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Rheinlandtaler für die Protagonisten des Lernortes Jawne

„Ich habe während meiner Schulzeit in der Jawne immer gerne Fußball gespielt. Ich glaube ich habe eigentlich nur Fußball gespielt. Was die Mädchen in der Zeit gemacht haben weiß ich nicht.“ Der ehemalige Jawne-Schüler Henry Gruen, 1923 als jüdisches Kind in Köln geboren, sorgte als Zeitzeuge für ein befreiendes Lachen…

Von Roland Kaufhold

Lange hatte man in Köln nichts über die Geschichte des eigenen jüdischen Gymnasiums wissen wollen. 1919 gegründet hatten dort in der Nazizeit gut 400 jüdische Schüler Zuflucht gefunden. Dank der umsichtigen Aktivitäten ihres Schulleiters Erich Klibansky wurden etwa 130 jüdische Kinder mit Kindertransporten nach England gerettet. Klibansky selbst  und dessen Familie wurden ermordet.

In den 1980er Jahren hatte das Ehepaar Corbach erstmals und nachdrücklich an die Jawne erinnert. Seit Herbst 2003 stand ein Galerieraum am Erich-Klibansky-Platz für die Arbeit zur Verfügung. Vor acht  Jahren begann die Kölner Projektgruppe Jawne unter Federführung von Ursula Reuter, Cordula Lissner, Adrian Stellmacher und Wolfgang Richter mit dem Aufbau eines kleinen Museums, einschließlich der vom ehemaligen Jawne-Schüler Herrmann Gurfinkel gestalteten Gedenkstätte Löwenbrunnen, am historischen Ort im Zentrum Kölns – die Geburt des Lern- und Gedenkort Jawne. Das Museum hat viele Besucher gefunden, darunter zahlreiche Schulklassen. Viele frühere Jawne-Schüler sind aus Israel, Amerika und England an den Ort ihrer Schulzeit zurück gekehrt. Die Geschichte ist so lebendig geblieben.

Heute gehören etwa 20 Personen – zwischen Mitte 20 und 90 Jahren – dem Arbeitskreis an, der diesen Ort hauptsächlich durch ehrenamtliche Arbeit mit Leben füllt.

In den letzten Jahren haben die Jawne-Aktivisten erstaunlich viel Engagement entfaltet: Eine Dauerausstellung erinnert an das ehemalige Leben dieses Kölner jüdischen Gymnasiums. In Sonderausstellungen wurden großformatige Portraits ehemaliger Jawne-Schüler präsentiert.

2009 veröffentlichte die Jawne-Gruppe in Zusammenarbeit mit Tamar Dreifuss deren autobiografisches Kinderbuch „Die wundersame Rettung der kleinen Tamar 1944“. Tamar Dreifuss, gebürtig aus Wilna, hatte 1944 mit sehr viel Glück als Kind aus einem Konzentrationslager fliehen können. Sie wanderte nach Israel aus, kehrte in den 50er Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann Harry Dreifuss nach Deutschland zurück. Sie brachte in der Kölner Synagogengemeinde einer ganzen Generation von Kindern hebräisch bei. Das liebevoll bebilderte Kinderbuch ist von Dreifuss in zahlreichen Kölner Schulen spielerisch vorgestellt worden. Eine wirkliche Erinnerungsarbeit.

Weitere Aktivitäten: Anlässlich der jährlichen „Kölner Nacht der Museen“ fanden von Tal Kaizman organisierte Sonderveranstaltungen statt. Ein Roma-Schriftsteller präsentierte sein Buch, Lesungen über Flucht und Vertreibung der Kölner Kunsthistorikerin Luise Strauß, aber auch Kunstausstellungen zum Werk des Malers Wolfgang Hirsch. Jährlich findet dort am 9.11. Gedenkstunden an die Progromnacht statt, jeweils vorbereitet von Kölner Schulklassen. Komplettiert wurde diese museumspädagogische Arbeit durch wissenschaftliche Forschungen, einschließlich einer großen Website über Kindertransporte aus NRW.

Im Oktober 2013 wird die nächste Ausstellung eröffnet, die an 75 Jahre „Polenaktion“ und „Kindertransport“ erinnert.

Die Projektgruppe Jawne wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Anfang 2009 dann ein empfindlicher Rückschlag: Der privat betriebene Gedenkort war sehr konkret in seiner Existenz bedroht. Der Allianz-Konzern, in dessen Räumlichkeiten sich das Museum befindet, forderte völlig unerwartet eine hohe Miete. Es kam zu internationalen Protesten und Appellen, den Lernort Jawne an seinem historischen Ort zu erhalten. Zahlreiche ehemalige Jawne-Schüler schickten aus Israel, den USA und England persönlich gehaltene Protestschreiben.

Die geharnischten Proteste hatten Erfolg: Anfang 2010 kam es zu einer gütlichen Einigung, die Jawne erhielt eine dauerhafte Existenzgarantie.

Nun würdigt der der Landschaftsverband Rheinland dieses Engagement: Am 10. September verlieh dieser den beiden langjährigen Jawne-Mitarbeitern Dr. Ursula Reuter und Adrian Stellmacher seinen Rheinlandtaler, stellvertretend für die zahlreichen Mitarbeiter der Initiative.

Informationen über die Jawne und Möglichkeiten der Kontaktaufnahme finden sich auf www.jawne.de.

Ansprache und Dankesrede zur Verleihung des Rheinlandtalers an Frau Dr. Ursula Reuter und Herrn Adrian Stellmacher

Verleihung des Rheinlandtalers an Dr. Ursula Reuter und Adrian Stellmacher
Foto: Lothar Kornblum / LVR