Zuwanderer aus den ehemaligen GUS-Staaten: Erwartungen und Realitäten in der jüdischen Gemeinde

Es sind jetzt – fast zehn Jahre her, daß die Zuwanderungswelle in unsere Gemeinden begonnen hat. Inzwischen sind wir, die Alteingesessenen zur Minorität geworden. Und beide – Alte und Neue – haben noch immer arge Verständigungsprobleme. Ich habe ein paar Beispiele gesammelt über unser gegenseitiges Verständnis oder besser gesagt: ‚Mißverständnis’…

Von Judith Kessler
Mitschnitt eines Vortrages, gehalten vor Sozialarbeitern jüdischer Gemeinden

Vieles davon ist nicht recht greifbar, ist ‚mental‘, hat mit Verletzungen, Ängsten und unterschiedlichen Codes zu tun, die aus unseren unterschiedlichen Herkünften und Lebenskontexten resultieren. Wenn wir etwas daran verändern wollen oder bevor wir überhaupt über Lösungsansätze nachdenken können, scheint es sinnvoll, danach zu schauen, wo sich die Voraussetzungen und Erwartungen beider Gruppen unterscheiden.

Unterschiedliche Herkunft

Beginnen wir mit einem banalen Beispiel zum Stichwort ‚Identität‘, denn ich glaube, daß es die Summe dieser Kleinigkeiten ist, die uns den Umgang so schwierig machen. Auf der einen Seite haben wie diejenigen, die neu hierher gekommen sind: Da ist der Schneider aus Baku und der Bauingenieur aus Dnepropetrowsk. Wenn wir die in einen Topf werfen, haben wir schon das erste Problem. Dasselbe auf der Seite der Alteingesessenen: da sind jüdische, nicht-jüdische, die sind Leute aus der Sowjetunion oder eben nicht aus der Sowjetunion, die auch nicht in einen Topf geworfen werden können oder wollen.

Aber was machen wir? Wir haben hier also die Migranten, aus Russland, Moldawien oder Aserbaidshan, die auch noch Juden sind – egal, ob es im Paß steht oder sie sich so fühlen, jedenfalls sind sie unter dieser Prämisse hier und wir haben die Alteingesessenen oder die Betreuer, die ebenfalls irgendeinen kulturspezifischen Background haben, und die nun sagen: „Das sind alles Russen“ – eine implizite Beleidigung dieses anderen, der sagt: „Ich war nie Russe. Bitte schön, ich bin aus Usbekistan, meine Mutter ist aus Kiew, mein Vater ist aus Riga“ usw. Das war doch ein Riesenland, fünfmal so groß wie der Rest von Europa. Wie wir inzwischen wissen, sind lediglich ein Drittel der Zuwanderer aus Rußland und auch deren Eltern kommen teilweise wieder aus anderen Republiken. Und sie bringen bei aller ‚Russifizierung‘ oder ‚Sowjetisierung‘ alle Besonderheiten ihrer jeweiligen Herkunftskontexte mit.

Gegenseitige Zuschreibungen und Fehlwahrnehmungen

Und schon beginnen die Mißverständnisse und Ausgrenzungen, und zwar vonbeiden Seiten: Denn der Migrant unterstellt uns genauso, wir wären „deutsche Juden“, obwohl auch von uns, dem ‚Rest‘, nur die Hälfte hier geboren oder aufgewachsen ist. Und nebenbei wird gleich noch a priori unterstellt, daß alle Zuwanderer aufgrund ihrer Geschichte und Herkunft geringe jüdische Bezüge habe, und daß wir auf unserer Seite vermeintlich mehr jüdische Bezüge haben. Der Zuwanderer glaubt zunächst auch erst einmal, daß wir den Raschi-Kommentar alle auswendig können, d.h. daß wir jüdisch sozialisiert sind. Egal wie formal oder nicht das tatsächlich ist, es sind wieder zwei verschiedene Verständnisse oder Mißverständnisse über die Position beider Seiten, die – wenn sie im Umgang explizit aktiviert werden – problematisch werden können.

Homo Sovieticus contra westlich geprägte Sozialisation

Und dann haben beide Seiten natürlich faktisch unterschiedliche Systemerfahrungen: Die Zuwanderer haben diese lebenslaufgewohnte, institutionalisierte Sozialisation des ‚homo sovieticus‘, wo man an die Hand genommen wurde, Handlungsspielräume nicht hatte oder nicht nutzen konnte, Verantwortung abschieben konnte, wo andere für dich entscheiden. Wir in unserer ‚Risikogesellschaft‘ haben ein weniger institutionalisierte System, in dem wir stärker uns selbst überlassen sind, selbst optieren müssen.

Wenn diese Erfahrungen aufeinander treffen, ist es schwer, die jeweils andere Seite nachzuvollziehen und genau aus der anderen Richtung zu gucken, um zu verstehen, was geht da in dem Kopf jetzt ab, warum sagt der: „ich will mich ja integrieren, warum tust DU nichts.“ Daneben gibt es aber auch eine individuelle Dimension. Jeder, der da kommt, hat eigene biographischen Ressourcen, bestimmte Lebenserfahrungen, die hier nützlich sind oder auch problematisch, und wir auf der anderen Seite können andere haben. Es gibt bestimmte Kulturähnlichkeiten und Kulturdifferenzen und sehr unterschiedliche Migrationsmotive, Defizite und Ansprüche. Der ‚homo sovieticus‘ stimmt auch nur in einer bestimmten Dimension. Es stimmt individuell unter Umständen überhaupt nicht. Natürlich gibt es Leute, die nach zwei Tagen die Füße auf der Erde haben und völlig losgelöst von allem, was wir ihnen gelegentlich unterstellen, nämlich unfähig zu sein, Verantwortung zu übernehmen und loszulaufen. Die marschieren viel schneller los als wir gucken können und als wir vielleicht wollen. Und wir fragen uns wieder: wie paßt das denn nun zusammen? Andererseits kommen die Zuwanderer fast alle aus Großstädten, sind gut ausgebildet, leistungsorientiert und risikofreudig, und der Sozialismus war eine gute Schule, was Anpassungs- und Improvisationsfähigkeit betrifft.

Erwartungen und Ansprüche

Die Regel ist allerdings, daß die Leute mit einem positiven Deutschlandbild und überzogenen Erwartungen hier ankommen, und daß die sich nicht erfüllen oder zunächst nicht erfüllen. Wir wissen, daß fast siebzig Prozent, Männer wie Frauen, Hochschulabschlüsse haben und daß sie in der Heimat über einen vergleichsweise hohen Sozialstatus verfügten. Aus diesem Kontext werden sie plötzlich herausgerissen. Da ist so etwas wie ein Kulturschock, da sind neue Normen, eine neue Sprache, die Arbeitslosigkeit, das plötzliche Bittsteller-Sein, nachdem einer dreißig Jahre lang Chefarzt einer Moskauer Klinik war.

Auf einmal steht er da, und sagt selbst: „Ich gehe jetzt betteln; es ist beschämend für mich und es ist das allerletzte. Und langsam ahne ich, daß es so bleibt“. Ganze Lebenszusammenhänge werden umbewertet. Ganze Biographien werden wertlos und der Zuwanderer findet dann unter Umständen nicht einmal bei uns Verständnis: Wir sitzen nämlich da und sagen: „Deinen Abschluß kannst du vergessen“. Das ist realistisch, es ist objektiv, es ist wahr – aber es kränkt.

Der Betreuer übernimmt jetzt die Position des Bösen. Er sagt diesem Menschen, weil einer muß es ihm sagen: „Sorry, du kannst deine Lebensgeschichte in den Mülleimer werfen“. Da wo dann die Sensibilitäten beginnen sollten, müßten, könnten – vielleicht es ihm auch schonend beizubringen, vielleicht es auch umzukehren und in eine Richtung zu bringen, wo er mit dieser Lebenserfahrung noch irgend etwas anfangen kann. Die ist ja ungeheuer groß. Und sie ist ja auch ein Potential, das uns ein Stück fehlt. Man kann doch auch froh sein, eine andere Lebensgeschichte und andere Erfahrungen zu haben.

Abgrenzungstendenzen 

Aber dazu muß die andere Seite erst einmal bereit sein zuzuhören, das zu akzeptieren und anzunehmen. Aber das ist offenbar ein langer Weg. Wir finden diese bewußten oder unbewußten Abgrenzungen zwischen Alten und Neuen, aber wir finden sie auch zwischen jüdischen und nichtjüdischen Kontingentflüchtlingen, zwischen russischsprachigen Juden und Nichtjuden und innerhalb der jüdischen Zuwanderergruppe. Aber warum sollen Leute, die zufällig aus einem Land kommen oder dieselbe Sprache sprechen, denn zwingend gemeinsame Interessen haben? Alles das, was wir für uns fraglos in Anspruch nehmen, stellen wir hier plötzlich in Frage. Klar gibt es enorme Selbstdistanzierungen innerhalb der eigenen Gruppe. Da werden Beziehungen aufgebaut, wie das in der alten Heimat üblich war: alle aus Leningrad bilden eine Clique in der Schule.

Der Arbeiter aus Rostow sitzt nicht mit dem Chirurgen aus Wilna bei der Bar-Mitzwa-Feier von XY an einem Tisch und der, der vor zwanzig Jahren gekommen ist, nicht mit dem, der letztes Jahr eingereist ist. Aber wir unterstellen: ‚die Russen‘ – das ist eine homogene Masse. Natürlich gibt es diese ganzen Schichtsysteme. Oder ideologische Differenzen: Wir haben die Kriegskämpfer, die mit ihren Orden durch die Gegend laufen – aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte heraus auch nachvollziehbar. Aber es gibt auch eine jüngere Generation von Ex-Sowjetniks, die schütteln darüber den Kopf. Und wir selbst, wir stehen völlig fassungslos da, wenn die sich auf einmal mit deutschen Wehrmachtssoldaten treffen wollen. Und da schluckt man erst einmal und protestiert laut. Und dieser alte Soldat kann das überhaupt nicht nachvollziehen: „Ihr versteht mich nicht, Ihr honoriert mein Schicksal nicht, Ihr wollt mich nicht“.

Wir können diese Sozialisation, die der andere erfahren hat, die ein Teil seines Lebens ist, nicht nacherleben und seine Rolle nicht übernehmen, und wir haben auch nicht seine rosarote Brille auf, mit der er retrospektiv sein vergangenes Leben betrachtet, wenn es ihm hier schlecht geht. Wir fragen uns nur: „Was will der denn? Jetzt läuft er hier mit seinen Kriegsorden herum. Er feiert den 8. Mai, aber zur Gedenkveranstaltung am 9.November kommt er nicht.“ Aber das sind doch immer zwei unterschiedliche Geschichten, die Geschichte der sowjetischen Juden und die Geschichte der deutschen Juden oder der brasilianischen von mir aus. Immer zwei Geschichten, die nicht pur verglichen werden dürfen.

Nischen im Sozialismus, Codierungsfehler und Kommunikationsstörungen

Wir können sie nicht einmal nachvollziehen, dazu müßten wir in ihnen gelebt haben. Auch im Sozialismus muß man vermutlich gelebt haben, um ihn nachvollziehen zu können, diese Mechanismen von Obrigkeit und Nischen, die Schattenwirtschaft oder die Macht von Stempeln und Unterschriften, die offenbar alle Regeln außer Kraft setzen konnte.

Denn wir verstehen nicht, warum Zuwanderer ständig irgendwelche ‚Liebesbriefe‘ von uns verlangen, Befürwortungen für irgendwas, was wir nicht befürworten können, weil es nichts zu befürworten gibt. Wir erklären: Das bringt nichts, das ist sinnlos, da können wir nicht helfen, weil die Rechtslage ist so und so und mach doch besser das und das… und er antwortet: Ja, aber ich will ja bloß einen Brief von der Gemeinde, warum gibst du mir den jetzt nicht?

Es gibt also permanente Codierungsfehler, Kommunikationsstörungen. Wir reden über ganz verschiedene Dinge, aneinander vorbei. Es lohnt sich, da ein bißchen nachzuhaken, das alles genauer zu hinterfragen, aber bis zu dem Punkt müssen wir erst einmal kommen. Wir haben meist wenig Zeit, wir haben eine große Gruppe und jede von diesen Figuren, Typen, Menschen, Leuten sind völlig unterschiedlich.

Sozialhierarchien, Prestige, Potentiale und Verluste

Da kommt einer mit seinem Aktenköfferchen an und den alten Visitenkarten aus Moskau und sagt: Ich bin Professor Krenischky, Kandidat der Wissenschaften. Er war dort ‚Wer‘ und jetzt steht er hier in der Reihe und da sind noch fünf vor ihm dran. An denen rennt er vorbei, schließlich ist er ‚Professor Soundso, Kandidat Nauk‘. Und was antworten wir: Na und?

Und schon haben wir eine neue Irritation. Er hat aus seinem Kontext heraus völlig ’normal‘ gehandelt, aus dem dessen, der hinter dem Schreibtisch sitzt natürlich nicht – der denkt: Na schön, der fünfte Kandidat Nauk heute. Aber kaum haben wir uns das durch den Kopf gehen lassen, machen wir unter Umständen gleich den nächsten Denkfehler: nämlich, daß nicht unbedingt der Herr Professor das größere Sozialprestige hatte, sondern vielleicht die Leiterin der Apotheke Nr. 93 in Derbent, die immer die prima Pillen unterm Ladentisch verkauft hat.

Dieses System können wir schwer nachvollziehen. Trotzdem ist es nicht egal! In der Begegnung ist dann überhaupt nicht egal. Die wundert sich nämlich, die Apothekerin, daß wir ihr Image nicht schätzen können und wir wundern uns, wieso sie da so selbstbewußt hineinspaziert kommen kann: „Ich bin es so gewohnt, ich habe die Beziehungen, Schätzchen“ – wieder noch ganz anders als der ‚Kandidat Nauk‘. Die Apothekerin, die kommt so. Es ist die Macht der Gewohnheit oder irgendwas. Soll heißen: Die Sozialhierarchien, die wir hier kennen, sind anders.

Die Stellung im Verteilungsnetz war dort für vieles wesentlicher als ein Titel. Das sind lauter Kleinigkeiten, die wichtig werden können, wenn wir sie ignorieren. Das heißt nicht, daß wir sie ‚inhalieren‘ sollen, aber wir sollten zumindest mal was davon gehört haben. Oder wenn wir uns die Rolle von alten Menschen ansehen, die sieht doch hier auch anders aus. So eine Oma, die war nicht Hausfrau, die hat bis zur Ausreise noch gearbeitet. Was ist sie hier? Ein Nichts! Früher hatte man einen Familienverband, alle haben zusammen gewohnt und jetzt wird sie plötzlich von ihrer eigenen Familie benutzt: „Paß mal auf die Kinder auf“ oder in ein Altersheim abgeschoben, weil die Kinder jetzt andere Probleme haben und genau das tun, was hier auch Usus ist.

Es wäre also absurd zu sagen, nur der Professor erleidet einen Verlust. Es gibt kaum eine Frau, die nicht gearbeitet hat in der Sowjetunion. Frauen erleben genau solche Statusverluste, sie verarbeiten sie aber scheinbar besser als Männer. Sie zeigen sich auch viel aktiver, und damit sinkt der Status des Mannes dann noch mehr. Es geht um viele Prestige- und Machtpotentiale oder -verluste.

Der alte Mann, dessen Rat früher immer gefragt war, sein „Ich habe Berlin eingenommen“, das will doch hier überhaupt keiner hören. Sein ganzes bisheriges Leben wird in Frage gestellt, er sitzt vor dir und sagt: Hier ist es gut für den Bauch, aber nicht für die Seele. Wozu brauche ich fünfzig Sorten Brot? Ich brauche Gespräche. Oder die Kinder ‚blicken schneller durch‘ als ihre Eltern, sprechen schneller Deutsch, haben eher auch deutsche Freunde. Wie muß sich der arbeitslose Vater da vorkommen, der vor Betriebsdirektor war?

Perspektiven der MitarbeiterInnen der Sozialabteilungen

Und wir haben doch auch so etwas wie eigene Prestigeverluste: Da steigen Migranten schneller auf und wir denken, wir sitzen auf der falschen Seite des Schreibtisches, denn eigentlich müßten wir die Klienten sein, weil der andere uns zeigt, ‚wo es langgeht‘. Oder vielleicht ist es der Frust, weil der liebe Zuwanderer nicht auf uns hört und nichts gut genug ist, was wir ihm anbieten. Darüber wagen wir uns doch gar nicht laut zu reden, um nicht in den Ruf zu kommen, ‚zuwandererfeindlich‘ zu sein.

Tabu-Themen

Dann gibt es wieder andere stigmatisierte, tabuisierte Themen: Sexualität, Alkohol, Kindesmißhandlung, Suizide, Kriminalität, bei denen die Klienten so tun, als ob es sie nicht gäbe: „Darüber spricht man nicht“ oder sie bekommen beim Wort ‚Psychiater‘ ungute Erinnerungen an deren Rolle in der Sowjetunion.

Auf der Eingesessenen-Seite wird wiederum oft so getan, als ob Juden bestimmte Probleme nicht hätten. Hinzukommt, daß wir – die Sozialarbeiter – auf der ‚anderen Seite‘ sitzen, hinterm Schreibtisch. Egal wer du bist, egal ob du vor zwei Jahren eingewandert bist oder schon zwanzig Jahre hier sitzt: du bist in irgendeiner Weise der potentielle ‚Feind‘. Der Informationsfluß funktioniert nie ganz richtig, es ist immer ein Stück Mißtrauen da. Soll auch sein, aber es ist ein Problem, weil bestimmte Dinge ganz ausgeblendet werden.

Du brauchst nur ein Tag länger hier zu sein, du kannst mit dem anderen zusammen eingereist sein. Aber jetzt sitzt du hinter diesem Schreibtisch und schon verkehren sich die Rollen und schon bist Du ‚die Gemeinde‘ und auf einer anderen Ebene. Begegnest du demselben Menschen auf der Straße oder auf einer Feier verhält er sich völlig anders, eben ‚privat‘. Der ‚homo sovieticus‘, die strikte Trennung von Individuum und Gesellschaft läuft den Menschen noch lange hinterher, ohne das sie das selbst richtig wahrnehmen.

Gegenseitige Erwartungen

Aber sprechen wir über die großen Erwartungen, das Allgemeine auf beiden Seiten: Da wandert jemand ein, der hat – ganz allgemein – einen Erfolgszwang. Sein Lebensrythmus beschleunigt sich, die Migration muß sich lohnen. Nicht unbedingt monetär, aber es muß irgend einen Sinn gemacht haben, daß jemand sein Land verlassen hat, daß er jetzt hier sitzt.

Er muß es irgendwie schaffen, sonst war das alles umsonst und er kann sich selbst nicht in die Augen gucken und auch Tante Lusja nicht schreiben, wie gut es ihm hier geht. Er hat einen bestimmten Zwang. Wenn wir das im Kopf behalten, wird ein bißchen klarer, warum viele Klienten überreagieren, wenn sie ihre Ziele nicht sofort erreichen oder wir ihre Ziele nicht bedienen. Daß er bestimmte Erwartungen hat, ist ja auch noch aus anderen Gründen klar.

Zunächst mal hat er sich paradiesische Verhältnisse vorgestellt, bevor er hierher gekommen ist, den ‚goldenen Westen‘ eben. So und nun kommt er in Berlin an, auf die Oranienburger Straße mit seinem Koffer, und was sieht er? Eine riesige Synagoge mit goldener Kuppel und so weiter. Was er gehört hat zu Hause, scheint sich erst einmal zu bestätigen, in bezug auf das Land, aber auch auf die Gemeinde: „Aha, reiche Gemeinde und so ein Gemeindehaus, und so schicke Sessel, und der Pförtner mit Video, die müssen doch helfen können“. Und wenn dem dann nicht so ist, lautet die Schlußfolgerung: „Die wollen bloß nicht!“ Das erleben wir täglich.

Und das wird zusätzlich oft sehr persönlich, weil wir jetzt ‚die‘ Gemeinde sind, nicht Judith Kessler oder Moishe Pischer, sondern ‚die‘ Gemeinde. Und die will nicht helfen, weil du etwas abgelehnt hast oder „der andere hat bekommen, obwohl ich doch viel schlimmer daran bin“ und überhaupt, „die anderen sind sowieso alle keine echten Juden“ usw. Diese Auskunft oder Ablehnung zu entpersonalisieren, ist ein Problem für den Klienten, und für den Betreuer: der muß auch lernen, daß sein Gegenüber bestimmte Vorstellungen mitbringt und gerade von der Gemeinde erwartet, bevorzugt zu werden und daß er eine Art Konkurrenzkampf mit den anderen führt.

Da findet doch sehr schnell auch ein sozialer Vergleich statt, mit dem, was man hier sieht und was man bei anderen sieht. Seine Defizite, die will man doch jetzt auch kompensieren. Sozialbeziehungen hatte ich ja, ich hatte ja funktionierende Netze zwischen Freunden und Kollegen; was ich nicht hatte sind bestimmte materielle Geschichten. Und Wohnen ist wichtig, Arbeit kommt danach, erst mal eine Nische haben, so wie man sie dort auch hatte.

Wieder diese Trennung zwischen Privat und Gesellschaft, die bleibt ja erst mal für den Einzelnen. Denn er wird weiterhin nicht mit dieser Gesellschaft umgehen. Er wird wieder Privatier sein und er wird natürlich erst mal zehn Wohnungen ablehnen oder x-mal umziehen, weil er weiß, das ist jetzt seine Heimat, diese 93 qm oder 23. Aber unsere Vorstellung oder die unserer Mitglieder ist: „Die kommen doch vom Knast ins Paradies. Die sollen gefälligst dankbar und zufrieden sein, was wir ihnen alles Feines bieten: von der Gemeinschaftswohnung in die schicke Sozialbauwohnung“ usw.

Ich war in der Ukraine, ich habe gesehen wie furchtbar das da aussieht. Aber der Arzt hatte trotzdem eine schöne Wohnung im Stadtzentrum. Es ist nicht nur so, wie wir glauben. Aber wir lieben unsere Klischees. Beide Seiten. Die eine sagt: „Ihr könntet ja, ihr wollt bloß nicht oder ihr wollt uns nicht“ und die andere Seite erwartet Dankbarkeit und sagt: „Hör mal, der Billigkugelschreiber, den ich dir anbiete, der muß dir doch bitte schön genügen. Was willst du denn noch, da wo du herkommst?“ Es sind eigentlich ähnliche Geschichten, nur unter jeweils anderen Vorzeichen.

Die Neuzuwanderer nehmen wahr, daß ihre Bedürfnisse nicht bedient werden und wir sind enttäuscht, daß unsere nicht bedient werden, weil wir dachten, jetzt kriegen wir endlich die blühende ‚Kehille‘ (Anm: Gemeinde) und die ‚Bereicherung‘, von der alle so gern sprechen. Denn die allgemeine Erwartung aus unserer Sicht wiederum war doch: Wir erneuern hier das jüdische Leben. Wir haben nicht mehr zu fürchten um den Erhalt der jüdischen Gemeinden. Da kommen auf einmal so viele, prima! Und die sollen jetzt partizipieren, aktiv werden, ihr Judentum ausleben.“ Das sind doch aber zwei völlig verschiedene Sachen. Wie wollen wir die zusammenbekommen?

Religiöses Leben

Wir machen Kabbalat Schabbat (Anm: G-ttesdienst am Freitagabend zum Beginn des Schabbat), besorgen transkribierte Texte, Rabbiner, Übersetzer und streiten uns mit dem Restaurant herum, daß sie das Essen billiger machen. Und dann erklärt der Rabbiner die Rituale, einer hält eine nette Begrüßungsrede – „Prima, daß Ihr da seid, wir wissen, daß es schwer ist, aber wir hoffen, Ihr fühlt euch bald zu hause“ – und eine Zuwanderin steht auf und sagt: „Ja, aber die Gemeinde tut nichts für uns“, der Rest nickt bedächtig und wir sitzen da, vor unserem Festgedeck und sind wieder mal frustriert. Das ist, was ich meine, mit unterschiedlichen Erwartungen.

Wir haben gemeint – und viele, die die Gruppe nur von weitem kennen, haben da immer noch romantische Klischees – , da würde jetzt ein Dissident nach dem anderen und ein David Oistrach und Scholem Alejchem nach dem anderen durch die Tür kommen, um uns zu ‚bereichern‘. Die gibt es natürlich auch, aber meistens ist es ein Bauingenieur, Otto-Normal-Verbraucher eben, und der will uns nicht „a jiddische Mame“ vorsingen, sondern der braucht eine Wohnung oder einen deutschen Führerschein. Der Neue kommt doch zunächst mal, weil er Hilfe braucht und wir ein Bezugspunkt sind. Schließlich sind wir die Jüdische Gemeinde und er ist Jude. Und da sind auch ein paar Leute, die sprechen Russisch und die sollen ihn jetzt an die Hand nehmen, ihn ‚integrieren‘.

Grundsätze jüdischer Sozialarbeit

Damit korrespondieren ja auch unsere eigenen jüdischen Sozialprinzipien: Zedaka, Dialogprinzip, Anerkennung von Regelungsbedarf, Hilfe zur Selbsthilfe usw. Wir wollen unbürokratisch sein; wir wollen personenzentriert sein; wir wollen ein Gegenpol zur staatlichen Sozialarbeit sein. Sind wir ja auch. Wir haben einen Anspruch: „Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings beugt“, internalisierte Prinzipien, eine sozio-moralische Verantwortung, die an einem religiösen Ideal gemessen wird, an einer Gruppenzugehörigkeit und an einer geschichtlichen Erfahrung: Schoah, 2000 Jahre Exil usw.

Allerdings stimmen die Prinzipien nur noch wenig mit unserer alltäglichen Realität überein. Und hier stehen wir uns ständig selbst im Wege. Denn das läßt sich alles wunderbar gegeneinander ausspielen. Schlicht: Ich bin Jude, du mußt mir helfen!“ bzw. „Er ist Jude, ich muß ihm helfen!“.

Da geht es nicht um Sinn und Unsinn der Hilfe, sondern ums Prinzip: „Ich muß helfen, weil er ist, was er ist“. Das führt zu unklaren Grenzen, Gruppendruck, Ideologisierungen, Doublebinds, Ausnutzung, Überforderung – die ganze Palette, oder zu Gewissenskonflikten, wenn wir beispielsweise unkorrekte Verhaltensweisen decken oder tolerieren, nur weil ein Klient Gemeindemitglied oder verwandt mit ‚XY‘, und weil wir oder unsere Vorstände oft nicht in der Lage sind davon zu abstrahieren und auf die eigentliche Sache zu gehen: ‚Schtetl-Mentalität versus Professionalität‘ – mir fällt kein besseres Wort ein. Diese Sachen sollten so nicht funktionieren, tun sie aber…

Überforderung und „Dreifrontenkrieg“

Wir haben uns dabei nicht nur mit den Erwartungen der Neuangekommenen auseinandersetzen müssen, sondern auch mit denen der alteingesessenen Klientel. Es gibt eine deutliche Überforderung der Fremdheitskompetenz oder Toleranz an der Basis der Gemeinden. Wir haben permanent so eine Art „Zweifrontenkrieg“ oder „Dreifrontenkrieg“. Mit den Zuwanderern, mit unserem eigenen Vorständen, und mit den Altmitgliedern. Viele von denen fühlen sich bedroht, haben Angst, daß ihr Judentum zu ‚Russentum‘ wird, kümmern sich aber auch nicht darum, daß die Leute etwas lernen und dabei nicht beschämt werden.

Probleme der „Alteingesessenen“ 

Sie sagen: Was ist jetzt mit uns; wir konnten hier immer herkommen und einfach die Tür aufmachen und drei Stunden quatschen. Und jetzt? Ich komme jetzt überhaupt nicht mehr, weil ich nicht die Ellenbogen habe, mich da vorbei zu kämpfen an diesen Leuten. Wir werden vernachlässigt, wir werden benachteiligt, wir werden russifiziert. Ihr kümmert Euch nur noch um die Russen. Die Russen bekommen die Jobs, obwohl sie gar nicht Deutsch können und wir bleiben auf der Straße. Und die fordern nur und wollen sofort alles haben, wofür wir zwanzig Jahre gebraucht haben und die bekommen das auch alles. Da sind all diese Ängste von Veränderung, von Konkurrenz auch, von Majoritätsverlusten, von Wer-kriegt-die-Ressourcen: wer kriegt die Machaneh (Anm: Teilnahme an einer Ferienfahrt), wer kriegt die Wohnung, wer kriegt den besseren Platz auf dem Friedhof. Und bei den Dingen bleiben wir dann stecken; über diesen Tellerand hinaus zu sehen fällt den meisten schwer: Uns sowieso, weil wir täglich mit diesen Dingen beschäftigt sind. Die Leute kommen ja nicht zu uns, wenn bei ihnen alles funktioniert, sondern eben, wenn es nicht funktioniert.

Daneben sind wir ja tatsächlich überfordert, strukturell und finanziell, wir können diese Erwartungen gar nicht bedienen, in manchen Gemeinden will man sie auch nicht bedienen. Wir können keine Gesetze ändern und Jobs aus dem Hut zaubern. Das ist auch nicht die Aufgabe einer Religionsgemeinschaft. Dennoch dürfen wir und genauso die Zuwanderer nicht übersehen, daß wir unwahrscheinlich viel geschafft haben, daß unser Sozialnetz inzwischen riesig ist, auch dank ihnen.

Die spezielle Situation in Berlin

(Anmerkung: Berlin ist derzeit die größte jüdische Gemeinde in Deutschland mit knapp 12.000 Mitgliedern. Davon sind fast 70 % in den letzten 10 Jahren aus den ehemaligen GUS-Staaten zugewandert. Die meisten anderen jüdischen Gemeinden in der BRD – etwas über 90 – sind kleinere Gemeinden von 200 bis 400 Mitgliedern, wobei zwischen 90 % und 100 % „russische Juden“ sind)

Ich kann allerdings nur über Berlin sprechen: Wir haben Sozialberatungsstellen, Berufsberatungsstellen, Jugendberatungsstellen. Wir haben Klubs für Jugendliche, Klubs für Senioren, für Singles. Wir bieten Kurse an – Computer, Judentum, Deutsch, Tanzen – alles mögliche, Integrationsseminare, Workshops, Reiseprogramme. Es gibt eine Jüdische Galerie, wo fast nur Zuwanderer eine Chance haben auszustellen und sogar eine jüdische Oberschule mit Gymnasium und Realschulzweig. .

Aber auch das hat wieder zwei Seiten: Einerseits konnte die Oberschule überhaupt nur eröffnet werden, weil es so viele Zuwanderer gibt, andererseits leidet der Unterricht. Die GUS-Kinder haben teilweise große Umstellungsprobleme, die Eltern überlassen der Schule die Verantwortung, haben aber andererseits gänzlich andere Vorstellungen, was Disziplin oder Erziehungsmethoden betrifft. Außerdem, und das ist wieder ein Loyalitätsproblem, denke ich, werden Kinder aufgenommen, die in anderen Schulen wegen mangelnder Leistungen nicht aufgenommen werden würden. Wir haben ein Gemeindehaus, mehrere Synagogen, einen Kindergarten, eine Grundschule und eine Volkshochschule, ein Seniorenheim, einen Sportverein, Bibliotheken und diverse Ausschüsse, die sich mit Zuwanderern befassen. Das ist doch alles gigantisch, bei gerade mal 12000 Menschen. Das sind die Rahmenbedingungen, die Hardware sozusagen

Mit den Menschen, mit der „Software“ ist es schwieriger. Außer, daß wir alle jüdisch sind, haben wir doch gar nicht so furchtbar viel gemeinsam. Und dieses Gemeinsam-Sein oder -fühlen entsteht auch nicht einfach so. Und wenn einigen Zuwanderern die Gemeinde zunächst nur als so eine Art psychologischer Anker dient, dann ist das schon viel. Wir sehen doch auch, daß viele jetzt Brit und Bar-Mizwa machen. Und über Interesse der Alten können wir uns erst recht nicht beklagen, die kennen das alles noch von früher und nehmen unsere Angebote auch an. Die Kinder, die in die jüdischen Schulen und in die Jugendgruppen gehen, bringen das auch mit nach Hause. Wie oft höre ich, daß die Eltern von ihren Kindern Judentum ‚lernen‘. Für den Anfang können wir nicht mehr erwarten. Und die, die kein Interesse haben, na gut, dann eben nicht. Wir sind keine Missionare. Wir haben ganz andere Probleme. Was machen wir zum Beispiel mit den nicht-halachischen Juden, mit denen, die wollen, aber nicht dürfen. Die Kinder von jüdischen Vätern. Darüber muß nachgedacht werden. Zu hause waren sie Juden, hier sind sie plötzlich Goim oder Russen. Sie denken, sie sind ‚im falschen Film‘. Und unsere Rabbiner halten sich vornehm zurück.

(Anmerkung: Nach der Halacha – dem jüdischen Religionsgesetz – ist Jude / Jüdin, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten ist. Viele der Zuwanderer sind nach dieser Definition keine Juden)

Wenn wir schon bei Definitionen sind: Es fällt uns selbst doch schon schwer, ‚Jüdisch-Sein‘ konkret zu definieren. Wenn die meisten Zuwanderer sagen, daß das für sie eine Nationalität ist und keine Religion, dann müssen wir das erst einmal so hinnehmen. Es ist die sowjetische Definition, damit haben sie gelebt und aus einem Atheisten einen Religiösen machen zu wollen, ist absurd. Die Menschen sind jüdisch, weil es so in ihrem Paß steht, das war ihre ‚Identität‘, sie sind mit Nichtjuden verheiratet, wissen kaum etwas über unsere Traditionen – trotzdem sind sie Juden.

Und wenn wir ehrlich sind: wie sieht es denn mit unserem eigenen Traditionsbewußtsein aus, leben wir etwa koscher, können alle jiddisch und gehen jede Woche in die Synagoge? Das dürften die wenigsten sein. Aber wir erwarten, daß die Zuwanderer das tun. Wie oft ist denn zu hören: „Die sind nicht richtig jüdisch“. Über die Reaktionen, die dann kommen, brauchen wir uns nicht zu wundern: „Ihr seid besserwisserisch, arrogant, schlimmer als die Deutschen. Glaubt Ihr, wir sind vom Himmel gefallen oder kommen aus dem Wald?“ Ich zitiere nur immer, was Leute mir so erzählen.

Zwischen Subventionierung und Ablehnung

Wir müssen verstehen, wie schwierig es ist, hier irgendeine Position zu finden, ich rede noch gar nicht von Identität. Wo sie herkommen wurden sie einheitlich – als Juden – abgelehnt, das war eindeutig. Hier erleben sie eine Mischung aus Subventionierung und Ablehnung. Sie wurden ‚eingeladen‘, hierherzukommen, der Staat bezahlt das tägliche Leben, wenn sie anfangen anstatt russischer Romanzen jiddische Lieder zu singen, kommen sogar die Deutschen und klatschen mit.

Anderseits kann es wieder sein, daß sie als Juden irgendwo auf Diskriminierung stoßen oder noch schlimmer, daß sie eben von uns nicht ernst genommen werden oder abgelehnt werden. Da ist es oft bequemer, sich zurückzuziehen oder mit seinem Jüdisch-Sein hausieren zu gehen. Das leben ihnen viele der einheimischen Juden doch auch vor, oder ständig zu schreien „alles Antisemiten, die ganze Ausländerpolizei“, wenn mal was nicht klappt oder: „Wenn Ihr mir nicht helft, geh ich zur Kirche“, ich zitiere wörtlich. Diese Mentalität von einer Tür zur anderen zu rennen, muß man genauso aus dem Herkunftskontext der Leute sehen. Man mußte dort alle Türen abklappern. Und der Erfolg gibt den Leuten auch hier oft Recht. Hinzu kommt daß sie die hiesige Rechtsprechung als uneinheitlich und beeinflußbar wahrnehmen, zumal wenn à la UdSSR interveniert wird und das auch noch funktioniert. Wir versuchen zwar die Sache zu institutionalisieren: „Du gehst bitte nur zu dem, weil der für dich oder das dein Problem zuständig ist“ – aber das ist kaum zu realisieren; das erleben wir in allen Gemeinden.

In Berlin haben es zum Beispiel einige Repräsentanten gut gemeint und bieten neben der Beratungsmöglichkeit durch die Sozialabteilung auch noch zig eigene Sprechstunden an, ein Integrationsbüro, spezielle Treffen usw. Und was passiert? Die Leute denken sich, daß ja wohl irgendwas dahinter stecken muß und laufen mit exakt dem gleichen Problem zu allen. Und was schlußfolgern die Repräsentanten? Daß ein erheblicher weiterer Handlungsbedarf besteht, weil jede ihrer Sprechstunde voll ist. Oder sie wundern sich, wie einer unserer Repräsentanten, der seine Zeit „den Problemen der Mitglieder mit der Gemeinde“ widmen wollte, aber ’nur‘ mit aufenthalts-, arbeits- und sozialhilferechtlichen Sorgen konfrontiert wird. Hier wird klar, daß die Zuwanderer offenbar ganz andere Probleme haben, als sich über Interna der Jüdischen Gemeinde zu streiten.

(Anm: „Repräsentanten“ sind die von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde gewählten Gemeindevertreter)

Wir haben das auch bei den letzten Gemeindewahlen in Berlin gesehen. Nachdem bei der vorletzten Wahl noch überhaupt kein Neuzuwanderer kandidiert hat, waren es im letzten Jahr plötzlich sehr viele. Durchgekommen ist zwar keiner dieser Kandidaten, möglicherweise haben die eigenen Leute ihnen den Job nicht oder noch nicht zugetraut und es sind auch mehr Alte als Neue zur Wahl gegangen, aus Angst nach der zahlenmäßigen auch noch die politische Mehrheit zu verlieren. Aber was wesentlich scheint, ist, daß es in den Wahlprogrammen der Neuzuwanderer fast nie um Religion, jüdische Positionen in der Gesellschaft oder ein Zusammenwachsen von Alt und Neu ging, sondern um die vermeintlichen oder tatsächlichen Möglichkeiten der Gemeinde in Bezug auf soziale Aspekte, also Aufenthaltserlaubnis, Staatsbürgerschaft, Arbeitsplätze in der Gemeinde usw.

(Anmerkung: Inzwischen ist im März 2001 wieder gewählt worden. Näheres finden Sie hier)

Und genauso laufen allen offiziellen Diskussionen ab. Ich erinnere mich an eine symptomatische Situation, eine Podiumsdiskussion mit Gemeindevertretern, Arbeitsamtsleuten und Zuwanderern. Da wurde wirklich stundenlang vom Podium herunter erklärt: Wir können keine Gesetze machen oder ändern. Wir sind nicht das Arbeitsamt, wir können nur flankierende Hilfestellungen leisten. Sie müssen trotz Ihrer guten Berufe Ihre unrealistischen Ansprüche herunter- schrauben und auch Jobs annehmen, die unter Ihrem Ausbildungsniveau sind. Lernen Sie so gut wie möglich Deutsch, nur so haben Sie überhaupt eine Chance; jeder Job ist besser als Sozialhilfe, auch wenn es bequemer ist von Sozialhilfe zu leben usw.

Und kaum sind die Vorträge beendet und es wird zur Diskussion aufgerufen, springt ein Zuwanderer auf und schreit fast: Warum gibt mir die Gemeinde keine Arbeit? Ihr redet nur und tut nichts. Der Mann konnte nicht einmal die Frage nach seinem Namen auf Deutsch verstehen, war Ingenieur für Elektrik und als solcher wollte er auch Arbeit in der Gemeinde!

Ich habe keine Lösung, ich konstatiere nur, daß wir ab und zu am Verzweifeln sind, weil wir das Gefühl haben, an die Wand zu reden oder keine Resonanz zu bekommen. Es klingt fast absurd: Nach dieser Podiumsdiskussion hat die Gemeinde eine Jobbörse initiiert; man hat es mit viel Aufwand und guten Worten geschafft, jüdische Arbeitgeber in Berlin zu bewegen, Ausbildungsplätze und Jobs zur Verfügung zu stellen. So jetzt haben wir also diese ganzen freien Stellen, die werden auch brav in unserer Gemeindezeitung veröffentlicht und was passiert? Entweder sind die Leute nicht einstellbar, weil ihr Deutsch schlecht ist oder ihre Qualifikation nicht reicht oder – und das ist viel schlimmer – es meldet sich niemand für die Stellen oder der Job wird nach drei Tagen geschmissen, weil er dem Klienten nicht gefällt. Wir sitzen seit Monaten auf guten Ausbil- dungsplätzen, und es meldet sich kein Mensch. Das ist unglaublich frustrierend.
Andererseits müssen wir damit leben, daß es restriktive Berufsanerkennungs- bedingungen gibt wie für alle die Ärzte und wenig realitätsbezogene Weiter- bildungsangebote, daß die Zuwanderer aufgrund ihrer Ausbildung ein hohes Anspruchsniveau haben und daß wir teilweise von falschen Voraussetzungen ausgegangen sind: Wir haben nun mal sehr viele alte Leute bekommen. Ist es realistisch, sie in den Arbeitsmarkt integrieren zu wollen? Kaum, auch wenn sie selbst das nicht verstehen und uns dafür verantwortlich machen, daß sie hier mit Fünfzig zum ‚alten Eisen‘ gehören.

Zur Situation älterer Zuwanderer

In Berlin sind schon jetzt mehr als vierzig Prozent aller Neuzuwanderer über fünfzig Jahre alt. Da hilft vermutlich auch keine jüdische Jobbörse und keine ABM mehr. Und gerade diese Menschen bewältigen den Wechsel aber am schwersten und leben hier am häufigsten isoliert. Das heißt, wir sollten uns auf das konzentrieren, was sinnvoll ist: Wir brauchen russischsprachige Psychologen und Altenhelfer, Altenheime und Freizeitprogramme. Allmählich haben das ja auch unsere Vorstände verstanden, in Berlin wird zumindest darüber nachgedacht, den ganzen Seniorenfreizeitbereich jetzt massiv auszubauen.

Nichtsdestotrotz haben wir bisher nicht richtig verstanden, den Leuten zu vermitteln, das gilt auch für viele Alteingesessene, was ‚Gemeinde‘ ist oder sein soll, daß sie staatliche Verantwortlichkeiten nicht übernehmen kann, daß Mitglieder auch Pflichten haben und daß ‚die Gemeinde‘ nicht irgendein Abstraktum ist oder eine Kuh, die man melken kann, sondern daß die Leute selbst ‚die Gemeinde‘ sind und daß sie mitverantwortlich sind für das, was da geschieht. Für meine Ehrenamtlichengruppe in Berlin habe ich gerade mal zehn Zuwanderer gefunden, bei 12.000 Mitgliedern, von denen zwei Drittel aus der GUS sind. Das ist der Status quo. Und über diese Stufe müssen wir hinaus. Es ist letztlich eine Zeitfrage, das hat die Einwanderungswelle in den 70er Jahren gezeigt. Die Menschen brauchen die Zeit. Wir haben auch die andere Seite: die Leute, die sich engagieren und die vielen, die es bereits geschafft haben sich einzuleben, die sich sowohl an ihrer Herkunftskultur als auch an ihren hiesigen Umwelten orientieren, die Arbeit gefunden haben, ihr Studium abgeschlossen haben.

Das sind uns natürlich die Liebsten, die können wir einbinden, mit denen haben wir jetzt kaum noch Probleme. Das müssen wir uns auch immer wieder deutlich vor Augen halten: wir sind ein ganzes Stück weitergekommen in den letzten Jahren. Viele Zuwanderer haben sich sehr wohl etabliert und von ihnen kommt auch etwas zurück. Wir müssen sehen, wie wir mit den anderen umgehen, wie wir diese Muster aufbrechen. Es mag die Ablehnung der alten sozialistischen Ordnung sein, ein neuer Konkurrenzneid, ein theoretischer Begriff von kapitalistischer Freiheit der dem alten ‚Kollektivem‘ entgegengesetzt wird, warum viele Zuwanderer eine Art individualistische Ideologie haben. Da müssen Defizite kompensiert werden und der Vergleich mit den Langansässigen weckt auch gleich neue Bedürfnisse. Die Zuwanderer kommen mit Informationslücken und überhöhten Erwartungen an, hatten anderseits in der Heimat einen recht hohen Sozialstatus und stehen jetzt unter Erfolgszwang.

Strukturen der Selbstwahrnehmung und Zuschreibungen

Ihre Ausgangssituation ist aber Arbeitslosigkeit, Wohnheim, Desillusionierung. Nehmen wir zu all diesen Prämissen die Strukturen des ‚homo sovieticus‘ hinzu, dann wird plausibler, daß viele die hiesige Gegebenheiten ganz rational nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip betrachten, vermeintliche Rechte einfordern oder auch handlungs- und entscheidungsunfähig sind und erwarten wie vorher an die Hand genommen zu werden, gleichzeitig aber jede hiesige Autorität ablehnt und auf alle Angebote mit Mißtrauen reagiert, da Institutionen oder deren Vertreter aus ihrem Verständnis das ‚Andere‘ darstellen, für das der Einzelne keine Verantwortung hat, das er nicht mitbestimmt, nicht verändern kann, höchstens als ‚Selbstbedienungsladen‘ benutzen.

Also kämpft jeder für sich und nimmt nur zur Kenntnis oder akzeptiert nur, was ihm selber nutzt oder schadet von diesem System, von den Gesetzen, den gesellschaftliche Strukturen. Und wenn er sein Problem gelöst hat, sieht man ihn nie wieder. Aber wie sollen Loyalitäten entstehen? Sozialhilfemißbrauch hat auch etwas mit mangelnder Loyalität zu tun: Hier wieder: ich bin nicht Staatsbürger – also was interessiert es mich. Auch innerhalb der Gemeinden: Ich hätte vielleicht Mitbestimmungsmöglichkeiten, aber es ist ein Teufelskreis: Ich bin nicht so sicher, ob die mich überhaupt wollen, ich durchschaue die Strukturen nicht oder sie sind mir egal. Vielen ist es aber nicht egal, die möchten teilhaben, kommen aber nicht klar, sind isoliert oder fühlen sich abgelehnt.

Ohne Kommunikation mit der Umgebung wird eine Integration aber immer nur partiell bleiben. Hier sind wir gefordert, weiter auf die Leute zuzugehen. Bis zu einem bestimmten Punkt, denn wir sehen auch, daß die Lebensgestaltung der Zuwanderer stark von ihnen selbst abhängt, ob sie den Kontakt wollen oder lieber in ‚Chinatown‘ bleiben. Denn so wie wir Kontaktablehnungen seitens der etablierten jüdischen Alteingesessenen haben, finden wir sie auch auf der Seite der Zuwanderer, die unter sich bleiben wollen und eigene Substrukturen bilden.

Binnenwanderung und Substrukturen in Berlin

In anderen Bundesländern mag es anders sein, in Berlin ist es so. Wir haben eine riesige Kettenwanderung. Die Verwandtschaftsdichte oder Freundes- kreisdichte ist hier enorm hoch. Es haben sich doch ganze Verbände familiär, sozial oder örtlich verbundener Personen auf den Weg gemacht, mit all ihren Generationsfolgen. Da kommt jemand nach Berlin und da ist der Nachbar aus der Rostow-Straße und der vom Moskowski-Prospekt wohnt auch gleich wieder nebenan. Eigentlich hat sich nichts geändert, alles geht weiter. Es gibt Beziehungen, die werden einfach weiter geführt, als wären sie nicht unterbro- chen worden. Die Zuwanderer heiraten fast nur untereinander oder holen sich Partner aus der GUS oder aus Israel. Die Binnenintegration, wenn man das so nennen will, ist also eigentlich sehr hoch.

Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die mir gesagt haben: „Was brauche ich denn die Deutschen und die Gemeinde. Na ja, sie hat die Wohnung gegeben, daß ist eine Sache. Aber hör mal zu: Wenn ich russischen Fisch essen gehen will, gehe ich zu dem und dem. Wenn ich ein Problem habe mit meiner Freundin, dann gehe ich zu Aljoscha. Wenn ich ein Problem mit der Hausverwaltung habe, komme ich in die Gemeinde. Aber ansonsten, ich brauche das nicht. Ich kann ganz gut deutsch, aber ich brauche es nie. Ich hab russisches Fernsehen, meine Gesellschaft, die ich habe, funktioniert und du stellst dich hin und sagst: ‚Das verstehe ich nicht, warum hockt Ihr zusammen und macht auf Verein‘.“ Man bleibt unter sich. Diese Ghettoisierung ist selbst gewählt.

Fremdsegregation wäre noch ein anderes Thema. Wir können das erst mal nicht nachvollziehen, aber wenn wir diese ganze Bedeutung von Freundschaft, von Kollektivität, die offenbar dort funktioniert hat, betrachten, wird es etwas klarer. Leute, die aus der DDR kommen, die können sich dunkel daran erinnern, daß das dort einen ähnlichen Stellenwert hatte, anders als hier, wo man drei Wochen vorher anrufen muß, wenn man sich treffen will, wo es unanständig ist einfach so bei jemanden zu Hause vorbei zu kommen. Das sind ganz andere Kulturmuster.

Aber daß diese Muster so gut weiter funktionieren, mag auch spezifisch für Berlin sein. Berlin ist nah an der GUS. Hier gab es schon vor dem Mauerfall viele russischsprachige Migranten, im Osten wie im Westen, und entsprechende Strukturen. Die Gemeinde war vorher schon groß und hatte bereits eine funktionierende Infrastruktur und ein großes Sozialnetz, das eigentlich nur noch erweitert werden mußte, nicht neu gebaut, wie in anderen Gemeinden. Mit den deutschen Aussiedlern zusammen leben inzwischen mehr als hunderttausend russischsprachige Leute in Berlin. Wenn man sich in Berlin zum Beispiel die Gegend um die Kantstraße ansieht, dann verdient Charlottenburg wirklich bald wieder den Namen ‚Charlottengrad‘, den es vor dem Krieg hatte.

(Anm: Beim Mauerfall hatte die jüdische Gemeinde in Westberlin 6400 Mitglieder, die Ostberliner Gemeinde etwas über 200 Mitglieder)

Dort sind die meisten Läden von jüdischen Zuwanderern und über die Hälfte aller wohnen inzwischen in Charlottenburg und in den angrenzenden Bezirken, Wilmersdorf und Schöneberg. Viele brauchten dazu zwei, drei, vier Umzüge, bis sie endlich da waren, wo sie hinwollten. Auch das läßt sich als Zeichen für Energie und Kreativität deuten. Es gab riesige Umzugsbewegungen. In den östlichen Stadtbezirken wollte kaum jemand wohnen. Gerade sechs Prozent der Gemeindemitglieder leben dort. Im Hinblick auf Arbeitsplätze sieht es jedoch anders aus.

Ethnische Ökonomie

Die ganze Kulturszene und Gastronomie in Ostberlin, in Mitte in Prenzlauer Berg, ist stark auf ‚russisch-jüdisch‘ ausgerichtet, ob in den Hackeschen Höfen oder im jüdischen Kulturverein. Das macht sich inzwischen deutlich bemerkbar im Stadtbild und vielleicht ist es auch ein Zeichen dafür, daß die Lebensweise oder Mentalität der Ex-DDRler den Zuwanderern näher ist oder daß sie dort eher auf Resonanz stoßen.

Hinzu kommt natürlich, daß die deutsche Bevölkerung, alles kauft, wo ‚jüdisch‘ drauf steht, von Klezmer bis gefillte Fisch. Und wenn die russische Szene so stark ist, wie im Kulturleben, dann heißt das vielleicht aber auch, daß wir dem wirklich nichts entgegenzusetzen haben, oder daß die Zuwanderer in einigen Bereichen bereits jetzt mehr Potentiale und Flexibilität haben als wir. Da könnten auch wir etwas von lernen. Es gibt zahlreiche russische Klubs, Restaurants, Konzerte, russische Radiosendungen, russisches Lokalfernsehen, russische Wochenzeitschriften und einen internen Arbeitsmarkt, eine Art ‚ethnische Ökonomie‘, wobei Deutsch kaum benötigt wird. Unter anderem haben die Leute auch Bedürfnisse, die einheimische Anbieter nicht abdecken, also ein weites Betätigungsfeld und alles auf Russisch: Videos, Bücher, Computersoft- ware, Übersetzungsdienste, Heiratsbüros, Export-Import, Sozialstationen.

Aber sie organisieren sich auch innerhalb oder im Umfeld der Gemeinde, um ihre Interessen durchzusetzen: die ‚Gruppe 300‘ – das sind die über Israel Gekommenen, die als Flüchtlinge anerkannt werden wollen und die Gemeinde und den Senat mit Petitionen belagern – oder ‚Jüdische Kammermusiker‘, ‚Jüdische Wissenschaftler‘, ‚Jüdische Literaten‘, ‚Jüdische Kriegsveteranen‘, ‚Jüdische-was-weiß-ich‘. Jeder macht einen Verein auf. Und hier ist es dann genauso wie bei den Alteingesessenen: man bleibt unter sich.

Zusammenfassung in soziologischer Terminologie

Das hat alles immer zwei Seiten. Ich zitiere aus meiner Studie eine Schlußfolgerung, die ich immer noch für aktuell halte:

„Die ambivalente Umgebung und begrenzte Teilhabemöglichkeiten in ihr sind Mitursache dafür, daß sich eine ‚ethnic community‘ herausgebildet hat, die weitgehend selbstorganisiert und unabhängig von außen ist. Die relative Vollständigkeit und Größe der ‚Kolonie‘ ermöglicht einerseits eine mentale und teilweise soziale Absicherung sowie die Aufrechterhaltung subkultureller Präferenzen, ist Machtbasis für Interessenschutz und Voraussetzung für die Eingliederung, behindert sie aber gleichzeitig. Ein erheblicher Teil der Migranten unterhält hier beinahe alle Primärkontakte und die Mehrzahl der Sekundär- kontakte. Das Vorhandensein eigener Netzwerke erlaubt nicht nur, Zugang zu bestimmten Bereichen zu erlangen, sondern auch innerhalb der hergebrachten Beziehungslinie zu verbleiben und intensivere Außenkontakte und -orientierungen von sich aus zu umgehen. Für viele Migranten ist es somit vorläufig ausreichend, funktional unumgängliche Basisorientierungen und -qualifikationen zu erwerben. Denjenigen, die mit dem Versuch Arbeit, Kontakte, Akzeptanz zu finden gescheitert sind, wird der Rückzug wiederum erleichtert. In einem Fall bedienen, im anderen kompensiert die ‚Community‘ die Bedürfnisse nach Sicherheit und Reorganisation ohne Neuanpassung“.

Soziale Macht- und Ohnmachtsverhältnisse

Anders gesagt: Wir brauchen uns nicht wundern, daß Zuwanderer nach zehn Jahren Berlin kein Deutsch können oder immer wieder zu uns kommen, damit wir ihre Probleme lösen. Wir müssen aufpassen, daß wir uns kein Eigentor schießen. Damit tun wir uns keinen Gefallen und dem Zuwanderer auch nicht: Dieser kommt abhängig hierher, und jetzt bedienen wir das auch noch weiter, indem wir ihn in eine ‚warme Decke‘ einpacken. Das ist für ihn zunächst mal einfacher so. Für uns aber auch. Wir haben die Fäden in der Hand und wir bestimmen, wie es lang geht. Aber wenn wir ihn dann loslassen, dann ist er genauso weit wie am Anfang. Wir haben bei den Seminaren in Israel gesehen, daß man dort angefangen hat, es anders zu machen: Die Abhängigkeiten und Passivitäten zu verhindern oder abzubauen. Die Hoffnung dabei ist natürlich auch, daß sich durch den Zwang zur Partizipation mehr Interesse und Beteiligung entwickelt.

Patizipationsmöglichkeiten schaffen

Wir müssen uns deshalb bei jedem Detail fragen, was wir damit erreichen oder verhindern. Dient es der Integration wirklich, wenn wir die Gemeindezeitungen auf Russisch herausgeben? Ist es integrationsfördernd, wenn wir unsere Beratungen immer auch auf Russisch anbieten oder wenn wir einen Zuwanderertreffpunkt betreiben, in dem jedes Plakat, jede Veranstaltung, jeder Kurs auf Russisch abgehalten wird? Ist es integrationsfördernd, wenn wir inkompetente Leute einstellen, weil sie Zuwanderer sind? Ist es ein Beitrag zur Integration, wenn wir Zuwanderern jeden Konflikt mit ihrer Umgebung abnehmen…? Das sind viele Fragen, die differenziert beantwortet werden müssen. Wir müssen akzeptieren, daß jemand die Wohnung mit Ofenheizung ablehnt, wenn es so etwas in der Sowjetunion gar nicht gab und wir können von einem Achtzigjährigen nicht erwarten, daß er Goethe in Deutsch rezitiert.

Aber wir können zu Recht von einem ’normalen‘ Vierzigjährigen erwarten, daß er nach drei Jahren Berlin das Arbeitsamt selbst anruft. Und hier sollten wir auch aufhören zu jammern. Wenn Leute zehn Jahre hier sitzen und immer noch nicht Deutsch können oder sich nicht in der Gemeinde engagieren oder das Weiterbildungsangebot nicht haben wollen, das wir ihnen ausgesucht haben, dann wollen oder brauchen sie das vielleicht nicht. Wir sollten uns auch selbst Grenzen setzen bei unserem ‚Integrationswahn‘. Wir machen seit acht Jahren jedes Jahr Pessach für Zuwanderer, also einen Seder mit russischer Übersetzung von A bis Z. Die große Einwanderungswelle in Berlin ist aber vorbei, das heißt, die meisten Zuwanderer, die kommen sind zwischen fünf und neun Jahre in Deutschland. Wie lange soll das eigentlich gehen? Das müssen wir uns doch auch fragen.

Hilfe oder Hindernis?

Das sind alles nur Denkanstöße. Und natürlich haben wir jenseits irgendwelcher mentalen Momente die äußeren Bedingungen weiter zu verändern, also im Beschäftigungsbereich andere Wege gehen als bei weniger qualifizierten und als bei jüngeren Migrantengruppen oder uns dafür einzusetzen, daß diese sinnlosen Wohnsitzbeschränkungen aufgehoben werden und hochqualifizierte Leute aus Millionenstädten nicht gezwungen sind, in irgendwelchen Wohnheimen in der Pampa zu versauern oder ihre Energie dafür zu verschwenden, auf halsbrecherischen Umwegen doch nach Berlin zu kommen. Diese Beispiele lassen sich endlos fortführen. Aber sie sollen eigentlich nichts anderes sagen, als daß wir uns der Zweischneidigkeit unserer Bemühungen bewußt sein sollen, weil sie nicht nur Hilfe sondern auch Hindernis sein können, wenn wir gewohnte Verhaltensmuster nur bedienen oder sie umgekehrt ignorieren und damit die gegenseitigen Fehlinterpretationen, Mißverständnisse und Konflikte fördern.

Es bedeutet auch nicht, daß die Zuwanderer nicht ebenso umdenken müssen und bestimmte Realitäten akzeptieren müssen, sondern daß wir Abweichungen von unseren eigenen Denk- und Handlungsschemata etwas besser nachvoll- ziehen und anders reagieren können, wenn wir uns mit dem Herkunftskontext der Menschen, sowie den Brüchen in ihren Biographien auseinandersetzen und daß wir unsere eigenen Verhaltensweisen und Erwartungen immer wieder befragen sollten.

Judith Kessler ist Soziologin und hat als Magisterarbeit eine Studie zum Thema „Integration von Zuwanderern aus den GUS-Staaten“ erstellt. Neben der Sozialarbeit mit den Zuwanderern ist ein anderer Arbeitsschwerpunkt die redaktionelle Arbeit in der monatlich erscheinenden Zeitung der jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Zum Weiterlesen:

 

redaktionelle Bearbeitung: Iris Noah

Judith Kessler ist Soziologin und hat ihre Magisterarbeit zum Thema „Integration von Zuwanderern aus den GUS-Staaten“ geschrieben. Neben der Sozialarbeit mit den Zuwanderern ist ein anderer Arbeitsschwerpunkt die redaktionelle Arbeit in der monatlich erscheinenden Zeitung der jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Juden und jüdisches Leben in Berlin