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Wort und Antwort: Die Geschichte von G‘tt und der Welt

Nach Rabbi Elieser ist der erste Tischri der Tag, an dem G’tt den Menschen, die Krönung der Schöpfung, geschaffen hat und schon am allerersten Rosch haSchanah der Welt, beginnt der Dialog zwischen G’tt und dem Menschen (hebr. Adam). G’tt erklärt und setzt Grenzen, Adam übertritt diese und G’tt antwortet…

Die Geschichte ist ein Dialog, eine Folge von Verhandlung und Einigung…

Doch wir müssen uns im Klaren sein, dass es menschliche Vorstellungen sind, wenn viele Auslegungen über die frühe Beziehung zwischen Mensch und G’tt in juristischen Begriffen sprechen. Es ist die Rede von Gericht und Vergebung. Aber es  ist doch eher ein Gespräch, als eine Gerichtsverhandlung? Es sind nur zwei oder drei Akteure, und wo sind unabhängige Zeugen?

In der Psikta deRaw Kahana lesen wir deshalb recht förmlich, Adam habe das g’ttliche Gebot zum Baum des Wissens übertreten und sei dafür zur Verantwortung gezogen worden. Am selben Tag wurde ihm aber auch vergeben. G’tt sprach zu ihm: „Dies sei ein Zeichen für deine Kinder, denn genau wie du an diesem Tag verurteilt wurdest, dir aber auch vergeben wurde, so werden auch deine Kinder an diesem Tag gerichtet werden – und Verzeihung erhalten“.

Das Richten und das Vergeben scheint also eins zu sein

Auf den ersten Tischri, den Alef deRosch haSchanah, folgt Beth deRosch haSchanah, der zweite Tischri. Am Gimel deTischri, dem dritten Tischri, gedenken wir der Ermordung des Statthalters Gedaljah. Danach ruft der Schabath Schuwah, der Schabath vor Jom Kipur, noch einmal eindringlich zur Umkehr zu G’tt. G’tt will eine Antwort (Tschuwah).

Am zehnten Tischri folgt der Tag der Versöhnung, der Jom haKipurim.
Am Anfang des Jom Kipur sagen wir uns im „Kol Nidrej“ los von allen Versprechen und guten Vorsätzen, die wir G’tt oder uns selbst gegeben oder gestellt haben. Wir beruhigen unser schlechtes Gewissen und die Unzufriedenheit mit uns selbst, wir wissen, wie oft wir auch im letzten Jahr gegen besseres Wissen gehandelt haben. Wir müssen uns also erst einmal selbst annehmen, im Scheitern vor unseren eigenen Vorsätzen, und uns verzeihen, dass es uns doch nicht gelungen ist all unseren Ansprüchen gerecht zu werden und alle Ziele zu erreichen, die wir uns gesteckt haben.
Mit dem Ne’ilah-Gebet finden die zehn furchtbaren Tage, die zehn Tage zwischen Rosch haSchanah und Jom Kipur ihren Abschluss und wir erfahren jedes Jahr von Neuem, als sei es eine Überraschung, dass uns G’tt schon längst vergeben hat. Die wird uns per Sidur mitgeteilt, fast mit einem Augenzwinkern, gerade so, als sei das Fasten und Beten gar nicht nötig gewesen.

Trotzdem: Während dieser zehn Tage erfüllt uns Furcht vor dem Urteil des Ewigen, gelobt sei ER! In diesen Tagen ist uns unsere Vergänglichkeit noch gegenwärtiger als sonst, denn am Neujahrstag wird es geschrieben und am Versöhnungstag wird es besiegelt: „Wer leben wird und wer sterben…„. Hier ist er wieder, der „juristische“ Ton, oder ist es einfach nur eine ungeschminkte Anerkennung der Tatsachen unserer Existenz, unserer existenziellen Bedrohtheit? Unsere Unsicherheit ist eine Tatsache, die auch G’tt anerkennt.

Am vierzehnten Tischri folgt Sukoth, das Fest der Hütten, und wiederum wird uns bildhaft vor Augen geführt, dass nichts über uns ist, außer dem Heiligen, gelobt sei ER! Dass wir in niemandes Hand, sind, außer in der Hand des Ewigen, gelobt sei ER! Dass wir frei sind, ein wenig im Sinne von Janis Joplin: „Freedom is just another word, for nothing have to loose“.

Alles Vertrauen auf Sicherheit, Besitz, Vaterland, Heimat ist Illusion, Götzendienst, Awodah sarah.

Der Literaturkritiker George Steiner drückte es folgendermaßen aus:
„Wir sind Gäste unter den Menschen, so wie der Mensch ein Gast ist des Lebens. Die Juden sind berufen alle Menschen davon zu überzeugen, dass es schön ist, ein Gast zu sein, dass Bäume Wurzeln haben, aber Menschen Beine“.

Wir können nichts festhalten, alles ist in G’ttes Hand. Nichts erhält und beschützt uns, außer dem Erbarmen des Malej Rahamim, dessen der voller Erbarmen.

Im Morgengebet, dem Schachrith, erinnern wir uns täglich daran:
„Herr aller Welten, nicht wegen unserer Gerechtigkeit, werfen wir unser Flehen vor Dir nieder, sondern nur wegen Deines unermesslichen Erbarmens.Was sind wir, was ist unser Leben, was ist unsere Liebe, was haben wir an Gerechtigkeit vorzuweisen? Was könnte uns denn erretten, was ist denn unsere Kraft? Was ist denn unser Heldentum, was könnten wir schon sprechen, vor Dir, Ewiger unser G’tt, G’tt unserer Väter. Vor Dir stehen wir alle wie Nichts. Alle unsere Helden und namhaften Männer, vor Dir sind sie doch, als wären sie nie gewesen. Die Weisesten unter uns sind vor Dir ohne Einsicht. Die Gebildetsten stehen vor Dir wie ohne Verstand.All unser Tun ist vergänglich und vergeblich, ein Hauch, ein flüchtiger Traum. Was ist der Mensch, dass Du seiner gedächtest, es ist doch nichts, das ihn unterscheidet vom Tier, alles ist eitel, ein Jagen nach Wind, Hewel Hawalim, hakol hewel!
Eitle Eitelkeiten, alles eitel!““

Das Studium der Lehre wiegt alles auf…

Am Ende des Fests der Hütten feiern wir das Fest der Torahfreude und am folgenden Schabath beginnen wir von neuem uns mit der Lehre zu beschäftigen, mit der Torah – denn sie ist unser Leben und die Länge unserer Tage. Und auch daran erinnert uns das Morgengebet immer wieder: „… veTalmud Torah – keneged kulam!“ (des Studium (Talmud) der Lehre (Torah) wiegt alles auf. 

Weitere Artikel zum Jahreswechsel:
Im Kalender finden wir am 25.Elul den Eintrag „Tag der Erschaffung der Welt“. Am 29.Elul endet der Monat und am Abend beginnt der erste Tag des Neujahrsfestes, der erste des Tischri, des siebten Monats

David Gall