Jonas Kreppel über die Juden in Indien (1925)

Die Juden in Indien nehmen in Jonas Kreppels Handbuch „Juden und Judentum von heute“ nur einen bescheidenen Platz ein. Ein gutes Zeichen, denn je mehr Kreppel über die Verhältnisse in einem Lande zu berichten wusste, desto härter war gewöhnlich das jeweilige Los der dort lebenden Juden. – Auch mit diesem Beitrag soll an den angesehenen österreichischen Schriftsteller, Publizisten und Regierungsrat  erinnert werden…

Der am 24. Dezember 1874 im damals zur Habsburgermonarchie gehörigen, galizischen Drohobytsch geborene Jonas Kreppel entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie mit Wurzeln wohl in Schlesien bzw. Süddeutschland. Er wuchs mehrsprachig auf und ließ sich zum Buchdrucker ausbilden. Während seiner Lehrjahre muss er, der keine akademische Bildung erwarb, sich allerdings eine ganze Reihe wichtiger Kenntnisse und Fertigkeiten erworben haben, denn er übte sehr bald neben seiner Tätigkeit als Druckereileiter auch noch die eines Redakteurs einer jüdischen Zeitung aus. Außerdem schrieb er Beiträge für mehrere andere jüdische Blätter. 1903 konnte Kreppel im etwa einhundert Kilometer von seiner Geburtsstadt entfernten Lemberg eine eigene Druckerei gründen. Zugleich trat er als Verleger jüdischer Zeitschriften hervor.

Kreppels Talent sowie seine Staatstreue waren offensichtlich den offiziellen Stellen in Wien nicht verborgen geblieben und so ernannte man ihn nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum politischen Pressereferenten am Auswärtigen Amt der Kapitale der k. u. k. Monarchie. 1915 bis 1919 fungierte Kreppel zusätzlich als Herausgeber des Wochenblattes „Jüdische Korrespondenz“ und fand daneben noch die Zeit Broschüren und Bücher zu verfassen bzw. zu publizieren. Nach dem Kriege, 1919, wurde er Wiener Korrespondent des New Yorker „Jiddischen Tageblattes“. Politisch und national empfand sich Kreppel als einen treuen Untertanen des österreichischen Kaiserreiches und nach dessen Zusammenbruch als Staatsbürger Österreichs sowie als einen republikanisch gesinnten „Deutschösterreicher“ (in Abgrenzung zu den anderen Nationalitäten innerhalb des ehemaligen Habsburger Vielvölkerstaates). Ebenso energisch wie entschlossen setzte er sich für eine Unabhängigkeit Österreichs ein und wandte er sich gegen sämtliche Angliederungsversuche seines Landes an das Deutsche Reich, ganz besonders nachdem dort die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Händen hielten.

Währenddessen setzte er seine fruchtbaren publizistischen Tätigkeiten fort und es erschienen unter seinem Namen u.a. ostjüdische Geschichten und Legenden, aber auch das, als sein Hauptwerk angesehene, statistische Handbuch „Juden und Judentum von heute“ (1925).

In seiner politischen Schrift „1935“ warnte Kreppel die Westmächte davor sich dem Deutschen Reich gegenüber als allzu zugeständnisbereit zu geben, da dies auf einen neuen Krieg hinauslaufen würde. Spätestens seit Veröffentlichung von „1935“ galt Kreppel dem NS-Regime als Feind und stand er auf einer Liste derer, die es galt zu verhaften und zu vernichten.

Kurz nach dem deutschen Einmarsch in Österreich 1938 erfolgte die Verhaftung des österreichischen Staatsbürgers Kreppel und bald danach, gemeinsam mit anderen prominenten jüdischen Häftlingen, seine Deportation in das oberbayerische Konzentrationslager Dachau. Nur wenige Monate später wurde Kreppel als „politischer Jude“ nach Buchenwald verlegt, wo er in einem Steinbruch zu allerschwersten Arbeiten gezwungen wurde. Am 21. Juli 1940 ist der inzwischen 65jährige Jonas Kreppel an Erschöpfung gestorben, als Opfer des NS-Tötungs-Programms „Vernichtung durch Arbeit“.

Die beiden Söhne des Ermordeten, Salo und Leo, überlebten die Shoa. Erfreulicherweise kümmern sich die Nachfahren Kreppels aus Deutschland, den Vereinigten Staaten und Israel in geradezu vorbildlicher Weise darum, dass das Andenken an den bedeutenden jüdischen Publizisten und Schriftsteller weiterhin gepflegt wird und dass sein Lebenswerk der Nachwelt erhalten bleibt.

Es folgen die Passagen zu den Juden in Indien aus Jonas Kreppels Handbuch „Juden und Judentum von heute“ von 1925. Dieses reich illustrierte Kompendium, das Baron Edmond de Rothschild gewidmet ist, unterteilte sein Autor in folgende Abschnitte:

Die Juden vor dem Weltkriege, Die Juden im Weltkrieg, Die Juden nach dem Weltkriege, Die Juden der Gegenwart (Statistik), Palästina, Die politische Lage der Juden, Die wirtschaftliche Lage der Juden, Emigration, Religiöse Probleme, Die jüdischen Parteien, Die jüdischen Organisationen, Das jüdische Leben, Schul- und Erziehungswesen, Staatsmänner und Parlamentarier, Sprachen und Literaturen, Wissenschaft und Kunst, Jüdische Volkssplitter, Presse, Bibliographie zur Judenfrage.

Juden in Indien:

Kapitel: „Die Juden der Gegenwart“ (S. 295)

Indien (Volkszählung 1901) 18 226;…

Kapitel: „Die Juden der Gegenwart“ (S. 361)

Die Juden im Kaukasus, Buchara, Armenien usw. bilden eine besondere Gruppe wegen ihres inneren und äußeren Lebens. Ebenso die schwarzen Juden in Indien….

Die 21 778 Juden Indiens verteilen sich auf Bombay mit 10 739, Kalkutta mit 1600, Burma mit 1024, Cochin mit 1175. Weitere jüdische Gemeinden gibt es in Amhedadad, Alibag, Ambepore, Borlai, Karachi, Panwell, Pen, Poinad, Pooma, Revadanda, Roha Ashtami, Thana, Attencamul, Chenotta, Cochin, Ernachlum, Malla und Paroor.

In Aden sind 4000 Juden vorhanden…

Kapitel: „Das jüdische Leben“ (S. 790f)

§120. Asien. Die größeren jüdischen Zentren in Asien bilden Palästina, Mesopotamien, Syrien, Persien, Türkisch- und Russisch-Asien. Die Zahl der Juden in den anderen Ländern ist gering und auch ihr inneres Leben spielt in der jüdischen Gemeinschaft keine wesentliche Rolle. Die „schwarzen Juden“ in Indien, die „chinesischen Juden“ und andere ähnliche Gruppen bilden einen Typus für sich…

2. Indien. Die jüdische Siedlung in Indien ist uralt. Die wichtigsten jüdischen Gemeinden sind:

Bombay mit 10 739 Juden. 6 Synagogen: „Etz Chaim“, „Mogen David“, „Kennesseth Eliahu“, „Schaar Chesed“ (die älteste im Lande), „Tifereth“, „Mogen Chassidim“ (neue Synagoge). Die Gemeinde unterhält einige Chachamim, 2 Wohltätigkeitsvereine, 5 Friedhöfe, 4 Schulen, eine jüdische Bank, eine Jüdisch-indische Union usw. Die Mehrheit der Juden in Bombay sind die „Bene Jisroel“, die Juden mit dunkler Hautfarbe. Ein Teil der Juden in Bombay ist aschkenazisch, aus Europa errichtet (!fehlerhafter Druck-Satz!). Sie zählt 450 Schüler, die in Hebräisch, Arabisch und Englisch (unterrichtet werden).

Calcutta zählt 1500 Juden, 3 Synagogen, 2 Schulen, 1 Spital usw. Die Synagoge in Chenotta besteht seit 1420. In Cochin gibt es drei Synagogen, erbaut 1568, 1650 und 1625. Die Synagogen befinden sich in der Nähe des Rajah-Palastes. Ein Teil der Juden in Cochin ist schwarz. In Ernacolum existiert die Synagoge seit 1400, in Paroor seit 700. In den anderen jüdischen Gemeinden gibt es fast überall Synagogen und Wohltätigkeitsvereine, in einigen Schulen usw.

Kapitel: „Das jüdische Leben“ (S. 806)

5. Schwarze Juden. Die Gemeinden der schwarzen Juden, die sich „Bene Israel“ nennen und der Sage nach seit der ersten Zerstörung des jüdischen Reiches in Indien leben sollen, feiern sämtliche jüdische Festtage, mit Ausnahme des Purimfestes, welches ihnen gänzlich unbekannt ist. Ihre Hauptgemeinde befindet sich in Bombay, wo über 8000 Seelen dieser Sekte leben. Die „Bene Israel“ beschäftigen sich zumeist mit Handwerk und Kleinhandel. In den größeren Städten gehören sie auch den Intelligenzberufen an. So findet man unter den Beamten der englischen Verwaltung sehr viele Angehörige dieser Sekte.

Kapitel: „Jüdische Volkssplitter“ (S. 862)

§151. Andere Splitter. Eine weitere Gruppe bilden die „schwarzen Juden“ in Indien, „Bene Israel“ genannt, die etwa 10 000 Seelen zählen und von den dortigen weißen Juden nicht als voll genommen werden. Angeblich sollen sie von Mischehen stammen. Die weißen Juden verschwägern sich mit den schwarzen nicht. Nach ihrer Tradition stammen die schwarzen Juden von den 10 Stämmen Israels ab, die von den Assyriern aus Palästina entführt und in Indien angesiedelt wurden. Sie beobachten alte religiöse Vorschriften, sind kulturell entwickelt, sehr tüchtig und intelligent. In Bombay, wie in einigen anderen Städten Indiens, besitzen sie eigene Gemeinden, mit Synagogen und Rabbinern.

Kapitel: „Presse“ (S. 869)

Indien: „The Israelite“, englisch, Bombay; „Friend of Israel“, englisch, Bombay; „Zion’s Messenger“, englisch, Monatsschrift, Bombay.

(Jonas Kreppel, Juden und Judentum von heute, Zürich u.a. 1925)

Jonas Kreppel im Internet:

http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Kreppel/Kreppel_Jonas.htm

http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Kreppel/Kreppel-AA.jpg

http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Eine-Familie-entdeckt-ihren-juedischen-Zweig-id8173196.html

http://www.haaretz.com/print-edition/news/israelis-germans-unite-to-remember-writer-killed-in-holocaust-1.308052

http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Kreppel/Kreppel_Haarez.jpg

http://www.compactmemory.de/start_p.aspx?ID_0=65

http://davidkultur.at/ausgabe.php?ausg=91&artikel=279

http://muse.jhu.edu/journals/shofar/summary/v019/19.1.sosemann.html

http://www.geni.com/people/Jona-Jonas-Kreppel/6000000006705382469

http://www.worldcat.org/identities/lccn-no98-88181

http://www.idref.fr/112514553

Jonas Kreppel, Der Weltkrieg und die Judenfrage (1915), Download:

http://ia600402.us.archive.org/31/items/derweltkriegundd00krepuoft/derweltkriegundd00krepuoft.pdf

http://de.wikisource.org/wiki/Judaica