10 Jahre Breaking the Silence

Drei israelische Reservistinnen von Breaking the Silence berichten in Videointerviews über die stillschweigende Zusammenarbeit mit extremistischen Siedlern und über die alltäglichen Schikanen, die sie den Menschen in den besetzten Gebieten zugefügt haben. Seit inzwischen 10 Jahren bringt Breaking the Silence die Realität der Besatzung in die israelische Öffentlichkeit; allen Anfeindungen aus der rechten Ecke zum Trotz…

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Sie patrouillieren nachts durch die Gassen, setzen Ausgangssperren durch, dringen in private Häuser ein. Bereits seit 1967 gehören israelische Soldatinnen und Soldaten zum Stadtbild von Hebron und anderen palästinensischen Städten. Sie sehen viel, doch zurück zu Hause sprechen die jungen Menschen wenig über ihre Erfahrungen. Denn die Mehrheit der israelischen Bevölkerung möchte nicht so genau wissen, wie der Alltag einer lang anhaltenden Besatzung der palästinensischen Gebiete aussieht, wie sich militärische Angriffe und Straßensperren auf die Zivilbevölkerung auswirken. Auch möchte man nicht sehen, was die eigene Armee dort wirklich tut.

Hier beginnt die Arbeit von Breaking the Silence. Der Name ist Programm: Breaking the Silence ist eine Organisation israelischer Reservisten, die als Soldaten die Besatzungsrealitäten – von struktureller Repression über die stille Kooperation mit extremistischen jüdischen Siedlerinnen und Siedlern bis hin zu alltäglichen Schikanen – erlebt haben und das Schweigen darüber in der israelischen Gesellschaft brechen möchten. Die alltäglichen Erniedrigungen in den palästinensischen Gebieten sollen öffentlich gemacht und die israelische Gesellschaft soll aufgerüttelt werden.

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Geisterstadt Hebron

Gegründet wurde die Organisation von Reservisten, die in Hebron gedient hatten. Mit 180.000 Einwohnern ist Hebron die zweitgrößte palästinensische Stadt in der Westbank – und die einzige, in der sich jüdische Siedler direkt im Zentrum niedergelassen haben. Denn hier befindet sich nach biblischer Überlieferung die Grabhöhle des Patriarchen Abraham, und die Siedler wollen Hebron in eine jüdische Stadt verwandeln – ohne Araber. Hunderte Soldaten sind hier stationiert um die rechtsradikalen Siedlerinnen und Siedler zu beschützen. Ergebnis: Heute gleicht Hebrons altes Stadtzentrum einer Geisterstadt. Die Geschäfte sind verrammelt, die Straßen menschenleer. Drei Viertel der Geschäfte sind geschlossen: mehr als 1.800 Läden. Beinahe die Hälfte der Wohnungen im Stadtzentrum ist verlassen. Von den Menschen, die geblieben sind, können viele ihre Häuser nicht einmal mehr durch die Tür betreten, weil die Armee sie zugeschweißt hat; sie müssen über die Dächer klettern.

Während andere Soldaten nach Beendigung ihres Armeediensts gern in die Ferne, ins indische Goa oder an den Amazonas fliegen, und sich berauschen mit allerlei Drogen, wollten die Gründer von Breaking the Silence nicht vergessen. In einer ersten Aktion sammelten sie Fotos, die Soldaten zu privaten Zwecken gemacht hatten. Die Ausstellung hieß „Hebron nach Tel Aviv bringen“, und tatsächlich sorgte sie in Israel für Furore, weil sie auf eindrucksvolle und unmittelbare Weise den Alltag der Besatzung wiedergab.

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Mehr als 700 Zeugenaussagen gesammelt

Schnell stellten die Aktivistinnen und Aktivisten fest, dass Hebron kein Einzelfall war. Ex-Soldaten, die an anderen Orten Dienst taten, kamen auf sie zu und erzählten, Ähnliches erlebt zu haben. Seit ihrer Gründung 2004 hat Breaking the Silence mithilfe vieler Freiwilliger mehr als 700 Zeugenaussagen israelischer Soldatinnen und Soldaten aus allen Bevölkerungsschichten und aus so gut wie allen Einheiten der israelischen Armee gesammelt, die in den besetzten Gebieten Dienst tun. Die interviewten Soldaten und Ex-Soldaten kennen die Ziele der Organisation und legen bewusst Zeugnis ab, auch wenn viele lieber anonym bleiben möchten, da sie sich vor gesellschaftlichem Druck oder der Reaktion offizieller militärischer Stellen fürchten. Die Zeugenaussagen werden genau analysiert, alle Fakten mehrmals überprüft und mit zusätzlichen Berichten und Zeugnissen verglichen. Die Redaktion der Aussagen wird so vorgenommen, dass der Sprachduktus der Soldaten nicht verändert wird. Dadurch entstehen kraftvolle und detaillierte Beschreibungen der Besatzungsmechanismen, die zuweilen schwere Menschenrechtsverletzungen aufdecken. Mittlerweile sind zahlreiche Videointerviews hinzugekommen, die Soldaten und Soldatinnen unmittelbar zu Wort kommen lassen.

Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten“ erschien 2012 erstmals auf Deutsch im Econ Verlag parallel zu einer Ausstellung in Berlin.

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8 Kommentare zu “10 Jahre Breaking the Silence

  1. @ente@ wenn diese Organisation sich wirklich mit unerwünschten Verhalten von israelischen Soldaten beschäftigen möchte, weshalb nicht im eigenen Land die Militärführung und die Bevölkerung damit konfrontrieren? Weshalb nimmt sie Teil im Ausland an einer Kampagne gegen die Legitimität des eigenen Staates?
    Weshalb läßt diese Organisation einen ehemaligen Soldaten, der eine andere Meinung dort ausdrückt von ihren Sicherheitsleuten entfernen?

  2. @Ente@, die von mir zitierten Texte, stellen einige sehr konkrete Fragen und weisen konkret daraufhin, dass diese Organisation teilnimmt an einer Kampagne Israel zu delegitimieren. Auf den folgenden Websites gibt es konkrete Angaben, von wem mit wieviel Geld diese Organisation ausgehalten wird und welche Politik sie verfolgt:
    http://www.ngo-monitor.org/article/breaking_the_silence_shovirm_shtika_

    http://www.ngo-monitor.org/article/breaking_the_silence_s_th_anniversary_goes_international

    Wie beantworten Sie Ente diese konkreten Vorwürfe?

  3. Als Deutscher täte man gut daran, erst einmal auf die Probleme im eigenen Lande zu blicken, ehe man sich als Moralapostel, speziell in Sachen Israel, betätigt.

    So hat Deutschland, unter anderem, ein ganz außergewöhnlches Alkohol-Problem zu bewältigen wie neuesten Meldungen der WHO, aber auch älteren Meldungen, zu entnehmen ist.

    „Deutscher Durchschnitt: Eine Badewanne Alkohol pro Jahr“
    http://www.badische-zeitung.de/gesundheit-ernaehrung/deutscher-durchschnitt-eine-badewanne-alkohol-pro-jahr–70588555.html

    „Deutsche trinken fast 150 Liter Alkohol im Jahr… Eine Besorgnis erregende Zahl, meinen Suchtexperten.“
    http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/deutsche-trinken-fast-150-liter-alkohol-im-jahr-aid-1.2064193

    „Drogentod durch Alkohol: Deutschland ist Problem-Nation“
    https://de.nachrichten.yahoo.com/drogentod-durch-alkohol-deutschland-ist-problem-nation-124744033.html

    Sollte man sich als Deutscher nicht lieber hierzu konstruktive Gedanken machen, als schon wieder gen Israel zu hauen und zu stechen?

    Wie wäre es denn, zum Beispiel, damit, die Preise für den Edelstoff, aus dem die demenzerzeugenden Träume sind, radikal heraufzusetzen?

    Ich erinnere mich daran in Deutschland Miniwodkaflaschen zum Preis von einem Euro an den Supermarktkassen angeboten gesehen zu haben. Ein echter Einstiegsdrogenpreis für Kids mit Schmalbudget.

    Muss denn sowas sein?

    Warum nicht die Einstiegspreise bei jenseits von 10 Euro ansetzen?
    Weil dann gleich der deutsche soziale Friede in Gefahr geriete?

    Das wäre doch ein Armutsszeugnis für die moralische Qualität der deutschen Gesellschaft, wenn der soziale Friede derart abhängig vom Suff wäre, nicht wahr?

    Also Freund ente, mach‘ Dir mal darüber Deine Gedanken und trage damit echt patriotisch zur Errettung Deines Vaterlandes bei!

    Über Israel und dessen echte, oder nicht echte, Probleme denken bereits sehr viele Israelis nach und die Chancen stehen relativ gut, dass diesen Gedanken wirksame Konsequenzen einhergehen, ohne Ratschläge, Kommentare und Besserwissereien aus ausgerechnet Deutschland.

  4. @nussknacker56 @ Karl Pfeifer:

    Erlaube mir dies anders zu sehen.

    Ohne direktes Wissen (erst und letztmalig in Hebron Ende der `Achziger des vergangenen Jahrhunderts) um aktuelle Begebenheiten, ohne die Ansicht einschätzen zu können, empfinde ich die Existenz solcher Gruppierungen als Zeichen gelebter Demokratie.

    Die Beurteilungen als belanglose oder useful idiots sollte – in meinen Augen – nicht gegenüber Reservisten verwendet werden.

    Diese Menschen haben ihr Land verteidigt und sicherlich nicht dessen Zerstörung im Sinn, nur eine Andere- als die Mainstream-meinung.

    Dies ist nicht nur legitim, sondern ein – gerade innerhalb der umgebenden Staaten- Zeichen der Freiheit.

    Man kann natürlich anderer Ansicht sein, sollte jedoch weder Intelligenz noch Professionalität so in Zweifel ziehen, oder unlautere Motive unterstellen.

    In jeder Demokratie existieren Gruppierungen die Minderheitsmeinungen zu Mehrheitsmeinungen machen wollen.

    Und dies ist in meinen Augen gut so!

    • @Ente

      Dass Gruppen wie Breaking the Silence zu einer Demokratie gehören ist unbestritten. Sie gehören nicht nur dazu, sondern sie sind Bestandteil einer lebendigen demokratischen Gesellschaft.

      BtS kritisiert, vermutlich zu Recht, einige unangemessene oder bedenkliche Entwicklungen in der israelischen Armee. Das ist das eine. Das andere ist, dass auch BtS kritisch betrachtet werden muss. Dafür bot das erste Interview aus meiner Sicht einigen Anlass.

      Ich kann das natürlich nur von außen betrachten und mich auch nur auf einen ersten Eindruck stützen, was sicher unzureichend ist. Dennoch: Ich sinke nicht ergriffen in die Knie und heule mit, wenn Israel von Israelis kritisiert wird. Das übernehmen mit Freuden gefühlte 98% meiner Mitmenschen, die bei diesem und ähnlich gelagerten Themen fraglos zu den profundesten Kennern der Materie gehören.

      Für mich persönlich habe ich die Entscheidung getroffen, jeden Staat, jede Organisation und erst recht jede Religion mit einer grundsätzlichen Distanz zu betrachten.

      Damit entbinde ich mich keineswegs von einer Entscheidung, einen Staat und eine Gesellschaftsform, die einer Emanzipation des Menschen möglichst wenig im Wege stehen, zu unterstützen und zu verteidigen. Und ich bin mir sicher, dass dies weder mit Friede, Freude, Eierkuchen noch mit naiven Vorstellungen von einer Gegenseite zu erreichen ist, deren destruktives Streben die Eliminierung jeglicher Umsetzungen in obengenanntem Sinne ist.

      Doch ich glaube, wir sind uns in den wesentlichen Punkten einig. 😉

  5. Ich habe mir das erste Interview mit Frau Golan angehört (deutsche Untertitelung) und ich konnte in ihrer Darstellung nichts finden, was Anlass gäbe, von gravierenden Menschenrechtsverletzungen zu sprechen – es sei denn, man betrachte schon eine Durchsuchung als eine solche. Der Inhalt des Geschilderten wirkt auf mich fast schon quälend belanglos. Der Anlass für die Durchsuchung bleibt leider im Dunkeln. Dieser ist jedoch keineswegs unwichtig oder meint jemand – wie gerade aktuell im Fall der drei Jugendlichen – Entführte lassen sich durch Hellsehen auffinden?

    Frau Golan schilderte ihre persönlichen Gefühle (Ängste, Ekel, Scham). Sie beschreibt ihren Ekel vor dem Geruch der zu durchsuchenden Frauen. Das ist zwar menschlich und auch verständlich, doch warum wendet sie sich damit an die Öffentlichkeit? Für mich ist das leider vor allem ein Hinweis, dass es ihr in erheblichem Ausmaß an Professionalität fehlt.

    Wenn sie z.B. den Verdacht gestützt hätte, dass diese Aktion lediglich dazu dient, die Beteiligten zu schikanieren, wäre dies etwas Greifbares im Sinne der Vorwürfe von BtS. So bleibt nur ein schaler Nachgeschmack und (sicher unfreiwillig) ein gefundenes Fressen für alle Kritiker von BtS.

  6. Vier interessante Fragen an Breaking the silence:
    http://cifwatch.com/2014/06/09/4-questions-for-breaking-the-silence-that-the-guardians-peter-beaumont-wont-ask/

    Eine andere Sicht auf diese Kampagne aus Yedioth Achronoth

    The useful idiots of the BDS campaign
    Op-ed: Breaking the Silence activists have become part of ‚Durban strategy,‘ which aims to destroy the State of Israel.
    Published: 06.11.14, 00:53 / Israel Opinion

    Last Friday, Breaking the Silence supporters read out testimonies of soldiers about the IDF’s misdeeds. A long time ago, when the organization first became active, I was among those who came to its defense. Because when there are exceptions, they must be exposed. They must not be concealed.
    I believed at the time, and others still believe, that the organization’s goal is to fix, improve and even strengthen the IDF. The problem is that something happened in the past decade.
    In 2001, the Durban Conference was held in South Africa under the banner of fighting racism. The conference quickly turned into a festival of hatred and incitement against the State of Israel.
    Since then and to this very day, the goal of the „Durban strategy,“ whose most prominent tool is the boycott and sanctions campaign against Israel (BDS), is not promoting reconciliation or peace based on two states for two people, but destroying the original sin of the State of Israel’s establishment as a national home for the Jewish people. The two leaders of the campaign, Omar Barghouti and Ali Abunimah, have said it themselves.
    What does this have to do with Breaking the Silence? Well, in the past few years the organization’s activists have become partners in the campaign. The organization’s founder, Yehuda Shaul, who has become a draft dodger, was a guest of the South African office of the BDS movement in August 2013.
    Another organization activist, Eran Efrati, has been visiting US campuses and spreading slanderous lies against Israel. His sponsors include Students for Justice in Palestine (SJP), one of the most malicious organizations against Israel. The activity takes place mostly around the world: The organization’s activists have gone all the way to Australia to slander Israel.
    These are the actions of someone who has joined the demonization campaign. These are not the actions of someone who wants to improve things.
    IDF is far from being perfect, but…
    There are exceptions. The IDF has acted against them, a bit more than the United States and Britain have acted against suspicions of war crimes among their soldiers. Sometimes it’s slightly difficult to deal with the allegations made by the organization’s activists, as these are rumors which cannot be refuted in any way, and according to the Popperian principle, an argument which cannot be refuted is not an argument.
    If we take the organization’s allegations in regards to Operation Cast Lead, why even if the testimonies were true – they have to do with a small fraction of the actions.
    The IDF is far from being perfect. There were and there are exceptions. The Israeli army is making an effort, more than any other army in the world, to prevent hurting innocent people. This effort should be encouraged.
    But from the moment Breaking the Silence activists joined the „Durban strategy,“ from the moment they were sponsored by organizations like SJP, they deserve a badge of shame, because these bodies declare in the clearest way possible: Our goal is to destroy the Zionist entity.
    Similar bodies, like Veterans for Peace, are active in the US and Britain. They present testimonies. They oppose war. Assuming that all the testimonies presented by the Breaking the Silence activists are true, Israel has not inflicted one-tenth of the damage that the US and Britain have inflicted on innocent people in Afghanistan and Iraq.

    If the Western campuses fear for human rights, how is it possible that the testimonies from Israel are virtually the only show? This happens because the anti-Israeli darkness mechanism does not seek human rights. It seeks to turn Israel into a monster.
    When Breaking the Silence activists stop being the useful idiots, intentionally or intentionally, of the campaign for Israel’s destruction, they will be blessed. Until then, we must treat them like any another organization which has joined the „Durban strategy“ campaign.
    http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4528872,00.html

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