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Spanien (1492) und Portugal (1498): Inquisition und Vertreibung

Nach der Vereinigung der beiden Länder Aragonien und Kastilien (s. Karte), die durch die Ehe zwischen Ferdinand dem Katholischen mit der Thronerbin Isabella von Kastilien zustandegekommen war (1474), brach für Spanien eine neue Ära an…

Simon Dubnow

Das Herrscherpaar wollte sich nicht mit der politischen Einheit allein begnügen, sondern setzte es sich zum Ziel, auch die religiöse Einheit, die gewaltsame Verschmelzung aller im vereinigten Königreich vertretenen Stämme im Schmelztiegel der katholischen Kirche, endgültig zum Abschluß zu bringen. Von den beiden Aspekten, unter denen sich hierbei die Judenfrage darbot: dem der judaisierenden Marranen oder »Geheimjuden« und dem der eigentlichen Juden, trat zunächst der erste in den Vordergrund des Interesses. Die erstarkte Staatsgewalt hatte es nicht mehr nötig, das Heil von Straßenexzessen zu erwarten und konnte getrost auf legalem Wege vorgehen.

Als wirksamstes Mittel erschien hierbei die Errichtung von Inquisitionstribunalen zur Überführung und Bestrafung der Ketzer. Während die diesbezüglichen Verhandlungen mit Papst Sixtus IV. noch schwebten, überreichten die Spitzen der Geistlichkeit von Sevilla dem Herrscherpaar eine Denkschrift, in der sie darauf hinwiesen, daß Andalusien voll von Judaisierenden sei, zu denen nicht wenig hochgestellte Persönlichkeiten gehörten, und auf schleunigste Durchführung der geplanten Säuberungsaktion drängten. Obschon die mit dem Hof und dem Hochadel eng verbundenen Marranen alle Hebel in Bewegung setzten, um den Verfolgungsplan nicht zur Tat werden zu lassen, konnten sie gegen den Klerus, der in dem Beichtvater der Königin, dem Dominikanerprior Thomas Torquemada, einen übermächtigen Sachwalter hatte, nicht aufkommen.

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So wurde denn im Jahre 1480 mit dem Segen des Papstes in Sevilla, der Hochburg der Neuchristen, das erste Inquisitionstribunal ins Leben gerufen und gleichzeitig wurden dort sowie in einer Reihe anderer von der Ketzerei »infizierten« Städte Maßnahmen ergriffen, um die Marranen von den Juden völlig zu isolieren.

Sevilla, das einstige Hauptquartier des »Heiligen Krieges«, war nunmehr auch zur Metropole der Inquisition geworden. Allen Christen wurde es zur strengen Pflicht gemacht, die des Judaisierens Verdächtigen anzuzeigen. Die Bespitzelung nahm ungeheure Dimensionen an. Schon allein das Anlegen von festlicher Kleidung an einem Sabbattage genügte, um von den Spürhunden denunziert zu werden und in die Klauen der Inquisition zu geraten.

Eine Gruppe von Marranen beschloß, den in ihre Häuser eindringenden Häschern bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen; doch ihr Vorhaben wurde bekannt, und alle Beteiligten verschwanden in den Verließen des »geistlichen Gerichts«. Als ein Teil der Verfolgten den Versuch machte, sich durch Flucht zu retten, erging der Befehl, die Flüchtlinge, wo sie auch angetroffen würden, festzunehmen und nach Sevilla zurückzuschaffcn. Die Zahl der Verhafteten stieg in die Hunderte. Sie alle, Männer und Frauen, wurden in den unterirdischen Gängen der Klosterfeste von Sevilla der grausamsten Tortur unterzogen, durch die sie nicht nur zum Geständnis der eigenen Schuld, sondern auch zum Verrat an Verwandten und Freunden gezwungen werden sollten.

Die Uberführten wurden vom Tribunal in der Regel zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Im Weichbild der Stadt wurde ein besonderer Richtplatz (Quemadero) angelegt, an seinen vier Enden mit Standbildern der Propheten geschmückt, die übrigens ein später an derselben Stätte als Ketzer verbrannter Marrane gestiftet hatte.

Das erste »Autodafe« (actus fidei, d. h. Glaubensgericht) fand am 6. Februar 1481 unter feierlichen Kirchenzeremonien auf diesem Platze statt, und bis zum November desselben Jahres starben in Sevilla insgesamt etwa 300 Marranen den Flammentod. Ihr ganzer Besitz fiel dem königlichen Schatz zu, sodaß die Verfolgung der wohlhabenden Ketzer für den geldgierigen Ferdinand ein höchst einträgliches Geschäft bedeutete.

Die vom Inquisitionstribunal in Sevilla verübten Greueltaten waren so entsetzlich, daß selbst sein Stifter, Papst Sixtus IV., sich auf eine Beschwerde nach Rom geflüchteter Marranen hin veranlaßt sah, das grausame Strafverfahren auf Grund unüberprüfter Denunziationen entschieden zu verurteilen. Auch wies er darauf hin, daß die Maßnahmen gegen die Marranen gar oft »nicht von Glaubenseifer und von Sorge um das Seelenheil, sondern von Gewinnsucht« eingegeben würden (1482). Ferdinand der Katholische kümmerte sich aber nicht um die päpstlichen Ermahnungen, und das Oberhaupt der Kirche mußte schließlich sogar in die Errichtung neuer Inquisitionstribunale sowohl in Kastilien als auch in Aragonien willigen.

Das in seiner Handlungsfreiheit nicht länger behinderte Herrscherpaar setzte einen »Höchsten Inquisitionsrat« (Suprema) ein und betraute mit dem Amt des Generalinquisitors den bereits erwähnten Thomas Torquemada (1483), dessen Name für alle Zeiten mit den grauenvollsten Untaten der »geistlichen Gerichte« verbunden ist.

Bis heute ein schrecklicher Name: Thomas Torquemada

Die von dem eisernen Willen des finsteren Mönches gelenkte Institution forderte überall in Spanien Hekatomben von Menschenopfern. Der von Torquemada ausgearbeiteten Instruktion zufolge wurde in jeder Stadt vor der Eröffnung der Session des Inquisitionstribunals eine »Gnadenfrist« für reumütige Sünder verkündet, die ihren Gesinnungswandel namentlich durch Preisgabe von Mitschuldigen zu bekräftigen hatten. Nachdem die Reuigen in einem Bußgewand, dem »Sanbenito«, die Straßen durchzogen oder eine Kerkerstrafe verbüßt und überdies einen Teil ihres Vermögens geopfert hatten, galten sie als »mit der Kirche ausgesöhnt«.

Die »Unversöhnlichen« verfielen der Folterung und im Falle einer Widerrufung des ihnen abgezwungenen Geständnisses wurden sie verschärfter Tortur unterzogen. Die für sie vorgesehene Todesstrafe war »die Hinrichtung ohne Blutvergießen« — die Verbrennung bei lebendigem Leibe. Die Kinder der Hingerichteten wurden deren Henkern, den Inquisitoren, zur Erziehung übergeben. An flüchtigen Marranen wurde die Strafe »in effigie« vollzogen, indem man die Betreffenden darstellende Popanze verbrannte. Nach dem Tode überführte »Sünder« wurden in der Weise bestraft, daß man ihre Gebeine in Flammen aufgehen ließ und ihre Hinterlassenschaft den rechtmäßigen Erben entzog.

Saragossa

Der Terror der Inquisition brachte in der Hauptstadt Aragoniens, Saragossa, einen Gegenterror von seiten der Marranen hervor. Als eines Tages das Haupt des dortigen Inquisitionsgerichts, der Kanonikus Pedro Arbuez, zum Morgengebet in die Kirche kam, wurde er von Verschwörern aus der Mitte der Marranen, in deren Plan auch Angehörige der christlichen Oberschicht eingeweiht waren, überfallen und erdolcht (1485). Die Verzweiflungstat hatte aber nur eine weitere Verschärfung des Inquisitionsterrors zur Folge.

Jahre hindurch wurde in Saragossa ein »Glaubensakt« nach dem anderen geleiert, und neben den judaisierenden Marranen kamen in den Flammen immer wieder Märtyrer um, die der Beteiligung an dem Komplott gegen Arbuez verdächtigt wurden.

In Barcelona war die Tätigkeit der Inquisitoren hauptsächlich auf die »Versöhnung« der Ketzer mit der Kirche gerichtet und bis zum Jahre 1492 ließen sie nur etwa fünfig von ihnen den Flammentod sterben.

Toledo

Am erfolgreichsten war das »Versöhnungswerk« in Toledo. Auch in der Hauptstadt Kastiliens wurden zwar im Jahre 1486 viele Angehörige der höchsten Kreise sowie mehrere Geistliche als Judaisierende in den Tod geschickt. Die große Mehrheit der Marranen von Toledo aber, deren Zahl in die Tausende ging, machten von der ihnen bewilligten »Gnadenfrist« Gebrauch, und die Autodafés spielten sich dort in Form von feierlichen Umzügen ab, bei denen die Bußfertigen barfuß, halbnackt, entblößten Hauptes, dem Hohn der schaulustigen Menge preisgegeben, durch die Straßen schreiten mußten, um erst dann als Christen minderen Rechts in die Kirche wieder aufgenommen zu werden.

Wie grausam indessen die Inquisition gegen die Marranen wütete, wie rücksichtslos Torquemada ihre Absonderung von den eigentlichen Juden auch betrieb, die Zahl der unversöhnten und unversöhnlichen Geheimjuden blieb im Lande noch immer sehr groß, und immer deutlicher wurde es, daß Marranentum und Judentum unzertrennlich miteinander verbunden waren. Der Versuch, die Rabbiner zur Denunziation der insgeheim an den jüdischen Gebräuchen festhaltenden Neuchristen zu zwingen, schlug fehl, und so kam man schließlich auf den Gedanken, daß der einzige Weg zur endgültigen Christianisierung der Marranen die restlose Vertreibung der Juden aus Spanien sei.

Wenn die Juden im ersten Jahrzehnt der Inquisitionsherrschaft fast unbehelligt blieben, so hatte dies seinen Grund vor allem darin, daß die spanische Regierung in den schweren Jahren des Krieges gegen Granada, den letzten Stützpunkt der muselmanischen Macht auf der Pyrenäischen Halbinsel, in hohem Maße auf die jüdischen Steuerpächter und Finanzagenten angewiesen war.

Die Ironie des Schicksals wollte es, daß ein hervorragender jüdischer Denker, Isaak Abravanel, sein Finanzgenie in den Dienst eines Unternehmens stellte, dessen Ausgang für die spanische Judenheit zum Verhängnis werden sollte. Im Jahre 1484 wurde ihm von dem spanischen Herrscherpaar die Verwaltung der gesamten Staatsfinanzen übertragen, während gleichzeitig der Rabbiner Abraham Senior für die Aufbringung des den jüdischen Gemeinden auferlegten Wehrbeitrags zu sorgen hatte.

Als jedoch nach der Eroberung von Malaga (1487) an dem Endsieg über die Mauren nicht mehr zu zweifeln war und die Ausdehnung der Alleinherrschaft des katholischen Glaubens auf die ganze Halbinsel in greifbare Nähe rückte, begannen Ferdinand und Isabella in Gemeinschaft mit Torquemada zu einem entscheidenden Schlag gegen das Judentum, den zähesten Störungsfaktor, der dieser Alleinherrschaft im Wege stand, zu rüsten. Um die öffentliche Meinung auf den geplanten grausamen Akt rechtzeitig vorzubereiten, wurde im Jahre 1490 in heimtückischer Weise ein Ritualmordprozeß inszeniert, durch den die enge Verbindung zwischen Marranen und Juden aufgedeckt und diese als gefährliche Verschwörer gegen das Christentum entlarvt werden sollten.

Ein Marrane namens Benito Garcia wurde auf der Folter zu der Aussage gezwungen, er habe mit Wissen jüdischer Gemeindeführer und im Verein mit sechs Juden und fünf anderen Marranen einem christlichen Knaben das Herz aus dem Leibe gerissen und damit »gezaubert«, um die Kirche dem Satan in die Hände zu spielen. In der Schlußsitzung des Gerichts widerrief allerdings Garcia diese unsinnige Aussage, wobei er voll Unerschrockenheit die folgende Erklärung abgab:

»Ich bin als Jude geboren und habe mich vor vierzig Jahren taufen lassen; vor kurzem kam aber ein Licht über mich: das Christentum erschien mir als eine große Komödie des Heidentums, und ich wandte mich in meinem Herzen von neuem dem Judentum zu. Ich war Augenzeuge der grauenvollen Autodafés der Inquisition, die mein Herz mit Mitleid für die Opfer und mit Haß gegen die Henker erfüllten. Das Christentum wurde mir aufs tiefste verhaßt. Es ist richtig, daß ein getaufter Jude ein Antichrist ist, noch schlimmere Antichristen sind indessen die Inquisitoren, der Große Antichrist aber ist der Großinquisitor Thomas Torquemada«.

Dieser Aufschrei einer gemarterten Seele, der über die Jahrhunderte hinweg das Menschengewissen erbeben läßt, wurde von den Inquisitoren als ein neuer Beweis dafür hingestellt, daß Juden und Marranen unter einer Decke steckten, der schlimmsten Verbrechen fähig seien und nicht den geringsten Anspruch auf das christliche Mitleid hätten. Nachdem Garcia und alle Mitangeklagten zu Avila den Märtyrertod gefunden hatten, schickte sich denn auch die Menge sogleich an, die gesamte jüdische Stadtbevölkerung zu vernichten. Dies geschah kurz vor der Bezwingung Granadas.

Simon Dubnow: Weltgeschichte des jüdischen Volkes (III.Bände) pp.224, II.Bd.