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Das Es und der Jezer har’a: Sigmund Freuds Triebtheorie als rabbinische Wirkungsgeschichte?

Wie das rabbinische Triebkonzept ist auch Sigmund Freuds Triebtheorie primär ein Kind seiner Zeit. Im vorliegenden Kontext soll es abschließend nur darum gehen, in groben Strichen ein paar Verbindungslinien zwischen den beiden anthropologischen Modellen nachzuziehen, dort, wo sich die Parallelen sachlich und bildlich besonders deutlich abzeichnen…

Gabrielle Oberhänsli-Widmer

Sigmund Freuds Triebtheorie als rabbinische Wirkungsgeschichte?
Sicher nicht nur, aber auch!

Auf den Spuren Platos und der Rabbinen geht Sigmund Freud (1856— 1939) von einer vergleichbaren Teilung des Seelenapparates aus, wobei die entsprechenden Teile wiederum in permanentem Widerstreit liegen.
Was Plato die beiden Pferde seines Seelenwagens und den talmudischen Weisen der böse und der gute Trieb des menschlichen Herzens, sind dem Begründer der Psychoanalyse das Ich und das Es, die er folgendermaßen beschreibt:

Ein Individuum ist nun für uns ein psychisches Es, unerkannt und unbewusst, diesem sitzt das Ich oberflächlich auf, aus dem W-System* als Kern entwickelt. Streben wir nach graphischer Darstellung, so werden wir hinzufugen, das Ich umhüllt das Es nicht ganz, sondern nur insoweit das System W dessen Oberfläche bildet, also etwa so wie die Keimscheibe dem Ei aufsitzt. Das Ich ist vom Es nicht scharf getrennt, es fließt nach unten hin mit ihm zusammen. (…).

Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den direkten Einfluss der Außenwelt unter Vermittlung von W-Bw veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der Oberflächendifferenzierung. Es bemüht sich auch, den Einfluss der Außenwelt auf das Es und seine Absichten zur Geltung zu bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert. Die Wahrnehmung spielt für das Ich die Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält. Dies alles deckt sich mit allbekannten populären Unterscheidungen, ist aber auch nur als durchschnittlich oder ideell richtig zu verstehen.

Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin zum Ausdruck, dass ihm normaler Weise die Herrschaft über die Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht so im Verhältnis zum Es dem Reiter, der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln soll, mit dem Unterschied, dass der Reiter dies mit eigenen Kräften versucht, das Ich mit geborgten. Dieses Gleichnis trägt ein Stück weiter. Wie dem Reiter, will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrig bleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so pflegt das Ich den Willen des Es in Handlung umzusetzen, als ob es der eigene wäre.

*) Anm.: W-System meint das System der Wahrnehmung, Bw meint das Wahrnehmungsbewusste
Quelle: Sigmund Freud, Das Ich und das Es, in: Gesammelte Werke, herausgegeben von Anna Freud, Band XIII, Frankfurt a.M. 1940, 235-289; 251-253.

Mit Platos Metapher des widerspenstigen Pferdes illustriert Freud hier seine These zur menschlichen Psyche als Gebilde, in welchem das Ich (das Prinzip von Vernunft und Besonnenheit) ein dominantes Es (das Unbewusste, dem Lustprinzip und Trieb Verhaftete) zu zügeln versucht, wobei das W-System sowie das W-Bw (die Wahrnehmung und das Wahrnehmungsbewusste) dem Ich helfend zur Seite stehen.

Zwar ist das Es – nicht anders als der böse Trieb – eine destruktiv dunkle Größe, doch ebenso das Movens des Menschen, also die Dynamik, welche die Rabbinen als den guten Aspekt des Jezer ha-ra ‘ bezeichnet hatten. Im Rahmen der Freudschen Lehre:

Wir dürfen also wohl schließen, dass sie, die Triebe, und nicht die äußeren Reize, die eigentlichen Motoren der Fortschritte sind, welche das so unendlich leistungsfähige Nervensystem auf seine gegenwärtige Entwicklungshöhe gebracht haben.

Quelle: Sigmund Freud, Triebe und Triebschicksale, in: Gesammelte Werke, herausgegeben von Anna Freud, Band X, Frankfurt a.M. 1946, 210-232, 213.

Dennoch ist das Es primär eine gefährliche Macht, die der Mensch in seinem sozialen Gefüge zu beherrschen gezwungen ist. Entsprechend – und auch da den talmudischen Ansätzen vergleichbar – nennt Freud unter den verschiedenen Triebschicksalen (Verkehrung ins Gegenteil, Wendung gegen die eigene Person, Verdrängung) die Sublimierung und speziell die Verschiebungsenergie der desexualisierten Libido:

Schließen wir die Denkvorgänge im weiteren Sinne unter diese Verschiebungen ein, so wird eben auch die Denkarbeit durch Sublimierung erotischer Triebkraft bestritten.

Quelle: Sigmund Freud, Das Ich und das Es, a.a.O., 274.

Es liegt auf der Hand dabei an das Mittel zu denken, mit welchem die Rabbinen den bösen Trieb zu bekämpfen suchten: das Studium der Thora.
Zu Recht mag der skeptische Leser, die kritische Leserin nun einwenden, Sigmund Freud sei überzeugter Atheist gewesen und hätte keine profunde jüdische Erziehung genossen. Freuds Triebtheorie ist denn auch entsprechend säkularisiert, ersetzt er doch Gott (als die höchste Instanz im religiösen System) in seiner psycholoanalytischen Lehre durch das Über-Ich, welches dem Ich sein Wertsystem aufzwingt, wobei dieses Über-Ich – in der Denkwelt Freuds – den Werten des Vaters entspricht. Inwiefern Freud mit dem klassisch-rabbinischen Schrifttum vertraut war, sei hier dahingestellt. Auf jeden Fall weist seine Triebtheorie vermehrt rabbinische Metaphern auf.

So spricht Freud in einer berühmten Passage seiner Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von drei großen Kränkungen, welche die Wissenschaft der Menschheit zugefügt habe. An erster Stelle der Verlust des Glaubens an die Erde als Mittelpunkt der Welt durch Kopernikus, an zweiter Stelle der Nachweis der tierischen Herkunft des Menschen durch Darwin, und an dritter Stelle schließlich kratzt Freud selber an der menschlichen Eigenliebe:

Die dritte und empfindlichste Kränkung, aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, dass es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewusst in seinem Seelenleben vorgeht.

Quelle: Sigmund Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, in: ders., Gesammelte Werke, herausgegeben von Anna Freud, Band XI, Frankfurt a.M. 1944, 295.

Die Metapher vom Ich, das nicht Herr im eigenen Haus ist, erinnert fraglos an den Midrasch (Bereschit Rabba 22,6) wo der böse Trieb als Gast beschrieben worden ist, der sich zuletzt zum Hausherrn aufschwingt – ein auch im Talmud wiederholter Vergleich (Sukka 52b). Freuds Es und der böse Trieb rabbinischer Provenienz kommen sich hier einmal mehr sehr nahe.

Aus dem Kap. „Der Jezer ha-ra’ als rabbinische Figur des Bösen“, p. 145 in:

Gabrielle Oberhänsli-Widmer:
Bilder vom Bösen im Judentum
Von der Hebräischen Bibel inspiriert, in jüdischer Literatur weitergedacht, 2013.

Wie kann man den einen guten Gott mit dem Bösen zusammendenken? Und ist das Böse eine angeborene Veranlagung des Menschen oder der Preis seiner Mündigkeit und Willensfreiheit? Ausgehend von biblischen Bildern und Gestalten lädt Gabrielle Oberhänsli-Widmer zu einem wirkungsgeschichtlichen Gang durch die jüdische Literatur ein, der von den spätantiken Rabbinen bis zur zeitgenössischen israelischen Lyrik reicht und damit eine Fülle von Antworten zutage fördert, die weit über die Hebräische Bibel hinausgehen.

Die Analyse ist dabei als Zusammenspiel zwischen alttestamentlicher Vorlage und jüdischer Rezeption gestaltet, ein exegetisches Spiel, bei dem nicht nur die Heilige Schrift das nachbiblische Schrifttum inspiriert, sondern umgekehrt auch das spätere jüdische Literaturschaffen die biblischen Texte in ein neues und nicht selten ungewohntes Licht setzt.

Oft folgt die Rezeption den übergeordneten geistesgeschichtlichen Entwicklungen, wie beispielsweise dem signifikanten Schritt von der antiken und mittelalterlichen Gotterfülltheit der Welt hin zur neuzeitlichen und (post)modernen Gottesleere. Mithin geht die theologische Fragestellung Hand in Hand mit der anthropo-logischen: das Böse als angeborene Veranlagung des Menschen oder als Preis seiner Mündigkeit und Willensfreiheit? Die Folgetexte können den biblischen Basistext oft bis zur Unkenntlichkeit umgestalten und ihm grundlegend veränderte, überraschende und selbst diametral entgegengesetzte Aussageintentionen aufsetzen. Eine Studie zur Theologie, Kultur- und Mentalitätsgeschichte des Judentums.

Gabrielle Oberhänsli-Widmer, geb. 1957, Dr. phil., ist Professorin für Judaistik an der Universität Freiburg i. Br.