Frankreichs Nationale Front: Du gehörst in den Ofen

Der Front National zwischen Bemühen um „Respektabilität“ und faschistischer Natur…


»Respekt! Kein Platz für Rassismus«
Von Bernard Schmid, Paris

Ablenkung durch Angriff auf Andere: Nach diesem guten alten AAA-Prinzip verfuhr der Front National jüngst im Umgang mit – nur zu gut begründeten – Rassismusvorwürfen. Diese drohten dem Bemühen seiner Chefin, Marine Le Pen, um „Entdämonisierung“ (dédiabolisation) nachhaltigen Schaden zuzufügen. Wie gut, dass es da noch andere Leute gibt, die sich mitunter Ähnliches vorwerfen lassen müssen wie die eigenen Parteigänger. Vielleicht lassen sich ja so die einen oder anderen Vorwürfe wegschieben.

Frankreichweit sorgte die Affäre um die rassistischen Sprüche einer (inzwischen „suspendierten“) FN-Kandidatin zu den Kommunalparlamentswahlen vom März 2014, Anne-Sophie Leclerc, über die Justizministerin und Karibikfranzösin Christine Taubira für Aufsehen. Die Ladenbesitzerin in den Ardennen hatte die dunkelhäutige Ministerin u.a. mit einem Affen verglichen und als „eine Wilde“ bezeichnet. Wie gut für die rechtsextreme Partei, dass es da unterdessen noch eine andere Affäre um rassistische Ausfälle gegen Taubira gibt.

Rassistische Ausfälle vom FN… und der UMP

Am 25. Oktober 13 besuchte die Ministerin Taubira die westfranzösische Stadt Angers. Dabei wurden von Gegnern der Homosexuellen-Ehe – bei deren Einführung durch ein neues Gesetz im Mai 2013 Christiane Taubira, als amtierende Justizministerin, eine wichtige Rolle spielte – u.a. Parolen skandiert wie: „Taubira, Du riechst übel!“ Die ärgsten Sachen wurden jedoch von Kindern gerufen, „unter dem amüsierten Blick der Eltern“, wie die Lokalpresse berichtet. Und ein circa zwölfjähriges Mädchen rief laut aus: „Eine Banane für die guenon (für das Affenweibchen)!“, und die Parole wurde auch von anderen Kindern wiederholt, die dabei Bananen schwenkten. Natürlich stammen diese ,Ideen‘ nicht von den Kindern selbst, für die politische Persönlichkeiten noch nicht zur Alltagsbeschäftigung gehören dürften, sondern ihre Alten stachelten sie dazu auf…[01]

Am 06. November 13 nahm die ganze Sache eine neue Wendung, welche für den FN sehr praktisch ausfällt. An jenem Tag publizierte die bürgerlich-konservative Tageszeitung Le Figaro eine Nachricht, der zufolge eine erwachsene Demonstrantin aus der Gruppe, aus deren Mitte heraus Christiane Taubira rassistisch beleidigt worden war, identifiziert worden war. Es handelt sich um Gabrielle de La Bigne, eine Aktivistin der konservativen UMP, die im laufenden Kommunalwahlkampf sehr aktiv und ferner die Schwägerin des Bezirksvorsitzenden des UMP-Jugendverbands – Philippe de la Bigne – ist. Diese Information stammte jedoch von einem Studierendenverband des Front National, dem nur örtlich aktiven RED (Rassemblement des étudiants de droite – „Sammlung der rechten Studenten“). Eine gleichnamige rechtsextreme Studentenvereinigung existierte in den 1990er Jahren mit Schwerpunkt Paris, frankreichweit wurde sie jedoch 2009 aufgelöst; in Angers existiert jedoch eine gleichnamige Organisation wieder seit den Studentenvertretungswahlen von 2012.

Unmittelbar nach dem Erscheinen des Artikels auf der Webseite des Figaro publizierte auch die FN-nahe, professionell betriebene Internetseite Nations presse info (NPI) dazu. Die rechtsextreme Studentenvereinigung RED kommt dort zu Wort und präzisiert, auf einem Video erkenne man Gabrielle de la Bigne, wie sie ein Kind stützt „und dabei anscheinend Bananen in der Hand hält“.[02]

Perfide erklärte die rechtsextreme Studentengruppe RED dazu, man verurteile selbstverständlich (hüstel hüstel, räusper) „solche Obszönitäten“. Umso widerwärtiger sei es, dass nach der Demo vom 25. Oktober 13 „sofort mit Fingern auf den FN gezeigt wurde“.

„Du gehörst in den Ofen“

Auf einem anderen Blatt steht sicherlich die Frage, ob es der extremen Rechten durch dieses (nicht ungeschickte Manöver) gelingen wird, ihre eigenen „Affären“ in der öffentlichen Meinung hintan stehen zu lassen.

Diese betreffen nicht allein die abgestürzte Kandidatin von Rethel in den Ardennen, Anne-Sophie Leclerc. Daneben sorgte auch der Austritt einer bisherigen Spitzenkandidatin des FN in Saint-Alban (nördlicher Vorort von Toulouse, rund 6.000 Einwohner/innen) für einigen Wirbel. Es handelt sich um die algerischstämmige Französin Nadia Portheault.

Die junge Frau und ihr Ehemann, Thierry Portheault, hatten anscheinend dem auf „Öffnung“ (und mitunter auch auf Respekt gegenüber den französischen Staatsbürgern mit ausländischen Wurzeln) abstellenden, vordergründigen Diskurs von Marine Le Pen vertraut. Thierry Portault kam von der konservativen UMP oder aus ihrem Umfeld. Beide traten dem FN bei. Madame schien dabei auch einigen Ehrgeiz an den Tag zu legen, beanspruchte die örtliche Spitzenkandidatur – und hatte zeitweilig vor, unter ihrem Mädchennamen (ihr Geburtsname lautet Djelida) zur Kommunalwahl anzutreten. Darauf musste sie, sofern ihre Angaben zutreffen, sich Dinge anhören wie den Vorwurf, „schon ihr Vorname sei ein Handicap“. Ein Funktionär des FN im Raum Toulouse soll ihr zufolge sogar geäußert haben: „Du und Deine Kinder, Ihr gehört in den Ofen!“ Ein anderer wieder habe sich „mit den Hakenkreuztätowierungen seines Bruders gebrüstet“ und sich stolz darüber gezeigt, dass ihr gemeinsamer Vater ein überzeugter Nazi-Anhänger gewesen sei.

Nadia Portheault trat vor die örtliche Presse, beschwerte sich über „schmierige Witze über Araber und Homosexuelle“ in den Reihen des FN, und erklärte mitsamt ihrem Ehemann ihren Parteiaustritt.[03] Der Front National reagierte darauf, indem er umgehend eine Strafanzeige wegen Verleumdung (diffamation) ankündigte. Diese soll durch die Pariser Parteiführung erstattet werden.[04] Allerdings klingt die erste Reaktion des Toulouser Spitzenkandidaten und historischen Anführers des FN im Département, Serge Laroze, nicht gar so wie ein energisches Dementi: „In allen Gruppen/ Menschenansammlungen kommt es vor, dass Leute über die Stränge schlagen, und man kann nicht alle kontrollieren.“[05] Der Generalsekretär der Partei, Steeve Briois, versuchte hingegen, der Sache einen anderen Anschein zu geben und es nach politischen Widersprüchen aussehen zu lassen: Thierry Portheault habe immer wieder seine frühere Partei – die UMP – verteidigt und im Grunde an ihr festgehalten, diese sei jedoch „ein politischer Gegner für uns“.[06]

Am 06. November 13 wurde ferner ein junger Kommunalwahlkandidat des FN im elsässischen Rixheim (13.000 Einwohner/innen, im Umland von Mulhouse) von der Liste heruntergenommen; er will aber lt. eigenen Worten weiterhin bei der Partei aktiv bleiben. Der 20jähige Joris Hanser war zuvor durch Einträge bei Facebook in der Öffentlichkeit angeeckt. Beispielsweise hatte er am 14. Oktober d.J. – also am Tag nach der Wahl eines FN-Kandidaten, Loris Lopez, mit einer Mehrheit von 53,9 % ins Bezirksparlament von Toulon – über den betreffenden Stimmkreis gewitzelt: „Heute morgen in Brignoles waren die Ausweise in der Unterpräfektur abzuholen.“ Das Wort ,Ausweise’ stand dabei auf Deutsch, es handelte sich also glasklar um eine Anspielung auf den Beginn der Nazibesatzung 1940.[07] Die Herrschaften haben nun einmal einen ganz bestimmten Sinn für Humor…

NACHTRAG :
In nächster Zukunft wird es an dieser Stelle besonders um das Verhältnis des FN zum konservativen Bürgerblock gehen. Um die Vorstöße von UMP-Chef Jean-François Copé für eine Verschärfung des Staatsbürgerschaftsrechts – die in breiten Kreisen als Signal für eine ideologische Annäherung an den FN gewertet wurden -, und um Beschwerden desselben Copé betr. antisemitische Anwürfe von FN-Mitgliedern gegen seine Person. Um die umstrittene Kranzniederlegung des FN-Politikers Florian Philippot am Grab von Charles de Gaulle, zu dessen 43. Todestag. Und um das Anwerben eines früheren hochrangigen Ministerialbürokraten unter den konservativen Staats- und Regierungschefs Jacques Chirac und Alain Juppé durch den FN: das Überlaufen von Philippe Martel. Sowie darum, wie Marine Le Pen sich mit ihren Auslassungen über die Rückkehr früherer französischen Geiseln aus der Sahelzone öffentlich in die Nesseln setzte… – Hinweisen möchten wir  noch auf unseren andernorts erschienenen Artikel zur Rolle des FN in der sozialen Krise in der Bretagne.

  1. Vgl. http://www.angersmag.info/Quand-les-opposants-au-mariage-pour-tous-depassent-les-bornes_a7994.html und http://www.lepoint.fr/societe/le-derapage-des-anti-mariage-gay-a-angers-26-10-2013-1748303_23.php  oder http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2013/10/27/97001-20131027FILWWW00042-racisme-taubira-a-nouveau-insultee.phpFerner wurde in der Nacht vom 24. zum 25. Oktober 13 ein Parteisitz der französischen Sozialdemokratie in Lorient (Bretagne) mit Anti-Taubira-Parolen und Slogans gegen die Homosexuellenehe beschmiert. Darunter fanden sich Sprüche wie „Tod dem Parti Socialiste“, „Wir geben nicht auf, fette Taubira“ oder auch einfach schlicht: „für den FN“. Vgl. http://www.europe1.fr/Politique/Tags-anti-Taubira-sur-une-permanence-PS-1687825/ []
  2. Vgl. http://www.lefigaro.fr/politique/2013/11/06/01002-20131106ARTFIG00321-taubira-insultee-a-angers-une-militante-embarrasse-l-ump.php und Nations Presse Info, Eintrag vom 06.11.2013: « Taubira insultée à Angers : Gabrielle de La Bigne, la militante qui embarrasse l’UMP ». []
  3. Vgl. http://www.voixdumidi.fr/municipales-une-candidate-fn-se-retire-denoncant-l-ambiguite-de-son-parti-61293.html oder http://www.ladepeche.fr/article/2013/11/05/1746297-saint-alban-origine-algerienne-candidate-fn-jette-eponge-denonce-racisme.html []
  4. Vgl. http://www.europe1.fr/Politique/Racisme-une-candidate-FN-demissionne-le-parti-l-attaque-1698295/ []
  5. Vgl. http://www.voixdumidi.fr/municipales-une-candidate-fn-se-retire-denoncant-l-ambiguite-de-son-parti-61293.html []
  6. Wie Fußnote Nr. 4. []
  7. Vgl. http://www.lepoint.fr/politique/fn-reseau-social-tu-perds-ton-sang-froid-08-11-2013-1753507_20.php []