Stamford Hill

Die Welt der ultra-orthodoxen Juden von Nord-London…

Von Daniel Cil Brecher
Deutschlandfunk, Dienstag 17.09.2013 · 19:15 Uhr

Im Frühjahr besuchte der Autor Stamford Hill, die Heimat der größten ultra-orthodoxen Gemeinschaft Europas. Die etwa 20.000 Juden, hauptsächlich Mitglieder der chassidischen Dynastien Satmar und Belz, machen etwa 10% der jüdischen Bevölkerung von Groß-London aus, dessen große Mehrheit säkular oder liberal-religiös ist. Die Strenggläubigen halten Abstand, sowohl zu Nichtjuden wie zu Juden anderer Richtungen.

Mit durchschnittlich 6,9 Kindern pro Familie wächst die jüdische Bevölkerung in Stamford Hill mit einer Rate, von der andere jüdische Gemeinden Europas nur träumen können. Unter Haredim sind derzeit 75% aller jüdischen Geburten in Großbritannien zu verzeichnen. Das erstaunliche Wachstum dieser Gruppen wirft eine ganze Reihe kultureller, politischer und ökonomischer Fragen auf.

In ungewöhnlichen offenen Gesprächen berichten ultraorthodoxe Bewohner des Viertels – u.a. ein Rabbiner, eine Sozialarbeiterin und ein Fotograf – über die Freuden und Mühen des strenggläubigen Lebens. Alle halten sie entschlossenen an den Traditionen fest. Aussteiger, von denen einer zur Wort kommt, sind eine Seltenheit. Aber es ist nicht alles so, wie es nach außen hin erscheint. Daniel Cil Brecher ging den subtilen Veränderungen im Lebensstil nach, in den Einstellungen zu Nichtjuden, zur Arbeitswelt, in Kleidung und Bräuchen. Seit Mitte des 20. Jahrhundert, seitdem die Reste der ultraorthodoxen Gemeinschaften aus der osteuropäischen Provinz in die Zentren der Westlichen Welt verpflanzt wurden, ist auch diese Gemeinschaft gezwungen, neue Wege zu gehen.

Diese Sendung ist die zweite in einer Serie über das europäische Judentum zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die erste wurde am 4. Juni dieses Jahres ausgestrahlt, unter dem Titel „Wie ein Vogel, der nicht landen kann. Gespräche mit deutschen Juden 1970 und 2012.“

Daniel Cil Brecher unterrichtete Jüdische Geschichte an der Universität Haifa und war Direktor des Leo Baeck Instituts in Jerusalem. Er lebt heute in Amsterdam.