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In Erinnerung an Julius Arnfeld

Am  10. September 2013 wurden in der Martin- Luther- Str. 84 in Berlin Schöneberg Stolpersteine für meinen Urgroßvater, Julius Arnfeld und zwei seiner Schwestern, Alma Scheer (geb. Arnfeld), Ida Hirsch (geb. Arnfeld) und ihren Mann Julius Hirsch verlegt…

Von Gabriele Blechschmidt

Mit einer kleinen Gedenkfeier, bei der auch der Leipziger Schauspieler Christian Backhaus zugegen war, der Julius Arnfeld in dem Film „Wie mein Urgroßvater das KZ überlebte“ darstellt und allen Anwesenden einen biographischen Abriß über Julius Arnfeld darbot, konnte das Leben und Schaffen von Julius Arnfeld und sein unerschütterlicher Einsatz und Überlebenswille im Gettho von Theresienstadt entsprechend gewürdigt und ebenso der Schwestern und weiterer Angehörigen gedacht werden.

Es war mir ein Herzensbedürfniss, gleichstehend für alle Opfer des Holocaust, zusammen mit Herrn Backhaus das Ausschwitz-Vermächtnis abschließend vorzutragen. An dieser Stelle sei nochmals all jenen gedankt, die mit ihrem Engagement einen Beitrag zur Verlegung dieser fünf Stolpersteine leisteten.

Stolpersteinverlegung für Julius Arnfeld

Meine intensivere  Auseinandersetzung mit dem Schicksal meiner jüdischen Angehörigen seit 2009 hat manche bisherige Sichtweisen nachhaltig verändert. Dazu gehören auch die Drehtage mit dem Regisseur Olaf S. Müller an historischen authentischen Orten der Spurensuche.

"Wie mein Urgroßvater das KZ überlebte"
Drehszene während der Fahrt nach Theresienstadt, Regisseur Olaf S. Müller im Gespräch mit Gabriele Blechschmidt

Weitere Informationen: http://juliusarnfeld.de/

Mein Urgroßvater,  Julius Arnfeld1875 wurde als einziger Sohn und Bruder von 5 Schwestern einer wohlhabenden jüdischen Familie im Kurort Bad Polzin nahe der polnischen Grenze geboren.

Julius ArnfeldMit 19 Jahren entdeckt er für sich die Leidenschaft zur darstellenden Kunst und beginnt seine Lehrjahre an verschiedenen deutschen Theatern und hat sehr bald aufgrund seines außergewöhnlichen Talentes und Ehrgeizes sämtliche klassische Rollen hinter sich, wie den Romeo aus Shakespeares „Romeo und Julia“, den Nathan, den Wilhelm Tell und den Faust. Seine charismatische Ausstrahlung und Redegewandtheit stellt er nicht nur auf der Bühne zur Verfügung sondern auch als freiwillig dienender Vortragsoffizier im 1. Weltkrieg. Er ist beliebt beim einfachen Soldaten und wertgeschätzt bei den oberen Militärs, die ihn sogar an Brennpunkten des Krieges gegen England als Agitatoren einsetzen. Mit solchen Einsätzen konnte in mehreren Fällen Meutereien auf deutschen Kriegsschiffen verhindert werden. Ein Verdienst, der nicht nur Soldaten das Leben rettete, sondern Julius Arnfeld Jahre später im 2. Weltkrieg auf wundersame Weise selbst.

Ende des 1.Weltkrieges wird Julius Arnfeld immer erfolgreicher, wird von Presse und Publikum gefeiert, fördert als Regisseur den damals noch jungen Heinz Rühmann, spielt mittlerweile 48jährig in einem Stummfilm, avanciert zum Oberspielleiter und Vorstandsmitglied am Städtischen Theater Hannover. Eine glänzende Karriere, die schmerzvoll und existenzbedrohend jäh für Julius Arnfeld mit dem Erstarken des Faschismus in Deutschland und folgenden menschenverachtenden Greifen der Nürnberger Gesetze endet. Julius Arnfeld erhält Berufsverbot, ist erschüttert vor allem hinsichtlich der Tatsache, dass er patriotisch gesinnt noch Jahre vorher dem deutschen Vaterland treu gedient hat.

Doch bald kann er sich aufgrund seiner vielen anderen Begabungen eine neue Existenz aufbauen und wird als Tierfotograf, Autor von Reiseberichten und Fachbüchern über die Fotografie um den ganzen Globus reisen. Sein letzter Arbeitgeber, die Seereederei Hamburg- Süd verhilft ihm nicht nur zu sicherem Einkommen und heimlichen Ruhm in Ländern, die noch verschont werden vom Machtanspruch und Kriegsterror Nazideutschlands, sondern schützt und bewahrt den begabten Fotografen und Bildberichterstatter lange Zeit vor dem Zugriff der Gestapo.  Auch  als Julius Arnfeld  1939 als angeblicher Spion in Berlin von der Gestapo verhaftet wird und sofort erschossen werden soll, kommt es zur  spontanen sofortigen Freilassung als ein 100%iger Nazirichter von den Verdiensten Julius Arnfelds im 1.Weltkrieg erfährt. Hierbei wird gewiss auch die Freundschaft von Julius Arnfeld zu einem „arischen“ Funkoffizier eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.

Als die Synagogen brennen und die ersten Opfer unter der jüdischen Bevölkerung zu beklagen sind, kann Julius Arnfeld seine damals 19 jährige Tochter noch rechtzeitig nach London in Sicherheit verschicken. Für ihn selbst ist eine Ausreise nicht mehr möglich.

1942 wird er zusammen mit seinen zwei alten Schwestern Alma und Ida und deren Mann nach Theresienstadt deportiert und wieder bleibt er im Gegensatz zu seinen Schwestern und Schwagern immer wieder “verschont“.  Er steht wie viele Menschen seines Alters auf der Transportliste ins nächste Konzentrationslager, zur endgültigen Vernichtung. Doch Julius Arnfeld s endgültiger Abtransport wird immer wieder verschoben. Er wird denunziert, bespitzelt, wirft seine tödliche Dosis Morphium weg, mit dem Vorhaben zu überleben, um der Nachwelt von Theresienstadt zu berichten. Im Getto Theresienstadt gehört er auch zu den Mitgliedern der sogenannten Freizeitgestaltung, in der viele Prominente der bildenden und darstellenden Kunst aktiv waren. Nun spielt Julius Arnfeld wieder Theater, anfangs heimlich unter unmöglichen Bedingungen, aber dennoch mit derselben Leidenschaft wie in seinen früheren Jahren, den  Othello, den Nathan und vor allem Faust und vermittelt für einige Momente den Zuschauern ein bisschen Normalität. Bald spricht man im Getto vom „Faust von Theresienstadt“. In dem Buch „Als obs ein Leben wäre – Tagebuchaufzeichnung aus Theresienstadt“ von Phillip Manes findet man immer wieder Lobeshymnen auf Julius Arnfeld. Als keine Mitspieler mehr da waren, beginnt Julius Arnfeld heimlich politische Vorträge zu halten- geistiger Widerstand.

Frühjahr 1945, 8.Mai. Russische Panzer in Theresienstadt. Julius Arnfeld gehört zu den befreiten ehemaligen Inhaftierten und wird von seinem Freund Walter Moritz, dem Funkoffizier, in dessen Villa in Hamburg aufgenommen und gepflegt und aufgebaut. Walter Moritz ist es auch, der wie der treue Johannes nicht von seiner Seite weicht. Ihm gelingt es auch die Tochter von Julius Arnfeld in England ausfindig zu machen, so sich bald Tochter und Vater endlich wieder in den Armen liegen.

Von diesen glücklichen Momenten , aber auch von den Erlebnissen in der Hölle von Theresienstadt wird der traumatisierte und für immer gezeichnete Mensch Julius Arnfeld seinem Sohn mit dem gleichen Vornamen in vielen Briefen in die Russische Zone schreiben. Die Tatsache,  überlebt zu haben, die aufopfernde Liebe seiner Tochter, verleiht  Julius Arnfeld die Kraft für noch weitere 12 Lebensjahre und dies trotz aller vorher ungeahnter Nachkriegs- und zwischenmenschlicher Probleme in der neuen Heimat England.

Dass du, Mensch, uns nicht vergießest,
und vergiss unsre Mörder nicht!
Das Unheil, das uns vernichtet,
steht auch vor deinem Gesicht.

Verhülle nicht deine Augen
Und halte deine Ohren nicht zu!
Sonst sind wir für nichts gestorben,
heute ich – und morgen du.

Vermächtnis aus Auschwitz, Stella Rotenberg