„Die Juden in Indien“ von Sigmund Feist (1925)

Vom Mainzer jüdischen Pädagogen und Sprachwissenschaftler Sigmund Feist (1865-1943) liegt auch eine Abhandlung zur Geschichte und Kultur der Juden in Indien vor. Wir entnehmen sie seiner im Jahre 1925 in Leipzig erschienenen „Stammeskunde der Juden. Die jüdischen Stämme der Erde in alter und neuer Zeit – Historisch-anthropologische Skizzen“…

Die Juden in Indien.

Von Persien aus sollen nach einer gut beglaubigten Überlieferung im fünften Jahrhundert n. Chr. zur Zeit der Verfolgungen unter Jezdegerd III (440-457) und Firuz (458-485) viele Juden nach Indien ausgewandet sein. Ein Babylonier mit Namen Josef Rabban kam mit andern jüdischen Familien an der Küste Malabar an und soll von dem brahmanischen Vizekönig (Perumāl) von Kranganor mit seinen Reisegefährten freundlich aufgenommen worden sein (490 n. Chr.). Die Juden konnten nach ihrem eigenen Gesetz unter eigenen Fürsten leben. Letztere durften wie die indischen Fürsten auf einem Elephanten reiten, unter Musikbegleitung einen Herold vor sich hergehen lassen und auf Teppichen sitzen. Der Wortlaut der noch heute erhaltenen Niederlassungsurkunde 1) ist in deutscher Übersetzung folgender:

Heil und Glück! Der König der Könige, seine Heiligkeit Sri Bhāskara Ravi Varma, der in vielen 100 000 Plätzen das Szepter führt, hat … diesen Gnadenakt erlassen.

Wir haben dem Josef Rabban als Fürstentum Añjuvannam verliehen sowie die 72 Besitzrechte, die Abgaben auf weibliche Elephanten und Reittiere, die Einkünfte von Añjuvannam, Taglampe und breites Tuch und Sänfte und Sonnenschirm, nordische Trommel, Trompete, kleine Trommel und Portale und Guirlanden über den Straßen und Kränze und dergleichen mehr. Wir haben ihm die Grund und Wegsteuer erlassen. Überdies haben wir durch diese Kupferplatten bewilligt, daß, wenn die Häuser der Stadt dem Palaste Steuern zahlen, er nicht zu zahlen braucht und er die übrigen Privilegien wie sie genießt. Dem Joseph Rabban, Fürsten von Añjuvannam, und seiner Nachkommenschaft, seinen Söhnen und Töchtern, Neffen und Schwiegersöhnen seiner Töchter in natürlicher Folge, so lange die Welt und der Mond besteht, sei Añjuvannam ein erbliches Besitztum.

(Folgen die Zeugenunterschriften von verschiedenen Fürsten.)

Außer dieser Urkunde liegen noch zwei ähnliche Erlasse späterer Fürsten zu Gunsten syrischer Christen vor, die sich an der Malabar-Küste angesiedelt hatten. Es ist deshalb die Vermutung geäußert worden, daß auch die obige Urkunde nicht für die Juden, sondern ursprünglich für syrische Christen ausgestellt gewesen sei. Das ist aber sehr unwahrscheinlich, da eine alte hebräische Übersetzung davon vorhanden ist, die mitsamt dem Original bei dem jeweiligen Rabbiner von Kotschin aufbewahrt wird 2). Tatsache aber ist, daß zwischen der jüdischen und christlichen Ansiedlung freundschaftliche Beziehungen bestanden.

Der im Wortlaut mitgeteilte Erlaß des Perumāls (Königs) der Malabarküste, Bhāskara Ravi Varma, wohl aus dem 8. Jahrhundert 3), der in altindischer Sprache (Tamil) und Schrift auf drei Kupferstreifen eingeritzt und noch heute erhalten ist, befindet sich im Besitz der Juden von Kotschin.

Die Auswanderer unter Josef Rabban fanden angeblich schon Juden in Indien vor, die nach einer Überlieferung bereits im Jahre 231 dahin gekommen sein sollten. Benjamin von Tudela fand in  Gingala, wie er den Ort nennt, 1000 Juden vor. Später entstanden Streitigkeiten unter den weißen und schwarzen Juden (s. darüber weiter unten) und auch mit ihren muhammedanischen Nachbarn. Zuletzt mußte, als Kranganor von den Portugiesen erobert und zerstört worden war (im Jahre 1523), und kurz darauf die Mohammedaner die Juden bei Kranganor angriffen, ihre Häuser und Synagogen zerstörten und viele von ihnen töteten, der Rest der Juden unter Joseph Azar zuerst nach Nabo, dann nach Mattatscheri, einer Vorstadt von Kotschin, und einigen Nachbarorten übersiedel(te)n (Sic!). Trotzdem hatten sie unter dem Fanatismus der portugiesischen Eroberer auch in ihren neuen Wohnsitzen zu leiden. Hier besuchte sie der Holländer Hugo von Lindschotten in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts und schreibt Folgendes über sie 4):

„Außerhalb Kotschin unter den Malabarn wohnen auch viele Mohren, so des Mohamets Glauben, und ihre Kirchen Moscheen genannt. Auch sind da große Mengen der Juden, welche sehr reich sind und in ihrem Judenglauben leben, wie andere. Man findet an allen Orten in India Juden und Mohren in großer Menge, als nämlich in Goa, Kotschin und auf dem fußfesten Lande, deren etliche sind rechte Juden, etliche aber haben ihr Herkommen von den Indianern, welche vor Zeiten durch die Gemeinschaft der Juden und Mohren zu denselben Secten gefallen sind. Sie halten sich in ihrer Haushaltung und Kleidung wie der Landbrauch des Orts, da sie sich niedergelassen haben, erheischt… (Sic!) Daselbst (in Kotschin) haben die Juden sehr schöne steinerne Häuser gebaut, sind vortreffliche Kaufleute und des Königs von Kotschin nächste Räte. Sie haben ihre Synagoge daselbst, sammt der hebräischen Bibel und dem Gesetz, dergleichen ich selbst in meinen Händen gehabt habe. Von Farbe sind sie meistenteils weiß, wie die in Europa, sie haben sehr schöne Weiber. Man findet etliche unter ihnen, welche sie im Land Palästina und zu Jerusalem zur Ehe genommen. Sie reden alle durch die Bank gut spanisch, halten den Sabbat und andere jüdische Zeremonien und hoffen auf die Ankunft des Messias“.

Die Bemerkung, daß die Juden von Kotschin alle gut spanisch verstehen, deutet darauf hin, daß die im Jahre 1492 aus Spanien vertriebenen Juden sich zum Teil auch nach Indien gewandt haben. Das lag bei den Handelsbeziehungen ja auch recht nahe 5). In der Tat waren im Jahre 1511 die ersten spanischen Juden nach Kotschin gekommen und hatten sich dort eine prächtige Synagoge erbaut. Natürlich zeigten sich die europäischen Herren des Landes, die Portugiesen, die im Jahre 1496 ebenfalls die Juden aus ihrem Land vertrieben hatten, stets sehr grausam und unduldsam gegen die Juden in Kotschin (übrigens auch gegen Hindus und syrische Christen), die sie, ganz wie in Europa, als Ketzer verfolgten.

Als daher die Holländer 1662 mit einer Flotte vor Kotschin erschienen und es belagerten, verhehlten die Juden ihre Sympathien für die Belagerer nicht. Die erzürnten Portugiesen ließen ihre Rache an den Juden aus und fielen über sie her. Eine Menge wurde getötet, andere flüchteten in die benachbarten Berge. Die Judenstadt wurde zerstört, die Synagoge geplündert und verbrannt. Bei dieser Gelegenheit soll die alte Chronik von Kotschin, das Sepher Hajaschar, welche seit der Ankunft der Juden in Kotschin geführt sein soll, verloren gegangen sein.

Lange sollte die Bedrängnis der Juden aber nicht dauern. Schon im Januar 1663 zogen die Holländer als Sieger in Kotschin ein. Die Kunde von dem Bestehen der jüdischen Gemeinde in Kotschin erregte das lebhafteste Interesse bei den Glaubensgenossen in Amsterdam, die im Jahre 1685 eine aus vier Kaufleuten sephardischer Herkunft bestehende Abordnung nach Kotschin sandten. Ihr Bericht erschien im Jahre 1687 im Druck 6). Ein Jahrhundert später gelangten  die Mitteilungen des holländischen Gouverneurs von Kotschin, Adrian Moens (1771-1782), zur Veröffentlichung 7). In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts berichtet ein evangelischer deutscher Missionar, Joh. Anton Sartorius, an den bekannten Gotthilf August Franke über die Juden von Kotschin 8), und zu Anfang des 19. Jahrhunderts hat der Vizepropst am Collegium des Fort William in Bengalen (einer Gründung von Lord Wellesley), Rev. Claudius Buchanan, Untersuchungen über die Juden an der Malabarküste angestellt 9). Er berichtet folgendes: Nicht in Kotschin selbst, sondern eine halbe Stunde entfernt in Mattatscheri wohnt die Judenkolonie, wo sie zwei ansehnliche Synagogen hat und im Besitz des Haupthandels ist. Unter den dort einheimischen Juden haben sich viele aus andern fernen Gegenden Asiens niedergelassen. Sie teilen sich in zwei Klassen, die sich selbst die Juden von Jerusalem oder die weißen Juden nennen, welche die Hauptbevölkerung vom Mattatscheri ausmachen, und die alten oder schwarzen Juden, die zwar auch in Mattatscheri eine Synagoge haben, deren größte Zahl aber in den Städten des Binnenlandes von Malabar, in Tritur, Parur, Tschenotta, Malah usw. wohnt.

In Mattatscheri hörte Dr. Buchanan, daß unter den dortigen Juden auch einige aus dem Lande Aschkenas 10) und Ägypten seien. Die schwarzen Juden dagegen zeigen die Gesichtsbildung der Hindu und haben nur geringe Ähnlichkeit mit den weißen Juden von europäischem Typus. Sie haben sich mit den Völkern und Sitten ihrer neuen Heimat so sehr vermischt, daß sie von Reisenden oft nicht mehr als Juden anerkannt wurden, wenn sie auch immer noch viele gemeinsame Züge mit ihnen behalten. Auch in den Städten des Binnenlandes von Malabar ist es schwer, die Juden von den Hindus zu unterscheiden. Sie halten aber noch Fühlung mit ihren Glaubensgenossen im nördlichen Indien, in Turkestan und in China. Diese hätten nur wenige Schriften des alten Testaments; unter den schwarzen und noch mehr unter den weißen Juden fand Buchanan aber diese Kenntnis der hebräischen Literatur verbreitet wie in Europa. Viele seltene hebräische Druckwerke des 15. und 16. Jahrhunderts waren in den Genizas (Abfallräumen) ihrer Synagogen zu finden, auch Pergamenthandschriften, die später nach Oxford überführt wurden.

Dr. Buchanan schätzte die Zahl der Juden in Kotschin auf 16 000. Das wird aber weitaus zu hoch gegriffen sein. Denn bei einer offiziellen Volkszählung im Jahre 1857 wurden nur 1790 Juden im ganzen Bezirk festgestellt; davon 419 in der jüdischen Ansiedlung südlich Kotschin, 353 in Ernakolum auf dem Festland und 65 in Tchennamungalum etwas landeinwärts 11). Wir besitzen aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (…) eine Schilderung der Judenstraße, deren Häuser genau wie die portugiesischen von Kotschin erbaut waren und auf den Mauern verschiedene Hausmarken aufwiesen (Fasan, doppelköpfige Adler, Reh mit großem Geweih, Drache usw.); an den Türpfosten waren Mesusas (d.h. Röhrchen mit einem Pergamentstreifen, der Sprüche aus der Bibel enthält) angebracht. Bevor die Juden die Synagoge betraten, legten sie ihre Schuhe ab. Sie hatten die Köpfe schon im jugendlichen Alter rasiert und liessen nur eine Locke über der Stirn und je eine an den Schläfen stehen. Die Männer hatten noch eine eigenartige Tracht: hochgeknöpfte Westen, lange flatternde, Röcke verschiedener Farbe und lange weiße Hosen. Die Frauen kleideten sich wie die Hinduweiber, hatten aber bei festlichen Gelegenheiten mit Goldstücken und Juwelen reich verzierte Gewänder. Da auch die vermögender gewordenen schwarzen Jüdinnen sich diese Prachtgewänder zulegten, so nahmen die weißen Jüdinnen um 1860 die kleidsamere Tracht von Bagdad an. Sie besteht aus einem langen, vom Hals bis zu den Knöcheln reichenden Hemd aus einem Stück, das auf der Brust offen ist und ein weißes Halstuch sehen läßt. Das Hemd ist aus wertvollem Stoff, hinten gerafft und vorn zugeknöpft 12). Auf die Haare verwendeten die Kotschiner Jüdinnen wenig Sorgfalt. Mit dreißig Jahren waren sie in der Regel verblüht.

Um das Jahr 1850 zog ein Teil der zwischen den weißen und schwarzen Juden stehenden „half-caste“-Juden in die Stadt Kotschin selbst, um mehr Freiheit für ihre Frauen in bezug auf deren Kleidung zu haben, die ihnen in der jüdischen Niederlassung nicht gewährt wurde. Die schwarzen Juden besaßen zum Teil noch jüdische Züge; viele aber glichen den Eingeborenen so sehr, daß selbst der skeptischste Beobachter zugeben mußte, daß sie nur von ihnen abstammen konnten. In der Tat waren einige davon Proselyten, andere stammten von indischen Sklaven ab, die in früheren Zeiten bekehrt worden waren. Die weißen Juden haben sich von diesen Mischjuden abgeschlossen und sind durch Zuwanderer aus Asien und Europa immer wieder aufgefrischt worden

Für diese westliche Zuwanderung haben wir einen urkundlichen Beweis in der Liste der Familienhäupter (Rol dos Bahale batim) des schon erwähnten Berichts, den „Notisias dos Judeos de Cochin“ von Mosseh Pereyra de Paiva, Amsterdam 1687 13). Darin werden die Familiennamen der Kotschiner Juden aufgezählt und die Herkunft der Familien angegeben. Nur drei Familien werden als Abkömmlinge der alten Einwanderer genannt: die Mehrzahl sind spaniolische Juden, die entweder direkt aus Spanien nach der Vertreibung der Juden (im Jahre 1492) oder in späterer Zeit dorthin kamen; zwei Familien sind deutscher Herkunft, drei kamen aus Persien usw. Aus dem ständigen Nachschub westlicher Juden erklären sich die Rasseeigentümlichkeiten der „weißen“ Juden von Kotschin ohne weiteres.

Seit 1795 ist Kotschin im englischen Besitz. Einige Juden der ältesten Ansiedlung zogen auch nach Aden am Eingang des Roten Meeres, wo ihre Kolonie noch heute besteht. Ebenso siedelten sie nach Ceylon über, wo Juden schon im 9. Jahrhundert von dem arabischen Reisenden Ibn Wahab in beträchtlicher Anzahl angetroffen wurden 14).

Im Volkszählungsbericht von 1901 wird die Zahl der indischen Juden auf etwas über 18 000 angegeben 15); darin sind auch die später zugezogenen Juden enthalten. Die einheimischen Juden zerfallen auch heute noch in die Gruppen der weißen und schwarzen Juden bei Kotschin und an einigen landeinwärts gelegenen Plätzen, sowie die Beni-Israel in Bombay und an anderen Plätzen der Präsidentschaft Bombay.

Letztere ähneln den arabischen Juden, kleiden sich aber wie Hindus, nur daß sie wie die mohammedanischen Inder Hosen tragen. Ihre Hautfarbe ist heller als die der Hindus; auch tragen sie zum Unterschied ihr volles Haar und bis vor kurzem die charakteristischen Seitenlocken. Weiteres über sie soll später berichtet werden; zunächst wenden wir uns zu den Juden an der Malabarküste.

Die weißen Juden behaupten trotz ihrer geringen Zahl, die gegenwärtig kaum 200 beträgt, die vornehmeren und die wahren Nachkommen der Juden von Kranganor zu sein. Sie schließen sich streng gegen die in dem unteren Teil der jüdischen Ansiedlung wohnenden, etwa 1000 Seelen zählenden schwarzen Juden ab, die aber zweifellos länger in Indien ansässig sind, als die, nach den Familiennamen zu schließen, viel später eingewanderten weißen Juden, die in sechs Gruppen teils deutschen, teils spanischen Ursprungs zerfallen 16). Sie haben den oberen Teil der Judenstadt von Mattatscheri inne. Jede der beiden Teile hat seine besondere Synagoge, während die Schule weißen und schwarzen Judenkindern gemeinsam dient.

Der Teint der weißen Juden ist sehr hell, beinah krankhaft weiß, weißer als der Teint der meisten Europäer und fällt deshalb besonders auf. Viele sind blondhaarig und blauäugig 17). Die Frauen verlieren bald ihre Schönheit und altern früh. In körperlicher Hinsicht unterscheiden sich die weißen Juden nicht sehr von ihren europäischen Glaubensgenossen 18) (Abb. 37, 41).

Weißer indischer Jude
Weißer indischer Jude

Natürlich sind die Bezeichnungen „weiße“ und „schwarze“ Juden nicht allzu wörtlich zu nehmen. Die Gesichtsfarbe der schwarzen Juden z. B. kann man nicht durchweg dunkel nennen. Bei beiden Gruppen ist die jüdische Physiognomie deutlich erkennbar. Trotz der hellen Haut ist Haar und Bart  bei manchen der weißen Juden tief schwarz, die Augen sehr dunkel. Übergangsstufen zwischen beiden Gruppen gibt es daneben auch. Die Sitten, religiöse und rituelle Gebräuche sind bei beiden Gruppen die gleichen. Zu allen Zeiten hat ein Zuzug westasiatischer und später auch europäischer Juden nach Kotschin stattgefunden, der bei den weißen Juden die Mischung drawidischen Bluts durch Heiraten mit Töchtern der Eingeborenen einigermaßen ausgeglichen hat. Ihre Kopfform sowie ihre Körpergestalt nähert sich derjenigen der jemenitischen Juden. Sie haben längliche Schädel, schwarze Haare und mittelgroße Gestalt. Ihre Kleidung erinnert an die syrisch-palästinensische oder die Bagdader Tracht. Man sieht prächtige Typen unter ihnen, unter den älteren Männern Patriarchengestalten von ungemein ehrwürdigem Aussehen.

Weiße Juden in Kotschin
Weiße Juden in Kotschin

Die schwarzen Juden zerfallen nach indischer Sitte in verschiedene Kasten, die eigentlichen schwarzen Juden von dunkler Hautfarbe, plumper Figur und ohne Familiennamen, und die vornehmeren Juden von feinerem Wuchs, die Familiennamen und einen Stammbaum haben. Viele von ihnen unterscheiden sich nicht von den Eingeborenen der Malabarküste, deren Blut zum Teil in ihnen steckt. Sie selbst erheben ebenfalls den Anspruch die wahren Nachkommen der Juden von Kranganor zu sein 19). Sie werden zuweilen auch als „braune“ Juden bezeichnet 20) (Abb. 38, 43).

Schwarze Juden in Kotschin
Schwarze Juden in Kotschin

Schwarze Juden in Kotschin
Schwarzer Jude in Kotschin

Die scharfe Trennung zwischen den „weißen“ und „schwarzen“ Juden ist übrigens eine junge Erscheinung. Früher wurden Ehen zwischen den beiden Gruppen ganz unbedenklich geschlossen. Also auch in Indien hat die „Rassenlehre“ ihre Auswirkungen gezeitigt.

Der Gottesdienst der indischen Juden wird in hebräischer Sprache abgehalten. Ihre Umgangssprache aber ist das einheimische Malajālam.

Eine einheimische Mundart, das Mahrattische, ist die Sprache der in der Präsidentschaft Bombay wohnenden Juden, der Beni-Israel 21). Es ist nicht zu entscheiden, ob diese Juden von der Malabarküste oder vom Jemen (…) dahin übergesiedelt sind. Sie scheinen stark gemischt zu sein, da viele Drawidafrauen und Abkömmlinge von Sklaven in ihre Gemeinschaft aufgenommen wurden. Sie sind meist als Handwerker oder als Soldaten in englischen Diensten tätig und stellen auch ein ansehnliches Kontingent zu dem eingeborenen Offiziersstand, während die Juden von Kotschin vorwiegend Kaufleute sind. Äußerlich gleichen sie den jemenitischen Juden und trugen auch früher Paies (Seitenlocken) wie diese.

Die Zugehörigkeit der Beni-Israel zum Judentum ist verschiedentlich bestritten worden. Doch scheinen die Zweifel nicht berechtigt zu sein, da sie die Hauptgebote der jüdischen Religion, wie Sabbatheiligung, Beschneidung, Schächten der zum Genuß bestimmten Tiere und dergleichen mehr beachten. Sie besitzen auch sehr alte Thorarollen aus Pergament mit rötlicher Schrift 22). Freilich haben sie weder Kohanim (Priester) noch Lewiten wie die deutschen oder spaniolischen Juden und kannten bis vor kurzem die hebräische Sprache nicht mehr. Selbst das Schema-Gebet war ihnen unbekannt. Trotzdem sind sie eifrige Anhänger des Judentums und verrichten ihre Gebete voller Andacht, wenn auch ohne jegliches Ritual.

Die neuerdings in Bombay eingewanderten Juden waren ihnen zwar wohlgesinnt, erkannten sie aber nicht als vollwertige Juden an und schlossen keine Heiraten mit ihnen. Die Beni-Israel suchten ihrerseits in engere Verbindung mit altgläubigen Juden zu treten und ließen sich Schächter und Rabbiner aus Kotschin kommen, um ihr religiöses Leben neu zu gestalten.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde ihre Zahl auf 2000 Familien geschätzt. Als Saphir im Jahre 1854 die englische Kolonie Aden besuchte, fand er dort allein 300 Angehörige dieses Stammes vor. E. N. Adler berichtet von ihnen 23), daß sie früher wohl kriegerischer gewesen zu sein scheinen als heutzutage, obwohl verschiedene von ihnen noch jetzt in der indischen Armee dienen, besonders in der Eingeborenen-Infanterie. Mit den schwarzen Juden der Malabarküste stehen die Beni Israel – also abweichend von der Exklusivität der weißen Juden – in freundschaftlichen Beziehungen. Ein neuerer Bericht 24) betont noch die weite Kluft zwischen den „Bagdader“ (orthodoxen) Juden Bombays und den Beni Israel. Und doch sind sie der ältere Teil der jüdischen Bevölkerung in Indien. Die früheren Generationen kannten das Chanuka-Fest (zur Erinnerung an die Tempelerneuerung nach dem Sieg über die Seleukiden) nicht und wußten nichts von der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer. Den Namen „Beni Israel“ sollen sie angenommen haben, weil er bei den Mohammedanern einen guten Klang hat, während die Bezeichnung „Jude“ als Schimpf gilt (also ganz ähnlich wie in Westeuropa). Die Eingeborenen bezeichneten sie als „Sabbat Öl-Presser“ nach ihrem Feiertag und ihrem Haupterwerb.

Die Beni-Israel haben nach J. Cohen 25) ein lebhaftes jüdisches Gefühl und Liebe zum jüdischen Schrifttum. Sie wollen sogar am Wiederaufbau Palästinas teilnehmen. Sie besitzen zwei eigene Zeitungen für ihre beiden politischen Gruppen: „Israels Freund“ für die „Liga“, die nach höherer Bildung strebt, und den „Israelit“ für die „Konferenz“, die nur eine elementare Bildung wünscht. Die Zeitungen sind teils in englischer, teils in der Mahratti-Sprache gedruckt. Für ihre Kinder unterhält man jetzt eine Schule, in der auch Hebräisch von einem alten Juden aus Kotschin gelehrt wird. Als Leiterin der Schule fungiert eine junge Jüdin, die in Cambridge studiert hat. Auch ein Waisenhaus und eine Bibliothek besitzen die Beni Israel neuerdings. Über die Herkunft der Beni Israel läßt sich so wenig etwas Sicheres sagen wie über die indischen Juden überhaupt. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß sie ursprünglich aus Kranganor kamen und die Verbindung mit dieser Gegend aufrecht erhielten, bis durch die kriegerischen Verwicklungen im 17. und 18. Jahrhundert die Fäden zerrissen wurden. Viele traten schon frühzeitig in das Heer der East India Company ein, und der Soldatenlaufbahn sind sie, wie schon erwähnt, treu geblieben. Sie leben jetzt zumeist in Bombay, in Puna, in Alibag und in verschiedenen Dörfern des Konkan (südlicher Küstenstrich der Präsidentschaft Bombay). Eine Kolonie von ihnen befindet sich in Aden. Sie führten, wie die schwarzen Juden, keine Familiennamen, sondern wurden mit den Namen der Väter unterschieden; doch beginnen sie sich jetzt solche nach Ortsnamen zuzulegen. Sie leugnen ihre Herkunft von Hindufrauen und Sklavinnen nicht; auch bekehrte Hindusklaven zählen sie zu ihren Vorfahren.

Die Beni Israel sind sehr lernbegierig und manche von ihnen studierten schon auf den indischen Universitäten. Ihre Zahl wird auf etwa 15 000 geschätzt. In Bombay ist ihre älteste Synagoge im Jahre 1799 erbaut und im Jahre 1860 erneuert worden.

Für die nie abgebrochenen Beziehungen der indischen Juden zu ihren Glaubensgenossen im Westen ist vor einigen Jahren ein neues Beweisstück aus der Geniza von Kairo aufgetaucht. Es ist ein in veraltetem Jüdisch-Arabisch abgefaßter Brief, vielleicht aus dem 13. Jahrhundert, den ein indischer Jude an seinen jüdischen Geschäftsfreund in Kairo richtet 26). Darin empfiehlt er einen Händler, der Reisen von Malabar nach Ceylon macht und ein ständiges Warenlager in Aden unterhält. Er will sein Lager auflösen und ist bereit dem Kairener von den Waren abzulassen.

Man sieht, die Juden unterhielten im frühen Mittelalter, als die europäischen Völker noch wenig Kenntnis von fernen Ländern aus eigener Anschauung hatten, Handelsverbindungen über weite Strecken 27). Ihre Sprachkunde und ihr Unternehmungsgeist sowie ihre Verbindungen mit Glaubensbrüdern in allen Erdteilen machten sie hierfür besonders geeignet ebenso wie für offizielle Missionen. Man denke nur an den Juden Isaac, der Karls des Großen Gesandtschaft zum Kalifen Harun al Raschid begleitete, an Weltreisende wie Eldad had-Dani, Benjamin von Tudela, seinen Zeitgenossen Petachja von Regensburg und viele andere.

(Sigmund Feist, Stammeskunde der Juden. Die jüdischen Stämme der Erde in alter und neuer Zeit – Historisch-anthropologische Skizzen, Leipzig 1925, S. 63-72)

Fußnoten:

1) Facsimile-Wiedergabe der drei Kupferstreifen mit Inschriften im Indian Antiquary, Serie 5, Bd. III, S. 333/4.

2) Näheres darüber bei G. A. Kohut, The Jews of Malabar and New York in Semitic Studies in Memory of Dr. A. Kohut, S. 423 ff.

3) G. Oppert, von dem obige Übersetzung herstammt, setzt das Datum der Urkunde allerdings viel höher an (Semitic Studies in Memory of Dr. A. Kohut, Berlin 1897, S. 406), wenn er sie aus dem Jahre 379 n. Chr. stammen läßt. Dann wäre die jüdische Einwanderung in Indien noch weit älter, wie auch oben erwähnt wird.

4) In dem Werk: Ander teil der orientalischen Juden.. erstlich im Jahre 1596 ausführlich in holländischer Sprache beschrieben durch Ivan Hugo von Lindschotten aus Holland … jetzo aber von neuem in Hochteutsch bracht. Frankfurt a. M. 1598.

5) Auch syrische Juden waren schon vorher nach Kotschin gekommen, da die Juden von Aleppo stets in enger Fühlung mit den Juden von Kotschin standen (E. N. Adler, Von Ghetto zu Ghetto, S. 114).

6) Notisias dos Judeus de Cochim mandadas por Mosseh Pereyra de Paiva, acuya custa se imprimirao. Amsterdam, Ury Levy 1687. Neudruck von L. Lamm, Berlin 1924.

7) In Anton Fr. Büschings Magazin für die neuere Historie und Geographie, Bd. 14, S. 132ff.

8) Abgedruckt in den Dänischen Missionsberichten 46. Stück (Halle 1740), 10. Paragraph.

9) Travels through Mysore, Canara and Malabar in the year 1803, Calcutta 1806 and Christian Researches in Asia, 3d. ed., Edinburg 1812, S. 205 ff.

10) Offenbar polnische oder russische Juden, die Vasco da Gama bei seiner Landung in Kalkutta auch antraf.

11) Francis Day, The Land of the Permauls, Madras 1863, S. 336.

12) Diese Art Schürze vergleicht J. J. Benjamin, Acht Jahre in Asien und Afrika, S. 147 dem Négligé der europäischen Frauen, wenn er von der Kleidung der Bagdader Jüdinnen spricht.

13) Die obenstehenden Angaben sind dem Neudruck der „Notisias“ (s. Anm. 1, S. 66), S. 6 entnommen.

14) Nach Carl Ritter, die Erdkunde, 5. Teil, 2. Buch, Asien. Band IV, S. 595.

15) Siehe Zeitschr. f. Demographie und Statistik der Juden. Band 1, Heft 1, S. 16. Im Jahre 1921 wurden 21 788 Juden gezählt.

16) Also eine bedeutende Abnahme gegenüber der von Benjamin von Tudela angegebenen Zahl von tausend jüdischen Familien.

17) G. Oppert a.a.O., S. 417.

18) E. Schmidt, Archiv für Anthropologie 1910, S. 99 ff.

19) J. J. Benjamin, Un an de séjour aux Indes Orientales (1849-50), S. 15 ff.

20) E. N. Adler, Von Ghetto zu Ghetto, S. 191 f.

21) John Wilson, The Beni Israel of Bombay. Indian Antiquary, Bd. 3, S. 321 ff.

22) Eine ist im Jahre 1468 in Spanien geschrieben worden. Siehe E. N. Adler, Von Ghetto zu Ghetto, S. 208.

23) Von Ghetto zu Ghetto, S. 181 ff.

24) Israel Cohen, The Journal of a Jewish Traveller (1925). S. 253 ff.

25) A.a.O., S. 257 f.

26) Mitgeteilt von E. N. Adler, Von Ghetto zu Ghetto, S. 197 f.

27) Vergl. die Anm. 2 auf S. 56.

Juden in Indien im Internet:

Judentum in Indien:

http://de.wikipedia.org/wiki/Judentum_in_Indien

http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_Jews_in_India

http://fr.wikipedia.org/wiki/Histoire_des_Juifs_en_Inde

http://en.wikipedia.org/wiki/Religion_in_India#Judaism

http://en.wikipedia.org/wiki/Sephardic_Jews_in_India

http://en.wikipedia.org/wiki/Synagogues_in_India

http://www.indjews.com/

Beni-Israel:

http://de.wikipedia.org/wiki/Beni_Israel

http://en.wikipedia.org/wiki/Bene_Israel

http://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D0%BD%D0%B5%D0%B9-%D0%98%D1%81%D1%80%D0%B0%D1%8D%D0%BB%D1%8C

Kotschin-Juden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Cochin-Juden

http://en.wikipedia.org/wiki/Cochin_Jews

http://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D0%BE%D1%87%D0%B8%D0%BD%D1%81%D0%BA%D0%B8%D0%B5_%D0%B5%D0%B2%D1%80%D0%B5%D0%B8

Verschiedene:

https://puls.uni-potsdam.de/qisserver/rds;jsessionid=20A1E28D7EA14121FE16D1A35482E052.node9?state=verpublish&status=init&vmfile=no&publishid=10480&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfo&publishSubDir=veranstaltung

http://www.sueddeutsche.de/politik/juden-in-indien-wir-hatten-nie-angst-bisher-1.363194

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2528

http://www.spiegel.de/panorama/indien-warum-ein-geschaeftsmann-seinen-laden-hitler-nannte-a-852918.html

http://www.jafi.org.il/JewishAgency/English/Jewish+Education/German/Israel+und+Zionismus/Konzepte/Israel-Diaspora/Israel-Diaspora+12.htm

Literatur und Internet zu Sigmund Feist:

Römer, Ruth, Sigmund Feist und die Gesellschaft für deutsche Philologie in Berlin. In: Muttersprache 103 (1993), 28-40

Römer, Ruth, Sigmund Feist: Deutscher – Germanist – Jude. In: Muttersprache 91 (1981), 249-308.

http://en.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Feist

http://www.esf.uni-osnabrueck.de/biographien-sicherung/f/87-feist-sigmund

http://www.antiquario.de/webcgi?START=A50&MITES=1&AU=Feist+Sigmund&DBN=AQUI&ZG_PORTAL=autor

http://www.hagalil.com/2009/05/27/feist/

http://encyclopedia2.thefreedictionary.com/Sigmund+Feist

http://findingaids.cjh.org/?pID=476362

http://www.abebooks.com/9783933471253/Feldpostbriefe-Judischer-Soldaten-1914-1918-Briefe-3933471257/plp

http://aleph.nli.org.il/F/N4UYCUPM7A9KJ9Q344U84KQEBY6Y71X4TI6F9P7LL9A9IDL7GX-08946?func=find-b&amp=&amp=&amp=&request=000288019&find_code=SYS&local_base=RMB01&pds_handle=GUEST

http://www.crt-ii.org/_awards/_denials/_apdfs/Feist_Sigmund_den.pdf