Von wegen Europa: Kroatien zieht nach Rechts

Nationalismus in Ungarn, Kroatien, Rumänien, anti-ziganische Umtriebe in Tschechien. Zulauf zu Naziparteien in Griechenland. Was ist los in Europa?…

Jutarnji List – Kroatien
Kroatien versagt als Zugpferd des Westbalkans

Nach der Ablehnung der Homo-Ehe per Volksentscheid hat am Montag in Kroatien eine Veteraneninitiative aus Vukovar bekanntgegeben, genügend Unterschriften für ein weiteres Referendum gesammelt zu haben. Mit ihm sollen die Rechte von Minderheiten eingeschränkt und die Aufstellung zweisprachiger Schilder rückgängig gemacht werden. Mit seinem nationalistischen Rechtsruck hat Kroatien seine Rolle als EU-Wegbereiter auf dem westlichen Balkan verloren, bedauert die liberale Tageszeitung Jutarnji List:

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„Für Brüssel hatte Kroatien bei der Europäisierung des ehemaligen Jugoslawiens eine Schlüsselrolle. Zagreb sollte für den Rest der Region eine Art Lokomotive sein, die Richtung Europa zieht. Aber der ganze Zug ist in die entgegengesetzte Richtung losgefahren. In den Köpfen der Kroaten ist der Balkan tiefer verankert als der europäische Gedanke. Schlimmer als die traurige Tatsache, dass Kroatien die Rolle nicht erfüllt hat, die es übernommen hat, ist der Rückfall des Landes in die Zeit der düsteren 90er Jahre des Krieges.“

03.12.2013 – Jutarnji List

3 Kommentare zu “Von wegen Europa: Kroatien zieht nach Rechts

  1. @Zeitgenosse@ die Melodie kenne ich. Haben doch die Verharmloser und Wegerklärer des Nationalsozialismus ähnlich argumentiert. „Die Armen mussten ja so reagieren, wegen Versailles, der Weltwirtschaftskrise etc. Die Anführer der Nazi waren jedoch in der Regel keine bettelarme Arbeitslose.
    In Österreich, das keine solche Armut kennt hat die rechtsextremistische FPÖ fast 21% der Wähler für sich gewinnen können.
    Und in Ungarn, sind die Anführer der Nazipartei Jobbik und der völkisch agierenden Fidesz in der Regel Akademiker und nicht gerade arm. Die Anführer von Fidesz sind auch Oligarchen, die im postkommunistischen Maffiastaat sich legal ein riesiges Vermögen angeeignet haben.
    Schon vor ihnen haben Sozialisten Misswirtschaft betrieben, aber jetzt kennt die herrschende Maffia keine Scham mehr, die flat tax von 16% begünstigt die Oligarchen und die massiven Kürzungen des Sozial- Gesundheits- und Erziehungswesenbudget erleidet die Masse der Bevölkerung.
    Laut Eurostat Bericht über Armut hat sich diese in Ungarn so entwickelt.
    Personen die von mindestens einem der
    drei Kriterien (Armutsgefährdung, soziale
    Ausgrenzung, erhebliche materielle Deprivation
    leiden
    % der Gesamtbevölkerung
    2008 2011 2012
    28.2 31.0 32.4
    Vergleichszahlen der EU
    23,7 24,3 24,8
    Vergleichszahlen Slowakei
    20.6 20.6 20.5

    • Dachte mir bereits, dass ich auch missverstanden werden könnte.
      Mir ging es ganz und gar nicht um eine Reinwaschung Deutschlands, auch nicht um eine Entschuldung von Zuständen in Südosteuropa, die es nach den bitteren Erfahrungen von bis 1945 eigentlich nicht wieder hätte geben dürfen. Sie, Herr Pfeifer, haben völlig recht mit ihren Einwänden und ich bitte für meine Zweideutigkeiten um Vergebung. Beabsichtigt war meinen deutschen Landsleuten einmal den Gesichtspunkt vieler Menschen aus dem Südosten nahe zu bringen. Ein Gesichtspunkt, der geprägt gewesen ist von sehr hohen Erwartungen, schönen (EU-)Versprechungen, unerfüllt gebliebenen Hoffnungen und einer lähmenden Perspektivenlosigkeit. Ich habe drei Monate in Serbien verbracht und in dieser Zeit haben sich in einer einzigen Straße fünf Menschen das Leben genommen. In Deutschland rührt sowas absolut niemanden…
      Österreichs (seit Jahrzehnten) erstarkende Rechte ist in der Tat ein schwer lösbares Rätsel. Manche begründen sie mit Nachwirkungen in Zushang. mit dem Phänomen Kreisky, andere damit, dass den Österreichern die bundesdeutsche geschichtliche Aufklärung der Jahre nach 1945 versagt geblieben ist, dritte mit einem gekränkten Nationalgefühl und „Phantomschmerzen“. Ich enthalte mich lieber eigener Spekulationen.

  2. „Nationalismus in Ungarn, Kroatien, Rumänien, anti-zigani(sti)sche Umtriebe in Tschechien. Zulauf zu Naziparteien in Griechenland. Was ist los in Europa?…“

    Ja, was ist los in Europa! Berechtigte Frage.

    Ganz einfach, da ist eine Menge aus dem Lot gelaufen, in EU-Europa, in den letzten zehn oder so Jahren. Die Armen wurden immer mehr und mehr, und sie wurden auch noch von Monat zu Monat perspektivenloser. Und die Reichen? Die wurden nicht unbedingt mehr und mehr, jedoch verdienten sie immer mehr und mehr.

    Es ist doch ganz klar, dass in Ländern, in denen es den Menschen nicht so gut geht wie bei uns, die wir die Wirtschaftsflaute mit links wegstecken und die wir mit jedem Tag reicher und reicher werden, dass dort auch zwischenmenschlich ganz andere Zustände herrschen müssen. Da wo es wirtschaftlich bergab geht, suchen Menschen vermeintlich Schuldige, sog. „Sündenböcke“. Als solche dienen gewöhnlich jene, denen es noch schlechter geht, bzw. solche, die man nicht unmittelber zu den sog. ‚Eigenen‘ zählt, also Ausländer, Minderheiten, Roma etc.

    Es fällt leicht diese (oben genannten) Schwellenländer EU-Europas zu verurteilen, wenn man selbst einen 35-kg-plus-Wohlstandsbauch (wie Nahles, Merkel, Gabriel, Steinmeier etc.) vor sich herschleppt, wenn man einen sicheren Job hat, wenn der Bankberater regelmäßig anruft um zusätzliche Ausschüttungen anzukündigen, wenn der eigene (und der der Kinder noch dazu) Lebensabend als gesichert betrachtet werden kann.

    Aber wie würden eben diese braven, toleranten, vorbildlichen Musterdeutschen sich verhalten, wenn sie griechische, kroatische, ungarische Zustände verkraften müssten, hm?

    Glaubt Ihr Satten, die Ihr Euch aufregt, wenn ein Sack Reis in Palästina umkippt und zu rieseln beginnt, glaubt Ihr wirklich, dass sich nicht auch bei uns die Stimmenzahlen der NPD und anderer Rechtsaußenvereinigungen beachtlich erhöhen würden, wenn bei uns der geheiligte Wohlstand in Gefahr geriete?!?

    Rechtsextremismus, Minderheitenfeindlichkeit, Hass auf Roma sind in erster Linie mit den sich verschlechternden Lebenssituationen in Europas Südosten zu erklären. Und leider sind wir Deutschen daran gar nicht so unschuldig. Anstatt nämlich in diesen Ländern zu investieren und damit zum breiten Wohlstand dort beizutragen, gehen wir lieber ins gesitteter, disziplinierter, sicherer erscheinende Asien und lassen dort unsere Produkte herstellen. Klar doch, Ausreden gibt’s immer – mit den Südosteuropäern gab’s immer Probleme, Korruption, Schlamperei, mangelhafte Qualität, – „Sie wissen schon…“

    Aber warum gab es diese Probleme denn? Weil wir nicht auch noch dafür gesorgt haben, dass die Leute am Fertigungsband ordentlich bezahlt wurden. Uns genügte es, wenn unsere Ansprechpartner in Südost, die Politiker, die Manager, die Chefs (nur mit solchen pflegten wir Umgang!) einen dicken Audi, Benz oder BMW fuhren. Die Werktätigen in Kroatien, Rumänien, Ungarn, die waren uns Deutschen wurscht, Hauptsache unsere eigenen Renditen stiegen…

    Also, liebe Deutsche, denkt mal lieber an eine vergleichbare Situation in der eigenen Geschichte, als ständig ganze Völker schlecht zu reden, die heute Eure Probleme von einst ertragen müssen. Überlegt Euch lieber Wege, wie wir die Südostler wieder ins gemeinsame Boot zurückbekommen, ehe zuviele von ihnen vor die Hunde gehen!

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