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Tod in der Wüste: Wer hat den Befehl gegeben?

Zum Thema Organ- und Menschenhandel, auch im Sinai, ist anzumerken, dass eine Änderung der entsetzlichen Zustände nicht nur durch Druck und Abschiebung auf weiter vorgelagerte Staaten, wie Italien, Ägypten oder Israel, erreicht werden kann. Auch die humanitäre Hilfe für die Betroffenen, ob auf der Flucht oder noch in der Heimat, ist eher symptomatisch als kurativ und braucht lange Zeit, bis der Einsatz Früchte zeigt…

David Gall

Nehmen wir nur jene Bilder und Erkennntnisse die das CNN-Team im Rahmen der Reportage „Death in the Desert“ am allermeisten schockierten. Es waren die Umstände rund um den Organhandel. Hier offenbaren sich grauenhafte Zusammenhänge und jeder Mensch begreift, dass er hier in tiefste Abgründe menschlicher Existenz. Für die meisten ist das so verstörend, dass das Thema regelmäßig viel zu schnell von der Tagesordnung verschwindet. Jeder könnte plötzlich selbst betroffen sein, keiner will es sich vorstellen. In unserer Gesellschaft ist schon der Tod allein ein Tabu. Wo wollen wir da ein darwinistisches „ein Leben für mein Leben“ einordnen?

Das Thema ist in archaisches Dunkel gehüllt. Ab und an beleuchten Scheinwerfer ein Horrorcamp im Sinai, oder werfen Licht auf Organhandel und Skandale an deutschen Unikliniken.

So sehr das Thema dann auf den Nägeln brennt, so leicht wäre es lösbar, wie es auch ein palästinensischer Chirurg von Weltrang, einer der Hauptangeklagten im Göttinger Transplantationsskandal, dem erstaunten Prozesspublikum erklärte.

Denn täglich werden Tausende bester Organe verbrannt oder verbuddelt, nur weil die Bundesregierung nicht den Mut hat sich einer Kontroverse auszusetzen, denn dass hier dringendes Regierungshandeln notwendig wäre muss jedem klar sein, der sich auch nur entfernt mit der Thematik befasst.

Jedem marktwirtschaftlich ausgerichteten Betrachter ist klar, dass auch hier ein einfacher Zusammenhang besteht, zwischen Nachfrage bzw. Bedarf und einem – per Gesetz – knapp gehaltenen Angebot. Warum sind denn Menschen als Organlager und -quelle soviel wertvoller, als z.B. als Arbeitskraft? Weil die Preise für menschliche Organe so hoch sind, dass es sich nur Reiche und Mächtige leisten können, sich Organe unabhängig von den strengen Kriterien zur Organvergabe zu besorgen. Vielleicht kann man das träge Aussitzen auf der Regierungsbank ja auch mit dem beruhigenden Wissen der Mächtigen und Reichen erklären, denn für die „wahren Leistungsträger“ wird sich schon eine Niere finden, im Fall des Falles. Legal oder mit Geld.

Das Angebot ist knapper als es sein müsste, zumindest in Deutschland oder auch in Israel. In Spanien beispielsweise ist die Lage viel entspannter. Wer dort der Ansicht ist, sein Schöpfer werde ihn nur dann wieder annehmen, wenn er zuvor seinen Corpus in toto dem Verfaulen anheim gegeben habe, dann kann er dies gerne schriftlich notieren. Niemand wird ihn oder seine Angehörigen mit der Frage behelligen, ob er vielleicht bereit sei, selbst im Tod, noch einem anderen Menschen das Leben zu retten.

[ORGANSPENDAUSWEIS]

Es mag filosofisch-religiöse Gründe geben, eine solche Bitte abzulehnen. Die Angst vor der Zeit ausgeschlachtet zu werden hingegen ist unbegründet. Im Gegenteil: Es wird niemand so gründlich untersucht, ob er denn wirklich für tot erklärt werden kann, wie ein Lebensspender. Eine groß angelegte Aufklärungskampagne, intelligent und ehrlich gemacht, könnte hier schon extrem viel bewirken. Dass hier so wenig geschieht, ist kaum zu glauben, reden wir doch von einem Notstand, von dem Zehnttausende Menschen betroffen sind, jedes Jahr, alleine in Deutschland. Doch die Betroffenen haben im Moment der Notlage keine Kraft mehr zum Schreien, geschweige denn, sich zu organisieren. Und die es überlebt haben, wollen erst mal alles vergessen.

Dass hier Ärzte Ergebnisse gefälscht haben, um das Leben ihrer Patienten zu retten, mag verwerflich sein. Dass hier sogar Menschen aus Arabien, reiche Menschen, sich mit viel Geld auf Transplantationslisten einkaufen konnten und dass sich deutsche Industrielle in Brasilien auf die Suche machen müssen, das alles ist grauenhaft.
Aber noch viel verwerflicher ist es zuzulassen, dass täglich Tausende lebensrettende Organe verrotten oder verbrennen, nur weil sich niemand des Themas annimmt.

Wozu ist eigentlich eine Regierung da?

Bisher fielen die zuständigen Regierung, z.B. in Bayern, nur durch stammtischfreundliche Straf-Maßnahmen auf. Köpfe müssen rollen und Chirurgen von Weltruf werden in die Wüste geschickt. Die in den geschlossenen Zentren liegenden Patienten müssen selbst schauen, wo sie bleiben. Irgendwo werden sie schon unterkommen und die Araber sollen sich mal selbst ein Zentrum bauen… Stammtisch halt.

Aber wo ist die Regierung? Wer soll denn etwas wirksames tun, wenn nicht die Regierung bzw. der Bundestag mit einer funktionierenden Oposition. Es geht um viele Tausend Menschenleben, jedes Jahr!

[ORGANSPENDAUSWEIS]

PS: Die Deutsche Stiftung Organtransplantation schlägt Alarm: Seit den Skandalen in deutschen Transplantationskliniken 2012 sinkt die Bereitschaft zur Organspende dramatisch. Allein in den ersten Monaten dieses Jahres ist die Zahl der Spender um fast ein Fünftel zurückgegangen. Dabei benötigen derzeit etwa 12.000 Deutsche dringend ein lebensrettendes Spende-Organ. Jede Woche sterben Dutzende Schwerkranke, weil sie vergeblich auf ein Organ warteten.