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Granada capta: Die Vertreibung aus Spanien

Als Ferdinand und Isabella zu Beginn des Jahres 1492 in das den Mauren endlich entrissene Granada feierlichen Einzug hielten, bemächtigte sich der christlichen Massen grenzenloser Enthusiasmus. Der katholische Einheitsstaat stand nunmehr unerschütterlich fest, und die letzte Abrechnung mit den Juden schien keinen Aufschub mehr zu dulden…

Ein ganzes Jahrhundert der Verfolgungen drängte gleichsam  mit schicksalhafter Notwendigkeit auf dieses Ende hin. Wie später die Mauren, so sollten schon jetzt die Juden ein Opfer des spanischen Unifizierungswahns werden. Kaum waren drei Monate nach der Besetzung von Granada vergangen, als Ferdinand und Isabella in der neu eroberten Stadt das folgende, hier in seinen wesentlichsten Teilen im Wortlaut wiedergegebene »Gcneraledikt über die Ausweisung der Juden aus Aragonien und Kastilien« erließen (31. März 1492):

»In unseren Königreichen gibt es nicht wenig judaisierende, von unserem heiligen katholischen Glauben abgeirrte böse Christen, was vor allem auf den Verkehr der Juden mit den Christen zurückzuführen ist. Die gerechte Justiz, die an den sich gegen unseren heiligen Glauben schwer versündigenden Juden geübt wurde, war nicht imstande, diesem gefährlichen Übel abzuhelfen. Wir haben daher den Beschluß gefaßt, alle Juden für immer aus den Grenzen unseres Reiches zu weisen.
So verfügen wir hiermit, daß sie allesamt ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters nicht später als Ende Juli dieses Jahres unsere königlichen Besitztümer und Seigneurien verlassen und daß sie es nicht wagen sollen, das Land zwecks Ansiedlung, auf der Durchreise oder sonst zu irgendeinem Zweck je wieder zu betreten. Sollten sie aber ungeachtet dieses Befehls in unserem Machtbereich ergriffen werden, so werden sie unter Ausschaltung des Gerichtsweges mit dem Tode und der Vermögenseinziehung bestraft werden«.

Hunderttausende von Juden, deren Vorfahren noch vor der Entstehung des Christentums in Spanien ansässig gewesen waren, sollten also um des Ruhmes der Kirche willen das Land verlassen, in dem sie in Gemeinschaft mit Muselmanen und Christen die materielle und geistige Kultur zu höchster Entfaltung gebracht und auch ein eigenes, in der Rangordnung unmittelbar nach Palästina und Babylonien stehendes nationales Zentrum geschaffen hatten. Noch im letzten Augenblick versuchten Isaak Abravanel und Abraham Senior das Furchtbare abzuwenden, indem sie Ferdinand und Isabella für die Widerrufung des Ausweisungsedikts eine riesige Geldsumme, angeblich 30.000 Dukaten, anboten. Da tauchte aber der Großinquisitor Torquemada mit einem Kreuz in der Hand im königlichen Palast auf und rief dem schwankend gewordenen Herrscherpaar zornig zu: »Judas Ischariot hat Christus für dreißig Silberlinge verraten, und ihr wollet ihn nun für dreißigtausend preisgeben. Hier ist er, nehmet und verschachert ihn!« Das »christliche Gewissen« des Königs und besonders der Königin erwachte von neuem und die jüdischen Abgeordneten wurden abgewiesen. Das Los der spanischen Judenheit war besiegelt.

Der Auszug der zu Heimatlosigkeit und völliger Verarmung Verurteilten setzte ein. Zwar räumte das Ausweisungsedikt den Juden eine Frist zur Liquidation ihres Besitzes ein, doch war sie so kurz bemessen, daß die ins Exil Gehenden ihr ganzes Hab und Gut für ein Nichts hergeben mußten: ein wohl eingerichtetes Haus wurde gegen einen Esel eingetauscht, der ertragreichste Weinberg gegen ein paar Meter Tuch. Die Veräußerung hatte übrigens auch wenig Zweck, da Gold und Edelmetalle überhaupt nicht ausgeführt werden durften. Wohl bestand die Möglichkeit, dem jetzt besonders eindringlich gewordenen Lockruf der Missionare zu folgen und dem Unheil durch die Taufe zu entrinnen; doch die wenigsten erlagen der Versuchung — unter diesen wenigen allerdings der der Königin Isabella nahestehende Rabbiner Senior, bei dessen Taufe König und Königin höchstpersönlich Gevatter standen. Ein merkwürdiger Zufall wollte cs, daß die Tage des Auszugs gerade in die nationale Trauerwoche, in die erste Dekade des Monats Aw 5252 fielen.

Etwa 200.000 Juden nahmen gebrochenen Herzens Abschied von den Gräbern ihrer Väter und zogen in die Fremde. Fast die Hälfte wandte sich nach Portugal, ein Teil nach Navarra, der Rest nach der Türkei und Italien, unter ihnen auch Isaak Abravanel, der sich zusammen mit einer Gruppe von Auswanderern in Neapel niederließ. Hunger, Krankheit und Tod waren die unzertrennlichen Reisegefährten der Exulanten.

Nachdem sie die Juden losgeworden war, rückte die spanische Inquisition mit frischer Kraft den inzwischen zu politischer Belanglosigkeit herabgesunkenen Mauren zu Leibe, die später gleichfalls vor die Wahl zwischen Taufe und Ausweisung gestellt wurden. (Die Lage der insgeheim am Islam festhaltenden Zwangskonvertiten, der »Moriscos«, glich der der judaisierenden Marranen.)

Die konfessionelle Einheit wurde so in Spanien hergestellt, doch geriet das Land zugleich auf die abschüssige Bahn des wirtschaftlichen und kulturellen Verfalls. Eine Zeitlang wirkte freilich der jüdische Unternehmungsgeist in den vielen Tausenden der im Lande verbliebenen Marranen noch weiter fort; nach deren im 16. Jahrhundert beginnenden Massenflucht jedoch wurde der Niedergang Spaniens unaufhaltsam.

Bürgersinn und Kultur erstickten im Rauche der Scheiterhaufen, die Sitten wurden immer roher und das Land, in dem einstmals die arabisch-jüdische Renaissance erblüht war, verwandelte sich in eine tote Einöde der Mönche.

Portugal

Etwa die Hälfte der Exulanten aus Spanien zog, wie oben erwähnt, nach Portugal, das schon ein ganzes Jahrhundert den Juden als Zufluchtsstätte diente. Die Flüchtlinge aus Kastilien, die im Schreckensjahr 1391, vom Tode bedroht, die Taufe hatten nehmen müssen, erhielten in Portugal die Möglichkeit, wieder zu ihrem alten Glauben zurückzukehren, da der dortige Großrabbiner Moses Navarro Juan I. auf Grund päpstlicher Bullen von der Rechtswidrigkcit der gewaltsamen Taufe zu überzeugen vermocht hatte.

Als katholischer Herrscher konnte freilich Juan I. nicht umhin, Neubekehrten und bezeichnenderweise auch jedem Christen, der eine Jüdin bekehren und ehelichen würde, besondere Vorrechte zu verheißen und daneben an die Vorschrift über das Judenabzeichen sowie an sonstige antijüdische Kirchenregeln immer wieder zu erinnern. Wie wenig ernst aber der König solche Vorschriften nahm, ist daraus ersichtlich, daß der Klerus ihm gegen Ende seiner Regierung wegen Einsetzung von Juden in Staatsämter die bittersten Vorwürfe machte (1427). Ein gutes Andenken bewahrten die Juden dem Enkel Juans I., Alfons V. (1447—1481). Als es in Lissabon im Jahre 1449 zu antijüdischen Ausschreitungen kam, wie sie im benachbarten Spanien üblich waren, verhängte der König über die von der Geistlichkeit und der christlichen Kaufmannschaft aufgestachelten Raufbolde die Prügelstrafe.

Don Isaak Abravanel

Das Vertrauen Alfons’ V. genoß lange Zeit hindurch der bereits mehrfach erwähnte Don Isaak Abravanel (1437—1508), Sproß einer Familie, deren Geschick die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts versinnbildlicht. Isaaks Großvater, der Würdenträger und Mäzen Samuel, wurde in Sevilla im Schreckensjahre 1391 zur Taufe gezwungen, flüchtete sodann nach Lissabon und kehrte dort zum Judentum zurück. Sein Sohn Juda Abravanel, der Vater des Don Isaak, wirkte als königlicher Finanzagent, und Don Isaak selbst wurde von Alfons V. zu seinem Schatzmeister ernannt.

Er war ein Mann von größter Gelehrsamkeit, dessen literarische Schaffenskraft sich aber erst nach der Verbannung aus Spanien voll entfaltete. Isaak Abravanel schildert die Zeit seiner Wirksamkeit am portugiesischen Hofe (1465 —1481) als »ein sorgloses Leben in einem mit Schätzen angefüllten Hause«, in dem geborgen und mit allen Freuden des menschlichen Daseins gesegnet, er sich mit den um ihn versammelten Weisen »über Bücher und Schriftsteller, über feinen Geschmack, über Wissen und Gottesfurcht« unterhalten konnte.

Nach dem Tode Alfons’ V. wurde jedoch Don Isaak von dem neuen König Juan II. (1481 —1495) der Beteiligung an den hochverräterischen Umtrieben seines Freundes, des Herzogs von Braganza, verdächtigt und sah sich genötigt, nach Kastilien zu fliehen. Dem neuen glanzvollen Aufstieg, den der jüdische Staatsmann dort erlebte, setzte bekanntlich erst die Katastrophe des Jahres 1492 ein Ziel.

Die rund hunderttausend spanischen Exulanten, für die eine von dem Senior der kastilischen Rabbiner Isaak Aboab geführte Deputation bei König Juan II. Einlaß nach Portugal erwirkt hatte, durften dort auf Grund der erteilten Genehmigung nicht länger als acht Monate bleiben und auch dies nur gegen Entrichtung einer hohen Gebühr. Ausnahmen wurden lediglich für die kapitalkräftigsten Exulanten sowie für hochqualifizierte Handwerker, namentlich für Waffenschmiede, gemacht.

Seinem ganzen Wesen nach war Juan II. kaum besser als Ferdinand der Katholische. Setzte er doch auf eine Aufforderung des Papstes hin in seinem Reiche eine besondere Inquisitionskommission zur Fahndung nach aus Spanien geflüchteten Marranen ein. Als nun zu Beginn des Jahres 1493 unter den notleidenden spanischen Exulanten eine Epidemie ausbrach, nahmen die Behörden dies zum Anlaß, um die Heimatlosen zur Weiterreise zu drängen. Von Lissabon und Oporto aus fuhren Schiffe ab, die aber ihre »von Gott verdammte« Menschenladung nirgends absetzen konnten. So waren denn die Unglücklichen der Willkür der Schiffskapitäne ausgeliefert, die sie wie Sklaven behandelten und ihnen zuweilen sogar ihre Frauen und Töchter wegnahmen. Eines Tages wurde eines dieser Schiffe bei Malaga an die ihnen verwehrte spanische Küste verschlagen, und alsbald erschienen Abgesandte des dortigen Bischofs an Bord, die den Kapitän dazu bestimmten, den in seiner Gewalt befindlichen Juden die Nahrung zu entziehen, um sie zur Taufe zu zwingen. Ein Teil der Gepeinigten geriet denn auch in die Gefangenschaft der Kirche, nicht weniger als fünfzig von ihnen blieben aber fest und starben den Hungertod.

Kaum beneidenswerter war das Los derjenigen, die über die festgesetzte Frist hinaus in Portugal verblieben: vielen von ihnen wurden ihre Kinder weggenommen und nach einer fernen Insel verschickt, um dort im christlichen Glauben erzogen zu werden.
Bald sollte sich auch das Schicksal der gesamten portugiesischen Judenheit erfüllen. König Manuel, der Ende 1495 Juan II. auf dem Throne gefolgt war, hätte vielleicht unter dem Einflüsse seines jüdischen Hofastrologen, des bekannten Mathematikers Abraham Zacuto, dazu bewogen werden können, den Juden in Portugal die traditionelle Protektion zu gewähren. Als jedoch der neue König um die Hand der spanischen Infantin, der Tochter Ferdinands und Isabellas, anhielt und diese ihre Einwilligung in die Ehe von der restlosen Vertreibung der Juden aus Portugal abhängig machten, waren die Würfel gefallen.

Ohne Rücksicht auf die in seinem Staatsrat geäußerte Meinung, daß die Ausweisung für Portugal verderbliche Folgen haben könnte, Unterzeichnete der König am 25. Dezember 1496 nach dem Beispiel Englands, Frankreichs und Spaniens ein Edikt, wonach alle Juden, sowohl die alteingesessenen wie die zugewandcrten, das Land binnen zehn Monaten zu verlassen hatten. Der König erwartete offenbar, daß die von der Ausweisung Bedrohten in hellen Scharen zum Christentum übertreten und daß ihm dadurch seine dem Lande so nützlichen Untertanen doch erhalten bleiben würden. Diese Berechnung erwies sich aber als falsch, und Manuel beschloß nun, in Nachahmung des Verfahrens seines Vorgängers, wenigstens die Kinder der Juden für das Christentum mit Beschlag zu belegen. Im Frühjahr 1497 spielten sich in Lissabon, Evora und anderen Städten Portugals herzzerreißende Szenen ab. Man riß die jüdischen Kinder aus den Armen ihrer Eltern und »zerrte sie — nach dem Bericht des Bischofs Coutinho, eines weißen Raben in dem schwarzen Heere seiner Berufsgenossen — an den Haaren zum Taufbecken«. Viele gaben ihren Kindern und sich selbst den Tod, indem sie sich zusammen mit ihnen ins Meer stürzten.

Wie sehr dem König daran lag, die Juden, sei es auch unter der Maske von Neuchristen, dem Lande zu erhalten, zeigt sein Dekret vom Mai desselben Jahres, in dem er jüdischen Scheinkonvertiten für die Dauer von zwanzig Jahren Schutz vor den Verfolgungen der Inquisition zusicherte. Da auch dieses Dekret keinen nennenswerten Erfolg hatte, nahm man viele Tausende von Juden, die im Hafen von Lissabon vor der Abfahrt standen, unter dem Vorwand, sie hätten die ihnen bewilligte Gnadenfrist überschritten, fest und zwang sie mit den brutalsten Mitteln zur Taufe. Vergeblich suchte mancher Dulder, seinem Leben mit eigener Hand ein Ende zu machen: »Selbst der Weg zum Tode wurde ihnen versperrt« — berichtet der jüdische Chronist. Erst nachdem sich König Manuel überzeugt hatte, daß es unmöglich war, die Auswanderungsbereiten allesamt unter das Joch der Kirche zu zwingen, ließ er sie ziehen. Die Auswanderung erstreckte sich über das ganze Jahr 1498; wiederum waren es die Länder Nordafrikas, ferner Italien und die auf den Trümmern von Byzanz erstandene Türkei, in denen die enterbten Sephardim ein ständiges Asyl zu finden hofften.

Ihre in Portugal zurückgebliebenen Brüder aber, die man gezwungen hatte, sich als Christen auszugeben, teilten fortan das Schicksal der spanischen Marranen und standen noch volle zwei Jahrhunderte unter der Aufsicht der portugiesischen Inquisition.

In demselben Jahre, 1498, entschied sich auch das Los der Juden in dem inzwischen dem Reiche Ferdinands des Katholischen angegliederten Navarra: vor die Wahl zwischen Exil und Taufe gestellt, gab ein Teil dem Zwange nach, der Rest aber ergriff den Wanderstab und zog der Ungewißheit entgegen.
$ 27. Die endgültige Zerstörung des französischen Zentrums
Bereits ein Jahrhundert vor der Zerstörung des jüdischen Zentrums in Spanien war der Judenheit Frankreichs der Todesstoß versetzt worden. Ehe es aber zu der endgültigen Katastrophe kam, hatten die französischen Juden einen qualvollen Todeskampf zu bestehen, der das ganze 14. Jahrhundert andauerte. Kaum war nämlich ein Jahrzehnt seit der Judenvertreibung von 1306 vergangen (oben, § 19), da nahm die Zerrüttung des Geldmarktes in Frankreich so bedrohliche Dimensionen an, daß der neue König Ludwig X. sich veranlaßt sah, die Exulanten zur Rückkehr aufzufordern (1315). Unter ausdrücklicher Berufung auf die »einhellige Stimme des Volkes« sicherte der König den Juden in seinem diesbezüglichen Dekret für die Dauer von zwölf Jahren neben dem Niederlassungsrecht Handelsund Gewerbefreiheit zu und gestattete ihnen, nicht nur Geld auf Zinsen (bis zu 43 Prozent) auszuleihen, sondern sogar einen gewissen Teil der ihnen von früher her geschuldeten Beträge einzutreiben. Auch wurde ihnen ein Rückkaufsrecht für die noch unversehrt gebliebenen Synagogen und Friedhöfe eingeräumt. Andererseits mußten sie sich aber verpflichten, ein kreisförmiges Abzeichen auf dem Ge-wand zu tragen und sich jeglicher religiöser Auseinandersetzung mit Christen zu enthalten. Viele jüdische Familien, insbesondere die weniger wohlhabenden, die in den französischen Randgebieten sowie im Auslande noch nicht festen Fuß gefaßt hatten, folgten denn auch dem königlichen Rufe. Besondere Kommissionen, zusammengesetzt aus Kronbeamten und Vertretern der wiedererstehenden jüdischen Gemeinden, überwachten das anscheinend unter den günstigsten Auspizien eingeleitete Werk der Restauration. Die Mächte der Unwissenheit und des Aberglaubens, in deren Bann das gemeine Volk in Frankreich stand, machten indessen alle Hoffnungen bald zuschanden.
Im Jahre 1320 wurde nämlich die französische Bauernschaft von einer Bewegung ergriffen, die unter dem Namen »Zug der Pastorellen« bekannt geworden ist — eine Bezeichnung, die darauf zurückgeht, daß der Führer der ganzen Bewegung ein Hirte war, der sich vom Heiligen Geist selbst dazu berufen glaubte, an der Spitze eines Kreuz-
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