Warten auf den palästinensischen Godot

Es gibt Momente, die ein Journalist niemals vergisst. 1997 entschied sich Yossi Beilin, mir zu vertrauen, und er zeigte mir ein Dokument, das bewies, dass Frieden in greifbarer Nähe ist. Damals war er ein bekannter und kreativer Politiker der Arbeiterpartei. Er öffnete einen Safe, nahm einen Stapel bedruckter Seiten heraus und legte sie auf den Tisch wie ein Spieler, der ein gutes Blatt auf der Hand hat…

Kommentar von Ari Shavit, Haaretz, 24.04.2014
Übersetzung: Daniela Marcus

Das Gerücht über das Beilin-Abu-Mazen-Abkommen verbreitete sich, doch nur wenige erhielten die Gelegenheit, das Dokument mit ihren eigenen Augen zu sehen oder es in ihren Händen zu halten. Ich war einer dieser wenigen. Mit offenem Mund las ich den umfassenden Entwurf für Frieden, der 18 Monate zuvor von zwei brillanten Verfechtern des Friedens –einem Israeli und einem Palästinenser− ausgearbeitet worden war. Das Dokument ließ nichts zu wünschen übrig: Mahmoud Abbas (Abu Mazen) war bereit, ein dauerhaftes Abkommen zu unterzeichnen. Der Flüchtling aus Safed hatte die Geister und Dämonen der Vergangenheit bezwungen und war bereit, eine gemeinsame israelisch-palästinensische Zukunft, basierend auf Koexistenz, aufzubauen. Wenn wir uns nur vom Likud befreien und Netanyahu das Ruder aus der Hand nehmen können, wird sich Abbas uns anschließen und mit uns Hand in Hand auf eine Zwei-Staaten-Lösung zugehen. Abbas ist ein ernsthafter Partner für wahren Frieden, derjenige, mit dem wir einen historischen Durchbruch in Richtung Versöhnung schaffen können.

Wir verstanden. Wir taten, was nötig war. 1999 enthoben wir den Likud und Netanyahu ihres Amtes. Im Jahr 2000 gingen wir zum Friedensgipfel von Camp David.

Ups! Überraschung! Abbas brachte den Beilin-Abu-Mazen-Plan nicht mit nach Camp David. Er brachte auch keinen anderen Entwurf eines Friedensvorschlags mit. Das Gegenteil war der Fall: Er war einer der entschiedensten Verweigerer, und seine Forderung nach dem Recht auf Rückkehr verhinderte jeden Fortschritt.

Doch denken Sie nicht, dass wir so schnell aufgaben. Als das Genfer Abkommen im Herbst 2003 formuliert wurde, war uns klar, dass es nun keine Ausreden mehr geben würde und dass Abbas nun das neue Friedensabkommen unterzeichnen und seine Richtlinien annehmen würde.

Ups! Überraschung! Abu Mazen schickte Yasser Abed Rabbo, einen früheren Minister der palästinensischen Autonomiebehörde. Er selbst blieb in seinem komfortablen Büro in Ramallah. Keine Unterschrift, kein Abkommen.

Doch wir standhaften Israelis gaben unsere Friedensträume nicht auf. Im Jahr 2008 stellten wir uns hinter Ehud Olmert, die Marathongespräche, die er mit Abbas führte und das Angebot, das eigentlich nicht ausgeschlagen werden konnte.

Ups! Überraschung! Abu Mazen lehnte nicht unbedingt ab. Er verschwand einfach. Er sagte nicht „Ja“, er sagte nicht „Nein“, er verflüchtigte sich, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Begannen wir zu verstehen, dass wir dem palästinensischen Yitzhak Shamir gegenüberstanden? Nein, nein, nein. Im Sommer 2009 unterstützten wir sogar Netanyahu als dieser in seiner Bar-Ilan-Rede Abbas ein Angebot machte. Und wir unterstützten Netanyahus Einfrierung des Siedlungsbaus.

Ups! Überraschung! Der raffinierte Verweigerer Abbas zuckte mit keiner Wimper und ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Er wies das Angebot, den Friedenstango mit dem rechtsgerichteten israelischen Ministerpräsidenten zu tanzen, einfach ab.

Wurden uns die Augen geöffnet? Natürlich nicht. Einmal mehr beschuldigten wir Netanyahu und den Likud. Und 2014 glaubten wir, dass Abu Mazen es nicht wagen würde, „Nein“ zu sagen, nicht zu John Kerry.

Ups! Überraschung! Auf seine eigene elegante, höfliche Art sagte Abbas in den vergangenen Monaten sowohl zu Kerry als auch zu Barack Obama „Nein“. Wieder ist die Position des palästinensischen Präsidenten klar und konsequent: Von den Palästinensern darf nicht verlangt werden, Kompromisse zu machen. Es ist ein kompliziertes Spiel, dieses Herauspressen von immer mehr israelischen Zugeständnissen ohne den Palästinensern ein einziges wirkliches Zugeständnis abzufordern.

Es lohnt sich, Folgendes zu beachten: 20 Jahre nutzloser Gespräche haben zu nichts geführt. Es gibt kein von Abbas unterschriebenes Dokument, das ein wirkliches palästinensisches Zugeständnis enthält. Keins. Es gab nie eines und es wird nie eines geben.

Während der 17 Jahre, die vergangen sind, seit Beilin dieses Dokument aus seinem Safe nahm, wurde er geschieden, heiratete wieder und bekam Enkelkinder. Auch ich wurde geschieden, heiratete wieder und bekam noch mehr Kinder. Die Zeit vergeht, und die Erfahrungen, die sich anhäuften, lehrten sowohl Beilin als auch mich mehr als ein paar Dinge. Doch viele andere haben nichts gelernt. Sie erlauben Abbas noch immer, sie zum Narren zu halten, während sie auf den palästinensischen Godot warten, der nie erscheinen wird.

8 Kommentare zu “Warten auf den palästinensischen Godot

  1. Manchmal wünsche ich mir, Israel würde sich tatsächlich gegenüber den Palästinenser so verhalten, wie sie es immer beklagen und unterstellen. (Zynisch gemeint).

    Und jetzt, da sich Hamas und PLO versöhnt haben, ist der Friedensprozeß durch die Palästinenser beendet worden. Es geht ihnen nur um Diskreditierung und Isolation Israels bei der UN.

    Kyniker

  2. Lernfähigkeit ist eine wichtige Eigenschaft für Politiker und Journalisten.
    Ich kann mich noch erinnern, wie die liberale Tageszeitung Der Standard nach Oslo meinen Kommentar über den Kommentar von B. Netanjahu brachte und wie naiv ich war, als ich annahm, dass irgendein palästinensischer Politiker es wagen würde tatsächliche Zugeständnisse zu machen.
    Die Kleptokratie Abbas & Co haltet sich nur an der Macht und bedient sich großzügig aus der Hilfe, die ihnen die EU und die USA stellen, indem sie vorgaukelt, sie möchte ja zu einem Abkommen kommen, doch die Israelis bauen schon wieder ein paar Hundert Wohnungen, und schwupps ist die Aufmerksamkeit weg von den groben Menschenrechtsverletzungen in der PA, weg von der Drangsalierung von Christen, die keine mächtigen Schutzherren haben, weg von der Diskriminierung von Frauen.

    • Hallo Herr Pfeifer,

      ich kenne es auch nicht anders, als das Israel letztlich immer Schuld an einem Scheitern der Friedensverhandlungen ist.

      Der Antisemitismus in Europa ist und war immer präsent und die Grundhaltung der UNO und der Europa Politik.

      Kyniker

  3. Ein ausgezeichneter Artikel von Ari Shavit. Er müsste eigentlich den Letzten die Illusion nehmen, die glauben, dass die jetzigen Verhandlungsgegner auf palästinensischer Seite irgendein reales Interesse haben, zu einer tatsächlichen Lösung zu kommen. Eigentlich.

    Diese haben eine rein taktische Herangehensweise: Im Gespräch bleiben; den Eindruck erwecken, verhandlungsbereit zu sein; die israelische Seite beständig unter Druck zu setzen, selber aber nur nichtssagende nebulöse Zugeständnisse machen, die bei der erstbesten Gelegenheit [irgendwas findet sich immer] mit entsprechend moralisch aufgeblasener Empörung öffentlichkeitswirksam zurückgenommen werden; den „Westen“ bei der Stange halten um sich aus dem offenen Geldbeutel der UNO bedienen zu können ohne adäquate Anstrengungen unternehmen zu müssen. Die Rechnung geht auf, besonders hier in Europa.

    Heute stand im Kölner Stadtanzeiger ein typischer von zahlreichen Artikeln der Journalistin Inge Günther, die für ihr Leben gern keine Gelegenheit auslässt, wenn es darum geht, Israel was ans Zeug zu flicken. [Hierzulande firmiert das selbstverständlich unter „Israelkritik“, die „gesagt werden muss“.] Das macht sie natürlich nicht offen (ihhh, bähh!) sondern fein dosiert zwischen den Zeilen. Die Überschrift lautet: „Abbas verurteilt den Holocaust“, Subhead: „Palästinenser-Präsident spricht von abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschheit“. Klingt doch gut, oder? Weiter geht’s im Text: „Er, Abbas, fühle mit den Familien der Opfer … Die Welt müsse alles tun, um Rassismus und Ungerechtigkeit zu bekämpfen … Das betreffe besonders die Palästinenser, denen bis heute Freiheit und Frieden vorenthalten würden.“ Wem es jetzt nicht dämmert, dass die „Palästinenser“ die eigentlichen Holocaust-Opfer sind, der muss wirklich ein Jude sein.

    Der Kölner Stadtanzeiger, der dieser Hetze auf höherem Niveau lustvoll die Spalten öffnet ist übrigens Anteilseigner an Haaretz.

  4. “ …20 Jahre (+ über 60ig jähriges – SINNLOSES – terroristisch-kriegerisches Morden Unschuldigen MenschenLEBENs) nutzloser Gespräche haben zu nichts geführt. …“

    🙁 the reality

    “ …zum Narren zu halten …“

    …bedeutet in ‚final consequence‘ NOW??? ???

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