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Thomas und Marianne Treitel wurden ermordet

Mit kaum vorstellbarer Brutalität gingen unbekannte Täter vor, die vermutlich am vergangenen Wochenende im idyllischen Städtchen Albstadt in Baden-Württemberg die Eheleute Dr. Thomas (81) und Marianne Treitel (77) in ihrer Hangvilla erstachen. Die kosmopolitischen  Eheleute, Eltern von drei Kindern, gehören zur weltweit verstreuten, einst in Deutschland verwurzelten jüdischen und christlichen Familie Treitel…

Von S. Michael Westerholz/Deggenau

Als Thomas und Marianne Treitel vor wenigen Monaten auf dem jüdischen Friedhof im niederbayerischen Deggendorf standen, schloss sich für sie ein familiärer Forschungskreis: Am Grabstein des Dr. Richard Treitel, 1879 in Betsche/Pommern, heute Pszezew/Polen geboren, 1947 im DP-Camp 7 Deggendorf gestorben, legte das christliche Ehepaar Steine ab. Sie hatten den jüdischen Rechtsanwalt, Journalisten in der Redaktion der berühmten politisch und kulturell einflussreichen Zeitschrift WELTBÜHNE des Nobelpreisträgers Carl von Ossietzky, sowie ehrenamtlichen SPD-Stadt- und Armenrat in Berlin nicht persönlich gekannt. Wohl aber war ihnen die gar nicht so ferne Verwandtschaft mit diesem Richard und dessen Bruder Dr. Theodor Treitel in London, zu dem in Großbritannien gefeierten Staats- und Verwaltungsrechtler und Rechtsprofessor in Oxford, Sir Guenter Treitel, und zu dem weltweit höchstausgezeichneten Geologen Professor Dr. Sven Treitel in den USA bekannt.

Die Eheleute Dr. Thomas und Marianne Treitel besichtigten auch die ALTE KASERNE in Deggendorf, jene Ex-„Irrenanstalt“ von 1870, die 1934 illegale  Kaserne der deutschen Wehrmacht und dann das DP-Camp 7 für bis zu 1 965 überlebende Juden aus den KZ Auschwitz, Flossenbürg, Mauthausen, Theresienstadt und Plaszow in Krakau geworden war: Dr. Richard Treitel war hier wenige Tage vor seiner schon genehmigten Ausreise zu den Verwandten in London gestorben. Die waren dank seines Verzichts auf die rettende Reise wenige Tage vor dem Beginn des Krieges 1939 nach England entkommen, während die Nazis ihn nach Theresienstadt verschleppt hatten, wo er Zeuge des Todes von mindestens zehn Treitel-Angehörigen geworden war und selbst nur knapp überlebte.

Thomas Treitel entstammte einem Familienzweig, der im heute polnischen, einst niederschlesischen  Guben in besten Verhältnissen gelebt hatte. Sein Vater hatte eine Christin geheiratet, die allen teils heftigen Forderungen der deutschen Behörden, sich von dem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen, widerstand. Von dem Gut in Guben vertrieben, hatte auch er zu den rund 1 500 jüdischen Männern gehört, die 1943 in Berlin eingefangen worden waren und in die Vernichtungslager der Deutschen abtransportiert werden sollten. Doch damals hatten die christlichen Ehefrauen in der „Zentrale des Bösen“, in der Reichshauptstadt Berlin, öffentlich so heftig demonstriert, dass die Nazi-Verbrecher nachgaben. Das Kriegsglück hatte sich gewendet, seit der vernichtenden Niederlage in Stalingrad befanden sich deutsche Soldaten an allen Fronten auf dem Rückzug. Adolf Hitler und seine Mitverbrecher wollten weitere öffentliche Rebellionen nicht riskieren: Die Männer wurden nicht ins Gas geschickt, sondern durchweg zu Zwangsarbeiten abtransportiert. Die Tragödie des Vaters von Dr. Thomas Treitel war, dass er zwar den Krieg überlebte, in Guben aber ungeachtet seines hohen Ansehens in der Bevölkerung, auch bei den eingesessenen Polen, neuerlich von seinem schwer zerstörten Gut vertrieben und enteignet wurde, zuerst als Deutscher, dann, als die Kommunisten Polen beherrschten, als unerwünschter „Kapitalist“.

Dr. Thomas Treitel, ein hochstudierter Wirtschaftsexperte unter anderem für die Leitung und zupackender Praktiker bei Sanierungen  von internationalen Unternehmen, erwarb sich in den Führungsetagen sowohl bei US-Firmen, als auch zum Beispiel bei „Dr. Herberts Farbenfabriken“ (heute Dupont) in Wuppertal, und zuletzt als langjähriger Geschäftsführer der baden-württembergischen „Groz Beckert-Nadeltechnik“ mit 8000 Mitarbeitern in aller Welt in der westlichen Wirtschaft großes Ansehen. Ihm lag aber ungeachtet seiner noch so großen Berufsaufgaben immer auch an den familiären Kontakten zu einer ausgedehnten Ahnenforschung. Da er sich der Abfassung einer fortlaufenden Chronik der Familie widmete, hielt er Verbindung zu Bob Treitel in New Hamshire, USA. Dieser ist ein Nachfahre des letzten Rabbiners von Laupheim in Baden-Württemberg, Dr. Leopold Treitel (1845 bis 1931). Der hatte sein Leben mit der Erforschung der Wissenschaft des Religions- und Weltphilosophen Philo von Alexandrien verbracht. Bob Treitel kennt sich in der Familiengeschichte hervorragend aus und schließt bei Anfragen fast immer auch die letzten Lücken im Wissen um die zahlreichen Familienlinien, die bis nach Buenos Aires reichen.

Dr. Thomas Treitel und seine Frau Marianne lebten seit Jahrzehnten gut integriert in der Kleinstadt Albstadt. Die Töchter waren nach Berlin bzw. Italien gezogen, der Sohn mit zwei Kindern an den Berliner Stadtrand: „Es war die Rückkehr der einst zahlreichen Treitels nach Berlin“, freute sich ihr Vater. In seiner Umgebung wurde er als „Nadelkönig“ bezeichnet, was ihn ein bisschen stolz machte, weil er das Traditionsunternehmen durch alle Wirtschafts- und Konjunkturschwankungen sicher in die Zukunft geführt hatte. Seine Nachbarn rühmten seine Hilfsbereitschaft: „Bei mir hat er stets den Schnee mitgeräumt – ich hätt´s  ja nicht mehr geschafft“, trauert ein entsetzter Nachbar. Gemeinsam recherchierten Dr. Thomas und Marianne Treitel aber auch die Chronik der Frau unter anderem in bayerischen Archiven.

Von den Verbrechern fehlt bisher jede Spur. Die Kinder hatten wie üblich auch am letzten Wochenende wiederholt die Eltern angerufen, zumal Marianne seit einigen Monaten lebensbedrohend krank gewesen war und sich nur mühsam erholte. Weil die Eltern aber nicht abhoben, informierten ihre Kinder die Polizei – und die fand beide Eheleute tot in der hübschen Villa mit ihren herrlichen Kunstwerken. Sie war durchwühlt, doch ist noch nicht sicher, ob etwas und was gestohlen wurde. Eine Sonderkommission „Kreuzbühel“ mit mittlerweile 80 Kripobeamten ermittelt, auch Hubschrauber waren im Einsatz. Die Ergebnisse der Obduktion sollen kommende Woche bekanntgegeben werden. Und in aller Welt trauern mit den Kindern und Enkeln die zahlreichen Treitel um  zwei gute Menschen, die vor etwa vier Wochen nach einem erholsamen Urlaub wieder Fuß gefasst hatten und nichts weiter planten, als ihrem gemeinsamen Hobby nachzugehen: Der ausgedehnten Ahnenforschung und ihrer Verankerung in schönen chronologischen Niederschriften.

NACHTRAG, 04.04.2014:

Mutmaßlicher Treitel-Doppelmörder gefasst                                                 

Kripo, Staatsanwaltschaft und ein Untersuchungsrichter sind sich sicher: Der mutmaßliche Mörder der Eheleute Dr. Thomas C. (81) und Marianne Treitel (77) im baden-württembergischen Albstadt ist gefasst und sitzt hinter Gittern: Jörg Gerhard Keller (46), ein vorbestrafter Betrüger und Gewaltverbrecher.

Von S. Michael Westerholz

„Im idyllischen Albstadt hält uns viel“, hatte der agile, welterfahrene und am Weltgeschehen immer noch hochinteressierte Dr. Thomas Treitel noch zwei Wochen vor seiner brutalen Ermordung am Telefon berichtet: „Die Stadt liegt auf durchschnittlich über 700 Metern hoch in der sauberen Luft der Schwäbischen Alb, hier auf albem Weg zwischen Stuttgart und dem Bodensee sind die Verkehrsanbindungen sehr gut, inmitten von 44 000 Mitbürgern fühlen wir uns geborgen. Und es macht Spaß, sich in der weiten, bergigen Landschaft zu bewegen. Kulturell ist viel geboten, es gibt eine Hochschule, mein Arbeitgeber bis 1987, die internationale Nadel- und Maschentechnik-Firmengruppe Groz-Becker, ist mit ihrem Stammsitz die größte Einzelfirma vor Ort.“  Dass ihn die 8000 Firmenmitarbeiter gar nicht so heimlich als „Nadelkönig“ bezeichneten, machte ihn sogar ein bisschen stolz: „Den Spitznamen hab´ ich mir redlich verdient!“

Gar nicht unwichtig vor dem Hintergrund ihrer familiären Geschichte, die sich urkundlich seit dem frühen 18. Jahrhundert zunächst in der heute polnischen Region um Posen (heute Poznan) belegen lässt und dann zu einem mächtigen Aufschwung der Treitel in Berlin führte, war für Thomas und Maranne Treitel „auch die Tatsache, dass mit den Brüdern Claus und Berthold Schenk Graf von Stauffenberg zwei der Attentäter auf Adolf Hitler zeitweise hier vor Ort gewirkt haben. Umso mehr bedauere wir allerdings, dass hier auch jener Kurt Georg Kiesinger geboren wurde und sich heimisch fühlte, der als Alt-Nazi dennoch von 1966 bis 1969 als deutscher Bundeskanzler regieren durfte. Da erschien uns die Nachbarschaft als gespalten: Viele wollten über diese Vergangenheit lieber nicht sprechen“

Wann das Unheil über die Eheleute in ihrer Villa an der Beethovenstraße hereinbrach, ist noch nicht völlig geklärt. Die Sonderkommission der Kripo mit örtlichen, Bundespolzisten  und Beamten aus dem Landeskriminalamt geht davon aus, dass der wegen Betrügereien und Körperverletzungen vorbestrafte Jörg Gerhard Keller vielleicht schon am Freitag, dem 21. März, in das gepflegte Anwesen inmitten des von Marianne liebevoll gestalteten Gartens eingedrungen war. Er ist nämlich am Samstag, Sonntag und Montag jeweils am frühen Morgen beobachtet worden, wie er mit dem blauen BMW der Eheleute Treitel in halsbrecherischem Tempo aus dem Anwesen herausschoss und davon raste. Das schien Anliegern der Straße verdächtig, zumal sie in den Tagen zuvor  Fremde gesehen hatten, die sich für das Treitel-Anwesen zu interessieren schienen: Wurde da jenes Haus ausbaldowert, in dem Thomas und Marianne Treitel offenbar wertvolle, schöne Kunstwerke zusammengetragen hatten? Allerdings hatten die Eheleute auch per Zeitungsanzeigen eine Haushilfe für die gesundheitlich angeschlagene Marianne Treitel gesucht.

Wie üblich riefen Tochter und Sohn aus Berlin und die in Italien lebende Tochter  an jenem Wochenende zwischen dem 21. Und 24. März ihre Eltern wiederholt an. Niemand meldete sich. Am Montag informierten sie in höchster Unruhe die Polizei – und die fand in dem Haus beide Eheleuite erstochen und das Haus durchwühlt vor. Todestag war möglicherweise der Samstag oder Sonntag, die Ermittler schließen aber auch den Montag nicht aus  – und damit das Grauen, dass die unglücklichen, wehrlosen alten Menschen drei Tage lang in der Gewalt des Verbrechers gewesen seien.

Schnell war ermittelt, dass wahrscheinlich immer dieselbe Person an drei Tagen jeweils in einem anderen entfernteren Ort Geld mit der Karte der Treitel aus Bankautomaten gezogen hatte: Kameras hatten ihn erfasst – aber er hatte sich mal eine bunte Blümchendecke, mal einen Schal um den Kopf gezogen. Von der Seite und von hinten boten sich den Beamten aber klarere Bilder eines Mannes mit einer leichten Verletzung oberhalb der rechten Hüfte: 184 Zentimeter groß, schwer, Doppelkinn, Glatze! Über die geraubten Geldbeträge schweigt die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen.

Vergleichsfotos aus einer Volksbank-Filiale im Stadtgebiet Albstadt entlarvten den Verbrecher Jörg Gerhard Keller aus derselben Stadt. Hier hatte der Mann, der seit elf Jahren Mitbürger der Treitel war, sich nicht vermummt. Und trotz der Vermummung hatte ein aufmerksamer Zeuge den Mann „allein an der Gesamterscheinung“ ebenfalls erkannt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Jetzt wurde Keller mit Fahndungsfotos gesucht, zugleich aber äußerste Vorsicht angeraten: „Der Mann ist gefährlich!“ So kalt war der mutmaßliche Doppelmörder, dass er Geld, welches er vom Treitel-Konto bei drei Sparkassenfilialen abgehoben hatte, auf sein eigenes Konto bei der Volksbank Albstadt-Ebingen einzahlte.

Die Ermittler klapperten die Stammlokale Kellers in der Umgebung seiner Wohnung ab. Sie erfuhren, dass der Verbrecher sich kaum je aus seiner heimatlichen Region entfernte. Gleichzeitig wurden die sämtlichen Bahnhöfe beobachtet – und exakt dort, in einem abendlichen Zug im Raum Hechingen auf der Fahrt in Richtung Tübingen erkannte ein Bundespolizeibeamter den Gesuchten. Ein Großaufgebot fasste Jörg Gerhard Keller am Donnerstag, dem 2. April, gegen 23 Uhr in dem Regionalzug im Bahnhof Hechingen. Er wehrte sich heftig, wurde aber überwältigt. Seit Donnerstag sitzt er offiziell in Untersuchungshaft.

Bitter stieß in der Öffentlichkeit auf, dass Baden-Württembergs Innenminister Reinhard Gall (SPD) den Fahndungserfolg allsogleich politisch ausschlachtete: Er sei der Beweis dafür, dass  seine seit Januar umgesetzte Polizei-Organisations-Reform im Südwesten funktioniere!

Derweil leiden die Kinder und deren Kinder, aber auch entferntere Verwandte der Treitel in der ganzen Welt unter dem schrecklichen Verbrechen. Aber auch Gastgeber in Tirol, die die Eheleute Thomas und Marianne Teitel seit 30 Jahren regelmäßig und zuletzt noch im Februar beherbergten, sind zutiefst erschüttert: „Bis nächstes Jahr“ hatten sich die Gäste verabschiedet, nachdem Thomas Treitel  vier Wochen dem Skisport gefrönt und Marianne Treitel nach heftiger Erkrankung und mühevoller Genesung Erholung durch  ausgedehnte Spaziergängen gesucht hatte. Tochter Dr. Ulla Treitel: „Ich  werde womöglich die Familienchronik fortführen, die Vater so akribisch bearbeitet hatte!“ Der mutmaßliche Verbrecher hingegen schweigt noch in der Haft.