik versus parlamentarische Demokratie“ (S. 178-189, Alfred Stalzer), und die letzten beiden Beiträge dieses Kapitels führen weiter bis 1938 bzw. 1948: „Erinnerung an den Krieg: der Bund Jüdischer Frontsoldaten Österreichs 1932 bis 1938“ (S. 200-210, Gerald Lamprecht) und „Lebenswege österreichischer jüdischer Soldaten vom Ersten Weltkrieg bis zur Gründung Israels“ (S. 211-216, Paul Rachler).

Mit der Erwähnung der Teilhabe einiger österreichischer jüdischer Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs – „wenn auch schon im fortgeschrittenen Alter“ – am Unabhängigkeitskrieg 1948 schließt der Textteil dieses inhaltsreichen und lesenswerten Bandes. Abgeschlossen und vervollständigt wird es durch etwa 70 Kurzbiographien von Soldaten, politischen Funktionären, Autoren, Schauspielern, Künstlern, Jounrnalisten sowie von Gelehrten und Friedensfreunden (S. 217-242).

Auch die Jüdischen Museen in Berlin und München werden dem Thema Ausstellungen widmen: Vom 3. Juli bis zum 16. November 2014 ist im Jüdischen Museum Berlin, Lindenstr. 9-14, die Ausstellung „Der Erste Weltkrieg in der jüdischen Erinnerung“ zu sehen, ein Katalog dazu ist nicht angekündigt.

Im Jüdischen Museum der Stadt München, St. Jakobsplatz 16, wird am 8. Juli 2014 die Ausstellung „Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918“ eröffnet, die bis zum 22. Februar 1915 gezeigt wird. Der Katalog dazu ist noch nicht lieferbar.

Soweit aus den Ankündigungstexten ersichtlich stellen die Ausstellungen in Berlin und München individuelle Schicksale im den Mittelpunkt, während die Ausstellung des Jüdischen Museums in Wien sich mit einem globaleren Ansatz des Themas annimmt.

Es steht zu hoffen, daß mit diesen und ähnlichen Ausstellungen, mit Büchern und Dokumentationen der Erste Weltkrieg – in der Erinnerung im deutschsprachigen Raum bislang meist überlagert durch die Schrecken des Zweiten – als das erkannt wird, was er wirkich war, und als das ihn Historiker längst schon sehen, als die erste Phase des ‚Dreißigjährigen Krieges des 20. Jahrhunderts’, als Beginn einer globalen Auseinadersetzung, die ursächlich in die Katastrophe, zu Hitler, 1939-45 und der Shoah führte.

Manfred Rauchensteiner (Hg.), An meine Völker! Der Erste Weltkrieg 1914-1918, 256 S., Amalthea Verlag Wien 2014, ISBN 978-3-85002-864-6, 29,90 €

Marcus G. Patka (Hg.), Weltuntergang. Jüdisches Leben und Sterben im Esten Weltkrieg, 256 S., Styria Verlag Wien-Graz-Klagenfurt 2014, ISBN 978-3-222-13434-0, 24,99 €

Ulrike Heikaus/Julia B. Köhne (Hg.), Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918, Verlag Hentrich&Hentrich, Berlin 2014, ISBN 978-3-95565-063-6, 24,90 €