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„Der Jude wird verbrannt“

Deutsche Redewendungen, die nachwirken…

Von Robert Schlickewitz

Wen man ‚mit allen Fasern seines Körpers‘ hasst, den schmäht und verunglimpft man nur zu gerne auch verbal, und, wenn der Hass lange genug wirken kann, dringt er sogar in Redensarten oder Sprichwörter ein. Christliche Deutsche hassen Juden bereits eine ‚halbe Ewigkeit‘ und so verwundert es keineswegs, dass das deutschsprachige Jüdische Lexikon von 1927 das Stichwort „Juden in deutschen Redewendungen“ enthält.

Judenverfolgungen in Deutschland waren definitiv keine Erfindung der „Nazis“ bzw. des „Dritten Reiches“, sie haben vielmehr eine mehr als tausendjährige, traurige Tradition und sie hinterließen zahlreiche deutliche Spuren in der deutschen Kultur, zum Beispiel in der deutschen Sprache. Gleichsam zum vertrauten Allgemeingut gewordene deutsche Sprüche und Wendungen transportierten jahrhundertelang den alltäglichen Hass, bzw. verwandte zutiefst negative Gefühle wie Abneigung, Missgunst, Intoleranz, Geringschätzung, Häme, Spott, Unverständnis, etc. Zugleich offenbarten sie beschämende Defizite an Menschlichkeit, bürgerlichem Gemeinsinn, Einfühlungsvermögen und Intelligenz, bis sie, per ungeschriebenem Dekret, und ‚von oben‘, nach 1945 zu Tabus erklärt wurden.

Jedoch was nützen Dekrete oder Tabus, wenn sie nicht von ehrlicher Einsicht getragen werden? – Rein gar nichts!

Deutsche Schüler, die das Wort „Jude“ als Schimpfwort missbrauchen, Bundeswehrsoldaten, die symbolisch Juden verbrennen, Angehörige der bürgerlichen Intelligenz sowie Stammtischbrüder, die sich in ihrer schroffen Ablehnung von Juden und Israelis gallig einig sind, sie gehören bis in unsere Tage zum schwarzrotgoldenen Alltag. Bedenklich, dass sich darüber in Deutschland selbst niemand mehr so recht aufregen will. Eher schon kommt irgendwie geartete Kritik von außerhalb. Es sind Individuen mit Mut zu unpopulärem Auftreten, die ihre Unverständnis darüber äußern, wie sowas möglich sei, nach all dem was, vor einer immer länger zurückliegenden Zeit, mal war, in Deutschland…

„JUDE(N)“ in deutschen Redewendungen. Wie zahlreiche Namen von Pflanzen und Steinen im Deutschen in volkstümlich-bildhafter Weise auf die bes. im Mittealter mit einem gewissen Charakter der Unheimlichkeit umgebenen Juden Bezug nehmen. – Judenbart, Judenbaum, Judendorn, Judenhütlein, Judenkirsche, Judenpappel, Judenweihrauch, Judenpech (= Asphalt), Judenfolie (Spiegelstanniol), Judensteine (versteinerte Seeigel) –, so ergab die Fremdartigkeit der Juden für das Märchen („Der Jude im Dorn“, ferner schon in 1001 Nacht) und die Volksdichtung reizvolle Themen; ebenso findet das Schicksal der Juden auch in einigen Redewendungen der deutschen Sprache seinen Niederschlag, wobei die maßlose Spannung und Feindseligkeit deutlich wird, die das Volk den Juden gegenüber empfand und betätigte. Erwähnt seien hier:

1. „Juden und Judengenossen“, eine aus Apostel Geschichte 2, 11 (Judengenossen = Proselyten) stammende, in der antisemitischen Polemik des 19. Jhdts. vielfach verwendete Bezeichnung für die mehr oder weniger geheime politische Verbindung von Juden mit linksstehenden politischen Parteien. Ähnlich werden diese Parteien selbst in der Gegenwart

2. „Judenschutztruppe“ genannt.

3. „Lärm wie in der Judenschul (= Synagoge)“, in neuerer Zeit gehässige Bezeichnung für Zusammenkünfte zahlreicher Menschen mit lebhaft-lärmender Unterhaltung, davon herrührend, daß mit dem jüdischen Gottesdienst nicht Vertraute den Organismus der in der Synagoge vielfach jeder für sich und laut singende Beter nicht zu erkennen vermögen und nur lärmendes Durcheinander bemerken. – Zum Wort vgl. Artikel Judenschule.

4. „Der Jude wird verbrannt“ (Tut nichts, der Jude …), Zitat aus Lessings „Nathan der Weise“, 4. Aufzug, 2. Szene, wo der verblendete Patriarch das Wort dreimal wiederholt; Ausdruck für hartnäckige Verfolgung eines Unschuldigen sowie für verallgemeinernde Aufbürdung von Anklagen und Vorwürfen auf die jüdische Gesamtheit oder den einzelnen Juden als Typ, ohne Unterlage und Berechtigung für die Verallgemeinerung.

5. „Schlägst (oder haust) Du meinen Juden, hau‘ ich deinen Juden“, wahrscheinlich volkstümliche Zusammenfassung des Inhalts von Hebels Geschichte „Die zwei Postillone“ (im „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“), wobei für die seelische Einstellung des Volkes kennzeichnend ist, daß in der Hebelschen Vorlage von Juden überhaupt nicht die Rede ist. Büchmann (Geflügelte Worte) wirft allerdings die Frage auf, ob Hebel seine Geschichte vielleicht nach einer vorgefundenen Redensart, die so viel als „Wie du mir, so ich dir“ bedeutete, bearbeitet hat. Die Wendung „mein, dein Jude“ läßt auf urspr(üngliche) Beziehung auf Hausjuden oder Landesjuden schließen. Vielleicht ist auch die Redensart historisch auf Drohungen kleiner Städte oder Fürsten zurückzuführen.

6. „Jedes Land hat die Juden, die es verdient“, ein von Karl Emil Franzos stammendes Schlagwort, das die Schuld der einzelnen Völker bzw. Regierungen, in deren Ländern Juden leben, namentlich an dem moralischen Zustand der jüdischen Bevölkerung kennzeichnen will und übrigens dem Worte: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient“ (Lit. bei Büchmann, Geflügelte Worte) nachgeahmt zu sein scheint.

7. „Fürs Gewesene gibt der Jude nichts“, im Sinne von: der Jude hat in der Hauptsache auf Gegenwart und Zukunft gerichtete praktische Interessen, während ihm Dinge und Erklärungen aus der Vergangenheit gleichgültig sind. Die Redensart dürfte von der Pfandleihe herrühren, die nur Gegenwartswerte belieh.

8. Kinderlieder und -spiele (Volkslieder).

z. B.

Ist ein Jud‘ ins Wasser gefallen,

Hab‘ ihn hören plumpen;

Wär‘ ich nicht dazu gekommen,

Wär‘ der Jud‘ ertrunken.

Ursprünglich ein Studentenscherzlied, das im deutschen Volke auch vom Bauer, Schreiber, Mann gesungen wird.

9. „Bandjud, Bänneljud“ (mecklenburgisch bzw. pfälzisch), ein mit Bändern, Posamenten handelnder Hausierer, auch von Nichtjuden gebraucht (Schirmer, Wörterbuch der deutschen Kaufmannssprache, 1911); ähnlich „Ellenjude“ für Manufakturist; plattdeutsch „Tûgjud“ für Zeugjude.

10. „Judenzopf“, mundartliche Bezeichnung im Deutschen für die Weichselzopf genannte Verfilzung des Haupthaars mit Knotenwickelung der Strähnen, die an die gedrehten Schläfenlocken der jüdischen Haartracht (Peot) erinnerten.

11. Ferner wurde bzw. wird das Wort „Jude“ an sich, je nach Landesgegend, zu verschiedenen Bezeichnungen verwendet: so für einen Studenten, der keiner Verbindung angehört (heute: Finke); für einen Wucherer; für einen langen Bart; für eine fleischlose Mahlzeit; in einem Gedichtbuch aus dem 17. Jhdt. werden die Spanferkel Juden genannt (Kluge, Rotwelsch, S. 134ff.).

Zahlreich sind die Wortzusammensetzungen mit „Jude“: in eigenen Artikeln (des Jüdischen Lexikons) werden behandelt: Hofjude, Münzjude, Schutzjude; andere bekanntere Verbindungen sind: Dorfjude, Erzjude und Stockjude (in Lessings Nathan der Weise 2, 5) soviel als Jude durch und durch; Geldjude, Handelsjude, Schacherjude, Trödeljude.

12. Die starke Durchdringung gewisser Kultur- und Wirtschaftszweige der Wirtsvölker mit Juden und jüdischem Geist (z. B. Handel, Börse, Journalismus usw.) brachte den Begriff der „Verjudung“ auf; siehe hierüber diesen Artikel (im Jüdischen Lexikon).

13. In bes. Maße hat sich das Sprichwort mit den Juden beschäftigt. Bot im Mittelalter, in dem wohl die meisten der lebenden Sprichwörter entstanden sind, das abgesonderte Leben der Juden an sich vielfachen Anreiz zu Spott und Kritik, so führte die Rolle, die die Juden fast überall in gleicher Weise zwangsläufig in der Wirtschaft spielen mußten, zu den selben Erfahrungen und Formulierungen. Überall spricht bei den ungebildeten Leuten des kleinen Mittelstandes (Bauern, Handwerker, Krämer), in deren Gesichtskreis sich die Bilder und Vergleiche des Sprichworts bewegen, aus dem Sprichwort der Haß gegen die Juden als die angeblichen Wucherer und Aussauger. Eduard Fuchs hat hierzu in dem Abschnitt: „Die sprachliche Satire“ seines Werkes „Die Juden in der Karikatur“ einschlägiges Material von großer Eindringlichkeit zusammengestellt.

Lit.: R. von Liliencron, Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13.-16. Jhdt., Bd. 3, 1868, S. 316f. und 355ff.; O. Frankl; Die Juden in den deutschen Dichtungen des 15., 16. und 17. Jhdts., 1905; Büchmann, Geflügelte Worte; H. Meyer, Der richtige Berliner (1904); Fr. Kluge, Deutsche Studentensprache, S. 96.

Quelle: Jüdisches Lexikon, Berlin 1927

Anmerkungen:

Der Lexikonartikel wurde in seiner Originalschreibweise übernommen; als Autor ist Bruno Kirschner, Berlin, angegeben.

Die Redewendung „Haust Du meinen Juden, hau‘ ich deinen Juden“, wurde zum Beispiel von allerprominentester christlich-bayerischer Seite, vom Thronfolger der Dynastie der Wittelsbacher, von Kronprinz Rupprecht von Bayern, gepflegt, wie dessen Kriegstagebuch (Berlin 1929, Bd. I, S. 350, Eintrag vom 11.5.1915) zu entnehmen ist:

Meine dringenden und wiederholten Anträge auf Zuweisung von Kampfflugzeugen aber waren unberücksichtigt geblieben. Es konnte infolgedessen  unsere Artillerie eigentlich nur auf die feindlichen Infanteriestellungen schießen, wie freilich auch umgekehrt die feindliche Artillerie den Hauptnachdruck auf die Bekämpfung unserer Schützengräben legte. Beide Artillerien verfuhren mehr oder minder nach dem Grundsatze: ‘Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden!‘, nur verfügte die feindliche Artillerie über mehr Munition.

Das Verbrennen von Juden, siehe, die entsprechende Redewendung (oben, Punkt 4) lebt im kollektiven Gedächtnis der Nachkommen der Täter fort. Es war der Reformator Luther gewesen, der einst die Einäscherung der Synagogen forderte. Konsequent verbrannten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hinein christliche Deutsche eine unbekannte, hohe Anzahl Juden. Ebenfalls bis in das 20. Jahrhundert wurden in vielen Teilen des katholischen Deutschlands Judaspuppen unter Absingen eindeutiger Sprüche lodernden Flammen übereignet; 1977 verbrannten Bundeswehrsoldaten symbolisch Juden; und auch gegenwärtig ist das Motiv vom Juden im Feuer aus den Köpfen und Herzen der Deutschen noch längst nicht verbannt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_und_die_Juden#Von_den_Juden_und_ihren_L.C3.BCgen_.28Januar_1543.29

http://www.hagalil.com/2009/04/30/brauchtum/

»Herrlich, die ganze Stadt müßte abbrennen!«

http://www.fluchschrift.net/verbrech/juni/27061941.htm

http://www.asfrab.de/bundeswehrchronik/bundeswehrchronik-1976-1985.html

http://www.fr-online.de/fr-themen/antisemitismus–dann-lasst-uns-doch-juden-verbrennen-,4377584,4376942.html

https://www.nd-archiv.de/artikel/1826151.bjudenverbrennen-auf-schulhof-gespielt.html

Der ganz alltägliche deutsche Antisemitismus der Gegenwart:

2005:

http://www.zeit.de/2005/02/antisemitismus

http://www.hagalil.com/2005/05/moral.htm

http://neofa-ausstellung.vvn-bda.de/s6/

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/12/15/a0159

2006:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rechtsextremismus-im-osten-du-jude-ein-ganz-normales-schimpfwort-a-442534.html

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37962/sekundaerer-antisemitimus?p=all

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37967/traditioneller-und-moderner-antisemitismus

http://www.hagalil.com/2006/04/antisemitismus.htm

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/antisemitische-welle-an-schulen-juedische-schueler-fliehen-vor-nazis-und-aggressiven-muslimen-a-453133.html

2007:

http://www.hagalil.com/01/de/Antisemitismus.php?itemid=323

http://www.derwesten.de/staedte/essen/wenn-du-jude-wieder-ein-schimpfwort-wird-id1934433.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/extremismus-antisemitismus-in-deutschland-waechst/1088924.html

2008:

http://www.derwesten.de/kultur/jude-ist-wieder-ein-schimpfwort-id1859605.html

http://www.deutschlandradiokultur.de/du-jude-du-opfer.1278.de.html?dram:article_id=192133

http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/antisemitismus-und-islamfeindlichkeit-historiker-wolfgang-benz-verteidigt-seine-thesen/1391584.html

http://www.dw.de/moderner-antisemitismus/a-3681277

2009:

Schimpfwort „Jude“

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/1365

http://www.migration-online.de/data/arug_antisemitismus_chronik_2009.pdf

http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/langwierig-antisemitismus-immer-noch-kein-expertengremium/1527732.html

2010:

http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/reportagen/was-fuer-ein-beklopptes-schimpfwort

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37969/antisemitismus-und-islamophobie?p=all

http://www.lautgegennazis.de/blog/2010/07/05/05-07-2010-antisemitismus-in-deutschland-ein-beklemmender-beitrag-von-anetta-kahane-eine-bittere-erkenntnis-65-jahre-nach-dem-ende-der-nazis/

2011:

http://www.linksfraktion.de/interview-der-woche/antijuedische-stereotypen-zunehmend-ungehemmter/

Schlimmer als Hakenkreuze

http://www.taz.de/!81513/

http://www.transodra-online.net/de/node/14857

Schulhof-Schimpfwort „Jude“

http://www.taz.de/!81527/

2012:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article13830150/Du-Jude-alltaegliches-Schimpfwort-auf-Schulhoefen.html

http://www.focus.de/politik/deutschland/zentralrat-der-juden-das-schimpfwort-jude-ist-eine-brennende-wunde_aid_889053.html

http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article108921681/Jude-ist-an-Berliner-Schulen-wieder-ein-Schimpfwort.html

http://www.derwesten.de/staedte/essen/jude-ist-immer-noch-ein-weit-verbreitetes-schimpfwort-id6323736.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismusbericht_des_Deutschen_Bundestages

2013:

http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/gesellschaft/131020_gewalt_gegen_juden.php

http://www.zeit.de/politik/2013-11/Antisemitismus-Deutschland-Gedenktag

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-10/synagogen-deutschland-anschlaege

http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/hr/28102013-die-story-im-ersten-antisemitismus-heute-100.html

2014:

http://www.neues-deutschland.de/artikel/922065.zentralrat-der-juden-besorgt-ueber-antisemitismus.html

http://www.deutschlandfunk.de/holocaust-gedenktag-keine-toleranz-der-intoleranz.1818.de.html?dram:article_id=275698

http://www.youtube.com/watch?v=2WbpmIKquPw

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/antisemitismus-im-wandel_b_4602638.html