Erbarmen, die Jewish Monkeys kommen

Was bitte schön kann an einem immer noch verdammt gut aussehenden, aber immerhin im Durchschnitt bereits knapp 50 Jahre alten Männer-Gesangstrio, welches, umgeben von einem Posaunisten, einem Akkordeonisten, E-Gitarre, Bass und einem ziegenbärtigen Drummer, laut, wild und mitreissend BalkanKlezmerRock verbreitet…; was bitte schön kann an diesem achtköpfigen Tel-Aviver Ensemble mit dem politisch schwer verdaulichen Namen Jewish Monkeys (Hallo!! Juden dürfen sich selbst so nenen)…; was bitte schön kann an diesen Jewish Monkeys schon FRANKFURTERISCH sein?…

Jewish MonkeysEs sind dies die beiden Gründer Doktor Boiko und Jossi Reich aka Joe Fleisch. Denn so steht es geschrieben in den Annalen der Band, zu lesen im About ihrer facebook-page:

Their story begins way back in the 1970’s, when two of their singers meet in the Frankfurt Synagogue boy’s choir and became best friends forever. Three decades later, joined by a third member, they become the deliciously irreverent trio they are today, dubbed The Jewish Monkeys. Armed with politically-incorrect lyrics and a Marx Brothers sense of nonsense, the Jewish Monkeys‘ pandemonium experience is one of a kind. Their music keeps pushing the envelope and their lyrics cover a range of topics: the Middle east conflict, the environment, over-eating, world-poverty, terrorism and child-molestation among others. All of these, they tackle with equal erratic blitheness, sparing no-one.

Und für die, die es lieber in der deutschen Muttersprache haben wollen:

Die Jewish Monkeys sind eine burleske Klezmer-Rock-Band aus Tel-Aviv. Ihre Geschichte beginnt in den 70er Jahren, als sich zwei der Sänger im Knabenchor der Frankfurter Synagoge kennenlernen und zu lebenslangen Busenfreunden werden. Gerade mal drei Jahrzehnte später, nachdem die beiden ins israelische Palästina abgewandert sind, entsteht zusammen mit dem Dritten im Bunde jenes köstlich respektlose Gesangstrio, welches sich den furchtbaren Namen Jewish Monkeys gibt, und, bewaffnet mit politisch inkorrekten Texten und einem ausgeprägten Sinn für Unsinn, Marx-Brothers-mäßigen Tumult verbreitet.

Thursday 13.3 our first show ever in Deutschland at
Milla – Live Club, Holzstraße 28, 80469 Munich.
Jewish Monkeys Live at Milla Club, Munich 13/03/2014

In der Tat, einer der beiden Sänger des Knabenchors der Frankfurter Synagoge, Doktor Boiko, der damals in den 70ern, noch lange, bevor er zum Veterinär-Mediziner wurde, gerade so um die 10 Jahre alt, einfach nur Ronni Boiko hieß, bog fast täglich mit Leika, seiner deutschen Schäferhündin, von der Voelckerstraße, wo sein Elternhaus stand, in die Grünanlage der Eysseneckstraße ein, um dann gemächlich zum Holzhausenpark zu trotten. In der gleichen Strasse wohnte der andere der beiden besagten Sänger, Jossi Reich im zweiten Stock des siebenstöckigen Neubaus an der Adickesallee, wo er seine Kinder- und Jugendjahren hindurch unter dem Verkehrslärm des Autobahn-Zubringers zu leiden hatte. Gegenüber befand sich der PX, wo die GIs ihr Einkaufszentrum, ihre Diskothek und andere lebenswichtige Einrichtungen vorfanden, und wo viel später, nachdem mit Ende des Kalten Kriegs die Ami-Soldaten irgendwann Frankfurt verließen, das Polizeipräsidium erbaut wurde.

Damals, in den besagten 70ern folgte Jossi Reich erstmal nicht dem Ratschlag seiner Mutter sich mit dem jüdischen Nachbarsjungen zu befreunden, zum einen, da Ronni etwas unnahbar war, zum anderen, da es Jossi vor dem etwas zu groß geratenen Schäferhund bange war. Erst in der Chorstunde beim Frankfurter Oberkantor Shlomo Reiss lernten sie sich richtig kennen, fanden auf dem langen Nachhauseweg vom Westend ins Nordend aneinander Gefallen und wurden mit der Zeit … best friends forever. Der Rest der Geschichte um diese beiden ehemaligen Frankfurter und die Band, die sie in den Nullies des nächsten Jahrhundert/Jahrtausends gründeten, ist von jener Umtriebigkeit gekennzeichnet, die für Frankfurter Buben eventuell nicht untypisch ist.

Ihre wilden Jugendjahre verbrachten sie unter anderem im Cookies und in der Batschkapp, im Sinkkasten, im Dominique und später im legendären Hipster-Cafe Eckstein (in einer Zeit wo nicht viel Aufhebens darum gemacht wurde, Hipster zu sein). Boiko musizierte am liebsten für sich alleine, am Saxophon, Akkordeon, Gittarre oder Klavier, übersiedelte nach dem Abi irgendwann nach West-Berlin, um sich hier, aller Musikalität zum Trotz an sein Veterinärstudium zu machen. Reich wiederrum versuchte seine Neurosen nicht mit Gesang, Performance und Literatur zu bewältigen, sondern weitaus braver und gesitteter mit der Erlangung eines Psychologie-Diploms an der Frankfurter Uni. Wohl auch, weil er relativ alte Eltern hatte, deren Familien im Holocaust umgekommen waren, wurde er früher als alle seine anderen Freunde Vater, mit Hilfe der israelischen Photo-Künstlerin Einat Sarig, die ihrer Tel-Aviver Karriere den Rücken kehrte umd am Frankfurter Goethe-Institut die Sprache ihrer Grossmutter aus Leipzig lernte. Boiko dagegen war ein professioneller Bonvivant, der sich, nunmehr mit Doktortitel ausgestattet, allerlei exquisiten Affairen hingab, dann aber, unter anderem nach einem längeren New-York-Abstecher gegen 1997 nach Israel begab, um dort sein Glück und die Frau seines Lebens zu suchen. Letztere fand er, als er an Mali geriet, eine Dame aus ägybtisch-marokanischen Zuhause, die heute, wo die ärgsten Beanspruchungen der Mutterschaft vorüber sind, kurz vor dem Abschluß ihres Innenarchitektur-Studiums steht und davor mit hipper Mode handelte. Doktor Boiko wurde sesshaft, eröffnete eine Praxis für jüdische und nicht-jüdische Katzen und Hunde, und ließ sich von Mali, in atemberaubend-orientalisch kurzen Zeitabständen, drei Söhne machen. Wie der Zufall und das Karma der beiden Busenfreunde es wollte, war auch Jossi Reich just in jenem Jahr 1997 mit Einat und ihren beiden kleinen Töchtern nicht so sehr aus zionistischen Gründen ins jüdische Palästina emmigriert, sondern weil hier seine Schwiegermutter, sprich ein voll funktionsfähige Oma residiert, ferner die Sonne scheint und eine Mentalität vorherrscht, die auch seine eigene ist. Und um dann hier in Israel eine dritte Tochter zu prduzieren – und vieles mehr.

Während also der, eben noch wilde, jugendliche Doktor Boiko mit einem Male richtig erwachsen und fast schon bieder wurde, weigerte sich der ewig getriebene Jossi Reich beharrlich sich den Konventionen des Erwachsenen-Daseins alllzu sehr zu beugen. Unter seinem Künstlernamen Joe Fleisch schrieb er Kurzgeschichten und provokative Rhetoriken, mit denen er sogar hie und da intolerante taz-Leser belästigte. Ferner produzierte er sich selbst in Musik-Clips auf Deutsch und später auf Jiddisch – und arbeitet bis zum heutigen Tage an einer satirischen Welterrettungsutopie, die einfach nicht fertig werden will. Unter anderem wohl auch, weil der, mit einem etwas zu fetten Erbe gesegnete Reich dazu tendiert, sich zu verzetteln, sich an zu vielen Projekten zu versuchen, in der Regel an solchen, die sowohl dem Wahren, Schönen, Guten, als auch der Menschheit dienen sollen. Seine Website fairplanet ist im Gegensatz zu ihm überhaupt nicht komödiantisch, sondern äußerst seriös und soll irgendwann zu der globalen News-Platfform schlechthin avancieren. Vom gleichen Geiste beseelt investiert er außerdem in Öko-Food und urbanes Roof-Top-Farming.  Nebenbei aber wurde er ab 2003 zum finanziellen und spirituellen Motor seiner Band, die wiederrum langjährige Geburtswehen durchmachte. Es war ein seelisch verwundeter Mensch wie Gael Sajdner nötig, um aus sich selbst, Jossi Reich und Ronni Boiko die Jewish Monkeys zu machen. Dessen Eltern erlebten den Holocaust-Horror als Kinder. Sie ließen sich früh scheiden und Gaels Kindheit und Jugend führte ihn durch Belgien und Spanien nach Israel. Aufgrund der Leidengeschichte seiner Eltern ist Gael sozusagen „noch mehr Second-Generation“ als seine beiden in Deutschland aufgewachsenen Gesangskollegen. Jossis polnisch-jüdischer Vater überlebte den Krieg in der usbekischen Metropole Taschkent, seine ebenso polnisch-jüdische Mutter in der sibirischen Verbannung, das Trauma der Vertreibung war nie eines der Angst um Leib und Leben. Bei Ronnis Eltern ging es untraumatisch zu, seine deutschstämmige Mutter kam noch als Kind in der Vorkriegszeit nach Palästina, sein Vater im Kindertransport aus Rumänien. Erst in den 60ern zog es sie in das wirtschaftliche Deutschland-Dorado. Gaels überbordendes Talent für Gesang, Bewegung und Komik, bzw. sein, ihn bis dahin quälendes Unvermögen diese Fähigkeiten in einem ihm gemäßen Kontext einzusetzen, animierte die beiden deutschen… Verzeihung, die beiden Frankfurter Wohlstands-Emmigranten und brachte den Stein ins Rollen.

Was allerdings nur möglich war durch den vierten, weniger sichtbaren im Bunde, Ran Bagno. Der, ein renommierter Arrangeur und Komponist für Theater- und Filmmusik verliebte sich unheilbar in den anarchischen Amateur-Schmelztiegel dieser drei ADD-verfluchten Wirrköpfe und bereicherte und professionalisierte deren musikalische Ansätze mit eigenen Ideen. Unter anderem war Ran Bagno letztens für die Oper in Neapel tätig und im Zuge dessen für den gleichen italienischen Musik-Preis nominiert, der irgendwann mal an den Musik-Produzenten von Roberto Beninis „Das Leben ist schön“ ging. Zurück zu Jossi Reich aka Joe Fleisch, der viel herum kommt Am geilsten findet er es in London, wo er seinen „Sohn“ Nimrod Kamer besucht, der als Woody-Allen-Gene-Wilder-Danny-Kaye-Wiedergeburt Borat-mäßig mit heavy non-Britisch-israelischen Akzent Reality-TV produziert und letztens vom BBC für relaxte lustige news-items eingespannt wird. Notgedrungen ist er immer wieder in seiner Frankfurter Home-Base, um seine Mutter zu besuchen, die bald nach dem Ableben seines Vaters an Demenz erkrankte. Dort nervt er seine diversen Geschäftspartner mit nicht immer realistischen Ratschlägen. Sei dies sein Bruder, ein promovierter Ökonom, der den familiären Immobilienbestand verwaltet, seinen ehemaligen Studienkollegen Ludwik Kwapinski, mit dem zusammen er in den Aufbau der stadtbekannten Sandwicher-Kette investierte, oder aber Joerg Weber, einen der Gründer der Öko-Bank, dem Jossi letztens u.a. dabei half, die Frankfurter Bürger-AG für nachhaltiges Wirtschaften aus dem Boden zu stampfen und durch dessen Zutun er Aktionär bei Phönix wurde, dem wichtigsten Bio-Lebensmittel-Großhändler in der Region. Ja, letztens hat er auch noch angefangen den illustren Immobilien-Developper Ardi Goldmann sexuell zu belästigen. Deren Väter kannten sich gut und Jossi ist davon überzeugt, daß er und Ardi die ersten urbanen Dachfarmen Deutschlands etablieren sollten. Auch in Berlin ist Jossi Reich öfter, wo sein fairplanet-team stationiert ist und sein anderer best friend forever wohnt, der unheilbar an seinem in Deutschland gestrandeten Judentum leidende Autor Maxim Biller. Die Pop-Geschichte wird zeigen, ob Jossis größtes Verdienst am Ende jedoch nicht einfach nur darin bestand, seinen Busenfreund, Doktor Boiko aus der Bürgerlichkeit seiner Tierarzt-Praxis und seines Vorort-Familien-Eigentumshäuschen herausgeholt zu haben und ihn inspirierte Singer-Song-Writer bzw. creative master-mind der JewishMonkeys zu werden.

Jewish Monkeys

Was aber bislang nicht zum internationalen Durchbruch reichte. Denn so sehr der hyperaktive Reich sich auch bemühte und abstrampelte, so sehr er Gott und die Welt kennt und versucht mit allen zu kooperieren, sei es Stefan Hantel aka Shantel, die beiden verbindet eine innige Freundschaft, oder Ori Kaplan von der israelisch-amerikanischen Combo BalkanBeatBox, mit dem er auf seinem Joe Fleisch Solo-Album „The Jiddisch“ genauso alte jiddische Hochzeits- und Emigrantenlieder zu neuem Leben erweckte, wie mit Vladimir Lombergs Post-80er-Retro-Synthesizer-Disco-Verschnitt „Jewrhythmics“ alte jiddische Liebeslieder, mit ihnen außerdem und tatsächlich Songs der Neuen Deutschen Welle wie Dadada oder Eisbär ins Jiddische übertrug und als deren jiddischer Lead-Sänger im letzten Jahr zweimal durch Deutschland tingeltangelte; trotz oder gerade wegen all dieser Umtriebigkeit kam er mit seinem Hauptprojekt Jewish Monkeys nicht auf den grünen Zweig.

Meistens waren es die Musiker von BoomPam, welche die Jewish Monkeys bei ihren wenigen Konzerten und Studio-Sessions all die Jahre hindurch begleiteten. Mit ihrem, von einer Tuba untermalten orientalischen Gitarren-Surf sind die eine der beliebtesten Bands in Israel und ein internationaler Geheimtipp, ihre CDs erschienen bei Shantels Frankfurter Label EssayRecordings, genauso wie demnächst in diesem Jahr das erste Solo-Album ihres Gitarristen und Leader, Uri Kinerot aka UBK. Der BoomPam-Sound dominiert die 9 Tracks, die über einen Zeitraum von ungefähr genausoviel Jahren entstanden und erst jetzt zum Sommer als Album herauskommen, welches Doktor Boiko kurzentschlossen „Mania Regressia“ nennt. Er, der Besonnenere, Realistischere und Bodenständigere der beiden Frankfurter Jugendfreunde, in dessen etwas zu bürgerlicher und domestizierter Existenz das eigentliche zynische, satirische und musikalische Feuer der Jewish Monkeys brodelt, er brachte am Ende den Kontakt, der die drei plus vier Jungs nach einem ganzen Jahrzehnt in der Schattenzone endlich zu einer richtigen Band erweiterte, sprich das musikalische Kleinod in ein heißes, kommerziell vielversprechendes Produkt verwandelte.

Doktor Boikos Freund, der Bauunternehmer Yoli Baum, der mit seinem Schnurrbart und seinem aufbrausenden, autoritären Wesen ein bißchen so wie ein russischer Gangster aus einem B-Movie daherkommt bzw. sich gerne so gebärdet, insbesondere dann, wenn er seinen Vorarbeitern Anweisungen gibt, oder nunmehr seinen neuen Band-Mitgliedern; Yoli Baum ist seiner wahren Berufung als Bassist niemals untreu geworden, betrieb außerdem einen Musikclub in Tel-Aviv, bevor er unter dem Druck der Familiengründung in ein einträglicheres Gewerbe überwechselte. Er entschloss sich das Schicksal der Jewish Monkeys zu wenden, als Doktor Boiko im Herbst 2012 gedemütigt vom internationalen jüdischen Musikfestival in Amsterdam zurückkehrte. Wieder mit den Musikern von BoomPam im Gefolge waren sie bereits in der ersten Runde rausflogen; war dies doch auch ein Wettbewerb, bei dem die Musiker für Anreise und Unterkunft selbst aufkommen müssen, unter dem Verweis, daß bereits die Einladung eine Auszeichnung sei und der begehrte Juroren- und Publikumspreis das Fenster zu Karrieresprüngen öffnet. Den Jewish Monkeys wurde zugeflüstert, sie würden wegen ihrer Knaller-Videos als Favorit gelten, ihr Auftritt rief die gewohnte Begeisterung hervor. Beim Publikum.

Das hatte aber erst in der letzten Runde das Sagen, davor entschieden über das Weiterkommen allein die Juroren, und denen war nicht nur der wilde Klezmer-Rock zu laut und zu ungeübt, auch störten sie sich am rücksichtslosen Text des Songs „Johnny is the Goy for me“, die Cover-Version Doktor Boikos auf die Uralt-Schnulze aus den 20ern „Johnny is the boy for me“. Ähnlich wie in einem Woody-Allen-Film ist vom etwas mickrig geratenen, nicht sonderlichen attraktiven Jew-Boy die Rede. Der heisst Jossel und kriegt von seiner jüdischen Herzensdame zu hören, daß sie nicht ihn, sondern Johnny, den Goi will, den der ist: „Tall and blond, his eyes are blue, he fucks like hell, doesn´t smell“, Jossel dagegen kommt in ihrer Beschreibung gar nicht gut weg: „All the day you count and pray, you promise the moon and come to soon“. Zum Ende des Songs berichtet Jossel was er alles ohne Erfolg tat, um dem Objekt seiner Begierde zu imponieren „I jumped from a tree, I broke my knee, I rode a bike, even fucked a dike“, um sich dann aber trotzig-glücklich ebenso eine nicht-jüdische Geliebte zu angeln, denn „for Sue I am not a lousy Jew, for Sue I am like a Johnny too“. Solcher Humor besudelte das politisch korrekte Empfinden der Kulturfunktionäre und Juroren. Womit sich das bigotte Amsterdamer Festival allerdings der Unfairness und der Unbedachtsamkeit schuldig machte, denn man hätte niemals eine Band wie die Jewish Monkeys auf ihre Kosten auf eine Veranstaltung herbeten sollen, die akademische, experimentelle, altertümelnde Musik auszeichnet, aber mit Sicherheit keine Band, die mit zeitgemäßen modernen Rock aufwartet. Zornig mobilisierte Jossi Reich in den darauffolgenden Wchen den Rechtsanwalt, schrieb böse emails und leitete erste legale Schritte ein, ließ dann jedoch wegen des schlechten Karmas, sowie des Geld- und Zeitaufwands davon ab, auch weil ja laut Bibel bekanntlich der Herrgott die Frau des Lot zur Salzsäule hat erstarren lassen, als die wider Seinen ausdrücklichen Befehl dennoch zurückblickte. Vor allem aber gab es ab Jahresanfang 2013 wichtigeres zu tun, hatte er doch mit einem Mal eine richtige Band am Hals.

Im Nu organisierte Yoli Baum in seinem, nicht immer symphatischen, aber ans Ziel führenden, zionistischen Bulldozer-Stil alles Notwendige. Den ausgedienten Luftschutz-Bunker in der Tel-Aviver Vorstadt Givataiim als Proberaum, dies das Studio des ziegenbärtigen Drummer Henry Vered, sozusagen ein Hardrocker in Erbfolge, der genau wie das auch sein trommelnder Vater zu tun pflegt, auf einer schweren Kawasaki zu seinen Trommel-Schülern oder Auftrags-Gigs eilt. Seine Alt-Hippie-Rocker-Eltern, als ergrautes, langhaariges Motorrad-Päärchen auf der Kawasiki hockend, waren eine Attraktion für sich, wenn sie zu den ersten beiden spektakulären Auftritten der neuen Jewish Monkeys zu Anfang dieses Jahres im Tel-Aviver Club „Radio EPGB“ vorfuhren. Ferner ist da Haim Vitali Cohen mit seiner verträumt-sehnsüchtigen E-Gitarre, der in einer religiösen Familie in der israelischen Wüsten-Metropole Beer-Sheva groß wurde, mit der Tradition brach, nach Tel-Aviv ausbüchste und zum Underground-Musiker wurde, mit nonchalanten Schnurrbärtchen-Lächeln ein nicht zu kleines Goldkettchen an seiner Heldenbrust baumeln lässt, mit einem H für Haim, deswegen von dem nach liebevoller Provokation und politischer Unkorrektheit dürstenden Jossi aka Joe Fleisch gerne als „Ars“ beschimpft wird, „Arsim“ nennt man in Israel böserweise jene, sich manchesmal  primitiv Gebärenden, oft aus arabisch-jüdischen s.g. sefardischen, meist einkommensschwächeren Verhältnissen Hervorgehenden, welches das hessische Ohr vor allem auch wegen der damit einhergehenden soziologische Kategorisierung an „Asis“ erinnern könnte.

Ein weiterer Eckpfeiler des neuen Jewish-Monkeys-Sound ist der Posaunist Arnon de Boutton, der auch nicht so recht weiß, weshalb seinen Vorfahren irgendwann im mittelalterlich Französisch-Spanischen dieser adelige Name verpasst wurde. Er weiß aber, daß diese von den Wirren der Inquisition nach Saloniki und Jahrhunderte später nach Ägypten gelangten, bevor Palästina dann bekanntlich zum zionistischen Aggressorstaat Israel wurde, welcher über eine Million vertriebene und flüchtende Palästinenser ausspuckte  und zur Strafe fast noch mehr arabisch-jüdische Vertriebene absorbieren musste, die –  so sagt es die israelische und oft auch objektive Geschichtsschreibung  – fast noch rücksichtsloser aus ihren arabisch-heimatlichen Gefilden vertrieben wurden. Besagter Arnon de Boutton ist oft entweder nicht anwesend, weil er als Baby-Vater zuhause gebraucht wird, oder wenn anwesend, dann eben deswegen oft abwesend und müde, und hat wegen des vielen Blasens immer einen Spucknapf dabei. Zurecht behauptet Yoli Baum, daß der dünne Armon wegen seines langgezogenen Schädels seiner Posaune zum Verwechseln ähnlich sieht. Zusammen haben die Jewish Monkeys im übrigen 16 Kinder und die Band ist für alle acht Mitglieder zu ihrem wichtigsten Projekt geworden.  Da beim Amsterdam-Debakel Claudia Floritz und Anna Sankowski, die beiden Grand Dames des alljährlich im März stattfindenden Klezmer-Festivals in Fürth zugegen waren, erfolgte die Einladung zur Eröffnungsparty jetzt am 15. März 2014. Daraus zimmerten die neuen Jewish Monkeys nunmehr ihre erste internationale Tour, die sie BlackButSweet nennen, nach ihrer Single-Auskopplung eines Covers von dem aus Trinidad stammenden Wilmoth Houdini, der in den 30ern den Musikmarkt in den USA aufrollte und mit diesem eigenwilligen Liebeslied eine wunderbar-wehmütige Melodie erschuf. Seit 2012 existiert dazu ein kontrovers diskutiertes Schwarz-Weiß-Video, in dem das Tel-Aviver Regisseurs-Duo Guy Bolandi und Asaf Mann ästhetisch und liebevoll Sakrilege begeht an althergebrachten jüdischen Religionsriten und Klischees universeller Heiligkeit.

Und wenn man sich dann schon mal auf den YouTube-Kanal der Jewish Monkeys verirrt hat, sollte man sich auch gleich „Caravan Petrol“ reinziehen, einer der vielen Hits des italienischen Mega-Stars der 50er Renato Carusone („Tu vuo fa Americano“). Die Interpretation der Jewish Monkeys erzählt vom Loser, der auf Solar-Energie schwört, Ehefrau und Erdöl-Kultur den Rücken zukehrt und in die Wüste flieht, sich dort aber in die Tochter des Öl-Schichs verguckt und – in dessen Reichtum. Doktor Boikos satirische Bearbeitung übt simple, aber hemmungslose Kritik an unserer hypokriten westlichen Kultur aus, die trotz aller Einsicht und wider besseres Wissen ihrer althergebrachten Gier treu bleibt. Das dem Emir-Kustorica-Stil nachempfunde Video ist genauso funny wie ihr allererstes Video, wo sie sich in einer satirischer TakeOff-Fusion von Harry Belafontes „BananaBoat“ und des weltberühmten israelischen Volkslied „HavaNagila“ als zwei orthodoxe Juden mit einem Beduinen-mäßig verkleideten Karnevals-Araber um das Heilige Land streiten,  dann aber jeweils als Inder, Afrikaner, Cowboys und Russen verkleidet demonstrieren, wie gut sich auf dem BananaBoat alle Völker miteinander verstehen und lassen dieses irrwitzig-infantile Cover mit dem Satz ausklingen: „Let´s take the Banana Boat to the fucking Midldle East“. Politisch korrekt ausgerichtete Juden und Anti-Juden bringt es gleichermaßen zum Erschaudern, wenn bei dem Eingangsdialog zwischen den zwei Hebräern und dem Araber voller post-zionistischem Klamauk der Satz fällt: „They killed us in Europe, we need real estate“.

Zurück zur BlackBut Sweet Tour. Wegen Ran Bagnos Akkordeon kam noch das Wiener Akkordeonfestival hinzu, der Promoter Sebastian von Pop-Up aus Hamburg organisierte den relativ renommierten Club „Milla“ in München, und bei dieser Deutschland-Premiere, so entschied das Florian Joeckel, der Manager von Shantel, muss natürlich auch Frankfurt mit dabei sein, also das „Nachtleben“. Womit wir beim eigentlichen Zweck dieses Artikels angelangt sind. Der besteht nicht nur in dessen hohen Unterhaltungs- und Informationswert, sondern dient – natürlich – vor allem der promotion und ist primär als ein Aufruf zu verstehen. Voller Selbstbewußtsein behaupten die Jewish Monkeys von sich, auf dem gleichen musikalischen Niveau zu stehen, wie z.B. die Band des ukrainischen Gipsy-Punk-Musikers Gogol Bordello aus New-York, den Madonna als Einheizer für ihre Konzerte engagierte oder auch Shantels Buccovina-Club-Orchester. Solltet ihr euch also, wie die allermeisten, in die Videoclips dieser Band verlieben, dann kauft Tickets für euch und Eure Lieben, jetzt im Vorverkauf, damit der so gut anläuft, daß das „Nachtleben“ zu klein wird und die Jewish Monekys in der Batschkapp landen. Auch wenn die heute an einem anderen Ort steht, in der Batschkapp sahen Ronni Boiko und Jossi Reich dereinst eines der spektakulären Konzerte der „Violent Femmes“, ohne sich dabei träumen zu lassen, 30 Jahre später selbst eine Band zu haben, die den geilsten Track der Violent Femmes „Add it up“ covern würde, genauso wie „Hit me“ von Ian Dury and the Blockheads, wo Jossi Reich aka Joe Fleisch aus dem „Hit me with your rhythm stick – hit me!“ ein hysterisch-jiddisches „Shlug mech mit deym Steckale, shlug mech!“ macht.

Feinschmeckern sei aber klar, daß die besten Stücke der Jewish Monkeys weniger deren satirische oder reine Cover-Versionen sind, sondern die eigenen Kompositionen, sei das „Heat, meat, beautiful feet“, wo sich Doktor Boiko seinen Frust angesichts der allgemein üblichen Wochenend-Vorort-Hintergarten-Barbecues von der Seele schreibt und wie folgt beginnt: „Sitting in my back-yard, everyone´s here, trying to get the fire start, listening to my friends fart“. Der Erzähler geht mit allen, inklusive sich selbst ins Gericht, irgendwann z.B.mit harten Worten über die Gattin “I am asking for hand, doing me a favor, but she´s always busy with her pussy-shaver”; bis hin zum ernüchternden „American Beauty“-Ende „The neighbor´s daughter is practically undressed, but I will stick to the rules of the game, ´cause Edipussy is my second name“. Ein anderer Song „So nice“ handelt im Rock´n-Roll-Stakkato mit dem üblichen leidenswilligen jüdischen Humor eine ganze Menge Übel dieser Welt ab (siehe gleich unten), nur um dann mit traurig lächelndem Refrain jeden Vers wie folgt zu kommentieren: „Everything´s so nice, oy, it´s just so nice! Isn´t it paradise, some people eat just rice“.

Am Schluß dieser Eulogie (in diesem Falle Lobrede, nicht Grabrede) über die Jewish Monkeys sei vielleicht am besten der Ankündigungstext auf der Batschkapp-Website aus der Feder des besagten Jossi Reich aka Joe Fleisch zum Besten gegeben:

“The Jewish Monkeys. Die politisch unkorrekteste Band seit Erfindung der Marx-Brothers. Englisch-sprachiger BalkanKlesmerRock, der manches Mal sogar ins Jiddische ausufert und die unschuldige Konzertbesucherin zeitweise in besinnungslos tanzende Hüpf-Ekstase versetzt. Politisch schwer verdauliche Song-Texte, die alles auf´s Korn nehmen, was stinkt: Gier nach Erdöl, welche sich einen Scheiß um Klimaerwärmung schert, Völlerei, die zum vorzeitigen Tode führt, Altersgeilheit, die vor Kindesbelästigung nicht Halt macht, prügelnde Väter, die aus ihren Söhnen Terroristen machen; und ja, sogar über ihren heiligen Nah-Ost-Konflikt machen sich die Jewish Monkeys lustig. Machst Du auf YouTube „Jewish Monkeys“ und ergötzt Du Dich an ihren drei Video-Clips und kaufst Du dann Ticket für die Show im „Nachtleben“ am Freitag den 14. März 2014“…

Jewish Monkeys [IL]
“Black But Sweet” + TOUR PR
13.3. München – Milla
Label: greedy for best music 15.3. Fürth – Eröffnungsparty des Klezmer-Festivals
17.3. (AT) Wien – Akkordeonfestival

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