Neujahr 5774: Schanah towah!

Ein Jahreswechsel bringt den Menschen zwangsläufig aus der Gegenwart hinaus. Das ist beunruhigend, ist doch die Gegenwart die einzige Zeit, in der wir handlungsfähig sind, in der wir spüren können was ist, und fühlen, wie wir dazu stehen.Wir blicken in die Zukunft, die wir nicht kennen und können uns darauf freuen oder uns fürchten. Wir blicken zurück und können nichts festhalten und nichts ändern…

Elul 5773 / September 2013

Die Zeit, in der wir leben, ist die Gegenwart. Der Augenblick, der gerade Zukunft war und jetzt schon Vergangenheit.Wenn wir nicht aufpassen, haben wir ihn gar nicht bemerkt. Dabei ist dies unser Leben. Eines von Milliarden und doch einzigartig.

Es gibt Gefühle, die man kaum benennen, die man aber auch nicht verschweigen kann. In manchen Jahren geschehen Dinge, die so erschreckend sind, dass man erstarren könnte. Wenn etwas eintritt, das man schon lange und nicht nur am Jahreswechsel fürchtet, stellen sich Fragen, die ein Mensch nicht ertragen und bestimmt nicht beantworten kann.

Aber wenn ich nicht wissen kann, was ist, bleibt mir doch nur zu vertrauen. Doch in wen? Was kann ich wissen und was kann ich glauben? Was will ich glauben?

Die Torah spricht von einer Kraft, die keinen Namen hat und von der wir uns keine Vorstellung machen sollen. Diese Kraft hat die Welt erschaffen und alles was in ihr ist. Auch die Menschen, jeden Einzelnen, jeden einzeln.

Diese Kraft hat kein Ende und keinen Anfang, nicht in der Zeit, nicht im Raum.

Es erscheint mir noch immer so wunderbar, dass ich immer wieder von neuem überrascht bin, wenn ich diese Kraft fühlen kann. Trotz Zweifel und Verzweiflung kann ich dann spüren, wie mich etwas direkt mit dem Leben verbindet und berührt. Viele Menschen kennen ein Gefühl für die Quelle eines Lichts, das sie als Grund für Hoffnung und Freude ansehen.
Ein solches Gefühl kann von existentieller Bedeutung sein. So gesehen erfährt es überraschend wenig Beachtung.

Der Rambam sprach viel davon und Erich Fromm ging in „Ihr werdet sein wie G’tt“ ausführlicher darauf ein. Im kommenden Jahr möchten wir in „haGalil“ unter anderem darüber mehr berichten. Vielleicht wird es uns sogar vergönnt sein, über Fortschritte im Friedensprozess zu berichten, so G’tt will und die Menschen es zulassen. Denn es sind wir, die Menschen, die Stellvertreter G’ttes auf Erden sind, zum Guten, wie zum Schlechten, jeder Einzelne, jeder einzeln.

In der Verzweiflung in das Gesicht eines Menschen zu blicken, der das Erschrecken aushält, ist G’ttes Gegenwart auf Erden und das Wegschauen, wenn ein Mensch Hilfe braucht, ist die Verleugnung G’ttes. So wie es in Punkt 1 der Hilchot Deot des Rambam heisst: Versuche G’tt in deinen Handlungen zu gleichen. Nicht mehr und nicht weniger. Versuche es, bemühe dich darum.

Dass das Festhalten an dieser Lehre nicht einfach ist, bringt der 2. Punkt zum Ausdruck, der empfiehlt sich zusammenzuschließen, zum Erlernen der Lehre und zum gemeinsamen Handeln.

Ansonsten geht es darum, den Mitmenschen zu lieben und zwar die Bekannten wie die Fremden. Man soll aufgeschlossen bleiben und überhaupt niemanden hassen. Man soll sich um seine Mitmenschen kümmern mit Rat und Tat. Dabei darf man aber niemanden beschämen. Man darf keinen bedrücken und niemanden kränken, auch nicht ehemalige Gegner, die dir nun unterlegen sind. Man darf nicht schlecht über andere reden. Vor Rachegedanken hüte man sich und bemühe sich grundsätzlich darum, nicht nachtragend zu sein.

Darum sind wir ja auch angehalten vergebend zu sein, wie G’tt. Es ist klar, dass dies nicht einfach ist, deshalb erinnert ja auch der Sidur im Nusach Sfarad täglich daran.

Der Kabalah zu folge liegen die Bruchstücke der Liebe G’ttes, die die Welt im ersten Schöpfungsakt nicht fassen konnte, als Funken verborgen im Dunkel der jetzigen Welt. Viele wurden schon geborgen, viele sind noch verborgen, am Grund der Verzweiflung, unter Verbitterung und Angst, am tiefsten Punkt von Tel Aviv, zum Beispiel.

Es ist alles ein Geschenk, auch das Bergen der Funken. Und das Gefühl der Dankbarkeit ist ein Gefühl des eigenen Glücks.

Auch im kommenden Jahr wünsche ich uns allen gemeinsam ein gutes Jahr, zum Leben!

David Gall

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