Der historische Lexikoneintrag: „China“ im Jüdischen Lexikon von 1927

Unsere Reihe „Beiträge zu Juden in China“ erfährt eine Ergänzung durch einen Eintrag aus einem Nachschlagewerk, präziser, aus dem „Jüdischen Lexikon“, und damit aus einem der bedeutenderen jüdischen allgemeinen Wissenskompendien von vor der Shoa…

Das aus fünf Teilbänden bestehende Jüdische Lexikon(„Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Dr. Georg Herlitz und Dr. Bruno Kirschner. Unter Mitarbeit von über 250 jüdischen Gelehrten und Schriftstellern“) bestand unabhängig neben der noch wesentlich umfangreicheren „Encyclopaedia Judaica“, deren erste Bände ebenfalls ab den 1920er Jahren und ebenfalls in Berlin erschienen, die jedoch durch die politischen Umstände nicht weiter als bis zum Buchstaben „L“ geführt werden konnte und die somit ein Fragment blieb.

Das Mitarbeiterregister des „Jüdischen Lexikons“ enthält neben der Angabe des Namens, weitere Informationen zu akademischem Grad, Beruf, Zugehörigkeit zu einer Schule, Universität oder anderer Einrichtung des jeweiligen Autors. Der hier interessierende „China“-Artikel stammt von dem Mainzer Pädagogen und Sprachwissenschaftler Sigmund Feist (1865-1943), dessen Vita bereits Gegenstand eines vorangegangenen Beitrags war.

China. Über die Einwanderung von J. nach China gibt es zahlreiche Hypothesen, denen zufolge sie sich bereits in vorchristlicher Zeit dort niedergelassen haben. Der von Jesaja (49, 12) erwähnte Name „Land Sinim“ wird von manchen auf China bezogen. Aber dies steht ebensowenig fest wie die Annahme, daß die J. in China schon unter der Tschan-Dynastie (1122 – 249 v.) oder der Han-Dynastie (206v. – 8n.) gelebt haben, oder daß sie gemäß ihrer eigenen Tradition Nachkommen der *Zehn Stämme sind. Sicher ist wohl anzunehmen, daß J. schon im frühen MA aus *Persien auf den uralten Karawanenwegen des Seidenhandels oder auch über *Indien (nach ihrer eigenen Tradition) nach China gekommen sind. Im 9. Jhdt. n. trifft sie der j. Weltreisende Soliman aus Andalusien in fast allen größeren Städten Chinas. 878 fanden nach dem Berichte eines arabischen Schriftstellers bei der Einnahme Khanfus während einer Rebellion 120 000 Mohammedaner, Juden, Nestorianer und Magier den Tod.

*Benjamin von Tudela gibt keinerlei Kunde von chinesischen J., wohl aber Marco Polo, der im letzten Viertel des 13. Jhdts. China bereiste. Von besonderem Interesse für die Geschichte der J. in China sind drei aus den Jahren 1489, 1512 und 1663 datierte Inschriften, aus denen neben dogmatischen Ausführungen und verschiedenen unklaren Angaben sich die Tatsache ergibt, daß 1163 mit dem Bau der Synagoge in Khai-fong-fu begonnen wurde, der zur Zeit Marco Polos fortgesetzt worden ist. Vom 14. Jhdt. an waren die J. christlichen Bekehrungsversuchen ausgesetzt, die aber wenig Erfolg gehabt haben. In der 2. Hälfte des 15. Jhdts. wird von einer j. Kolonie in Ningpo berichtet. Aus den erwähnten Inschriften und einer Reihe anderer Umstände schließt Berthold Laufer, daß die J. Chinas hauptsächlich aus Indien kamen, indem die persisch-indischen J. sich den seefahrenden Arabern und Persern auf dem Wege nach China anschlossen und vom Süden nach Norden – Khanfu, Hangtschau, Ningpo, vielleicht Nanking, Khai-fong-fu, Peking – vordrangen. Nach ihren eigenen Angaben wurde ihre Religion früher als indische (Thien tšu-tšiau) bezeichnet, später aber als Religion derjenigen, die die Sehne (aus dem Fleisch der geschlachteten Tiere) ausreißen (Thiau tšen-tšiau). Die Sprache und die heiligen Schriften der J. von Khai-fong-fu sind von persischen Elementen durch die aus Persien (über Indien?) eingewanderten J. beeinflußt. Die Einteilung des Pentateuchs in 53 Abschnitte (sidrot) und die Zählung von 27 Buchstaben des Alphabets sind chinesischen und persischen J. gemeinsam. In den hebräischen *Handschriften von Khai-fong-fu finden sich mehrere persische Wörter in hebräischer Transkription. Auch der Islam hat auf die chinesischen J. Einfluß gehabt, wie aus der Einrichtung der Synagoge in Khai-fong-fu, die nach einer nur legendenhaften Überlieferung dem salomonischen Tempel nachgebildet ist, und der Terminologie der Inschriften der chinesischen J. geschlossen wird. Nur wenig oder keinen Erfolg hatten bei ihnen katholische Missionare im 17. Jhdt., von denen sie neu entdeckt und erforscht wurden. Heute sind sie bis auf eine kleine Gemeinschaft in Khai-fong-fu, wo bei einer Überschwemmung die zerfallene Synagoge vollends zerstört wurde, in den Chinesen aufgegangen. Die wenigen armen Judenfamilien dieser Stadt kennen keine hebräischen Gebete mehr, wissen nur noch wenig von j. Religion und leben und kleiden sich wie Chinesen. Einige von ihnen sind nach Schanghai gezogen. Neuere j. Siedlungen in Städten Chinas, bes. in Schanghai, sind aus der Einwanderung europäischer, auch Bagdader J. entstanden und schon recht zahlreich. Sie besitzen eigene Zeitungen und ein reges Gemeindeleben.

Lit. (in Auswahl): C. G. von Murr. Versuch einer Geschichte der J. in Sina, 1806; James Finn, The Jews in China, 1843; ders., The Orphan Colony of Jews in China, 1872; Smith und Medhurst, A Narrative of a Mission of Inquiry to the Jewish Synagogue of Kai-fúng-fú, Shanghai 1851; Andree, Volkskunde der J., 1881, S. 244-248; B. Laufer, Zur Geschichte der chinesischen J., Globus Bd. 87, S. 245ff.; A. Katz, Die J. in China, 1900; Marcus N. Adler, Chinese Jews, Oxford 1900; S. M. Perlmann, History of the Jews in China, London 1913; E. I. Esra, East of Asia Magazine I, 278ff.; J. Cohen, Journal of a Jewish traveller, S. 115ff., 122ff.

„China“ In: Jüdisches Lexikon. Vier Bände (5 Teilbände), Band I, 1. Aufl., Berlin 1927.

Anmerkungen:

Der Lexikontext wurde in seiner Originalschreibweise belassen; * deutet auf einen korrespondierenden Artikel in diesem Nachschlagewerk hin; j = jüdisch; J = Jude(n); MA = Mittelalter; übr. = übrigen

Sigmund Feist:

Literatur:

Römer, Ruth, Sigmund Feist und die Gesellschaft für deutsche Philologie in Berlin. In: Muttersprache 103 (1993), 28-40

Römer, Ruth, Sigmund Feist: Deutscher – Germanist – Jude. In: Muttersprache 91 (1981), 249-308.

Internet:

http://en.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Feist

http://www.esf.uni-osnabrueck.de/biographien-sicherung/f/87-feist-sigmund

http://www.antiquario.de/webcgi?START=A50&MITES=1&AU=Feist+Sigmund&DBN=AQUI&ZG_PORTAL=autor

http://www.hagalil.com/2009/05/27/feist/

http://encyclopedia2.thefreedictionary.com/Sigmund+Feist

http://findingaids.cjh.org/?pID=476362

http://www.abebooks.com/9783933471253/Feldpostbriefe-Judischer-Soldaten-1914-1918-Briefe-3933471257/plp

http://aleph.nli.org.il/F/N4UYCUPM7A9KJ9Q344U84KQEBY6Y71X4TI6F9P7LL9A9IDL7GX-08946?func=find-b&amp=&amp=&amp=&request=000288019&find_code=SYS&local_base=RMB01&pds_handle=GUEST

http://www.crt-ii.org/_awards/_denials/_apdfs/Feist_Sigmund_den.pdf