„Ich bin nach 23 Jahren zurückgekommen“

Bella Rosenkranz wurde im Oktober 1938 im Rahmen der „Polenaktion“ aus ihrer Heimatstatt Fürth verschleppt…

Von Jim G. Tobias

„Ich musste Deutschland nicht verlassen, ich bin sozusagen gegangen worden“, erinnert sich Bella Rosenkranz, nicht ohne Sarkasmus, an den 28. Oktober 1938. Insgesamt 54 polnische Juden wurden an diesem regnerischen Herbsttag auf die Fürther Polizeidienststelle verbracht. „Dort verteilte man uns auf Lastwagen, vorne und hinten je einer von der Gestapo mit Gewehr, also wie Schwerverbrecher. Und so ging es dann zum Hauptbahnhof nach Nürnberg, quer durch die Stadt. Dort mussten wir uns in Sechserreihen aufstellen und wurden gezählt. Dann ging es zum Bahnsteig und wir sahen einen Riesenzug, einen Sonderzug. Und die Fahrt ging schon los; keiner wusste warum und wohin die Reise gehen sollte.“

Am 28. und 29. Oktober 1938 wurden reichsweit etwa 18.000 Juden, so genannte Ostjuden, über Nacht aus ihrer Heimat ausgewiesen. Viele von Ihnen lebten schon seit Jahrzehnten in Deutschland. Auch die im Land Geborenen oder Aufgewachsenen und die kein Wort polnisch sprachen, wie Bela Rosenkranz,  waren von der Maßnahme betroffen. Dieses brutale Vorgehen des NS-Regimes kann als Auftakt zur späteren Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden angesehen werden.

Nürnberg, Ausweisung polnischer Juden
28. Oktober 1938: Polnischstämmige Juden aus Franken im Nürnberger Hauptbahnhof
Foto: Bundesarchiv (146-1984-092-26/Großberger, H./CC-BY-SA)

Hintergrund dieser Massenabschiebung war ein Gesetz der polnischen Regierung: Nach dem „Anschluss“ Österreichs hatte Warschau verfügt, die Pässe aller Polen, die mehr als fünf Jahre im Ausland ihren Wohnsitz hatten, für ungültig zu erklären. Die polnischen Behörden befürchten die Rückkehr von mehr als 20.000 ihrer Staatsbürger, die nunmehr unter nationalsozialistischer Herrschaft in Österreich lebten. Auch die rund 50.000 polnischstämmigen Juden in Deutschland waren von diesem Gesetz betroffen und damit zukünftig staatenlos. Das NS-Regime hatte somit keine Möglichkeit mehr, die als Fremdkörper betrachteten Ostjuden offiziell abschieben zu können. Daher verfügte der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Ende Oktober 1938 die Ausweisung von tausenden polnischen Juden. In Nürnberg, Leipzig, Berlin, Dresden, Hamburg, Hannover, München und vielen anderen deutschen Städten wurden die Menschen festgenommen und zu den Bahnhöfen verfrachtet. Dort standen die von den örtlichen Gestapo-Dienstellen zuvor bei der Reichsbahn bestellten Sonderzüge und sogenannte Verstärkungswagen, Waggons, die an fahrplanmäßige Züge angekoppelt wurden, zur Abfahrt bereit. Die Transporte endeten an den deutschen Grenzbahnhöfen, wo die NS-Polizei die Abgeschobenen auf polnisches Staatsgebiet jagte. Rund 8.000 Deportierte wurden von den polnischen Behörden allein in einem Auffanglager bei Bentschen (Zbąszyń) untergebracht. Der Ort zählte zu diesem Zeitpunkt rund 4.000 Bewohner und war mit der Versorgung der vielen Menschen völlig überfordert. Die jüdischen Gemeinden in Polen und die US-amerikanische Wohlfahrtsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee mussten umgehend Hilfe leisten, um das Leid der Entwurzelten etwas zu lindern.

Bella Rosenkranz hatte Glück und konnte sich mit Hilfe eines Freundes der Familie nach Posen zur Jüdischen Gemeinde durchschlagen. „Nach drei Tagen bekam ich einen Brief von meinem Onkel in Polen“, erinnert sie sich. „Ich war natürlich hoch erfreut. Er war ja immerhin ein Mensch, den ich kannte, er lebte in Lodz. Da war ich aber nicht lange, vielleicht ein paar Monate. Dann erfuhr ich, dass bei Warschau eine Hachschara eröffnet wurde, das ist eine landwirtschaftliche Schule, eine Vorbereitungsschule für die Einwanderung nach Palästina. Ich war dort neun Monate, bis zum Oktober 1939.“ Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen flüchtete die damals 18-Jährige in das von der Sowjetunion besetzte Bialystok. „Die Russen haben alle, die nicht in der Stadt gemeldet waren, auf einen Transport nach Weißrussland gesetzt. Und so kam ich in ein kleines Städtchen, das hieß Krasnaja Slaboda. Sie haben uns zur Arbeit eingeteilt und so begann mein Leben in Russland, wo ich bis 1961 gelebt habe.“

Bella Rosenkranz 1940 in Krasnaja Slaboda, Repro: jgt/nurinst-archiv
Bella Rosenkranz 1940 in Krasnaja Slaboda, Repro: jgt/nurinst-archiv

Nach Gestapo-Unterlagen wurden im Rahmen der „Polenaktion“ allein aus dem Regierungsbezirk Ober- und Mittelfranken insgesamt 443 polnischstämmige Juden abgeschoben. Von vielen der Deportierten ist ihr weiteres Schicksal nicht bekannt. Nicht wenige wurden später Opfer der deutschen Vernichtungsmaschinerie. Obwohl Bella Rosenkranz den Mördern entkommen konnte, begann für sie eine über 20-jährige strapaziöse Odyssee: Als feindliche Deutsche wurde sie alsbald inhaftiert und für mehr als fünf Jahre in ein Arbeitslager gesperrt. Ihr gelang die Flucht; mittels gefälschter Papiere heuerte sie auf verschiedenen sowjetischen Schiffen an und machte eine Karriere von der Putzfrau bis hin zur Zahlmeisterin. Im Frühjahr 1961 kehrte Bella Rosenkranz in ihre geliebte Heimatstadt Fürth zurück, wo sie bis heute als hochgeachtete Persönlichkeit und engagierte Kämpferin für die jüdischen Belange lebt.

Für das Nürnberger „Videoarchiv der Erinnerung“ hat der Autor Bella Rosenkranz’ Geschichte aufgezeichnet. Ausschnitte aus dem Interview sind zu sehen unter:
http://nuernberger-videoarchiv.de

Bella Rosenkranz’ Autobiografie ist 2005 im Metropol Verlag Berlin erschienen: Bella – Odyssee einer Fürtherin in der Sowjetunion, 198 Seiten (nur noch antiquarisch erhältlich).

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