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Schoah: Der letzte Brief aus München

Erst Jahrzehnte nach dem Tod seines Vaters öffnete Alfred Koppel in Colorado eine Schachtel mit Briefen seiner Mutter. Er stieß auf erschütternde Dokumente einer jüdischen Familie, seiner eigenen Familie. Alfred Koppel wurde 1926 in Hamburg geboren und lebte mit seiner Familie in den 1930er Jahren in München…

Mit seinem Bruder und seinem Vater konnte er noch rechtzeitig vor Kriegsbeginn Deutschland verlassen, seine Mutter musste mit den vier kleineren Kindern in München zurückbleiben. Bis zuletzt hoffte Carola Koppel, ihrem Mann in die Emigration folgen zu können. Unermüdlich schrieb sie ihm Briefe nach New York.

Der letzte Brief von Carla an Carlo und Hanna Koppel, 10. November 1941:

Mein liebster Carlo und liebe Hanna!

Wenn ich meine Briefe an Hannas Adresse sende, wißt Ihr ja wohl schon, daß es etwas Besonderes zu bedeuten hat. Dies ist mein letzter Brief, den ich Euch hier schreiben kann, da wir alle morgen verreisen. Eine neue Adresse kann ich Euch noch nicht mitteilen, werde dies aber tun, sobald es geht. Lola wird sich hier ja auch immer informieren und Euch auf dem Laufenden halten. Ihr braucht Euch keine Sorgen um mich zu machen. Ich war zwar erst verzweifelt, aber jetzt bin ich darüber weg. Man bekommt nie mehr auferlegt als man ertragen kann. Ich bin ja auch in großer Gesellschaft, so daß [ich] immer Hilfe und Stütze haben werde. Dabei sind sämtl. Kissingers, Sterns, Lehrer Adlers, van Wiens, Adlers 2. Stock, Frl. Hiller, Frl. Gutmann, Gertrud Schäffer, Fritz Hermann, Abeles u.s.w. Von Bernhard habe auch eben eine Karte bekommen, er und Ulli sind, mit Rahel Cohn, Sommers, Braunschweigers u.s.w. Donnerstag abgereist. Vielleicht treffen wir uns. Auf dem Weg werden wir wohl bei Reißens vorbei kommen. Mein großer Wunsch wäre, wenn ich wenigstens vorher von Dir noch Post bekäme. Meine Papiere habe [ich] alle bekommen, auch die Pässe. Nötigenfalls kannst Du ja drüben auch noch Photokopien machen lassen. Es muß doch jetzt endlich Mittel und Wege geben. Ich muß ja auch bei allem dabei sein. An Hochfelds kann [ich] jetzt nicht mehr schreiben, Du bist ja mit ihnen in Korrespondenz. Frau Oberdorfer fährt übrigens auch mit. Sie ist sehr unruhig, da sie noch keine Nachricht von ihrer Tochter hat, daß das Kind da ist. Den Kindern geht es G’tt lob gut und werden sie  uns Ablenkung und Zeitvertreib sein.

Jetzt muß [ich] Schluß machen, da [ich] noch viel Arbeit vor mir habe. Denkt immer an uns. Seid alle recht herzlich gegrüßt und tut was Ihr könnt.  Grüßt auch  Hochfelds. Für die Kinder viele herzliche Grüße. Hoffentlich geht es Alfred auch weiter gut.

Nun nimm Du mein lieber Carlo und auch Hanna die innigsten Grüße und  viele viele Küsse von Deiner Dich sehr liebenden und unendlich Sehnsucht habenden kleinen Frau Carla

Friedl und Lotte hatten mich heute noch besucht und wirst Du die Post bekommen, sobald es nur irgend wie geht und Gelegenheit ist. Schreibe bitte Hochfelds,, sie sollen es auch Benno Sarsky mitteilen wegen Gertrud. Günther ist noch unterwegs, macht mir Besorgungen. Ich bin sehr froh, daß ich ihm jetzt bei mir habe.

„Dies ist mein letzter Brief“:
Im Alter von fast siebzig Jahren begann Alfred Koppel die Briefe seiner ermordeten Mutter zu übersetzen. 2002 erschienen sie in den USA unter dem Titel “My Heroic Mother – Voices from the Holocaust“. Nun wurden sie zum ersten Mal auch im deutschen Original veröffentlicht.

Ilse Macek, die Mitherausgeberin des Buches “Dies ist mein letzer Brief”, nutzte den Rahmen der Buchvorstellung, um einigen kritischen Fragestellungen nachzugehen…