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Hanukah: Das Licht Israels in der Welt

In einer interreligiösen Schule wurde Schülern der dritten Klasse in einer übergreifenden Einheit des Religionsunterrichtes die Aufgabe gestellt nach Beispielen für die Bedeutung von Licht in drei Religionen zu suchen und diese auszuführen. Die Kinder, die aus den verschiedensten Ländern und religiösen Traditionen stammten, berieten miteinander, berichteten, wie in ihren Familien Festtage begangen werden, recherchierten in der Bibliothek und im Internet und präsentierten schließlich ihre Ergebnisse…

Sonja Guentner

Die drei ausgewählten Religionen waren das Christentum, das Judentum und der Hinduismus und die Feste Weihnachten, Chanukka und Diwali. Die Schüler hatten gründlich gearbeitet. Ihnen war aufgefallen, dass die Feste alle in der kalten und dunklen Jahreszeit und kalendarisch nahe bei einander liegen und als Erklärung für diese Gemeinsamkeit gaben sie (zur Verblüffung ihrer Lehrer) den historischen Anfang aller drei Traditionen in der Nordhalbkugel an. Die Symbolik von Wärme und Licht war ihnen in diesem jahreszeitlichen Zusammenhang unmittelbar zugänglich. Genauso verhielt es sich natürlich mit der Bedeutung von gutem (und süßem) Essen, von speziellen Gegenständen für die religiösen Riten wie auch den Schmuck des Hauses, von Festgrüßen – und Glückwünschen (auch in Karten) und natürlich von Geschenken. Interessanterweise konnten nur die Kinder, die selbst in religiösen Familien lebten, die inhaltlichen Kontexte entwickeln.

Einem jüdischen Kind fiel dabei als Parallele auf, dass während der Adventszeit genau wie in der Chanukkawoche das Licht nicht auf einmal da ist, sondern langsam zunimmt. Ein christliches Kind erhielt viel Zustimmung, als es davon berichtete, dass in seiner Familie in der Weihnachtszeit viel als sonst im Jahr mehr zusammen gespielt, gelesen und musiziert wird. Besonders beeindruckend an dieser Einheit war die Fähigkeit der Kinder zunächst von den Ähnlichkeiten auszugehen. Sie nahmen die Unterschiede durchaus wahr und konnten sie auch beschreiben, aber ihr gemeinsames Lernen führte sie zu einer Suche nach Gemeinsamkeiten und einem verbindendem Verständnis, das sie mit Offenheit und Neugier und vor allem mit viel Respekt voreinander entwickelten. Seit dieser Zeit bin ich, das nur am Rande, überzeugt davon, dass alle Verantwortlichen für Lehrpläne Schüler daran mitschreiben lassen sollten. Vor allem aber habe ich in diesen acht- und neunjährigen Kindern die Unvoreingenommenheit und Selbstverständlichkeit im Umgang mit Diversität gesehen, die alle Menschen entwickeln und kultivieren müssen, die in pluralistischen Kontexten leben und arbeiten.

Es hat Hoffnung und Mut gemacht mitzuerleben, wie einfach das sein kann. Sie werden sich, wenn Sie bis hierher gelesen haben, so langsam fragen, was das mit der Chanukka-Ausgabe des UpJ-Newsletters zu tun haben könnte. Der Punkt ist folgender: diese Kinder haben uns gezeigt, dass selbstverständlicher Umgang mit Vielfalt weniger oder jedenfalls nicht in erster Linie eine moralische Grundhaltung ist, sondern vielmehr das Ergebnis von Erfahrung und Begegnung, von Kennenlernen und Wissen übereinander.

Vor wenigen Wochen konnte ich dann erleben, wie in New Yorker Supermärkten die ersten Sonderstände mit Weihnachtssachen aufgebaut wurden: Kerzen, Servietten, Lebkuchen und andere Süßigkeiten, Geschenkpapier und -aufkleber, kurzum allerlei Nützliches und allerlei Krimskrams, fast alles in Rot- und Grüntönen. Nur einen Tag später zog der Drogeriemarkt auf der Straßenseite gegenüber nach: es tauchte noch so ein großer Pappständer auf, eher in Blau-, Weiß- und Glitzertönen gehalten, mit all den Dingen, die wir an Chanukka so lieben: Leuchter mit den passenden Kerzen in allen Größen und Ausführungen, Dreidels, Chanukkageld, Geschenktütchen, Grußkarten (sogar so richtig lustige) und jede Menge anderer Kleinigkeiten, z. B. Babylätzchen, die mit Chanukkamotiven bestickt waren.

Da fielen mir die Kinder aus dem Reliunterricht wieder ein, denn viele Kunden, von denen die allermeisten sicherlich keine Juden waren, guckten auch diesen Ständer an auf der Suche nach Überraschungen oder Geschenkchen für Arbeitskollegen oder Freunde. Ich gebe gern zu, und unsere Rabbinerinnen und Rabbiner mögen es mir nachsehen, dass die hier beschriebene Ebene des Alltags nur eine oberflächliche ist im Vergleich zu den religiösen Inhalten, aber es ist gleichzeitig auch die, in der wir unseren nichtjüdischen Kollegen und Freunden, unserer Umwelt begegnen und ich möchte Sie alle herzlich einladen, in der jetzt beginnenden Chanukkazeit das Licht unserer Freude zu teilen und mitzuteilen.

Stellen Sie die Chanukkaleuchter, wie die Tradition es vorsieht, so auf, dass auch andere das Licht sehen und sich daran erfreuen können. Bringen Sie vielleicht eine große Ladung Sufganiot mit an den Arbeitsplatz und laden Sie die Kollegen zu einem Chanukkakaffeetrinken ein. Und vielleicht erklären Ihre Kinder ihren nichtjüdischen Freunden bei einer Dreidelparty, wie das Spiel richtig geht? Bestimmt haben Sie noch viel schönere Ideen und ich hoffe, dass wir alle ein wenig von der Offenheit und der Selbstverständlichkeit der Kinder aus dem Religionsunterricht selbst zurückgewinnen und sie als Licht in die Welt um uns herum bringen können. Ich wünsche Ihnen allen Chag Chanukka Sameach!

Die Autorin (2. v.l.) ist Vorsitzende der Union progressiver Juden in Deutschland

PS Einen wichtigen Hinweis in ganz anderer Sache hätte ich noch: Die Anmeldung für die EUPJ Tagung in Dresden im April 2014 ist jetzt eröffnet. Uns erwartet dort eine hervorragende Möglichkeit mit Freunden aus unseren Partnergemeinden in ganz Europa, den USA und Israel zusammen zu treffen, und das alles im wunderschönen Dresden. Verpassen Sie diese Gelegenheit nicht! Weitere Infos finden Sie auf der letzten Seite in diesem Newsletter.

Der Text erschien im Newsletter der Union progressiver Juden, Kislev 2013