Juden in Indien: „Beni Israel“ von Sigmund Feist in der Encyclopaedia Judaica (1929)

Sucht man Informationen zu Juden in Indien, wird man in der Berliner Encyclopaedia Judaica gleich mehrfach fündig. Neben dem eigentlichen Indien-Eintrag enthält das historische Nachschlagewerk u. a. noch das Stichwort „Beni Israel“, dessen Autor, der Pädagoge, Sprachwissenschaftler und Germanist Sigmund Feist (1865-1943), regelmäßigen haGalil-Lesern bereits durch seine Arbeiten zu Juden in China und Juden im Jemen gut bekannt sein dürfte…

In hoher Druckqualität ausgelegt und von herausragenden Fachleuten verantwortet, erschien im Berliner Verlag  Eschkol ab Ende der 1920er und bis in die frühen 1930er Jahre hinein das jüdische Nachschlagewerk Encyclopaedia Judaica (EJ), das bekanntlich ein Fragment blieb. Es konnte nur bis zum Buchstaben „L“ geführt werden, ehe die politischen Verhältnisse in Deutschland eine Weiterarbeit, oder gar einen Abschluss, unmöglich machten. Als Chefredakteur der EJ fungierte Dr. Jakob Klatzkin und als dessen Stellvertreter der bekannte Historiker Prof. Dr. Ismar Elbogen

Der Autor des „Beni Israel“-Eintrags der EJ, der am 12. Juni 1865 geborene Sigmund Feist, stammte aus Mainz, wo er als Kaufmannssohn in bürgerlichen Verhältnissen heranwuchs. Nach Abschluss seiner Dissertation im damals noch deutschen Straßburg trat er eine Stelle als Lehrer in Bingen am Rhein an. Später eröffnete er in seiner Geburtsstadt Mainz eine eigene Privatschule mit Internat. Diese trug ihm ein derart hohes Ansehen ein, dass er aus Berlin den Ruf erhielt, die Leitung des dortigen Reichenheimischen Waisenhauses, einer Stiftung, zu übernehmen. Der Umzug in die Hauptstadt des Kaiserreiches im Jahre 1906 eröffnete Feist die denkbar besten Voraussetzungen für seine Tätigkeiten als Privatgelehrter. Denn schon seit längerer Zeit hatte er sich mit Sprachen sowie Linguistik beschäftigt und die reich ausgestatteten Bibliotheken der großen Stadt lieferten ihm eine Fülle neuen Materials.

Feist und seine Familie gehörten dem assimilierten deutschen Judentum an, wobei jüdische Tradition und jüdische Feiertage bei ihnen eine große Rolle spielten. Dazu zählte auch Feists Einbindung in das Gemeindeleben und die Übernahme von verschiedenen Ämtern dort.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wirkte Sigmund Feist in wichtiger Funktion für das Kriegspresseamt, indem er geheime Depeschen übersetzte; seine Kenntnisse auch weniger geläufiger Sprachen hatten ihn als hierfür geradezu prädestiniert erscheinen lassen. Aufgrund der dabei erlangten Informationen über den Verlauf der Kampfhandlungen war Feist in der Lage sehr früh zu erkennen, dass Deutschland das vom Zaune gebrochene Völkerringen nicht mehr siegreich würde beenden können.

Während der Kriegsjahre führte der Pädagoge ausgedehnte Korrespondenzen mit jüdischen Deutschen im Felde; diese auch heute  noch wertvollen Dokumente beherbergt seit 1995 das Centrum Judaicum der Neuen Synagoge zu Berlin; im Jahre 2002 erfolgte eine Veröffentlichung dieser Briefe.

Die wichtigsten Werke von Dr. Sigmund Feist erschienen in den 1920er Jahren, einige seien hier aufgezählt: „Einführung in das Gotische“, „Etymologisches Wörterbuch der gotischen Sprache“, „Vergleichendes Wörterbuch der gotischen Sprache mit Einschluß des Krimgotischen und sonstiger zerstreuter Überreste des Gotischen“, „Indogermanen und Germanen“, „Germanen und Kelten in der antiken Überlieferung“, „Stammeskunde der Juden“, „Die Ethnographie der Juden“ (gemeinsam mit Lionel S. Reisz), „Rassenkunde des jüdischen Volkes“, „Ein Zeitgenosse Alexanders des Großen über die Juden“, etc.

Den besonderen Wert von Feists sprachwissenschaftlichen Arbeiten verdeutlicht u. a. die Tatsache, dass sein „Vergleichendes Wörterbuch der gotischen Sprache“ nach dem Zweiten Weltkrieg noch mindestens eine Neuauflage erlebte.

Feist fungierte auch als Herausgeber des „Jahresberichts für germanische Philosophie“ und gehörte dem Berliner Germanistenverein an, wo er u. a. mit dem Judengegner Gustav Roethe zusammentraf. Die Veröffentlichung von Feists Schrift „Kelten und Germanen“ (1927) rief eine Kontroverse hervor, die zu Anfeindungen übelsten, antisemitischen Charakters führten. Diese dürften letztendlich der Grund dafür gewesen sein, warum das Preußische Kultusministerium Sigmund Feist den Professorentitel vorenthielt.

Den schriftlichen Erinnerungen seiner Tochter Elisabeth Feist-Hirsch ist zu entnehmen, dass das Waisenhaus, das er leitete, bis 1935 von den Nationalsozialisten unbehelligt blieb. Jedoch wurde die Lage für Juden in Deutschland von Jahr zu Jahr gefährlicher und dem Gelehrten blieb nur noch die Emigration übrig, wenn er überleben wollte. Mit viel Glück gelang ihm 1939 die Ausreise, weil sich eine dänische Runenforscherin für ihn einsetzte und für ihn bürgte. Vier Jahre später, am 23. März 1943, ist Sigmund Feist in Kopenhagen verstorben.

Beni Israel., Bezeichnung der gegenwärtig (1929) etwa 15 000 Seelen zählenden, teilweise mit Hindublut durchsetzten eingeborenen Juden, die in der Präsidentschaft Bombay in Vorderindien (größtenteils in Bombay selbst, einige auch in Puna, Alibag, Rajapuri, Revdanda und anderen Orten der Konkanküste auf dem Festlande von der Straße nach Puna bis zum Bankotfluß), sowie neuerdings auch in verschiedenen großen Städten Vorderindiens und in Aden wohnen. Den Namen Juden (Jehudi) vermieden sie früher, angeblich aus dem Grunde, weil er bei den Mohammedanern keinen guten Klang habe. Von den Hindu wurden sie früher Schanwar-Tili genannt, d. h. Sabbat-Ölmänner, nach ihren Feiertag und einer ihrer Hauptbeschäftigungen, dem Ölpressen. Neben diesem treiben sie etwas Handel, mehr Ackerbau und Handwerk (Maurerei und Holzschnitzerei). Früher waren sie vielfach im Heeresdienst tätig und wurden als Soldaten sehr geschätzt. Sie dienten der ostindischen Kompagnie und später (seit 1858) in den Eingeborenen-Regimentern des anglo-indischen Heeres. In der Schlacht bei Corregom  (1817) bestand ein Bataillon  des ersten Regiments der „Native Infantry“ fast ausschließlich aus B.; 1821 standen sie im 2. Bataillon des achten Regiments. Während des Aufstandes von 1857 blieben sie den Engländern treu. Einzelne brachten es zu hohen Stellungen in den eingeborenen Regimentern des anglo-indischen Heeres; so wird ein B. Mose Benjamin (1830-1897) genannt, Sohn eines Hauptmanns (Subadar) in einem Eingeborenen-Regiment, der zuletzt den Rang eines Sirdar-Bahadur (etwa: hoher Kommandeur) im Heere versah und als Friedensrichter in Bombay starb.

Um die Mitte des 19. Jhts. wohnten die B. in einer besonderen Straße, außerhalb der Stadtmauern von Bombay. Ihre Umgangssprache war das einheimische Mahrattische; das Hebräische hatten sie – bis auf die Worte des „Schema“-Gebetes – verlernt. In ihren Lebensgewohnheiten haben sie sich den Eingeborenen sehr angeglichen. Sie führen nur wenige Familiennamen und diese nach dem Ort ihrer Herkunft. Die meisten haben sowohl hebräische als indische Vornamen. Der häufigste hebr. Name ist Reuben, daneben auch Josef, Naftali usw. Wenn die Namen indisiert werden, so wird Benjamin zu Bannadschi, Abraham zu Abadschi usw. Aber auch reine Hindunamen kommen vor. Der Name Jehuda ist bei ihnen nicht im Gebrauch, ebenso wenig der bei den übrigen Juden sehr beliebte Frauennamen Esther. Die hebr. Namen werden den Knaben bei der Beschneidung, die indischen Namen dagegen ungefähr einen Monat nach der Geburt verliehen. Zur Unterscheidung von gleichnamigen Individuen wird der Name des Vaters zugesetzt; gelegentlich finden sich auch Ansätze zur Bildung von Familiennamen. Ein Mann aus dem Dorfe Pen kann als Penker, einer aus Tschari als Tschariker usw. bezeichnet werden. Die Kleidung der B. entspricht im allgemeinen derjenigen der eingeborenen Inder; doch geht die Jugend, wie überall, zur europäischen Tracht über. Früher pflegten sich die Frauen nach indischer Sitte ein Kastenabzeichen (Nama) auf die Stirne zu malen. Die Gesichtszüge der B. sind die jüdischen; doch ist unter ihnen auch der Eingeborenentypus infolge von Anpassung oder (jüngerer?) Vermischung mit Hindufrauen stark vertreten. Die Hautfarbe ist allerdings heller als bei den eigentlichen Hindus.

Nachrichten über das Vorhandensein von Juden an der Westküste von Vorderindien sind der europäisch-jüd. Welt erst durch die Tätigkeit der englischen und amerikanischen Missionare (besonders des Rev. John Wilson) zu Anfang des 19. Jhts sowie durch einen Aufsatz in der Zeitschrift „Voice of Jacob“ vom 1. November 1845 übermittelt worden. Schon 1826 sandten die Missionare einen zum Christentum bekehrten Juden aus Cochin, Michael Sargon, der übrigens keine Missionsabsichten verfolgte, nach Bombay; dieser eröffnete hier wie in Revdanda und Palle Schulen für die B., wo ihren Kindern auch Stellen aus dem AT erklärt wurden. Die Niederlassung der B. in Bombay ist uralt. Sie selbst haben eine Überlieferung, nach der ihre Vorfahren zu Schiff von Westen oder Norden, d.h. entweder vom arabischen oder vom persischen Meerbusen, nach Indien gekommen seien; das Schiff sei auf der Höhe von Tschöl, bei den Henery- und Kenery-Inseln gestrandet, und nur sieben Frauen und sieben Männer hätten sich an die Küste retten können und seien damit die Stammeltern der B. geworden. Diese Ursprungssage deckt sich nun mit einer gleichartigen der Tschithawan-Brahminen an der Konkanküste (gegenüber Bombay) und kann sehr wohl entlehnt sein. Daneben findet sich auch, wie bei allen jüdischen Splittergruppen, die von ihrem Ursprung keine genaue Kenntnis haben, eine Ableitung der Herkunft von den verlorenen zehn Stämmen; hiergegen spricht jedoch, daß die B. den 9. Ab, den Tag der Zerstörung Jerusalems durch die Römer (70 p.), als Trauertag begehen. Am wahrscheinlichsten ist, daß die B. von den Juden im Jemen abstammen, mit denen sie auch in anthropologischer Hinsicht viel Ähnlichkeit haben. Nicht unmöglich ist ferner, daß auch die persischen Juden als ihre Ahnherren  in Betracht kommen, zumal viele von diesen vermutlich zur Zeit der Verfolgungen im 5. und 6. Jht. p. nach der Ostküste von Vorderindien (Cochin) und selbst nach China ausgewandert sind. Beide jüd. Gruppen, im Jemen wie in Persien, unterhielten Beziehungen zu Indien, sicher bezeugte freilich nur zur Malabarküste; doch haben wiederum die dortigen Juden (bei Cochin) in Beziehung mit den B. gestanden, denen sie z. B. Torarollen, Gebetbücher und selbst Lehrer sandten. Falls die B. von den Juden im Jemen abstammen sollten, so ist ihre Übersiedlung wohl zur Zeit der Niederwerfung des jüd. Himjaritenreiches durch die verbündeten christlichen Byzantiner und Abessinier (530 p.), also im 6. Jht. p. erfolgt.

In den Dörfern des Festlandes standen die B. nach früheren Zeugnissen in ihren sozialen und religiösen Angelegenheiten unter Leitung eines Ältestenrates, dessen Vorsitzender den arab. Namen eines Kadi (Richter) trug. Auch diese Tatsache würde für ihre Einwanderung aus Arabien sprechen. Allerdings wird von anderen Reisenden der Name des Gemeindeoberhauptes als „Nassi“ angegeben. Als sicher bezeugt können die uralten Beziehungen der B. zu den Juden in Cranganor, später in Cochin, gelten. Für diesen Zusammenhang spricht auch eine Überlieferung der B., die sich an den Namen eines gewissen David Rahabi knüpft, der vor 900 Jahren ihr religiöses Leben neu organisiert haben soll; er soll aus Kotschin zu den B. gekommen, aber ägyptischer Abstammung gewesen sein und bei seiner Ankunft folgende Probe mit den B. gemacht haben: er gab ihren Frauen Fische zu kochen, unter denen sich welche befanden, die weder Schuppen noch Flossen hatten, und als die Frauen die letzteren bei Seite legten, weil sie solche nicht genießen, glaubte ihnen Rahabi, daß sie wirklich Juden  seien, und unterwies sie darauf in den jüd. religiösen Bräuchen und Gebeten. Die Familie Rahabi (anglisiert Rhaby, später Roby), die aus Aleppo stammt, lässt sich nun bei den Juden von Kotschin bis zum Ende des 18. Jhts. verfolgen, und man darf vermuten, daß David Rahabi, der Vater von Ezechiel Rahaby war, der 1659 in Amsterdam die „Chuppat Chatanim“ für die schwarzen Juden von Kotschin drucken ließ. Mit dieser Feststellung wäre auch ein genaueres Datum für die älteste überlieferte religiöse Reform bei den B., das Jahr 1600, gegeben. Die Verbindung mit Kotschin scheint dann in den unruhigen Zeiten des 18. Jhts. abgebrochen worden zu sein.

Bis zu ihrer zweiten religiösen Erneuerung (s. unten) war den B. die Kenntnis des Hebräischen verloren gegangen. Für ihre jüd. Festtage kannten sie keine alten Namen mehr; sie hatten nur solche in den beiden Landessprachen Hindustani und Mahratti. Die Namen in der letztgenannten Sprache enden zumeist auf –san, d. h. Festtag. Es sind folgende: 1. Nawjatscha San (Neujahrsfest), am 1. Tischri. Zweite Feiertage kennen die B. nicht. – 2. Khiritscha San (Puddingfest), am Vorabend des 4. Tischri, wo eine Art Pudding (kher genannt) aus neuem Getreide mit Kokossaft und Süßigkeiten bereitet wird. Ein Gefäß mit Weihrauch wird neben dem Tisch aufgestellt, worauf die Familie das „Schema“ sagt und die Speise verzehrt. – 3. Darfalnitscha San (Fest des Türschließens) am 10. Tischri, entsprechend dem Jom-Kippur. Die B. kleiden sich in weiße Gewänder, verlassen das Haus nicht, fasten und sprechen mit keinem Nichtjuden. Die Seelen der Abgeschiedenen kommen, wie sie glauben, am Vorabend in ihre früheren Häuser und verlassen sie am folgenden Tag, dem 4. Schila San (etwa Nachfeiertag), an dem die B. den Armen Geschenke machen und Freunde besuchen. – 5. Holitscha San, am 13. und 14. Adar, entsprechend dem Purimfest. Der 13. ist Fasttag, der 14. ein Freudenfest, an dem sie einander selbstgebackene Süßspeise zusenden. – 6. Anasi Dakatscha San (Fastenschlußfest) am 14. und 21. Nissan, entsprechend dem Pessach-Fest. Da die Bewohner Indiens ihre Hauptnahrung, den Reis, ohnehin ungesäuert genießen, so war die Hauptvorschrift des Mazzot-Essens in Vergessenheit geraten (und wurde erst Mitte des 19. Jhts. wieder aufgenommen). Die B. pflegten früher ein irdenes Gefäß, das ein saueres Getränk, eine Art Tunke enthielt, verschlossen aufzubewahren. Die Seder-Feier war ihnen unbekannt. – 7. Berdi-atscha San (Berdi-Curry-Fest) am 9. Ab, an welchem Tag nur Reis mit Berda (einer Art Hülsenfrucht) = curry gegessen wird, der auf Subdscha (einer Art von Platanenblättern) aufgetragen wird. Acht Tage vorher wird kein Fleisch gegessen, was der allgemeinen jüd. Übung entspricht, doch scheint die Erinnerung an das zugrundeliegende Ereignis (Fall Jerusalems) geschwunden zu sein.

Die genannten Feste sind vermutlich älter als die Erneuerung der religiösen Kenntnisse durch David Rahabi. Die übrigen Feste führen den Namen Rodscha (Fasten) und scheinen jüngeren Ursprungs zu sein. Das trifft sicher zu für: 8. Ramzan. Das Fest dauert den ganzen Monat Elul hindurch und entspricht im Namen und den Bräuchen dem islamischen Ramasan. – 9. Nawjatscha Rodscha (Neujahrsfasten) am 3. Tischri, entsprechend dem jüd. Zom Gedalja; doch ist die Erinnerung an Gedaljas Ermordung bei den B. erloschen. – 10. Elija Hannabitscha Urus (Messe des Propheten Elijahu), wird am 15. Schebat in Khandalla (Konkan) zur Erinnerung an die Himmelfahrt Elijahus gefeiert. Früchte werden nebst malida (mit Syrup bestrichenes Reisbrot) auf Schalen dargeboten und von den Familienangehörigen gegessen, während Weihrauch in einem Räuchergefäß verbrannt wird. Der Brauch erinnert an das gleichartige koptische Fest am 4. Januar und ähnliche Bräuche in christlichen Kirchen. – 11. Sababi Rodscha, Fasten am 10. Tebet und 17. Tammus, letzteres zur Erinnerung an die Einstellung des Opferdienstes bei der Belagerung von Jerusalem (70 p.), wenn auch die Veranlassung den B. nicht mehr bekannt war. – Nach anderen Nachrichten (Jakob Saphir) hielten die B. ein Neujahrsfest im Nissan ab, „Midam“ genant.

Außer den allgemein jüd. Festen wie Rosch ha-Schana, Jom Kippur, Pessach, Tischa be-Ab und dem eintägigen Sukkotfest am 4. Tischri hatte sich bei den B. wenig vom traditionellen Judentum erhalten. Die Frauen besonders beteiligten sich an den religiösen Feiern der Hindu, beteten ihre Götter an, waren abergläubisch und glaubten an Zauberei. Sie haben auch öfter indische Götternamen neben den hebräischen gebraucht. Die religiösen jüd. Bräuche, die von den B. beobachtet wurden, waren die Heilighaltung des Sabbats, an dem sie kein Feuer machten und kein Öl preßten, die Beschneidung und die Rezitation  des „Schema“-Gebetes, des einzigen ihnen gebliebenen Restes des Hebräischen ; sie rezitierten es bei jeder religiösen Handlung (Mahlzeit, Hochzeit, Begräbnis). Die B. beobachteten auch gewisse Speisegesetze; sie aßen nur Geflügel, Schafe und Ziegen (kein Rind), entfernten die Spannadern aus den Hinterschenkeln und salzten das Fleisch, um es frei von Blut zu machen. Doch war ihnen eine richtige Schechita und Bedika unbekannt. Die Einrichtung der Mikwa war bei ihnen früher nicht zu finden. Die religiöse Sitte, die Schläfenlocken (Peot) lang wachsen zu lassen, beachteten sie dagegen früher ebenso streng wie die Jemeniten. Von ihren Bräuchen sind die folgenden erwähnenswert: Die Geburt eines Knaben wird am 6. und 8. Tag gefeiert; am 8. Tag wird die Beschneidung vollzogen. Die Geburt eines Mädchens wird nur am 6. Tag gefeiert. Während der Verlobung, die einige Monate vor der Hochzeit stattfindet, tragen die Mädchen die Haare offen. Am Hochzeittag wird der Bräutigam, der mit einem Blumenkranz geschmückt ist, zu Pferde zum Haus der Braut geleitet; die Trauung findet unter einer Art Chuppa statt; der Bräutigam steckt der Braut einen Ring an. Im übrigen waren ihre Hochzeitsitten kaum mehr jüdisch, sondern stark den landesüblichen angeglichen. Polygamie ist gestattet, ist aber heute nur noch ganz vereinzelt anzutreffen (Israel Cohn berichtet einen solchen Fall aus dem Jahre 1920). Die Scheidung findet nur nach dem bürgerlichen Gesetz statt; ein Scheidebrief (Get) wird nicht ausgestellt, auch ist die biblische Vorschrift des Levirats nicht bekannt. Wenn ein B. stirbt, so waschen die Trauernden sich selbst und ihre Kleidung. Alles Wasser im Hause wird aus den Gefässen ausgegossen. Der Tote wird mit dem Kopf nach Osten begraben (was auffällig ist, da von den Juden die Richtung nach Jerusalem bevorzugt wird, das von Indien aus aber westlich liegt) und das Grab mit Kalk beworfen. Die Besucher trinken am Abend bei den Trauernden Beerensaft oder Milch während der Trauertage; ferner bringen sie „Beileidsgerichte“ ins Trauerhaus. Am Ende der Trauerwoche wird ein Gericht aus Kuchen und Leber und ein Glas mit einer Flüssigkeit auf ein weißes Laken gestellt. Nachdem das „Schema“ ungefähr zwölfmal wiederholt worden ist, wird das Glas zu Ehren des Verstorbenen geleert und die Speise aufgezehrt. Dann erhält der Haupttrauernde von einem Verwandten einen neuen Turban (freilich hat die Sitte, einen Turban zu tragen, aufgehört). Diese Trauerfeier führt den Namen Dschadarut und wird im ersten, sechsten und zwölften Monat nach einem Trauerfall wiederholt. Früher waren Totenopfer (Reis, Milch, Kokosnüsse) vereinzelt im Gebrauch. – Kohanim und Leviten kennen die B. nicht, wohl aber die Sitte des „Nasir“. Wenn ein Knabe geboren wird, nachdem seine Mutter ein Gelübde abgelegt hat, so läßt man ihm sechs bis sieben (nach anderen Nachrichten vier bis fünf) Jahre das Haar wachsen. Erst dann wird es vollkommen abrasiert und nach Gewicht gegen Gold oder Silbermünzen umgetauscht; der Erlös wird zu wohltätigen Zwecken verwendet. Das abgeschnittene Haar wird ins Meer geworfen. Am Abend wird dann ein Fest in der Synagoge veranstaltet und der Mutter verkündet, daß sie von dem Gelübde entbunden sei.

Die zweite religiöse Erneuerung der B. fand im Jahre 1796 und zu Anfang des 19. Jhts. statt. Samuel Ezekiel (Samadschi Hassadschi) Diveker geriet als Soldat in einem Regiment des Heeres der ostindischen Kompagnie während des zweiten Mysore-Krieges in der Schlacht bei Banganor in indische Gefangenschaft. Er gelobte, wenn er freikäme, eine Synagoge in Bombay zu bauen, und als ihm dies gelang, errichtete er daselbst die Synagoge Magen David, später „Schaar ha-Rachamim“ genannt, und führte das sefardische Ritual von Cochin ein. Die Synagoge liegt in der Samuelstraße im Eingeborenenviertel Kadak und ist 1860 restauriert worden. Die aus Ebenholz geschnitzte Lade trägt die Inschrift: „Diese Lade ist von dem Zimmermann Samuel Malianker aus Tana und seiner Frau Sara zum Gedächtnis ihres Sohnes Rachamim gestiftet“; als Sterbedatum des letzteren ist der 6. Adar 1863 angegeben. Noch größere Erfolge in der Zurückführung der B. zur richtigen Kenntnis des Judentums hatte Salomo Schurrabi, der als Schiffbrüchiger gegen 1836 nach Bombay kam und über 20 Jahre als Religionslehrer bei ihnen wirkte. Er veranlaßte den Bau weiterer Synagogen in und bei Bombay. –

Den wichtigsten Anstoß für die Wiedergewinnung der B. für das reine Judentum gab noch vor der Mitte des 19. Jhts. die Übersiedlung von Juden aus Basra und Bagdad, vor allem aus der Familie der Sassoon, nach Bombay. Durch ihre Vermittlung erhielten die B. religiöse und charitative Einrichtungen, Schulen für die Jugend sowie Lehrer und Schächter. Die Bagdader Juden stellten den B. auch Kohanim zur Abhaltung des Gottesdienstes zur Verfügung. Hinzu kamen die in die erste Hälfte des 19. Jhts. zurückgehenden Bestrebungen der christlichen Missionsgesellschaften, amerikanischer wie englischer, durch Errichtung von Schulen das Studium des Hebräischen bei den B. zu fördern. Zu erwähnen sind die Church of England-Missionary-Society und die Mission of the General Assembly of the Church of Scotland. – Daneben treten in späterer Zeit die von jüd. Organisationen in Europa ins Leben gerufenen Schulen.

E. N. Adler schildert aus dem Anfang des gegenwärtigen Jhts. einen Besuch in der Schule der B., die von der Anglo-Jewish Association schon längere Zeit (seit 1881) unterhalten wird. Das Hebräische, das den B. bis vor 100 Jahren ganz unbekannt war, ist ihnen geläufig geworden und wird von denen, die sich dem Studium widmen, als Prüfungsfach gewählt. Auch Frauen (als Ärztinnen und Lehrerinnen) haben sich dem Studium zugewandt. Nachdem die B. schon früher Erbauungsbücher in mahrattischer Sprache und hebr. Grammatiken und Lesebücher durch die Bemühungen von Joseph Ezekiel erhalten hatten, drucken sie jetzt selbst hebr. Bücher. Die Bagdader Juden in Bombay unterstützen und fördern die B. in jeder Weise; doch halten sie sich sonst vollkommen fern von ihnen, da sie sie nicht als vollwertige Juden betrachten, und gehen keine Heiraten mit ihnen ein. – Die neuesten Berichte, die nach Europa gelangt sind (aus dem Jahre 1920 bis 1921), nennen als damaligen Vorsitzenden der B.-Gemeinde den Arzt E. Moses. Eine Anzahl B. hatte auch Fühlung mit der zionistischen Bewegung genommen. Politisch sind die B. in zwei Lager gespalten, die sich „Liga“ und „Konferenz“ nennen; jene erstrebt höhere, diese nur elementare Bildung. Beide Richtungen besitzen je ein Zeitungsorgan: „Israels Freund“ und der „Israelit“, die teils in englischer, teils in Mahrattisprache gedruckt werden; ferner wird ein Jahrbuch herausgegeben. Das Hebräische lernen die Kinder jetzt schon in den Schulen, die zum Teil von den Sassoons unterhalten werden (Jacob Sassoon Free School). Daneben bestehen noch andere Schulen, z. B. die von der Anglo-Jewish Association und von der Bombayer Gate of Mercy-Synagoge unterhaltene, anderen Spitze ein Hindu-Jude steht. Außerdem besitzt die B.-Gemeinde noch ein Waisenhaus für 40 Kinder und eine Bibliothek. Der völlige Anschluß der B. an die Gesamtjudenheit ist nur noch eine Frage der Zeit.

Einige B. sind als Soldaten der Native Army nach Aden gekommen und dort verblieben. Andere zogen aus geschäftlichen Gründen dorthin, so daß es in Aden eine beträchtliche Kolonie von B. gibt. Da dieser Ort politisch zur Präsidentschaft Bombay gerechnet wird, so erklären sich die engen Beziehungen zwischen beiden Orten. Jakob Saphir (1855) traf gegen 300 B. in Aden; in den folgenden Jahrzehnten hat sich diese Anzahl weiter vermindert.

John Wilson; Appeal for the Christian Education of the Beni-Israel (in Journ. of the Bombay Branch of the Royal Asiatic society 1838-1839): idem, Lands of the Bible, Edinburgh 1857, II, S. 667-672; idem, The Beni-Israel of Bombay (in „The Indian Antiquary III, 324 f.); Israel Josef Benjamin II., Cinq années de voyage en Orient, Paris 1856, S. 99-103; idem, Acht Jahre in Asien und Afrika (1846-1855), Hannover 1858, S. 177-181; The Indian Antiquary III (1847), S. 321-323; Jakob Saphir, Eben Sappir 1875, II, S. 42ff.; Bombay Gazetteer in Poona XVIII, 506-536; Col. C. W. Wahab, Jews serving in the army of Bombay. Educ.-Assoc. Press, Byculla 1879; S. Kehimker, A sketch of the History of the Beni-Israel and an appeal for their education, Bombay 1890; N. Adler, Jew. Chron., July 1906; idem, Von Ghetto zu Ghetto (aus dem Engl. übers.), Stuttgart 1909), S. 181-213; D. H. Lord, The Jews in India and the Far East, Mission Press, Kolhabur 1907; I. A. Isaac, A short account of the Calcutta Jews with a sketch of the Bene-Israels etc., Calcutta 1917, II, S. 1-10; Israel Cohen, The Journal of a Jewish traveller, London 1925, S. 250, 255-262.

S(iegmund) F(eist)

Anmerkungen:

Der Lexikontext wurde in seiner Originalschreibweise belassen. „a.“ steht für „ante“ – Lateinisch für vor, also vor der Zeitrechnung, „p.“ entsprechend für post – nach der Zeitrechnung.

Literatur und Internet zu Sigmund Feist:

E. Feist-Hirsch, Mein Vater Sigmund Feist, in: „Gegenwart im Rückblick – Festgabe für die Jüdische Gemeinde zu Berlin – 25 Jahre nach dem Neubeginn, (Hg.) H. A. Strauss u. K. R. Grossmann, Heidelberg 1970, S. 265-273

Römer, Ruth, Sigmund Feist und die Gesellschaft für deutsche Philologie in Berlin. In: Muttersprache 103 (1993), 28-40

Römer, Ruth, Sigmund Feist: Deutscher – Germanist – Jude. In: Muttersprache 91 (1981), 249-308.

http://www.en.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Feist.html

Beni/Bene Israel im Internet:

http://de.wikipedia.org/wiki/Beni_Israel

http://en.wikipedia.org/wiki/Bene_Israel

http://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D0%BD%D0%B5%D0%B9-%D0%98%D1%81%D1%80%D0%B0%D1%8D%D0%BB%D1%8C

http://www.jewishencyclopedia.com/articles/2944-beni-israel

http://adaniel.tripod.com/beneisrael.htm

http://www.youtube.com/watch?v=lJ9pZnnHlKs

http://www.youtube.com/watch?v=Bz1kv2L_UwA

http://www.youtube.com/watch?v=aH6vIesklCo

http://www.youtube.com/watch?v=vgQ2gDe8z10

http://www.youtube.com/watch?v=T9IbdXMwi8E